Sich aufs Eis wagen: Predigt über Johannes 4, 5-14

Liebe Gemeinde,

In den letzten Tagen herrschte frostiges Wetter. Unser Hund liebt das. Dann tobt er besonders viel und läuft draußen herum. Wenn noch etwas Schnee da ist, wird es umso schöner für ihn. Die Spaziergänge machen trotz der Kälte viel Freude. Die frostigen Nächte haben die Graft um die Herrenhäuser Gärten zufrieren lassen. Die Welt liegt wie erstarrt da und wirkt zumindest etwas friedlicher als sonst. Beim Blick auf das Eis auf der Graft erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken, dass es schön wäre, jetzt mal auszuprobieren, ob es hält, das Eis. Aber ich weiß, dazu hat es noch nicht lange genug gefroren. Aber der Reiz ist da. Ich würde gerne über das Eis schlittern, auch am Kanal, oder auf dem Maschsee, da, wo es sonst nicht möglich ist hinzugehen. Mein Verstand sagt mir zum Glück, dass das nicht geht und ich bleibe auch brav auf dem Weg und versuche nicht einmal, einen Fuß auf das Eis zu setzen. Ich begnüge mich mit den zugefrorenen Pfützen, die unter meinen Schuhe knacken und manchmal mein Gewicht halten, manchmal auch nicht.

Unser Hund hat übrigens eine große Scheu vor allem, was aussieht wie Wasser und hält fein Abstand auch vom Eis. Doch mich zieht das Eis an, auch weil ich mich erinnere wie schön das war als Kind, auf den zugefrorenen Teichen und Gräben Schlittschuh zu fahren.

Sich auf das Eis begeben: das finde ich ein ganz schönes Bild für das Vertrauen in dieses Leben. Nur wenn ich mich traue loszugehen, kann ich Neues erfahren. Sich darauf zu verlassen, dass mein Leben irgendwie gelingen wird, das kann ich nur, wenn ich einen Schritt nach dem anderen mache und innerlich weiß, dass das gelingen kann. Ich muss alle Zweifel überwinden und darauf vertrauen, dass das Eis mich hält, dann werde ich zu ganz neuen Ufern gelangen. Natürlich darf ich nicht naiv und gutgläubig loslaufen. Ich muss vorher beobachten und einschätzen, ob es lange genug gefroren hat. Dann kann ich es wagen. Zwar ohne letzte Sicherheit, wirklich getragen zu werden. Aber dann kann ich losgehen und meine Ängstlichkeit loslassen.

Losgehen und die Zweifel loslassen: nichts anderes ist Glauben. Ich brauche dazu meinen Verstand und meine Erfahrung. Darf mich nicht auf dünnes Eis begeben, sondern muss wissen, wo das Eis mich trägt. Aber eins muss ich als glaubender Mensch immer alleine entscheiden: ob ich losgehen will und kann. Ob das Eis mich tragen könnte. Ich kann das auch anders übersetzen: ob das Leben mir wiedergibt, was ich ihm an Vertrauen entgegen bringe. Ob ich mich Menschen anvertraue, die mich enttäuschen könnten. Ob ich meine, dass ich so in Ordnung bin, wie ich nun einmal bin. Ob ich annehmen kann, dass einmal alles gut wird mit mir. Ob ich diesem Leben in dieser Welt eine Chance gebe, auch im Angesicht von Terror und Hass, von Populismus und großer Dummheit, über die jetzt täglich berichtet wird. Losgehen, auch wenn ich Schlechtes erlebe und einbrechen könnte in diesem Eis. Dass es wirklich hält, dafür gibt es nämlich keine Garantie.

Auf dieses Eis, das Vertrauen heißt, hat sich der königliche Beamte begeben, der Jesus in Kana getroffen hat. Wir haben diese Geschichte als Evangeliumslesung gehört. Sein Sohn lag todkrank zuhause. Da war wenig Aussicht auf Heilung. Hohes Fieber, keine Besserung. Wahrscheinlich hatten die Ärzte oder Heiler schon alles versucht. Es war zu befürchten, dass er bald sterben wird. In dieser Situation macht der Mann sich auf den Weg. Statt am Bett des Sterbenden zu sitzen, bricht er auf. Ein Gang auf dünnem Eis. Einen weiten Weg, zwei Tagesreisen entfernt. Von Kapernaum nach Kana. Von Jesus hatte er gehört, wusste, dass er jetzt in Kana war. Was hatte er für Erwartungen auf dem Weg? Wenn einer helfen konnte, dann er. So etwas wie die letzte Hoffnung. Wahrscheinlich hatte er von den Wundern gehört, die Jesus schon getan hatte. Hatte vielleicht innerlich den Geschmack des Weins im Mund, den Jesus in Kana aus Wasser gemacht hatte. Den Geschmack des glücklichen Lebens, der Freude, der Erfüllung .

