Petrus läuft auf dem Wasser

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen.

Liebe Gemeinde,

der Predigttext heute ist in der Lutherbibel überschrieben mit „der sinkende Petrus“. Nachdem ich den Text gelesen habe, habe ich gedacht: „Was für eine merkwürdige Überschrift. Die wird dem Text aber nicht gerecht.“ Aber urteilen Sie selbst. Ich lese: Matthäus 14,22-33

22 Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe.
23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.
24 Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.
25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer.
26 Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.
27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!
28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.
30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich!
31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
32 Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich.
33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Der Mann läuft auf dem Wasser. Von Jesus kennen wir das ja. Er tut Wunder. Und das hier ist nicht die einzige Stelle in der Bibel, in der von Jesus erzählt wird, dass er auf dem Wasser läuft. Aber hier läuft Petrus auf dem Wasser. Das ist doch unglaublich. Ich würde dieses Text überschreiben mit: „Der mutige Petrus“ oder „der tollkühne Petrus“, oder „Petrus läuft auf dem Wasser“.

Wieso konzentrieren sich die Leute, die diese Überschrift erfunden haben, so auf das Scheitern des Petrus und nicht auf seinen anfänglichen Erfolg?

Der Erfolg ist doch das erstaunliche an diesem Text.

Stellen Sie sich vor: Sturm auf dem See, es erscheint eine Figur, die die Jünger anfänglich für ein Gespenst halten. Sie schreien vor Furcht. Jesus muss sie beruhigen, indem er das sagt, was erschreckende himmlische Erscheinungen – häufig Engel- normalerweise sagen: „Fürchtet euch nicht!“ Und dann sehen Sie sich diesen forschen Petrus an. Er hat seine Furcht schon weggesteckt und sieht eine neue Gelegenheit etwas zu lernen. Und was verlangt er von Jesus: „Herr, bist du es, so befiehl mir zu dir zu kommen auf das Wasser.“ Und was antwortet Jesus? Nicht: Du überschätzt dich wohl etwas! Oder „wie kannst du so etwas verlangen?“ Nein, Jesus antwortet: „Komm her!“

Jesus würdigt den Mut des Petrus und seine Lernfreudigkeit. Petrus ist ja der Meisterschüler von Jesus. Und wie das damals in der Rabbinischen Ausbildung so war. Petrus muss auf Dauer alles können, was Jesus auch kann. Und Petrus nimmt seine Aufgabe ernst. Er lernt.

Dass er dabei nicht alles sofort richtig macht, sondern erst mal üben muss, ist ja normal. Ein Weilchen geht es gut als Petrus sich auf Jesus konzentriert. In dem Moment, wo er sich ablenken lässt und auf die Wellen sieht, sinkt er.

Ich verstehe die Reaktion Jesu auf sein Sinken nicht als vernichtende Kritik sondern als eher als Lehrerfrage: „Finde raus, was du falsch gemacht hast, damit du es das nächste Mal besser machen kannst. Warum hast du gezweifelt? Wenn es dir gelingt nicht zu zweifeln, dann schaffst du das.“

Die anderen, die das gesehen haben, fallen vor Jesus nieder und beten ihn an als Sohn Gottes. Nein, sie wollen nicht wie Petrus lernen, was Jesus kann. Das muss für Jesus erst recht enttäuschend sein.

Was fangen wir mit dieser Geschichte für uns heute an?

Ein Buch, dass vor Jahren erschienen ist, hat den Titel: Wenn du auf dem Wasser laufen willst, musst du das Boot verlassen.“

Wollen wir das Boot verlassen, oder wollen wir lieber Jesus anbeten? Wollen wir Jesus verehren als den Sohn Gottes als einmalige Person, der Dinge konnte, die niemand von uns kann? Oder wollen wir Jesus nachfolgen?

Auch in dieser Geschichte fordert Jesus niemanden auf, ihn anzubeten. Aber er sagt zu Petrus: „Komm her!“

Sind wir bereit in den Sturm zu kommen, auf unsicheres Gelände? Sind wir bereit, im Vertrauen auf Jesus Dinge zu tun, die wir uns alleine nie zutrauen würden?

