Gott sehen wollen

Liebe Gemeinde

Ich habe in meinem Leben alles erfahren, was nun ein Mensch erleben und mit den Sinnen aufnehmen kann. Nur eines habe ich nicht gesehen in meinem ganzen Leben: Gott habe ich nicht gesehen.

So spricht am Ende seiner Tage der König in Leo Tolstois Märchen „vom König, der Gott sehen wollte.“

Und der König fährt fort: „Und ich wünsche, ihn noch zu sehen.“

Sein Wunsch ist für die Weisen und Mächtigen im Land ein Befehl. Insbesondere, weil der König sie mit der Todesstrafe bedroht, wenn sie seinen Wunsch nicht binnen dreier Tage erfüllen.

Aber niemandem gelingt es.

Da kommt ein Hirte vom Feld, der von dem Wunsch des Königs gehört hat, und sagt: „Ich will dir Gott zeigen.“

Der König warnt: „Bedenke, es kostet deinen Kopf, wenn ich mit deinen Antworten nicht zufrieden bin.“

Der Hirte hat keine Sorge und bittet den König, mit ihm auf den Marktplatz zu kommen. Es ist ein sonniger Tag, und er sagte dem König: ,,Schau in die Sonne!“ Der König tut es. Dann aber schreit er: „Willst du, dass ich erblinde!“ „Siehst du“, sagt der Hirte, „du kannst nicht einmal ein von Gott geschaffenes Ding schauen. Wie willst Du mit Deinen schwachen, tränenden Augen GOTT schauen?“

Ein alter Wunsch der Menschheit in einem modernen Märchen.

Und ich vermute, dass dieses Märchen von Tolstoi auf unseren heutigen Predigttext zurückgeht.

Für den König ist der Wunsch, Gott zu sehen scheinbar, ein Luxusproblem.

Er hat eigentlich alles – nicht nur im Sinne von Besitz, nein, erhat sogar alles erlebt und erfahren, was man im Leben erfahren kann.

Fehlt nur noch das eine.

Ich weiß nicht, ob die Frage für sie auch so eine Luxusfrage ist.

Vielleicht.

Vielleicht ist sie Ihnen im Gegenteil auch völlig unwichtig.

  • Weil ihnen eh völlig klar ist, das das nicht geht.
  • Oder weil gerade 1000 andere Fragen wichtiger im Leben: „Ich wär schon froh, wenn ich bei meinen eigenen Problemen mal einen Lichtblick sehen würde.“

Vielleicht können Sie sich aber hinein versetzen in einen Menschen, dem diese Frage unendlich wichtig ist.

Das ist eigentlich auch bei Tolstois Geschichte so. Denn sie beginnt mit dem Satz:

In einem fernen Land lebte einst ein König, den am Ende seines Lebens Schwermut befallen hatte.

Doch kein Luxusproblem. Er ist dem Tod nahe und von Schwermut befallen.

Und plötzlich ist so gut nachzuvollziehen, dass er Gott sehen möchte.

Trotz allem Wissen, dass das ja eigentlich nicht geht – einmal Gott sehen und wirklich wissen, dass er da ist.

Ich glaube, je mehr ein Mensch sein Leben wirklich lebt – nicht nur oberflächlich, sondern sich mit Haut und Haar und offener Seele dem Leben aussetzt – desto drängender kann dieser Wunsch werden, Gott sehen zu wollen, trotz des theoretischen Wissens, dass das nicht geht.

So scheint es mir in unserem Bibeltext.

Sie kennen ja die Geschichte von Mose:

Während der Sklaverei seines Volkes in Ägypten hatte er im Zorn einen der Sklaventreiber erschlagen und musste fliehen. In der Ferne beruft ihn Gott, dass er, Mose,  das Volk aus der Sklaverei befreien soll. Er will nicht, wehrt sich, ist dann aber doch bereit und widmet sich dann mit seiner ganzen Existenz in dieser Aufgabe. Er flieht schließlich in einer Nacht- und Nebelaktion mit dem ganzen Volk. Um Haaresbreite entkommen sie im Schilfmeer der nachsetzenden Armee des Pharao.

