Jahreszeitlich eingetrübt

„…und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“

Seit einigen Tagen sind die Taschentücher knapp.

Immer dann wenn der Blick auf den leeren Stuhl gegenüber fällt,

wenn die unerträgliche Stille in der Wohnung alles verschluckt.

Dann ziehen doch Tränen über die Wangen.

Salzig und bitter,

wie das Erlebte.

Salzig und bitter,

wie der Verlust.

Die letzten Tage,

stecken mir noch in den Knochen.

Dein Grab schmerzt.

 

Die Nachbarn grüßen, aber ihnen fehlen die Worte.

Wie viele Worte gibt es auch dafür?

Keines wird dich zurück bringen,

aber ein starkes, ein großes Wort wäre hilfreich.

Ein Wort, wie ein Geländer.

Zum Festhalten und aufrichten.

Keine billige Verheißung.

„Siehe, ich mache alles neu!“ sagt Gott.

Wie gerne möchte ich das glauben.

 

Die Beileidskarten kann ich auswendig.

Ich öffne die Umschläge und Trost fließt mir entgegen.

Aber ich habe Angst, dass sich der Trost verflüchtigt,

wenn ich die Briefe zu oft öffne.

So wie Kohlensäure aus einer Flasche Sekt entweicht,

die zu lange offen steht.

Du würdest jetzt lachen

und dich ein ganz klein bisschen lustig machen über mich.

 

Alles ist neu, aber alles ist so anders.

Der Strom der Besucher ist verebbt.

Das Telefon klingelt auch nicht mehr so oft.

Der Alltag hat alle anderen wieder.

Ein Alltag, der ein so ganz anderer ist als meiner.

 

Morgens stelle ich immer noch zwei Gedecke auf den Tisch.

Manchmal sehe ich dich, wie du die Zeitung umblätterst.

Oder ich meine, dich zu hören, wie du die Haustür aufschließt.

In der Stadt rieche ich dein Parfum und erschrecke.

 

Und ich rede mit dir.

Ich schaue dann zu deinem Foto und erzähle dir,

was ich heute mache.

Weiß Gott, ich bin nicht verrückt.

Ich vermisse dich nur so sehr.

Und ich erinnere mich an das,

was wir alles zusammen erlebt haben.

Was haben wir gelacht.

Manchmal wünschte ich, ich hätte davon was aufgespart.

So viel Leben.

 

Und am Abend des Tages –

alleine im viel zu großen Bett –

ist da nur das Gefühl, als ob die Erde eine Scheibe wäre

und ich am Rand.

Jederzeit den Moment erwartend,

selber hintenüber zu fallen.

Von der Scheibe, über den Rand, ins Ungewisse.

Du bist nicht da.

Und mein Leben hängt fest im Novembergrau,

alles ist – jahreszeitlich bedingt – eingetrübt.

Die Meteorologen beschreiben meine Wirklichkeit.

 

Um mich herum, so scheint es, haben alle ein Ziel.

Warme, helle Wohnungen.

Nur ich irre umher.

Und wenn du „Leben“ von hinten liest heißt es „Nebel“.

Und dahinter stehe ich.

Nichts glänzt.

Alles ist matt.

Alles ist irdisch.

Nichts ist himmlisch.

 

Die Kinder melden sich, sie kümmern sich – so gut sie eben können.

Die Nachbarn schauen ab und an nach mir.

Die Tage kommen, die Tage gehen.

Alles ist wie immer.

Und doch ist alles anders.

 

Hoffentlich hört das bald auf.

Trauer macht müde.

Und die Last ist schwer,

die Endlichkeit kaum zu ertragen.

Aber ich möchte glauben, dass die Tränen aufhören,

dass der Schmerz weniger wird.

 

„Siehe, ich mache alles neu!“, sagt Gott.

Und ich habe so viele andere Bilder in mir.

Auch ohne, dass ich die Alben hervorhole.

Und ich heule jedes Mal, wenn ich dich sehe.

Und dann wünsche ich mir,

einen neuen Himmel und

eine neue Erde.

Und ich wünsche mir,

dass meine Tränen nicht nur trocknen,

sondern dass einer kommt, der sie abwischt

und der Tod seine Macht verliert.

 

Und ich spüre, dass es noch Zeit braucht.

Noch schmerzen die Narben,

machen mich stumm.

Aber morgens sehe ich,

wie die Sonne im November durch die Wolken bricht,

wie sie den Nebel auflöst,

den Horizont aufreißt

und freundlich auf mein Leben scheint.

Und dann kann ich glauben, dass es besser werden kann.

Wie im Himmel, so auf Erden.

 

Amen.

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