Ich kenne Ihre Antwort auf diese Frage nicht. Aber meine Antwort lautet: „Nein!“ Ich bin gerne bereit Menschen zu bewundern, die das tun. Aber ich will nicht. Ich bin auch gerne bereit Jesus anzubeten und Jesus zu bewundern. Er ist ja auch eine bewundernswerte Person und außerdem der Sohn Gottes.

Aber: Jesus sagt nie: „Betet mich an!“

Jesus sagt immer: „Folgt mir nach!“

Aber ihm auf seinem Weg zu folgen, nein, das finde ich zu schwer. Und vielleicht hätte ich dann so viele Gegner und Feinde wie Jesus. Und ich müsste ihm vertrauen, wenn er sagt: „Komm her!“

Nein, ich würde es machen wie die anderen Jünger, die im Boot geblieben sind. Ich würde staunen und anbeten und mich freuen, dass ich auch dem Sturm gerettet wurde. Aber ich würde nicht wie Petrus das Boot verlassen.

Nun, nicht jeder kann Petrus sein. Nicht jeder ist so forsch und nicht jeder so vertrauensvoll. Ich auch nicht.

Aber, ist das nicht auch eine Sehnsucht in mir? Könnte ich es nicht mal versuchen?

Was ist denn in der Geschichte passiert als Petrus im See anfängt zu sinken?

Petrus ruft Jesus um Hilfe an. Und Jesus reicht Petrus die Hand und bringt ihn sicher ins Boot. Jesus nimmt es Petrus nicht übel, dass dieser sinkt, dass sein Vertrauen nicht so lange gehalten hat. Er rettet ihn trotzdem.

Und Jesus hat Petrus die Gelegenheit gegeben zu üben. Das wird sich auszahlen. Später, wenn Jesus weg ist, und Petrus die Gemeinde leitet, wird er nicht mehr kleingläubig sein.

Vielleicht gibt Jesus mir ja auch die Gelegenheit zu üben. Es muss ja nicht gleich „auf dem Wasser laufen“ sein.

Ich könnte ja mit einem harmloseren Schritt in die Nachfolge Jesu anfangen.

Wenn Petrus sich so einen schwierigen Schritt wie auf dem Wasser laufen aussucht, ist das seine Sache. Ich könnte mir etwas anderes aussuchen. Und offensichtlich lässt Jesus Petrus ja den Schritt aussuchen. Vielleicht lässt er ja auch mich einen Schritt aussuchen, der mir angemessen ist.

Also ich würde es gerne mal mit einem Satz aus der Bergpredigt probieren: Jesus sagt in Matthäus 6,22 und 23: Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. 23 Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!

Es geht dabei darum, wie man die Menschen, denen man begegnet anblickt. Ich würde gerne den freundlichen Blick üben. Den anderen etwas zutrauen, und erst mal eine gute Absicht vermuten und nicht Böses unterstellen. Das zu versuchen ist für mich schon sehr schwierig. Das kommt in die Nähe von übers Wasser laufen.

Aber ich kann mich darauf verlassen, dass wenn es mir nicht gelingt, Jesus mir trotzdem die Hand entgegen streckt, um mich ins Boot zu holen.

Wenn Sie sich das überlegen. Egal ob ihnen ein Schritt in die Nachfolge gelingt oder Sie daran scheitern, Jesus streckt Ihnen auf jeden Fall die Hand entgegen, um Sie ins Boot zu holen. Welchen Schritt möchten Sie gehen?

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinn in Christus Jesus zum ewigen seligen Leben!

(Ich danke Ute Zepfel, die mir ihre Predigt im Rahmen der Prädikantenausbildung zur Verfügung gestellt hat, und meiner Tochter Rahel Burkholz, die mir auch ihre Predigt zu diesem Text gezeigt hat, für ihre Anregungen für diese Predigt)

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