Christusstern

Predigt Johannes 4,46-54, 3. Sonntag nach Epiphanias, Predigtreihe III, von Pfarrer Johannes Taig

46 Und Jesus kam abermals nach Kana in Galiläa, wo er das Wasser zu Wein gemacht hatte. Und es war ein Mann im Dienst des Königs; dessen Sohn lag krank in Kapernaum.
47 Dieser hörte, dass Jesus aus Judäa nach Galiläa kam, und ging hin zu ihm und bat ihn, herabzukommen und seinem Sohn zu helfen; denn der war todkrank.
48 Und Jesus sprach zu ihm: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.
49 Der Mann sprach zu ihm: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!
50 Jesus spricht zu ihm: Geh hin, dein Sohn lebt! Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.
51 Und während er hinabging, begegneten ihm seine Knechte und sagten: Dein Kind lebt.
52 Da erforschte er von ihnen die Stunde, in der es besser mit ihm geworden war. Und sie antworteten ihm: Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber.
53 Da merkte der Vater, dass es die Stunde war, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: Dein Sohn lebt. Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.
54 Das ist nun das zweite Zeichen, das Jesus tat, als er aus Judäa nach Galiläa kam.


Liebe Gemeinde,

mit einem Gedicht von Gottfried Benn möchte ich beginnen. Es heißt

HÖR ZU

Hör zu, so wird der letzte Abend sein,
wo du noch ausgehn kannst: du rauchst die „Juno“,
„Würzburger Hofbräu“ drei, und liest die Uno,
wie sie der „Spiegel“ sieht, du sitzt allein

an kleinem Tisch, an abgeschlossnem Rund
dicht an der Heizung, denn du liebst das Warme.
Um dich das Menschentum und sein Gebarme,
das Ehepaar und der verhasste Hund.

Mehr bist du nicht, kein Haus, kein Hügel dein,
zu träumen in ein sonniges Gelände,
dich schlossen immer ziemlich enge Wände
von der Geburt bis diesen Abend ein.

Mehr warst du nicht, doch Zeus und alle Macht,
das All, die großen Geister, alle Sonnen
sind auch für dich geschehn, durch dich geronnen,
mehr warst du nicht, beendet wie begonnen –
der letzte Abend – gute Nacht.
(ders., Sämtliche Gedichte, Stuttgart 1998, S. 489)

Zweifellos ist das ein modernes Gedicht. Es stammt aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Auch wenn es die Zigarettenmarke Juno nicht mehr gibt, alles andere gibt’s auch heute noch. Der Dichter schämt sich nicht, die Oberfläche seiner Existenz zu schildern. Die Summe der Gewohnheiten; die verhasste Banalität und Kälte seiner Welt, gegen die auch die Heizung nicht wärmen kann; die Enge der Wände, zwischen denen das eigene Leben abläuft; die fehlende Aussicht. Mehr warst Du nicht, so könnte die klägliche Summe seiner Existenz abschließend lauten. Doch er setzt dieser Summe sein „doch“ entgegen. Kracht noch einmal durch den doppelten Boden seines Daseins. Zeus und alle Macht, das All, die großen Geister, alle Sonnen – sind auch durch dich geschehn, durch dich geronnen. Man hat Gottfried Benn diese Strophe vorgeworfen. Das sei aufgesetzt und wenig glaubwürdig. Die typisch moderne Kritik an solchen Versen lautet: Wir haben uns mit unserem Schicksal abzufinden. Wir haben uns abzufinden mit dem „Spiegel“, der „Juno“ und den drei „Würzburger Hofbräu“ am Feierabend. Wir haben uns abzufinden mit der Oberfläche, der Banalität und der fehlenden Aussicht. Mehr haben wir nicht zu sein. So sehen Helden der Moderne aus: Ein paar Jahrzehnte möglichst klaglos funktionieren – und dann gute Nacht.

Wann sind Sie das letzte Mal durch den doppelten Boden Ihrer Existenz gekracht? Wann standen Sie das letzte Mal am Abgrund und schauten hinab in unendlichen Raum und unendliche Zeit? Beim Gedanken an den eigenen Tod? Am Sterbebett eines geliebten Menschen? Womit wir mitten in unserer Geschichte vom königlichen Beamten wären. Am Sterbebett des eigenen Kindes ist die Oberfläche des Lebens zerbrochen wie ein Spiegel. Angesichts des Abgrunds, der sich hier auftut, kann wohl auch die Aussicht, die der Dichter anbietet, nicht wirklich trösten. Ja, wir sind aus Sternenstaub gemacht. Aber von welcher Art sind denn die Zeiten und Räume, in denen wir für Augenblicke aufblitzen? Finden wir uns, mit Jean Paul gesprochen, vielleicht alleine wieder in der „weiten Leichengruft des Alls“?

