Gott zieht mich aus dem Strudel meines Unglaubens

Liebe Gemeinde,

ich beneide ihn, den Petrus. Ganz nah war er dran, ganz nah bei Jesus. Er ist mit ihm herumgezogen, hat seinen Worten gelauscht und seine Wunder gesehen. Ganz nah war er dran, hat ihn unmittelbar erlebt.

Wie gerne wäre ich damals dabei gewesen! Damals, als Jesus noch wirklich und leibhaftig da war. Damals, zu der guten alten Zeit, als noch Wunder geschahen. Damals, als Gott noch zum Anfassen war.

Mir geht es doch ähnlich wie unseren Konfis. Die, aber auch andere Menschen, tun sich manchmal schwer mit dem Glauben. Sie sagen: „Ja wenn ich Jesus direkt miterlebt hätte, dann könnte ich viel leichter glauben. Aber so …“

Ich stelle mir vor, wie ich mit den anderen Jüngern auf dem See unterwegs bin. Der Wind bläst stark, der Wellengang geht hoch. Da plötzlich kommt Jesus über das Wasser gelaufen, als wäre es etwas ganz Normales. Wir starren ihn mit offenen Mündern an. Das hat Jesus bisher noch nicht gebracht. Alles andere haben wir von ihm erwartet: Dass er Menschen heilt, dass er Wasser zu Wein verwandelt, dass er Brot auf wundersame Weise vermehrt, so dass 5000 Menschen satt werden. Aber doch nicht, dass er im Sturm über den See laufen kann!

Wir erschrecken – kann das überhaupt sein? Oder täuschen uns unsere Sinne etwas vor? Ist es gar nicht Jesus, den wir da sehen, sondern ein Gespenst? Eine Halluzination? Ein Trugbild unserer übersteigerten Wahrnehmung?

Nein, wir wollen das nicht, wollen nicht verrückt sein. Doch die Gestalt spricht uns an: „Ich bin es wirklich, ich, Jesus. Habt keine Angst, ihr täuscht euch nicht!“

Mit diesen Worten schlägt unsere Furcht in Begeisterung um. Herrlich, mal wieder ein neues Wunder! Wie er das nur macht? Wind und Wetter sind mir auf einmal egal, ich will das auch können. Und so rede ich Jesus an: „Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.“

Und dann – ich wage kaum zu atmen – ruft er mich tatsächlich zu sich. Entschlossen steige ich über die Bordwand des Bootes. Ich bin so begeistert, dass ich alles um mich herum vergesse: Ich kann über das Wasser laufen. Herrlich!

Doch plötzlich wache ich wie aus Trance auf. Hilfe, ich stehe auf dem Wasser! Und sogleich beginne ich zu sinken – meilenweit vom Land entfernt. Wie soll das werden – mitten im Sturm. Ich werde ertrinken! Und so schreie ich meine Angst panisch aus mir heraus: „Hilfe, ich ertrinke!“

Da springt Jesus mit wenigen Schritten an meine Seite. Er fasst meine Hand, zieht mich aus dem Strudel, der mich zu verschlingen droht, wieder heraus. Und er sagt zu mir: „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

Ja, warum habe ich eigentlich gezweifelt? Ich hatte doch alles: Ich habe das Wunder gesehen, Jesus hat mich zu ihm gerufen, ich bin tatsächlich auf dem Wasser gelaufen. Ich hatte doch alles? Warum habe ich eigentlich gezweifelt?

Liebe Gemeinde, eigentlich habe ich keine befriedigende Antwort parat. Ich weiß nicht, warum ich gezweifelt habe, warum Petrus gezweifelt hat. Vielleicht habe ich an mir selbst gezweifelt? Dass Jesus ein Wunder vollbringen kann, das halte ich für selbstverständlich. Aber dass ich ein Wunder mache, dass ich auf dem Wasser gehen kann, das ist das Ungewöhnliche, das Besondere. Das kann doch nicht sein, oder etwa doch? Warum traue ich mir das nicht zu?

Selbstzweifel kommen in unserer Welt häufig vor. Statt uns gegenseitig zu bestärken, verstärken wir eher schon bestehende Unsicherheit. Das beginnt mit alltäglichen Dingen und endet nicht zuletzt bei Fragen des Glaubens. Schon Kindern wir oft eingeredet „Du kannst das nicht“ oder „Das schaffst du nicht“ oder „Du bist zu klein dafür“. Und das zieht sich weiter in unserem Leben und verfestigt sich in unserem Denken. Dabei ist unser Leben reich an Beispielen, was wir können und was wir schaffen. Wir Erwachsenen konnten ursprünglich alle kein Autofahren. Jetzt haben wir fast alle einen Führerschein. Wir konnten einmal nicht lesen, nicht schreiben, kein Instrument spielen, hatten keinen Beruf: Das war alles einmal. Nun haben wir es aber geschafft. Wir können lesen, schreiben, vielleicht ein Instrument spielen, wir haben einen Beruf erlernt und sind darin gut. Wir haben es geschafft. Warum sollten wir hier zweifeln? Warum uns in Unsicherheit ergeben?

Nicht nur im Alltäglichen Leben kommen Selbstzweifel vor, wir fühlen uns auch unsicher in Bezug auf Glaubensdinge. Mag Gott mich wirklich? Wird er mir all das Böse, was ich getan habe, verzeihen?

Jesus ruft mir, ruft uns zu: „Steige aus dem Boot der Unsicherheit aus und begib dich über das Wasser zu mir!“

Und wir? Trauen wir uns, auf dem Wasser des Glaubens zu wandeln? Trauen wir unserem Glauben Kraft und Stärke zu?

Petrus war Jesus ganz nah. Er ist mit ihm herumgezogen, hat seine Wunder mit eigenen Augen gesehen und seine Worte mit eigenen Ohren gehört. Und dennoch war auch Petrus nicht von Zweifeln frei. Auf dem Wasser haben ihn Zweifel befallen, bei der Speisung der 5000 fehlte ihm der Glaube, bei der Gefangennahme und Verurteilung Jesu traute er sich nichts zu, und während der Zeit, als Jesus tot war, war er niedergeschlagen und deprimiert. Das macht ihn für mich menschlich. Und ich denke mir: Wenn ich damals auch dabei gewesen wäre, dann wäre mein Glaube trotzdem nicht unbesiegbar gewesen, sondern hätte immer wieder auch Durchhänger gehabt.

Ich und Sie – wir waren damals nicht dabei. Leider! Und dennoch müssen wir uns nicht grämen. Gott hilft unserem Glauben auf, heute wie damals. Wie er Petrus immer wieder gestärkt hat, so stärkt er uns heute auch wieder. Wenn Selbstzweifel in uns aufsteigen, wenn wir unsicher werden, dann nimmt er uns an der Hand und rettet uns vor dem Strudel des Unglaubens, der uns zu verschlingen droht. Er ruft uns zu: „Du Kleingläubiger, warum zweifelst du?“ So erfahren wir seine Zuwendung, dass wir wie die Jünger damals ihm bekennen können: „Du bist wahrhaftig Gottes Sohn! Du bist wahrhaft Gott.“

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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