Wir sind des Herrn

Vom Reformationstag behalten wir oft nur als Gedanken zurück: Gott liebt uns ohne alle Bedingungen – allein aus Gnade. Wir brauchen keine religiösen Pflichten zu erfüllen, nicht zu beichten, nicht in die Messe zu gehen und schon gar nicht zu fasten.

Das ist auch richtig – im Prinzip zumindest. Aber schon der Apostel Paulus muss sich mitunter damit auseinandersetzen, dass manche ChristInnen meinen, ihnen sei alles erlaubt, alles sei egal. Paulus dagegen geht es um einen Lebensstil aus dem Glauben heraus. Er erlebt Menschen, die ihre Überzeugung als die einzig richtige darstellen und damit auf dem Gewissen ihrer Mitmenschen herumtrampeln, die aus Gewissensgründen andere Entscheidungen getroffen haben. Konkret geht es dabei um die Frage: Darf ich Fleisch essen, dass bei heidnischen Ritualen eine Rolle gespielt hat? Er hatte seine Meinung. Aber darum geht es nicht. Und darum schreibt er Folgendes:

7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. 8 Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.  9 Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Der Ernstfall des Glaubens ist nicht der Tod, sondern das Leben. Das Bekenntnis zur Auferstehung ist ein Protest gegen die Herrschaft des Todes. Und dieses Bekenntnis will mit Leben gefüllt werden.

Wir erleben das ja immer wieder, dass diese Worte im Zusammenhang mit Tod und Beerdigung zitiert werden, aber da gehören sie nicht allein hin. Sie gehören genauso mitten ins Leben – hinein in meinen Alltag.

Es geht Paulus um die vielen Entscheidungen, die wir treffen. In seinem Fall geht es um das Essen, das schon damals ein beliebtes Streitthema war. Damals ging es um die Frage. Darf ich als Christenmensch Fleisch essen, das in fremden Religionen beim Opfer eine Rolle gespielt habe? Dieses Fleisch war besonders günstig auf dem Markt zu haben, aber es war für manche Glaubende ‚anrüchig‘.

Heute haben wir eher die Diskussion vegan, vegetarisch oder Allesesser. Aber auch da gibt es gute auch christliche Argumente, die gerne hin- und herfliegen dürfen.

Paulus würde wahrscheinlich auch hier keine Wertung abgeben. Aber er würde uns nach unseren Motiven fragen. Für ihn ist entscheidend: Treffen wir unsere Entscheidungen aus Bequemlichkeit oder weil andere dasselbe machen. Oder können wir unser Tun vor Gott verantworten? Leben wir das, was wir glauben? Das stellt er in den Mittelpunkt: Leben wir, so leben wir dem Herrn. Es ist eben nicht alles egal, was wir tun und wir haben auch nicht alle Freiheiten dieser Welt. Wir gehören zum Herrn.

Wir geben uns ja manchmal gerne der Phantasie hin, wir hätten alles im Griff und würden auch alles richtig machen. Zumindest alles Wichtige. Auch dann antwortet Paulus uns: Leben wir, so leben wir dem Herrn, wir gehören dem Herrn. Nicht Ihr habt alles im Griff. Im besten Falle hat der Engel Gottes seine Hand über euch.

An einer Stelle will ich allerdings Paulus gerne widersprechen: Das gibt es, dass Menschen sich selber leben und sterben, weil sie niemanden haben, der mit ihnen ist: im Leben nicht und beim Sterben schon gar nicht. Das geschieht immer wieder, dass Menschen nur sich haben und niemanden, der nach ihnen schaut außer diversen Lieferdiensten und dem Pflegedienst. Aber die tun das ja letztendlich aus beruflichen Gründen.

Wo so etwas geschieht, ist christliche Gemeinde besonders herausgefordert, weil es auch in ihrer Mitte geschieht. Sie will leben, dass Liebe auch die spüren, die niemanden haben. Daran dürfen wir arbeiten, dass Menschen dem Herrn leben, auch wenn sie davon nichts wissen wollen. Darin werden wir immer wieder auch scheitern, werden miterleben, dass wir Menschen in ihrer Not nicht wirklich helfen können. Aber noch schlimmer wäre es, es nicht einmal versucht zu haben.

Das Gericht können wir uns nicht vorstellen. Aber wir können hinschauen, was wir aus unserem Leben, aus unseren Möglichkeiten und Gaben gemacht haben und dafür Verantwortung übernehmen. Wir können hinschauen, wie Menschen Gericht erleben mitten im Leben. Und wir können helfen.

Alle meine Entscheidungen muss ich vor Gott und vor den Menschen verantworten können. Die Freiheit eines Christenmenschen befreit von manchen religiösen Fastengeboten aber nicht vom Respekt vor Gottes guter Schöpfung. Und auch nicht vom Respekt vor seinen Geschöpfen und schon gar nicht von dem Respekt vor dem Bild Gottes, dem Menschen.

Und ich denke hierum geht es auch schon Paulus. Klare Riten und Regeln schaffen zwar die klaren Entscheidungen und Grenzen, nach denen wir uns manchmal sehnen, sie entsprechen aber nicht dem Willen Gottes und nicht dem menschlichen Leben, in dem es öfter keine klaren Antworten gibt, sondern nur vorläufige Antworten aus meinem Gewissen und aus meiner Verantwortung vor Gott.

Ich muss die Antwort finden, die mir in meinem Leben, in meiner Situation entspricht – und ich darf den Rest in Gottes Hände legen; denn im Leben oder im Tode ich gehöre zum Herrn. Das kann mir keiner nehmen, davon kann mich keiner befreien.

Der klare Text schildert eine Herrschaftsstruktur: Christus hat die Herrschaft in meinem Leben und in meinem Sterben. Seine Herrschaft endet nicht mit dem Tod.

In manchen Orten müssen Menschen, wenn sie in die Kirche gehen wollen, über Friedhöfe gehen, echte Kirchhöfe. Manchmal mit sehr alten ehrwürdigen Grabmalen. Diese erinnern mich daran, dass ich auch eines Tages dort liegen werde, aber auch, dass ich auch dann noch ganz eng zum Herrn gehöre.

Bei Trauergesprächen höre ich manchmal Gedanken wie diese: Er hat ganz für seinen Beruf gelebt. Für sie gab es nur die Familie. Ob das nicht nur aus der Warte des Betrachtenden so war, sei dahingestellt. Aber es verrät auch viel über das, was der Betrachtende sehen will. Wir erwarten manchmal unbedingt, dass Menschen nur für Andere da sind. Davon redet Paulus nicht, sondern nur, dass sie zum Herrn gehören. Vielleicht muss ich manchmal auch meine Ansprüche an Andere herunterschrauben und bedenken, was ich selbst zu leisten in der Lage bin.

Jeder muss für sich selbst sehen, wer er ist und wie er seinen Glauben lebt. Was sich verbietet ist Überheblichkeit. Hier stehen diese drei Verse, in denen deutlich wird, dass wir nicht Herr unseres Lebens sind. In denen aber auch deutlich wird: Das worüber Christenmenschen leidenschaftlich streiten ist oft zweitrangig gegenüber der Frage nach der Ausrichtung des Lebens. Und ich sollte auf mich und mein Leben schauen: Gehöre ich zum Herrn, will ich zum Herrn gehören?

Für Paulus ist klar: Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

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