Kommando Pimperle

Ein Pfarrer hat einmal im RU diese Geschichte von der Hochzeit in Kana durchgenommen, und dabei die Schüler gefragt:

Na was meint ihr: Was werden die Gäste der Hochzeit wohl dazu gesagt haben?

Einer der Schüler hat geantwortet:

Den müssen wir auch einmal bei uns einladen!

 

Die Hochzeit von Kana – eine der bekannteren Geschichten aus den Evangelien.

Mit sind beim Nachdenken über diese Begebenheit drei Dinge wichtig geworden:

1) Wie tickt denn Jesus?

2) Die Frage nach dem Wunder

3) Maria und die Diener

Zum ersten:

Wie tickt Jesus?

Was ist ihm wichtig?

Es ist ja meistens so:

Wie jemand ist, was ihm wirklich wichtig ist, das erfahren wir nicht aus dem, was jemand sagt, sondern aus dem, was er tut.

Und was tut Jesus?

Also als erstes geht er auf eine Hochzeit.

Orientalische Hochzeiten sind Großereignisse.

Da feiert das ganze Dorf mit.

Mehrere Tage lang.

Jesus hat gerade seine ersten Jünger berufen.

Er wollte gerade anfangen mit seinem Dienst.

Und als erstes lässt er alles stehen und liegen, weil er zu einer Hochzeit eingeladen worden ist – und er feiert mit.

Manche denken ja über Gott: er ist vor allem ein Aufpasser. Ein Moralapostel. Ein Verbieter. Eine Spaßbremse.

Jesus war ein Partyheld. Er hat keine Feier ausgelassen.

Das hat damals manche Leute geärgert. Sie haben ihn „Fresser und Weinsäufer“ genannt.

Und als zweites sehen wir, dass Jesus nicht teilnahmslos und blind da steht, sondern es bemerkt, dass da ein Problem auftaucht.

Jesus ist jemand, der es bemerkt, wenn wir ein Problem haben.

Und: Er hat dafür gesorgt, dass die Party weitergehen kann. Dass die Gastgeben keine Blamage erleben.

Jesus ist jemand, der sich kümmert.

In diesem Fall: Indem er aus etwa 600 l Wasser 600 l Spitzenwein macht. Spätlese mit Qualitätsprädikat.

Damit sind wir beim zweiten Punkt: Dem Wunder

Es gibt ja eine Menge Leute, die sagen: An Wunder glaube ich nicht.

Ich habe noch keins gesehen, und darum gibt es meiner Ansicht nach keine.

Wie denkt ihr denn darüber? Wunder – gibt’s das?

Mir ist aufgefallen: Auch viele Prediger haben mit Wundern Probleme.

Darum werden sie immer wieder wegerklärt.

Zum Beispiel die Geschichte, wie 5000 Männer plus Frauen und Kinder mit 5 Broten und zwei Fischen satt geworden sind. Das wird so erklärt: Als angekündigt wurde, dass jetzt Essen verteilt wird, da haben sich die Leute getraut, ihre Rucksäcke aufzumachen und ihre eigenen Essensvorräte rauszuholen.

Oder Heilungen werden psychosomatisch erklärt. Zuwendung, ein gutes Wort – und eine Lähmung löst sich spontan.

Oder so Geschichten wie eine Sturmstillung werden rein symbolisch erklärt. In echt hat es das nie gegeben.

Und so wird auch manchmal gesagt:

Das mit der Weinvermehrung, das hat’s in echt nie gegeben. Das ist eine Symbolgeschichte, die sich Johannes ausgedacht hat, um so theologische Aussagen über Jesus auszudrücken.

Ein theologisches Märchen, sozusagen.

Ich sehe das nicht so.

Denn erstens kapiere ich nicht, wie man glauben kann:

Gott hat das ganze Universum geschaffen – aber aus 600 l Wasser Wein machen – das kann er auf keinen Fall.

Und zweitens: Märchen schauen anders aus. Es war einmal in einem fernen Land, hinter den Bergen, bei den Sieben Zwergen.

Nicht: Am dritten Tag, in Kana in Galiläa.

Und drittens: Wenn es gar kein Wunder gegeben hat, macht die Pointe überhaupt keinen Sinn. Da heißt es ja gerade: Seine Jünger, also seine Anhänger, die das miterlebt haben – die glaubten an ihn. Wenn da gar nichts passiert ist – wieso sollten sie ein theologisches Märchen glauben? Das passt doch hinten und vorne nicht.