Nur scheinbar ist das eine ganz alltägliche Wundergeschichte. Schon weil der Evangelist Johannes sie erzählt, können wir auf Überraschungen gefasst sein. Da kommt also jener Mann, dessen Kind todkrank ist und bittet Jesus zu kommen und seinem Sohn zu helfen. Und bekommt eine wirklich seltsame Antwort: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ Eine Feststellung, in der eine Frage stecken könnte: Suchst du nur einen Heiland, der die zerbrochene Oberfläche deines Lebens auf wundersame Weise wieder heil macht und die zerbrochenen Stücke wieder zusammenfügt, damit du wieder denken, fühlen und handeln kannst wie bisher? Suchst du einen Kundendienst für die Katastrophen deines irdischen Lebens? Oder einen Guru, der die armselige Oberfläche deines Daseins spirituell auf Hochglanz bringt?

Nein, Letzteres hat der zu Tode geängstigte Vater wirklich nicht im Sinn. Herr Jesus, sagt er mit Ausrufezeichen. Hier geht es um Leben und Tod, um Sein und um Nichtsein. Und genau das ist die Kategorie, in die der Christus gehört. „Geh hin, dein Sohn lebt!“ Wir stellen uns vor, wie dieser Satz aus dem Munde des Christus verklingt. Die Sonne scheint, wie sie vorher schien. Die Mücken tanzen in der heißen Luft, wie vorher. Alles scheint zu sein, wie es immer war. Die Oberfläche der Welt hat sich kein Bisschen verändert.

Aber der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte. Das hat sich geändert. Dieser Mensch steht nicht länger an einem Abgrund, der ihn aus leeren Augenhöhlen anstarrt. Statt der blinden Augen des Schicksals, blicken ihn die offenen Augen des Christus an. Zum Glauben kommt ein Mensch, wenn der Christus in ihm die Augen aufschlägt. Das ist besser als Zeus und alle Macht, das All, die großen Geister, alle Sonnen. In der Seele dieses armen Mannes zündet der Christusstern. Diese Geschichte gibt uns eine Vorstellung davon, was aus der Begegnung mit Christus hervorgeht: Leben, Leben schlechthin, ewiges Leben. Denn das Leben ist im eigentlichen Sinn nichts und niemand als der Christus selbst. (Johannes 14,6)

Von den Weisen aus dem Morgenland wird erzählt, wie sie dem Christusstern folgten, bis sie ihn fanden. Bemerkenswert ist, wofür der Predigt zu dieser Geschichte am Ende oft die Zeit fehlt: Dass diese Menschen – nachdem sie den Christusstern gefunden hatten – auf einem anderen Weg nach Hause gingen. Engel sprachen zu ihnen und wiesen ihnen den Heimweg. Wer zu dem Mann, der ebenfalls den Christusstern gefunden hatte, sprach, wird uns geschildert. Seine Knechte kamen ihm entgegengelaufen und brachten Nachricht vom Leben. Aus der Todeswelt, aus der er herkam, ist auf dem Nachhauseweg eine Welt des Lebens geworden. Kleiner kann seine Geschichte nicht erzählt werden und kleiner kann die Geschichte des Glaubens nicht erzählt werden. Es ist die Geschichte, die wir im Weihnachtslied gesungen haben: „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein’ neuen Schein.“ (EG 23,4)

Kann gut sein, dass das Zerbrechen der Oberfläche des eigenen Lebens nicht die Katastrophe ist, für die wir sie halten. Kann gut sein, dass wir erst durch den doppelten Boden unserer Existenz krachen müssen, bevor wir überhaupt einmal Ausschau halten und der Schwerkraft der Dinge entfliehn. Kann gut sein, dass erst dann, wenn wir nichts mehr festhalten können, nicht einmal uns selbst, dem Christus die Stunde schlägt, uns zu halten. Damit wir mit allen, denen der Christusstern leuchtet, den Weg nach Hause finden.

Mit einem Gedicht haben wir begonnen, mit einem Gedicht von Rose Ausländer schließen wir:

Über dir
Sonne Mond und Sterne

Hinter ihnen
unendliche Weiten

Hinter dem Himmel
unendliche Himmel

Über dir
was deine Augen sehen

In dir
alles Sichtbare
und
das unendlich Unsichtbare
(Rose Ausländer, In dir, in: Helmut Zwanger, Gott im Gedicht, Tübingen 2007, S. 148)

Die Predigt zum Hören

drucken