Das Erwachen am Morgen danach (Römer 3, 21-28)

Das Erwachen am Morgen danach…

Wie wird es wohl sein?

Wieder von allem ein bisschen zu viel, wie beim letzten Geburtstag? Trotz aller guten Vorsätze diesmal Maß zu halten und aufzupassen…? Dann am nächsten Morgen, schon ein wenig ernüchtert aufgewacht, überall noch Reste, die weggeräumt oder verbraucht werden müssen?

Es waren mindestens so viele Gäste, wie erwartet, erhofft, jedenfalls deutlich mehr als zuletzt befürchtet, bestimmt ein gutes Zeichen…,

schön so viele Freunde zu haben

Jetzt liegen da noch einige Luthersocken herum, ein paar Flaschen Luther Bier sind nicht leer getrunken, andere noch nicht einmal geöffnet, das Lutherbrot ist nicht ganz frisch, aber sicher genießbar…

Luthers Hochzeit war ein Spektakel, ein Volksfest ,ein grandioses Historienspiel – und ob wir das beim nächsten Mal toppen können, muss man sehen!

Der Morgen danach….

Heute ist der „Morgen danach“  noch nicht da

Der Tag und mit ihm das Jahr, an dessen Ende das große Reformationsjubiläum gefeiert wird, brechen gerade erst an. Es soll erst noch richtig zur Sache gehen, die Einladungen sind verschickt, die Vorbereitungen gehen in die Schlussphase… die Stimmung reicht von ängstlich über erwartungsvoll bis freudig erregt. 500 Jahre Reformation… ein ganzes Land erinnert sich an Wurzeln, die längst vergessen, überholt oder gar überwunden schienen.

Freude, Aufregung, Scham, Trauer – die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen schwingt mit.

Was als ein religiöser und kultureller Aufbruch begann, war auch Ursache für Streit, blutige Konflikte und Auseinandersetzung bis in die Gegenwart hinein. Was die Kirche erneuern sollte, hat durch die Spaltung ihr Zeugnis und ihre Glaubwürdigkeit auch geschwächt. Wer darf eigentlich feiern? Protestanten oder eine ökumenische Christenheit, wen feiern wir: Luther und seine Mitstreiter Melanchthon und Bugenhagen, vielleicht noch Zwingli und Calvin, regionale Größen, die für die lokale Reformationsgeschichte wichtig waren oder doch ökumenisch ein Christusfest?

Ich habe nicht repräsentativ einmal gefragt, was denn bis heute geblieben ist von der Reformation und der Zeit danach und war von den Antworten überrascht:

  • Die Ehe als etwas menschlich-weltliches. Man kann sich auch scheiden lassen, so schön die Liebe ist, so vergänglich kann sie auch sein, ein Sakrament, ein (All)Heilmittel ist sie nicht.

  • die Bibel in der Muttersprache,

  • Die Bedeutung und die Unabhängigkeit jeder einzelnen Gemeinde

lauteten einige Antworten:

  • und das die Frage nach einem gnädigen Gott sich bisher niemand gestellt habe, vielmehr sei doch die Frage, warum oder ob ich so viel Gnade, so viel Gutes in meinem Leben überhaupt verdient habe, wie ich es erfahre

Da hat einer schon ein Urteil über sein Leben gefällt. Vielleicht lag das auch am Alter, solch eine Lebensbilanz nach achtzig und mehr Jahren: so viele Gnade, so viel Gutes…

Aber die Frage bleibt:: was ist eigentlich nach 499 Jahren seit dem Thesenanschlag in Wittenberg von den Antworten des Glaubens der Mütter und Väter geblieben?

