Gott sehen wollen II

Liebe Gemeindeglieder,

Bei der Vorbereitung zu dieser Predigt habe ich mich gefragt, ob Sie das auch kennen, den Wunsch Gott einmal zu sehen?

Und so ist das wieder mal eine der Situationen, wo ich viel lieber mit Ihnen zusammen in einer Runde reden würde, als zu predigen. Wir würden erfahren, wer von Ihnen diesen Wunsch kennt. Und in welchen Situationen des Lebens uns das so geht. Mancher wäre vielleicht dabei, der oder die sagen würde. Nein, das geht doch eh nicht, Gott zu sehen. Auf so eine sonderbare Idee bin ich noch nie gekommen.

Andere würden vielleicht sagen: „Doch, ich kenn den Wunsch. Manchmal, wenn ich Zweifel habe. Wenn man Gott sehen könnte, dann wäre es so viel einfacher mit dem Glauben. Manchmal frage ich mich das wirklich: Wenn es Gott gibt, warum zeigt er sich dann nicht einfach völlig deutlich?“

„Weil er unsere Freiheit will“ würde ein anderer dann erklären. Stell Dir vor, wir könnten Gott klar sehen. – Nie mehr würde uns das Bild aus dem Kopf gehen- – Als das Bild dessen, der all unser Tun sieht. Wäre das nicht wie der Überwachungsstaat, den keiner von uns will?“

Und richtig: Erst Gott nicht sehen zu können, gibt uns die Freiheit, selbst über unser Leben zu entscheiden. Es gibt ja die Hinweise auf Gott: Die Schöpfung; dass es Liebe gibt; all das, was die Menschen vor uns von Gott gespürt und aufgeschrieben haben; Jesus und das was er gelehrt hat. Wir haben das und damit die Möglichkeit, das Leben im Vertrauen zu leben, dass Gott da ist. Und zwar in völliger Freiheit, ohne von Gott dazu gezwungen zu sein.

„Ja aber so müssen wir unser Leben doch auf sehr wackligen Glaubensfüßen leben. Auf dem Boden einer bloßen Vermutung.“

Das ist wahr, aber das ist der Preis der Freiheit. Und gerade das macht die Würde und die mögliche Tiefe unseres menschlichen Lebens aus. All das Schöne dieser Welt zu sehen und zu erleben und zugleich auch das Dunkle und Schwere. Sich auf all das einzulassen im Vertrauen auf Gottes Dasein. Und sich aus Liebe zu Gott, den man nicht einmal sieht, für das einzusetzen, was dem vermuteten Willen Gottes, der Liebe dient. So zu leben, wie es Jesus gepredigt hat.

Und dabei kann man in der Tat manchmal an diesen Punkt kommen, wo man dann völlig fertig ist, und so an den Grenzen ist, dass man sagt: Gott, lass mich doch bitte dein Angesicht sehen. Und dann würden wir wahrscheinlich alle beipflichten, dass das wahrhaftig kein zu belächelnder naiver Wunsch ist.

Und so sehe ich das in der Erzählung über Mose, die wir als Predigttext gehört haben.

Wobei der Zusammenhang noch spannend ist, in dem diese Szene spielt.

Mose hatte sich von Gott berufen gefühlt, das Volk aus der Sklaverei zu führen. Weg von dem sicheren Essen, den „Fleischtöpfen Ägyptens“ in die Freiheit. Eine zweifelhafte Freiheit, die viele Jahre die Freiheit des kargen Lebens in der Wüste war. Als er auf den Berg gegangen war, um mit Gott zu reden, und scheinbar nicht mehr wiederkam, da hielt das Volk es nicht mehr aus, einem unsichtbaren Gott hinterher zu laufen und hatte sich ein Bild von Gott gemacht. So wie sie Gott brauchten: Stark wie ein Stier.

Und Mose war zurückgekommen und hatte diese götzenbildlerische Tierskulptur zerschlagen. Weil eben jedes Bild von Gott nicht stimmen kann. Weil es immer Gott auf Vorstellungen reduziert und darum notwendig immer ein Götzenbild ist.

Denn dass wir Gott nicht sehen können, ist zwar auch notwendig für unserer Freiheit. Aber letztlich ist es natürlich darin begründet, dass der Schöpfer aller Dinge nicht selbst ist wie eines dieser geschaffenen Dinge selbst, die wir messen können nach Höhe, Länge und Breite und die wir sehen und messen können.

Deshalb ist das biblische Bilderverbot ja so klug. Alles was wir da malen oder bildhauen zeigt vielleicht einen richtigen Aspekt, ist aber ansonsten völlig falsch und deshalb ein Götzenbild.

Aber nur kurze Zeit später, als Mose selbst auch an seine Grenzen kommt, selbst Zweifel hat an seiner Mission und seinem Tun, da spielt eben diese Geschichte, die wir als Predigttext gehört haben.

