Christ Kyrie – komm zu uns auf die See!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen
Liebe Gemeinde, niemand versteht so viel vom Wasser wie wir von der Westküste. Wir wissen genau wie das ist. „Wie mit grimmgen Unverstand“ das haben wir eben gesungen. Und wir können in der Tat ein Lied davon singen, wie Wellen sich bewegen, wenn der Sturm die Nordsee gegen die Deiche treibt. Wir wissen, wie das ist, wenn das kalte, graue Meer an den Festen unserer Zuversicht leckt. Wir kennen die Macht des Wassers, und wir von der Westküste wissen sie zu fürchten!

Ich lese aus dem Bericht der Freiwilligen Feuerwehr Büsum über ihren Einsatz im Februar 1962: „Nach Tagen schwerer Weststürme erlebte Büsum am Abend des 16. Februar 1962 eine Sturmflut, die man erst als grandioses Naturschauspiel betrachtete, war man doch an Sturmfluten seit je gewöhnt. Als die Strandkorbbude und der Musikpavillon in den Fluten versanken, nahm man das auch noch nicht zu tragisch. Vorsorglich hatte man jedoch bereits am Morgen des 16. für das Hinterland Katastrophenbereitschaftsalarm gegeben.
Als dann die schweren Brecher in hohen Bogen sogar über die Deichkrone hinwegspritzten, stimmte das doch bedenklich, obwohl noch vor Erreichen des Hochwassers der brüllende Weststurm nach Nordwesten drehte. Dennoch konnte die Sturmflut riesige Löcher in den Seedeich reißen. Es wurde Katastrophenalarm gegeben, und man ging mit aller Kraft an das Schließen der ausgespülten Löcher. Büsumer Lastwagen fuhren Sandsäcke, Faschinen, Knüppel und Draht heran. Die Bauern opferten ihr Pressstroh, das sie eilig mit ihren Treckern heranschafften. Am nächsten Morgen 6 Uhr wurde nochmals Alarm gegeben. Peterwagen der Polizei forderten mit ihren Lautsprechern alle arbeitsfähigen Männer zum Katastropheneinsatz auf: Deichbruchgefahr! Neben den Männern der Freiwilligen Feuerwehr, selbst denen aus der Geest, kam von allen Seiten Hilfe herbei, galt es doch, im Wettlauf mit der mittags wieder aufkommenden Flut die schlimmsten Schäden notdürftig zu beseitigen, um einen Durchbruch des Deiches mit allen seinen unausdenkbaren Folgen für Mensch und Land zu vermeiden. Ein großes Polizeiaufgebot sorgte für eine möglichst reibungslose Zufahrt für das so dringend benötigte Material….“

Wir von der Westküste wissen, wie das ist mit den tosenden Wellen. Und wir können nachfühlen, was wir eben im Evangelium gehört haben. Die Bibel erzählt, dass Jesus den Sturm stillt, und sie erzählt von dem Staunen der Jünger über dieses Wunder. Wir wissen, dass sie nicht nur staunten. Wir kennen den fassungslosen Schrecken danach, die Bilder von Zerstörung und Verwüstung. Wir wissen, wie sich das anfühlt, wenn die Nordsee sich in den Tagen danach zeigt, als könne sie kein Wässerchen trüben, als habe sie mit dem Unheil, das sie angerichtet hat nichts zu schaffen.

Niemand versteht so viel vom Wasser wie wir. Und wir hören den Predigttext heute mit unseren Ohren. Ich lese aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 14:

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein. Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

In der vierten Nachtwache kommt Hilfe, so erzählt das Matthäusevangelium. Da kann der Büsumer nur milde lächeln: Eine Nacht im Sturm, das halten wir aus. Das halten auch unsere Deiche aus. Das stecken wir weg. Die Sturmflut 1962 aber dauerte drei Tage und drei Nächte. Die Büsumer bekamen erst kalte Füße, als die Ebbe am frühen Morgen des 17. Februar die Schäden am Deich freilegte und klar wurde: Jetzt müssen wir handeln, sonst bricht die nächste Flut durch.
Jesus ging auf dem Meer, so erzählt die Bibel. Und wir sind voller eigener Bilder dazu: Der Geist des Schimmelreiters, der laut Theodor Storm bis heute über seine Deiche wacht, oder der Amrumer Hark Oluf, der keine Ruhe findet und in stillen Mondnächten in den Dünen der Insel umher irrt. Ganz bestimmt: Wären wir die Jünger auf dem See Genezareth gewesen, wäre uns Jesus auf dem Wasser entgegengekommen, hätten wir ganz sicher geglaubt, ein Gespenst zu sehen. Angst ruft die Geister der Furcht wach, wir kennen das zu gut, wir Sturmerprobten und wir Lebenserfahrenen. Trugbilder – wir können sie nicht verjagen, aber wir wissen sie zu händeln. Wären wir die Jünger auf dem Boot gewesen, wir hätten Petrus nicht von Bord gelassen. „Bist du wahnsinnig!“, hätten wir geschrien, und wir hätten ihn notfalls festgebunden, den armen Kerl, den die Furcht in den Tod zu treiben drohte. Nicht einmal bei Ebbe oder ablaufendem Wasser hätten wir ihn gehen lassen. Viel zu gefährlich ist das Meer. Niemand weiß das besser als wir.