Übrigens: Hier wird ausdrücklich gesagt: Durch Wunder entsteht kein Glaube. Glaube, der schon vorhanden ist, der wird durch Wunder gestärkt.

Aber am wichtigsten scheint mir das dritte zu sein:

Das Beispiel von Maria und den Dienern.

Maria, die Mutter von Jesus, war auch mit dabei. Und sie hatte offensichtlich bei der Organisation mitgeholfen – jedenfalls hatte sie den Dienern was zu sagen.

Und sie ist es, die Jesus auf das Problem aufmerksam macht: Sie haben keinen Wein mehr.

Und damit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit meint:

Tu was! Lass dir was einfallen! Den Menschen muss geholfen werden.

In der römisch-katholischen Mariologie – der Lehre von Maria – wird gelehrt, dass Maria eine so unüberbietbare Helferin und Fürsprecherin für uns Menschen ist, weil ihr Sohn ihr ja immer gehorchen muss und gar nicht anders kann, als nach ihrer Pfeife zu tanzen.

Im Neuen Testament steht da etwas anderes.

Einmal war Jesus in einem gedrängt vollem Haus und hat mit den Leuten geredet. Und dann sind seine Mutter und seine Brüder  dazu gekommen und schickten jemand rein, um ihn herauszurufen. Ist er brav und folgsam herausgekommen? Nein, ist er nicht. „Das hier sind meine Mutter und meine Brüder“ hat er gesagt.

Und auch in Kana hat er nicht gespurt:

„Frau, was hat das mit dir und mit mir zu tun?“

Eine derbe Antwort, eine grobe, unhöfliche Antwort. Er redet seine Mutter an wie eine Fremde.

So, und jetzt kommt das bemerkenswerte.

Jetzt kommt das, warum Maria für alle Christen ein riesengroßes Vorbild ist:

Sie hat zwar ihren Willen nicht bekommen, sie ist nicht mit Samthandschuhen angefasst worden – aber sie ist nicht beleidigt und zieht sich nicht in den Schmollwinkel zurück.

Sondern sie sagt den Dienern, dass sie auf Jesus hören sollen:

„Was immer er euch sagt, das tut!“

Katholische Theologen sagen an dieser Stelle: Seht ihr – am Ende hat er doch das gemacht, was sie gesagt hat!

Wobei ich eher meine: Jesus hätte sicher auch geholfen, wenn seine Zeit gekommen wäre und seine Mutter gar nichts gesagt hätte.

Ich glaube, diese kleine Begebenheit wird uns erzählt, um uns Maria mit ihrem Verhalten als Vorbild zu zeigen.

Denn verletzt sein und schmollen – das wäre eine so menschliche Reaktion. Und vielleicht sind wir manchmal auch so:

Der liebe Gott hört nicht gleich, er macht nicht, was wir wollen, oder er sagt uns was, was wir nicht gerne hören – also schmollen wir mit ihm.

Maria macht das nicht.

Vorbildlich.

Und auch die Diener sind wirklich bemerkenswert:

Sie tun genau das, was Jesus ihnen sagt.

Gut, das erste ist noch nicht so bemerkenswert: Sie füllen die großen Steinbehälter neu mit 600 l Wasser. Das ist unbequem und anstrengend, aber das kann man schon mal machen.

Aber was sie dann tun, das ist echt bemerkenswert.

Jesus sagt ihnen: „Nun bringt dem Mann, der für das Festmahl verantwortlich ist, eine Kostprobe davon!“

So einen Quatsch! So ein Unfug!

Sie riskieren damit einen riesen Anschiss. Oder im besten Fall die Frage: Wollt ihr mich verarschen?

Die Diener machen es trotzdem.

Obwohl sie wissen, dass das, was sie tun sollen, in ihren Augen Quatsch ist. Keinen Sinn macht.

Obwohl sie wissen, dass sie sich damit Probleme einhandeln können. Einen Anschiss. Vielleicht sogar einen Rausschmiss.

Sie tun es trotzdem. Und dabei geschieht ein Wunder. Ohne Blitz und Donner, ganz heimlich, still und leise.

Weil sie tun, was Jesus ihnen sagt.

Sie machen es übrigens anscheinend ohne darüber groß nachzudenken, ohne groß zu diskutieren:

Was soll das? Was könnte da passieren?

Sie machen es einfach.

Und so wird aus Wasser Wein.

