Gnadensprengsel

Liebe Gemeinde,

was Gott uns alles bringen könnte:

Frieden in Aleppo. Das langsame Verrecken der Menschen und die Verwandlung der Stadt in eine apokalyptische Trümmerwüste durften wir in den vergangenen Jahren und jetzt besonders in den letzten Monaten in sicherer Entfernung vor dem Fernsehbildschirm erleben. Ein Bild hat sich besonders bei mir eingebrannt hat: Der fünfjährige Omran, staubbedeckt, sitzt vollkommen traumatisiert in einem Rettungswagen. Er hat einen Bombenangriff überlebt – aber wie? Die tiefen Wunden in seiner Seele sehen wir nicht. Ein paar Tage später lese ich in der Zeitung, dass Omrans älterer Bruder, ich glaube er war 10 Jahre alt, den Bombenangriff nicht überlebt hat.

Das Bild von Omran, die Geschehnisse in Aleppo: Sie stehen ja nicht für sich alleine, sondern für all die bekannten und unbekannten Orte, an denen Gewalt und unfassbare Brutalität ihr blutiges Fest feiern.

Gott könnte endlich Frieden bringen.

 

Gott könnte Gerechtigkeit bringen. Während wir gebannt wie das Kaninchen vor der Schlange auf die Nachrichten von Krieg und Terror hören, leben weiterhin 100e von Millionen Menschen einfach nur im Elend. Suchen ihr Essen auf Müllkippen. Können ihre Kinder nicht zur Schule schicken.

Wann geschieht ihnen Gerechtigkeit?

Gott könnte endlich Gerechtigkeit bringen.

 

Gott könnte Wahrheit bringen.

Es heißt doch in der Bibel: Die Wahrheit wird euch frei machen. Stattdessen triumphiert die Lüge, entscheidet Wahlkämpfe, hetzt Menschen auf, wird verbreitet über facebook und Twitter. „Wahr oder nicht, ich glaub die Geschichte.“

Gleich zwei neue Worte sind in diesem Jahr in unseren Wortschatz eingegangen: Postfaktisch – also: Tatsachen zählen nicht mehr. Und: Fake-News, ausgedachte Nachrichten werden uns als Tatsachen präsentiert.

Ist es denn gar kein gemeinsames Ziel mehr, nach der Wahrheit zu suchen?
Gott könnte endlich mal die Wahrheit bringen.

Der große Wurf, der Ruck.

Stattdessen dieses:

„Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Jesus geben.“

 

So klein ist der Wurf, den Gott macht.

Eine angekündigte Schwangerschaft, im Anfang groß wie eine Eizelle.

Und trotzdem: So genial, so schön.

Nicht noch mehr Waffen, nicht noch größeres Getöse.

Etwas Kleines beginnt, dass groß werden soll. Das aber auch Zeit braucht.

Das ist vielleicht erst einmal wenig in diesen Zeiten.

Und doch ist es viel mehr als die Schreihälse zu bieten haben.

Dass da noch jemand an Gnade glaubt in unbarmherzigen Zeiten. Uns zutraut, Gnade in diese Welt zu gebären. Eine ganz normale junge Frau war Maria, mit Hoffnungen für ihr Leben. Hier soll es wachsen. Und Maria sagt: Ja.

Es ist gut. „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“

 

Ich möchte die Dunkelheit dieser Welt nicht zu schnell wegreden, übertünchen mit heimeligen Adventskerzenschein. Wenn wir nachher das Friedenslicht in unsere Wohnungen und Häuser tragen, dann nehmen wir es ja auch nicht mit in eine heile Welt. Nein, sicher nicht zu vergleichen mit Aleppo. Aber der eine nimmt es mit in seine Traurigkeit über den Verlust eines lieben Menschen. Ein kleines Licht in das tiefe Loch der Einsamkeit, das der Tod geschlagen hat. Jemand anders braucht das Licht, weil Krankheit oder Gebrechlichkeit Grenzen setzt und Angst macht. Ein kleiner Hoffnungsschimmer über den eigenen Horizont hinaus.

Und die große Weltlage? Nicht einmal die Gutwilligen unter den Mächtigen wissen Rat. Aber besser als resignierte Gleichgültigkeit ist immer noch wenigstens für die Geschundenen zu beten. Sie nicht zu vergessen, und sei es mit Tränen der Hilflosigkeit.

Wer, wenn nicht wir, soll an der Sehnsucht festhalten, dass eine friedlichere und gerechtere Welt möglich ist?

Wer, wenn nicht wir, fängt damit an, nach der Wahrheit zu suchen und Lüge Lüge zu nennen?

 

Beeindruckt haben mich in der vergangenen Woche zwei junge Frauen. Nadia Murad und Lamiya Aji Bashar sind irakische Jesidinnen. Sie haben Furchtbares erlitten, ihre Familienmitglieder wurden umgebracht und sie vom IS als Sexsklavinnen gequält. Im Gegensatz zu vielen anderen gelang ihnen die Flucht. Jetzt sprechen sie offen über das, was ihnen geschehen ist, obwohl das die Wunden immer wieder aufreißt. Sie wollen ihren Leidensgenossinnen helfen und die Weltöffentlichkeit erinnern. In der vergangenen Woche erhielten sie den Sacharow-Preis des Europaparlaments.

So helfen sie ihrem Volk auf ihre Weise.

Indem sie nach Frieden und Gerechtigkeit schreien und die Wahrheit sagen. So dass auch wir sie hören und viele andere.

 

Mir imponiert es, dass die Pfadfinder in jedem Jahr ihre Friedenslichtaktion durchziehen. Junge Menschen, die auch am Traum von einer anderen Welt festhalten. Sie holen das Licht aus Bethlehem: Nicht digital, nicht mit einem elektrischen Licht. Nein, ganz analog.

Eine Flamme in einer Öllampe.

Das ist so altmodisch!

Und gerade darin so beharrlich und beeindruckend.

Ein ganz starkes Symbol. Danke dafür!

Wir dürfen das Licht nach Hause tragen und wissen: Menschen sehnen sich weiterhin nach einer friedlicheren und gerechteren Welt. Sie suchen nach der Wahrheit.

 

Das ist nicht der große Ruck. Es sind kleine Gnadensprengsel in einer unbarmherzigen Welt.

Wenn wir diese kleinen Gnaden-Eizellen hegen und pflegen, mögen sie wachsen. Wenn wir es sagen, schlicht und nach unserem Vermögen: ‚Ja. Es ist gut. Mir geschehe wie du gesagt hast.‘

Amen.

drucken