Kana, der Ort der fröhlichen Feier, des Gelingens. Da steht er nun vor Jesus, der Beamte des Königs, mit seiner Angst um das Kind, bittet darum nicht zu versinken. Hilf mir. Lass mein Kind gesund werden. Lass mich nicht untergehen im Schmerz!

Jesus reagiert abweisend, wie es scheint. „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht!“ Merkwürdig. Da wird er konkret um Hilfe gebeten und dann so ein Satz. Wen meint er denn mit „Ihr“? Seine Jünger, oder das Volk in Kana oder die, die zu ihm kommen und Hilfe wollen? Oder die Hörer und Leser des Evangeliums, also uns?

Glauben kann nicht entstehen, wenn ich mich an den Dingen festhalte, die ich beweisen kann. Es gibt keine Beweise, die es zu schauen gilt. Du kannst nicht an jeder Stelle das Eis nachmessen und berechnen, ob es trägt, wenn Du losgehst. Dann bleibst du immer auf dem festen Weg und bist erst fertig, wenn das Eis wieder taut. Du musst es wagen loszugehen. Du musst im Kopf haben, dass es klappen kann. So wie der Beamte des Königs, der nicht ahnen kann, welches Ende sein Aufbruch nimmt. Weder für ihn noch für sein Kind, seinen geliebten Sohn.

Der Beamte ist sicher. Er will vertrauen und glauben, dass der Tod nicht das letzte Wort behält. Dass Leben möglich ist, auch angesichts dieser Bedrohung.

Er ist hartnäckig. So als hätte Jesus nichts gesagt, wiederholt er seine Bitte: „Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!“

Genau an dieser Stelle passiert nun das eigentliche Wunder. Jesus sagt nur kurz und knapp: „Geh hin, dein Sohn lebt!“ Mehr nicht. Keine Erklärungen. Er weist dem erschütterten Mann den Weg zurück. Der muss sich erneut aufmachen und ohne etwas in der Hand zu haben aufbrechen. Dann ist es fast wie in der Geschichte des Abraham: „Der Mann glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.“

Er verlangt keinen Beweis, keine Sicherheit. Er geht ins Ungewisse. Getragen von einem Hoffnungswort. Begleitet von einem Lebensbild, das so stark ist, dass er sicher ist. Auf dem Weg wird er alle möglichen Gedanken gehabt haben. Was, wenn Jesus ihm falsche Hoffnungen gemacht hatte? Ob sein Sohn je ganz gesund sein würde, auch wenn er leben würde?

Glaube lebt von guten Worten. Horizonte, die weit gemacht werden. Vertrauen ins Leben, das zugesprochen wird.

Ja, das Eis wird tragen, wenn du dich aufmachst.

Das klingt vielleicht etwas naiv. Denn in der Tat gibt es doch die ernüchternde Erfahrung, dass das Eis immer wieder einbricht. Oft ganz unvermittelt und mitten im Leben, wo eigentlich alles so gut und fröhlich aussah. Eine schlimme Krankheitsdiagnose, die das Leben ins Wanken bringt. Ich denke da an jemanden, der wenige Monate nachdem er Rentner wurde eine schlimme Krebsdiagnose bekam.

Wie lesen wir dann unser Leben? In einer Situation, die haltlos ist. Dafür gibt es kein Rezept. Erst dann, in einer schweren Situation kann sich erweisen, ob wir haltlos bleiben oder einen starken Arm spüren können, der uns herauszieht. Der Bekannte von mir sagte es so: „ich lass mir meinen Humor nicht nehmen.“ Auch eine Art von Vertrauen!

Der königliche Beamte hatte in einer äußersten Bedrohung des Lebens die Kraft, sich aufzumachen. Er hatte den Mut, einem Wort Glauben zu schenken, das sich für ihn erst noch als wahr herausstellen musste.