Kennt ihr das Spiel „Kommando Pimperle?“

Das geht so:

Die Teilnehmer sitzen um den Tisch. Es werden mehrere Kommandos vereinbart und geprobt, etwa:

Pimperle: den Zeigefinger auf den Tisch legen

Hoch: die Arme sind in die Höhe zu strecken

Tief: die Arme müssen unter den Tisch gesteckt werden

Flach: die Handfläche ist auf den Tisch zu legen

Faust: die Faust ist auf den Tisch zu legen

Ellbogen: die Ellbogen sind am Tisch aufzustützen

Einer darf nun die Kommandos geben, die er und die anderen Spieler sofort auszuführen haben. Allerdings: nur wenn der Befehl mit „Kommando …“ beginnt, dürfen es die Spieler auch auszuführen. Alle anderen Befehle sind zu ignorieren. Wer trotz ungültigen Befehls eine Aktion durchführt, trotz gültigen Kommandos keine Bewegung macht oder eine falsche Bewegung durchführt, bekommt einen Strafpunkt, scheidet aus, muss ein Pfand abgeben, oder wird zum nächsten Kommandogeber.

Im Angelsächsischen Sprachraum gibt es ein ähnliches Spiel, das heißt: Simon says – Simon sagt. Da gibt es auch einen Spielleiter, der Kommandos gibt, die aber nur befolgt werden dürfen, wenn er vorher sagt: Simon says – Simon sagt.

Im christlichen Raum gibt es ein ähnliches Spiel, das heißt: Jesus sagt. Und das geht so:

Jesus sagt etwas, was die Christen tun sollen – und die Christen denken darüber nach.

Und finden es eine tolle Idee.

Aber tun es nicht.

Das ist so, wie wenn ich meinem Sohn sage: Dein Zimmer sieht aus wie ein Saustall – geh es aufräumen. Und er geht und nach einer Stunde kommt er wieder und sagt mir: Ich habe meine Freunde angerufen und wir haben darüber geredet und wir sind uns einig:

Das mit dem Zimmeraufräumen ist echt eine gute Idee. Wir sind alle total begeistert davon.

Und hast Du dein Zimmer aufgeräumt?

Nein – aber ich habe einen kleinen Text darüber geschrieben, wie gut es Zimmern tut, aufgeräumt zu werden.

Hallo? Geht’s noch?

Aber ich glaube, genau so gehen wir oft mit dem um, was Jesus sagt.

Die Diener haben sich angehört, was Jesus ihnen gesagt hat, und haben es gemacht.

Übrigens anscheinend ohne jede Diskussion.

Und wir? Wie gehen wir mit den Sachen um, die Jesus uns so sagt?

Was sagt er denn so?

Er sagt Sachen wie:

Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch das Leben schwer machen und betet für die, die euch verfluchen.

Er sagt: Häuft in dieser Welt keine Reichtümer an! Sammelt lieber Schätze im Himmel!

Er sagt: Macht euch keine Sorgen um euer Leben! Setzt euch zuerst für Gottes Reich ein und dafür, dass sein Wille geschieht. Dann wird er euch mit alle anderen versorgen!

Er sagt: Urteilt nicht über andere! Hütet euch davor hochmütig auf die herabzuschauen, die euch klein und unbedeutend scheinen!

Er sagt: Wenn du ein Fest machst, dann lade diejenigen ein, die sich nicht mit einer Gegeneinladung revanchieren können.

Er sagt: Vergebt ein und dasselbe nicht einmal, nicht sieben Mal, sondern siebenundsiebzig Mal!

Er sagt: Du sollst Gott lieben, von ganzen Herzen, und deinen Nächsten so wie dich selbst.

Er sagt: Wenn dich etwas zur Sünde verführt, dann wirf es weg!

Er sagt: Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel auch barmherzig ist!

Er sagt: Erzählt den anderen Menschen von mir, macht sie zu meinen Jüngern!

Er sagt.

Jesus sagt.

Und er sagt das nicht einfach so, er meint das alles auch so.

Und er meint damit immer auch uns.

Jesus sagt.

Und was machen wir?

Vielleicht liegt es an diesem blöden Spiel, dass es bei uns so viel Wasser gibt und so wenig Wein.

Aber das Gute ist:

Niemand muss dieses Spiel so weiterspielen.

Niemand.

Wir können es wie die Diener machen.

Einfach machen.

Und schauen, was passiert.

Und es wird was passieren.

Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

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