Die Liebe hört niemals auf

Liebe Gemeinde, heute am Ewigkeitssonntag,

an der Garderobe hängt noch sein Hut. Und hängt da nicht noch der Hauch ihres Parfums am Kopfkissen? Sie spielen unser Lied im Radio! Ich habe ihr Lachen im Ohr, so glockenhell und fröhlich…

Kurze Momente, die den Verlust vergessen machen. Da ist sie wieder, die Nähe, die man miteinander hatte und nach der man sich sehnt. Ein schöner Moment der Nähe, der jäh unterbrochen wird von der Erkenntnis: Er ist ja nicht mehr da. Sie ist gegangen für immer.

Der Schmerz durchfährt den ganzen Körper und sticht ins Herz.

Wenn ein geliebter Mensch geht, dann braucht unser Verstand eine ganze Zeit, bis er das begriffen hat. Noch viel länger aber braucht das Herz. Ist es wirklich wahr? Ich kann es immer noch nicht fassen… Eben waren wir doch noch jung, haben uns etwas aufgebaut, die Kinder großgezogen, schöne Reisen gemacht. All das vergangen, nie wieder?

Das tut so weh.

 

Wir wissen es alle: Niemand von uns kann die Zeit und das Leben festhalten. Das Leben ist Wandel, ist Veränderung. Und irgendwann können wir auch unsere Lieben nicht mehr festhalten, weil der Tod sie genommen hat. Nichts bleibt für ewig.

So hat es auch Paulus erkannt: das prophetische Reden wird aufhören. Das  Zungenreden wird aufhören und die Erkenntnis wird aufhören.  Das, was wichtig ist in seinem Glauben: Alles Stückwerk, nicht für ewig.

Wir Menschen lassen uns nicht gerne daran erinnern. Wir möchten gerne festhalten, behalten, was uns lieb und wert ist. Aber so ist das Leben nicht. Nur weil es weitergeht, können wir Neues erleben, können wir wachsen und werden.

„Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind.“

Aus dem Kind wird ein Mann, eine Frau. Ein Mensch, der sein Leben meistert, mehr oder weniger erfolgreich. Aber was ist schon Erfolg? Wichtig sind die Menschen, die zu mir gehören, zu denen ich gehöre. Was zwischen uns geschieht an Liebe und Füreinander, das ist wirklich wichtig. Das kann ich nicht kaufen oder einklagen, das ist Geschenk.

Die Kinder großgemacht zu haben, vielleicht das Glück, die Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Das ist schon viel, kann reich machen.

Lebensstücke. Lebensschatz auf Zeit.

Und dann?
„Wenn aber kommen wird das Vollkommene, dann wird das Stückwerk aufhören. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“

 

Ich höre daraus: Nichts ist verloren. Am Ende – oder am neuen Anfang – wird alles zusammengefügt zu einem Bild. Dann ergibt alles einen Sinn. Das was dunkel oder verschwommen blieb, wird klar. Und ich sehe von Angesicht zu Angesicht. Diese Ahnung, die mich manchmal berührt hat, dass da noch mehr ist als das, was ich sehen und benennen kann, die wird auf einmal Wirklichkeit. Eine Erkenntnis, nicht nur mit dem Verstand, sondern vor allen Dingen mit dem Herzen.

Nichts bleibt, außer einem:

Die Liebe wird niemals aufhören.

Das ist Gottes Versprechen an uns.

Nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen – nicht einmal der Tod.

Das ist schon einmal wahr geworden, als dieser ermordete Wanderprediger aus Nazareth es allen gezeigt hat. Sie konnten die Liebe nicht töten. „Ich lebe und ihr werdet auch leben“.

 

Die Liebe wird niemals aufhören.

Ist das nicht genau die Erfahrung, die wir machen, wenn wir einen geliebten Menschen loslassen müssen?

An der Garderobe hängt noch sein Hut. Und hängt da nicht noch der Hauch ihres Parfums am Kopfkissen? Sie spielen unser Lied im Radio! Ich habe ihr Lachen im Ohr, so glockenhell und fröhlich…

So weh sie auch tun. Das sind Momente der Liebe.

Der Verstorbene ist nicht mehr bei uns, aber die Liebe schlägt eine Brücke. Jeder Erinnerungsfetzen, jeder gute Gedanke, jedes Schmunzeln im Rückblick, jede Anekdote, die alle zum Lachen bringt, und auch jede Träne sind Bauteile dieser Brücke. Solange wir leben und noch unseres Geistes mächtig sind, können wir über diese Brücke gehen. Fotos betrachten, uns erinnern, ein Gebet sprechen, zum Friedhof gehen.

Die Liebe bleibt: Bei uns Menschen, aber noch viel mehr bei Gott.

Auch wenn kein Mensch mehr sich erinnern kann – Gottes Liebe war und ist und bleibt.

Sie ist nicht Stückwerk, sie ist vollkommen.

Dass wir auch nach unserem Tod in dieser Liebe bleiben, das ist unser Glaube. Das ist unsere Hoffnung. Kraftquellen. Die größte unter den Kraftquellen aber ist die Liebe. Amen.

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