Als er sich auf den Weg machte, war ihm längst noch nicht klar, wie das enden würde. Wir wissen, dass es ein glückliches Ende dieser Geschichte gibt. Der Sohn wurde tatsächlich gesund, das Fieber verließ ihn in dem Moment als Jesus seinen Vater auf den Weg zurück nach Hause schickte. Wie dieses Wunder funktioniert hat, kann niemand sagen. Es spielt aber auch keine Rolle. Wichtig ist an dieser Geschichte der Glaube des Mannes, der sich zwei Mal auf den Weg gemacht hat. Einmal um Jesus zu treffen und dann wieder zurück. Etwas überspitzt könnte ich sagen: nicht durch das Wunder entsteht der Glaube des Mannes, sondern sein Glaube ermöglicht das Wunder.

Gefährlich an diesen Geschichten mit wunderbaren Heilungen ist eine Auslegung, die nur genügend festen Glauben fordert, damit ein Wunder möglich wird. Wenn es immer so einfach wäre, dann dürfte es weitaus mehr Heilungen und viel weniger Unheil in dieser Welt geben.

Leider ist es so, dass auch bei festem Glauben und großer Zuversicht Katastrophen passieren können. „Keine Ahnung, was wir Schlimmes getan haben,“ sagt zum Beispiel der Bürgermeister des Ortes Amatrice in Italien. Dort hatte eine Reihe von Erdbeben vor einigen Monaten schon grausame Zerstörungen angerichtet. Nun kommt auch noch der schlimmste Winter seit 70 Jahren dazu und erneute Erdstöße. Ein ganzes Hotel wurde verschüttet. Der Bürgermeister kann es sich nur so erklären, dass das eine Strafe sein muss. Aber wofür? Sicher gibt es auch in dem italienischen Städtchen eine ganze Reihe von Menschen, die fest an Gott glauben. Trotzdem bleiben sie nicht vom Leid verschont. Dort nicht und woanders auch nicht.

Es liegt nahe so zu fragen wie der Bürgermeister. Trotzdem wird der Glaube darauf nie mit Schuldzuweisungen antworten können. Es bleibt auch für Menschen mit festem Glauben ein Rätsel, warum manchmal das Leid so massiv zuschlägt und scheinbar bestimmte Regionen oder Familien besonders hart trifft. Wer da seinen ganzen Glauben einzig darauf setzt, dass es zu Wundern kommt, kann schwer enttäuscht werden.

Wer sich auf das Eis des Lebens begibt, hat keine Garantie, nicht einzubrechen. Es bleibt etwas Unergründliches und Rätselhaftes in den Abläufen dieser Welt und auch meines Lebens.

Und doch gibt es Gottes Wort mit diesem Leben, seine Nähe in dieser Welt, seine Zusage, dass in allen Einbrüchen, seine Hand über uns bleibt. Dass wir losgehen können, auch wenn es elend um uns bestellt ist. Dass wir Zutrauen in die eigenen Schritte gewinnen und behalten.

Ob dann so ein glückliches Ende wie bei dem königlichen Beamten und seinem Sohn dabei herauskommt, ist nicht sicher. Aber es gibt diese Erfahrungen des Gelingens, die ich auch für das eigene Leben feststellen kann. Ich wurde getragen in Situationen, die brenzlig waren. Ich habe Mut gefunden, wo es ausweglos schien. Ich habe gespürt, dass ich gehalten werde, auch wenn es manchmal kräftig unter meinen Füßen kracht. Und sogar das haben Menschen immer wieder erfahren, dass sie herausgezogen worden sind, als das dünne Eis nicht trug.

„Geh hin, dein Sohn lebt!“, das wurde zum Hoffnungswort für den Mann in Kana. Wir brauchen genau solche Worte, die uns aufbrechen lassen. Sie zu finden und sie gelten zu lassen, das hilft zum Gang auf dem Eis.

Daran denke ich beim Blick auf das Eis an der Graft, das jetzt noch nicht trägt und vermutlich nur ganz selten tragen wird. Aber probieren will ich es auf jeden Fall, wenn es so weit ist. Und ich weiß jetzt schon, dass das wunderbar sein wird, dort zu laufen und zu schlittern, wo ich sonst versinken würde.

Amen.

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