Die historischen Orte sind alle wiederhergestellt, Geschichte ist begehbar und erlebbar, Wittenberg ist nicht nur eine hoffentlich lebendige Stadt , es ist auch im besten Sinne ein Freilichtmuseum für Reformationsgeschichte…

Heute feiern wir auch die neue alte Luther-Bibel, die der Reformator mit großer Sprachbegabung und fleißigen Helfern übersetzt und massentauglich gemacht hat. Mit dem heutigen Reformationstag wird die neu überarbeitete Fassung, angepasst an die Bedürfnisse unserer Zeit, aber den Grundsätzen der Reformatoren verpflichtet, in den Gottesdiensten eingeführt. Eine Übersetzung für Fortgeschrittene hat ein Bearbeiter sie genannt, weil sie in ihre Sprache durchaus der Tradition verpflichtet ist und eine Sprache bewahrt, die traditionsverbunden klingt und sich nicht jedem immer und automatisch erschließt. Wer Jugendsprache, moderne Mediensprache, wissenschaftliche Sprache, Sprache am Klang der Originale orientiert lesen will, kann auf viel andere Übersetzungen zurück greifen. Aber mit Luther entdecken wir auch wieder unsere eigenen Wurzeln, benennen Generationsverbindendes. Und Sprache verbindet, sie stiftet Identität und sie hilft Menschen miteinander in Verbindung zu treten. Sie macht uns menschlich, ist aber auch ein scharfes Schwert und eine gefährliche Waffe.

Sprache ist geprägt: Situationen und Anlässe haben oft ihre eigene Sprache. Wir ahnen, wie Gottesdienst klingt und Luthers Bibelübersetzung lässt davon etwas anklingen, auch im Alltag.

Dabei wollte der Reformator durchaus eine alltagstaugliche Sprache. Er empfahl auf die Marktplätze zu gehen, auf die Straßen und Höfe, den Kindern beim Spiel zuzuschauen, den Eltern zu lauschen, also dem Volk aufs Maul zu schauen, um sprachfähig zu werden und die richtigen Worte zu finden.

Nun ist die Bibelüberarbeitung zwar ein Werk der Gelehrten an Schreib- und Konferenztischen geworden, die manchmal Mehrheitsentscheidungen herbeiführen mussten, aber der Grundsatz bleibt doch, dass in der Art, wie wir Menschen miteinander reden, klingt an, was sie bewegt , umtreibt, auf welche Fragen sie Antworten suchen und welche Ängste sie heute umtreiben. Und darauf will und muss der Glaube antworten, wenn Gott uns in unserem Leben etwas angeht. Das kann ich nicht allein an einer Bibelübersetzung festmachen, da sind wir Christen allesamt gefragt in der Art, wie wir reden, singen, beten und damit kommunizieren.

Die Reformation hat die Bibel demokratisiert. Vielleicht ist das eines der entscheidenden Ergebnisse der Reformation. Religiöses Wissen ist kein Geheimwissen nur speziell Gebildeter und Geschulter oder gar in die Mysterien Eingeweihter. Die Bibel als Buch des Glaubens, voller Gotteserfahrung und Gottesbegegnung, gehört nicht nur in jedes Bücherregal, sondern auch in jedermanns Hand und will gelesen werden. Jedermann und jede Frau darf sie lesen und soll sie lesen. Dazu muss sie verständlich sein, verbreitet und alle müssen lesen können, damit das Priestertum aller Gläubigen wirklich und wahrhaftig gelebt werden kann.

Schulbilduung tut Not und die Bibel mit ihren Geschichten war beinahe jahrhundertelang die Fibel, mit der alle lesen gelernt haben. Es ist also evangelisch, die Bibel miteinander zu lesen. Laut und vernehmbar, mit Gelegenheit darüber zu reden, sich auszutauschen, auch kontorvers…oder aber einfach auch mal nur, um die Worte, Geschichten, Lieder , Gedichte und Gebete erklingen zu lassen.

Welche Dynamik das entwickeln kann, welche kulturbildende und geschichtsbestimmende und lebenumkrempelnde Wirkung das haben kann, hat Martin Luther gerade mit dem Predigttext des heutigen Reformationstages erlebt. Er war ihm Qual über lange Zeit, weil er die Gerechtigkeit Gottes als Maß, mit dem der sündige Mensch gemessen, und als Richtschnur, mit der verurteilt wird, gefürchtet hat und er wuwrde ihm zur Paradiespforte, als er erkannte, dass Gott uns mit seiner Gerechtigkeit krönt und freispricht, weil Christus die Quelle der Vergebung, der Versöhnung und der Gerechtigkeit ist.