Dann ziehen sie durch die Wüste bedroht von Hunger, Durst und neuen Feinden. Sie kommen zum Gottesberg. Und als Mose auf den Berg geht und tagelang nicht wiederkommt, da hält das Volk es nicht mehr aus, solch einem unsichtbaren Gott zu folgen. Und sie machen sich ein Bildnis, ein Symbol zumindest, für Gott. Sie machen dieses Stierbild. Ein Zeichen für einen starken Gott, dem sie folgen können.

Als Mose wiederkommt und sieht, was in seinen Augen Götzendienst ist, zerschmettert er vor Wut und Verzweiflung die Tafeln mit Gottes Geboten.

Aber nur kurze Zeit später leidet auch er wieder darunter, diese große Verantwortung für das Volk zu tragen. Mose redet mit Gott. Ringt um seinen Weg.

Und dann legen die Erzähler ihm, Mose, diese so menschliche Bitte selbst in den Mund. Den Wunsch, den eigentlich auch das Volk hat:

Ich lese (2. Mose 33, 18-23)

Dann sagte Mose: Laß mich doch deine Herrlichkeit sehen! Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will. Weiter sprach er: Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. Dann sprach der Herr: Hier, diese Stelle da! Stell dich an diesen Felsen! Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück, und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen.

Ich wüsste nicht, wie man das schöner erzählen könnte, als in diesem Bibeltext: Die Unmöglichkeit, Gott zu sehen und zugleich die Vorstellung auszudrücke von der liebevollen Fürsorge Gottes.

Und indem die Menschen sich diese Geschichte erzählt haben, formulieren sie ein sprachliches Bild, weil ein gesehenes Bild nicht möglich ist.

Und halten damit zugleich auch fest, dass dieser menschliche Wunsch, Gott zu sehen, in Ordnung ist.

Ja, mehr noch: Ich glaube, dass dieser Wunsch kein zu belächelnder naiver Wunsch ist.

Vielmehr ist das so gerade ein Wunsch von Menschen, die nicht oberflächlich, naiv, leben, sondern von Menschen, die sich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele auf dieses Leben, diese Welt einlassen.

Auf all das Großartige, Schöne und all das Schwere und Furchtbare.

Menschen, die sich nicht mit dem Fernseher wegschalten, sondern das Leben an sich heranlassen.

Der Wunsch, Gott zu sehen, ist nicht naiv. Er erscheint mir manchmal wie der Wunsch, in das tiefere Angesicht der Wirklichkeit zu blicken, die uns umgibt. Die wir doch als von Gott getragen glauben wollen.

Ich glaube deshalb, gerade Menschen, die sich mit offenem Herzen und offner Seele auf diese Welt einlassen, verspüren diesen Wunsch. Sei es, weil sie gerade das Schöne dieser Welt erfahren, oder sei es, weil sie gerade das Schwierige, Schlimme unserer Wirklichkeit erfahren.

Gott, wo bist Du? Ich möchte Dich sehen!

Aber wie?

Ich habe Ihnen das Ende des Märchens von Tolstoi vorenthalten.

Der Hirte sagt nicht nur: „Wie willst Du mit Deinen schwachen, tränenden Augen GOTT schauen?“, sondern fährt fort: „Suche ihn mit anderen Augen.“

Mit anderen Augen Gott suchen.

Ich erzähle Ihnen zum Abschluss noch eine andere Variante unseres Bibeltextes.

Einige hundert Jahre später haben die Menschen diese Geschichte noch einmal neu erzählt. Eben im Sinne des „nicht mit den Augen sehen“.

Sie erzählten sie neu in Bezug auf einen zweiten berühmten Menschen, den Propheten Elia. Auch er einer, der sich ganz leidenschaftlich und mit Haut und Haar auf die Welt, das Leben und Gott eingelassen hat.

Als er völlig am Ende ist und überhaupt nicht mehr weiter kann betet er: „Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben.“

Doch Gott stärkt ihn mit Brot und einem Krug Wasser und fordert ihn auf, wie Mose zu demselben Berg zu gehen.

Dort angekommen sagt ihm Gott nun von sich aus:

11 Komm und stell dich auf den Berg vor den Herrn!

Da zog der Herr vorüber:

Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm.

Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben.

12 Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer.

Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln.

13 Als Elija es hörte, hüllte er sein Gesicht in den Mantel, trat hinaus und stellte sich an den Eingang der Höhle.

Gott mit anderen Augen suchen.

Amen.

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