Wo Mose nun selbst bittet „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!“

Und ich liebe diese Geschichte, weil sie auf so schöne Art beides festhält: Dass es legitim ist, in solchen Situationen den Wunsch zu haben, Gott zu sehen. Um Sicherheit über den eigenen Weg zu bekommen, um ermutigt zu werden. Und zu gleich das Andere: Dass es nicht geht. Niemand kann Gottes Angesicht sehen. – Aber Mose immerhin Gottes Rück-Ansicht.

Aber was ist mit uns, die wir Gott nicht mal von hinten sehen können?

Dazu wurde diese Erzählung dann einige Jahrhunderte später noch einmal neu erzählt. Diesmal als Geschichte über einen zweiten berühmten Menschen des Glaubens, den Propheten Elia.

Auch er einer, der sich ganz leidenschaftlich und mit Haut und Haar auf die Welt, das Leben und Gott eingelassen hat – oft genug vom Tod bedroht. Als er völlig am Ende ist und überhaupt nicht mehr weiter kann betet er: „Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben.“ Doch Gott stärkt ihn mit Brot und einem Krug Wasser und fordert ihn auf, wie Mose zu demselben Berg zu gehen. Dort angekommen sagt ihm Gott nun von sich aus:

11 Komm und stell dich auf den Berg vor den Herrn!

Da zog der Herr vorüber:

Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm.

Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben.

12 Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer.

Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.

13 Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.

 

Eine wunderschöne Erzählung die ausdrückt: Gott ist nicht, wie die Menschen einmal dachten, wie die großartigen, lauten Dinge, wie Sturm, Erdbeben und Feuer, sondern spürbar in dem kaum spürbaren. In dem, was ist, wie ein sanftes leises Säuseln eine stillen Windhauchs. Spürbar nur, wenn wir diese Aufmerksamkeit für das kaum wahrnehmbare mitbringen.

Ich möchte zum Schluss ein Beispiel aus unseren Tagen vorlesen, wie das gehen kann, diese Aufmerksamkeit zu haben.

Wieder von einem Menschen, der sich mit seiner ganzen Existenz eingesetzt hat die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Es ist ein Text von Dag Hammarskjöld. Er war der zweite UN-Generalsekretär. Mit großem Einsatz arbeitete er daran, dass die damals noch junge Organisation der Vereinten Nationen zu einer Organisation würde, die wirksam Kriege verhindern kann. Unermüdlich reiste er in Kriegsgebiete um zu vermitteln. Dabei war er zugleich ein Mensch, der nicht nur mit den Machthabern verhandelte, sondern allen Menschen, auch etwa dem Hotelpersonal, auf Augenhöhe begegnete.

Dabei war er zugleich ein Mensch, der sein Leben aus seinem christlichen Glauben heraus lebte. Ich möchte einen Text aus seiner Glaubenspraxis vorlesen.

Wenn sie wollen, versuchen Sie doch, den Text innerlich mitzusprechen.

Vielleicht bekommen sie so eine Ahnung, wie es sein könnte, Gott im sanften, leisen Säuseln zu spüren.

 

Ich sitze hier vor dir, Herr,

aufrecht und entspannt, mit geradem Rückgrat.

Ich lasse mein Gewicht senkrecht durch meinen Körper hinuntersinken

auf den Boden, auf dem ich sitze.

Ich halte meinen Geist fest in meinem Körper.

Ich widerstehe dem Drang, aus dem Fenster zu entweichen,

an jedem anderen Ort zu sein als an diesem hier,

in der Zeit nach vorn und hinten auszuweichen,

um der Gegenwart zu entkommen.

Sanft und fest halte ich meinen Geist dort,

wo mein Körper ist: hier in diesem Raum.

 

In diesem gegenwärtigen Augenblick

lasse ich alle meine Pläne, Sorgen und Ängste los.

Ich lege sie jetzt in deine Hände, Herr.

Ich lockere den Griff, mit dem ich sie halte, und lasse sie dir.

Für den Augenblick überlasse ich sie dir.

Ich warte auf dich – erwartungsvoll.

Du kommst auf mich zu, und ich lasse mich von dir tragen.

Ich beginne die Reise nach innen.

Ich reise in mich hinein, zum innersten Kern meines Seins,

wo du wohnst.

An diesem tiefsten Punkt meines Wesens

bist du immer schon vor mir da,

schaffst und belebst,

stärkst ohne Unterlass meine ganze Person.

 

Und nun öffne ich meine Augen,

um dich in der Welt der Dinge und Menschen zu schauen.

Ich nehme die Verantwortung für meine Zukunft wieder auf mich.

Ich nehme meine Pläne, meine Sorgen, meine Aengste wieder auf.

Ich ergreife aufs Neue den Pflug.

Aber nun weiß ich,

dass deine Hand über der meinen liegt

und sie mit der meinen ergreifst.

Mit neuer Kraft trete ich die Reise nach außen wieder an,

nicht mehr allein,

sondern mit meinem Schöpfer zusammen.

 

Amen

drucken