Aber hier geht es nicht um Wissen. Hier geht es um Glauben. Hier geht es darum, dass da einer kommt, der uns in den Stürmen des Lebens die Hand reicht. Hier geht es um den, der uns beisteht, wenn der Schmerz in Wellen kommt, wenn die kalten Fluten der Trauer uns zu ersäufen drohen, wenn das Tosen des Weltgeschehens jeden vernünftigen Gedanken unmöglich macht. Hier geht es um den, der in den Fluten tanzt und uns ruft: Komm her!
Hier geht es nicht um Wissen, hier geht es um Glauben. Und Glauben kann er, der Petrus, tollpatschig und tollkühn wie er ist. Den Blick fest auf seinen Freund und Meister gerichtet geht er los – und das Wasser trägt ihn!
Es geht nicht um Wissen, sondern um Glauben. Die Wundererzählung aus dem Matthäus-Evangelium ist kein Tatsachenbericht und keine Aufforderung zu naivem Wagemut. Jesus und Petrus auf dem wogenden Meer – das ist eine Bilderzählung, ein Gleichnis, ein guter Rat: Wenn die Wellen des Lebens über dir zusammenschlagen, wenn nichts mehr geht, wenn die Fluten des Todes schon an deinen Füßen lecken, dann sieh auf Jesus, dann halte dich an deinem Glauben fest, dann verwehre dem Zweifel den Zutritt zu deiner Seele. Er kommt dir entgegen, er reicht dir die Hand. Und wenn er sagt: Komm her!, dann kannst du auf den Wellen tanzen, dann wird das Wasser dich tragen, dann wirst du überwinden, was dich bedroht.
Es ist eine Bilderzählung: Petrus, tollpatschig und tollkühn, blickt nur einen Moment von Jesus weg, sieht die Wellen hochschlagen und weiß in einem glasklaren Moment: Das ist das Ende! Weh mir, ich vergehe. Und er sinkt wie ein Stein. Hier geht es nicht um Tatsachen, hier geht es um den Glauben, und um seinen kleinen Bruder, den Zweifel. Und darum, wie der Glauben dem Zweifel die Hand reicht und ihn zu sich zieht ins Leben.

Wir von der Westküste verstehen was vom Meer. Wir lieben seine romantische Schönheit, wir lieben die Weite und wir lieben den Wind. Aber wir kennen auch die Gefahr. Wir wissen, wie schnell mit der Flut die Priele volllaufen und die Rückkehr ans Ufer erschweren. Wir kennen die Tücke plötzlich aufziehenden Nebels, wir wissen, dass selbst das Watt todbringend sein kann. Wir verstehen was vom Meer.
Und wir hören heute die Geschichte unseres Heilands, der das Meer kennt wie wir. Mehr noch: Jesus versteht seine Un-Logik, seine Janus-Gesichtigkeit, sein gespaltenes Wesen, das wir zudem in Ebbe und Flut erleben. Jesus weiß: Das Meer ist wie das Leben. Wunderbar, gleißend, weit und herrlich einerseits, verletzend, furchterregend und voller todbringender Gefahren andererseits. Und so wie er in der Bildgeschichte über das Meer geht, so geht er auch über das Leben: wissend um alle Gefahren und doch entschlossen liebend, voller Hingabe und voller Vertrauen in Gott bis in den Tod und darüber hinaus.

Uns von der Westküste gilt heute die Erzählung, die gerne als die vom „sinkenden Petrus“ überschrieben wird. Sie ist in Wirklichkeit aber die Erzählung vom rettenden Heiland. Und die Büsumer wissen, was Rettung ist.
So endet der Bericht der Feuerwehr über die große Flut im Februar 2016: „Es waren Stunden pausenloser Kraftanstrengung für die Helfer. Die Mühen waren nicht umsonst, die Deiche hielten! Alle vorsorglich nach Heide evakuierten Kinder, Frauen und alte Leute aus der Gegend vom Sinteck bis Büsum konnten wieder zurückkehren.“
Und Annemarie Splieth schreibt am 18. Februar morgens um 7 Uhr: „Wieder Aufruf zum Einsatz. Es wird enorm gearbeitet! Der Sturm hat nachgelassen! Ewig danken wir Gott und allen fleißigen Händen die Tage und Nächte für unsere Heimat im Einsatz waren.“
Ewig danken wir Gott! Nach dem Sturme fahren wir sicher durch die Wellen, lassen, großer Schöpfer, dir unser Lob erschallen, loben dich mit Herz und Mund, loblen dich zu jeder Stund. Christ Kyrie, ja dir gehorcht die See. Amen

http://www.feuerwehr-buesum.de/sturmflut_1962.html
http://www.wk-buesum.de/kuestenschutz.php?DOC_INST=6

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