Und ich bin mir sicher: viele können von solchen Bibelworten erzählen, die ihnen zu einer Quelle, einer Oase, zu einer Kraft, zu einem Paradiesgarten, zu einem Trost oder aber auch zu einem Ort der Entscheidung und Klärung wurden. Unser Glaube würde verhungern und verdursten ohne die Bilder und Bildsprache von Psalm 23 und vielen anderen, unsere Weihnachtsfeste verlören ihre Strahlkraft ohne die Worte, die die Geschehnisse von Bethlehem erinnern. Wie viel Kraft, wie viel Poesie, wie viel Musik, wie viel Leben in den alten Worten, weil der Gott,der uns in diesem Wort aus Menschenmund begegnen und unser Leben verändern will, lebendig ist.

Fragen wir nach Gott – jedes Leben kennt und hat seine Fragen nach Gott – dann werde ich vor allem in diesem Buch Antworten finden…

Manche sagen: es ist nicht mehr der Mensch, der sich vor dem Richterstuhle Gottes wiederfindet und auf den gnädigen Gott hoffen muss, es ist heute Gott, der sich vor den Menschen verantworten muss angesichts des Leids und der Ungerechtigkeit, die seiner Schöpfung innezuwohnen scheint. Der Mensch fragt radikal, ob da ein Gott ist; er muss gnädig sein in seinem Umgang mit Gott oder er wird wie Nietzsches Narr umherlaufen und verkünden, das Gott tot sei, weil er ihn durch sein Vergessen, durch seine Ignoranz oder durch seinen Spott getötet habe. Dann lese ich (nicht nur) Römer 3 und entdecke mich als Mensch neu in meinem Hochmut Gott gegenüber ( aber übrigens oft auch mit religiösem Hochmut gegenüber anderen Glaubenden ), dann lese ich die Leidensgeschichte Jesu und wie er sich dem Spott der Menschen ausgeliefert hat, um am Ende den Spott verstummen zu lassen in betroffenem Schweigen und lautem Jubel am Ostermorgen.

Ich lese als Christ der reformatorischen Kirchen den heutigen Predigttext und denke:

  • ja – wir müssen wieder lernen menschlicher und ehrlicher mit Schuld, Versagen, Reue und Neuanfang auf allen Ebenen des persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Lebens umzugehen. Wir alle werden schuldig, wir alle sind auf Einsicht und Vergebung angewiesen. Mit der ersten der 95 Thesen: unser ganzes Leben muss und wird Buße sein – um Gottes und unserer willen

  • ja wir sind alle gleich vor Gott – in unserer Schuld und in unserem Versagen, in unserem Hochmut, in unserer Unfähigkeit das Richtige, das wir erkennen, auch zu tun.

  • Wir sind aber auch vor Gott alle gleich in unserer Menschlichkeit, in unserer Geschöpflichkeit. Vielfalt ist ein Kennzeichen der Schöpfung. Aber sie darf nicht zur Ausgrenzung, Abgrenzung, Überheblichkeit, zu Hass und Gewalt, zu Unterdrückung und ähnlichen Herrschaftsformen der einen gegen die, die anders sind, führen. Vor Gott sind wir alle gleich in Schuld und in Vergebung, in unserer Gottesebensbildlichkeit und in unserer manchmal stillen, manchmal lauten Hoffnung auf den einen Gott, der der Ungerechtigkeit auf Erden nicht das letzte Wort überlässt.

Und wer jetzt in evangelischer Freiheit seine Bibel zur Hand nimmt, darin liest, mit anderen um das rechte Verständnis ringt, dem wird sich Gott als wirklich und lebendig, als stark und tröstend, als väterlicher und mütterlicher Freund und Herr in aller Klarheit und in aller Verbindlichkeit zeigen. Da bin ich mir sicher, Gott sei Dank!

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