Ein christliches Messgerät

Predigt 22.nach Trin Phil 1,3-11                                Ein christliches Messgerät

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und seinem Sohn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

wissen Sie was ein Tensiometer ist? Oder ein Grindometer? Oder ein Rheometer?
Nein?

Aber Barometer haben Sie sicher schon mal gehört und auch der Tachometer dürfte bekannt sein.
Es ist eine der wichtigsten Grundlagen unserer modernen Welt, dass es für praktisch alles Messgeräte gibt. Luftdruck und Geschwindigkeit können wir heute genauso zuverlässig messen, wie Blutdruck oder radioaktive Strahlung.
Wer zum Arzt geht mit irgendwelchen Beschwerden, von dem wird erst einmal ein Blutbild gemacht, in dem alle möglichen Werte gemessen werden. Hämatokrit, Hämoglobin, Leukozyten – was für den Laien verwirrend klingt, ermöglicht dem Mediziner eine sehr genaue Einschätzung unseres Gesundheitszustands.
Und Messgeräte werden immer genauer. Und das ist auch gut so, denn wir verlassen uns auf unsere Messgeräte. Wenn der Tachometer im Auto falsch geht, werden wir womöglich geblitzt. Und wenn das Thermostat an der Heizung einen Fehler hat, dann wird es zu warm oder zu kalt im Haus.
Seit es Menschen gibt, entwickeln sie Messgeräte um Vergleiche anstellen zu können oder um Handel zu treiben.
In einem Ägyptischen Grab hat man eine Balkenwaage entdeckt, die mindestens 7000 Jahre alt ist. Im Lauf der Zeit wurde diese einfache Balkenwaage weiterentwickelt. Araber haben die ersten Feinwaagen gebaut, mit denen man Gold und Edelsteine abgewogen hat. Als Gegengewicht hat man übrigens die Kerne vom Johannisbrotbaum verwendet. Diese Kerne heißen auf arabisch: Kirat. Daraus ist unsere Bezeichnung „Karat“ für das Goldgewicht geworden.

Heute sind Waagen so genau geworden, dass man Briefmarken wiegen kann und im Labor der Universität in Barcelona gibt es eine Waage, die sogar das Gewicht von einzelnen Atomen misst. (Wenn man ein Kilogramm zugrundelegt, dann befindet man sich im Bereich von 0,00 – und dann kommen 27 Nullen bevor die erste Zahl auftaucht. So genau kann diese Waage messen.)

Erst mit diesen hochgenauen Messgeräten wurden viele unserer modernen technischen Erfindungen überhaupt möglich. Satellitennavigation gelingt nur mit hochpräzisen Geräten und Operationen werden durch computergestützte Verfahren immer genauer und schonender.

Und viel von dem was uns umgibt, könnten wir ohne Messgeräte gar nicht wahrnehmen. Infrarotlicht oder Töne außerhalb unseres Hörvermögens können wir nur mit Messgeräten erkennen.

Wer also sagt: Ich glaube nur was ich sehe, der nimmt eben nur einen sehr kleinen Bereich unserer Wirklichkeit wahr und muss schon Satellitenfernsehen oder Radiowellen für ein Wunder halten, denn die sind eben auch nur mit technischen Hilfen wahrnehmbar.

Hilfen gibt es aber nicht nur im technischen Bereich, sondern auch zwischen Menschen. Das was wir am anderen mit Hilfe unserer Sinne sehen und entdecken, das ist noch lange nicht die ganze Wahrheit. Schon der kleine Prinz sagt sehr eindrücklich: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

So ähnlich formuliert es auch Paulus in seinem Brief an die Philipper – das ist unser Predigttext für den heutigen Sonntag. Er nennt uns ein Messgerät der besonderen Art, um das Beste im Leben aufzuspüren. Ich lese den Text nach der Übersetzung von Martin Luther:

Philipper 1,3-11 [Predigttext]

Zum Hintergrund: Paulus selbst hatte die Gemeinde in Philippi gegründet – als erste christliche Gemeinde in Europa. Als Paulus im Gefängnis in Ephesus sitzt, besucht ihn ein Gemeindeglied aus Philippi. Diesem Gemeindeglied mit Namen Epaphroditus gibt Paulus das Schreiben an die Gemeinde mit, das wir heute den Philipperbrief nennen.
In unserem Abschnitt wird dann auch die tiefe Verbundenheit deutlich, die Paulus mit den Menschen in Philippi spürt. Fast liest es sich wie ein Liebesbrief – Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund.
Wie ein Liebesbrief aus dem Gefängnis – mit dem Wissen, ich kann jetzt für den anderen gar nichts tun. Ich kann nicht zu ihm oder ihr hin – aber ich wünsche, dass es ihm oder ihr gut geht. Nein, nicht nur gut – das Beste – das Allerbeste ist grade gut genug für den anderen.

Was aber ist das Beste?
Versuchen wir mal eine Annäherung.
Das beste Leben ist ein glückliches und zufriedenes Leben – wahrscheinlich würden Sie mir da zustimmen. Dazu gehört auch materieller Wohlstand. Ein gutes Auskommen – Geld auf der Bank, das auch fürs Alter noch reicht.
Und bleiben wir kurz beim Geld. Geld kann man leicht zählen – ein Messgerät ist das Bankkonto und die Summe unserer Besitztümer. Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die mehr verdienen und mehr haben als andere auch glücklicher sind. Interessanterweise aber nur bis zu einer bestimmten Grenze – und diese Grenze ist von Land zu Land unterschiedlich. In Amerika etwa liegt sie bei 75.000 Doller Jahreseinkommen – wer mehr verdient ist subjektiv nicht glücklicher.
Deutschland – eines der reichsten Länder der Welt – liegt im internationalen Glücksatlas nur auf Platz 46 – gleichauf mit Kenia oder dem Senegal.

Immerhin innerhalb von Deutschland liegen wir Franken dieses Jahr auf Platz 2.

Gewinner weltweit ist wie schon die Jahre zuvor das Land Paraguay – ein Land an das die meisten von uns wahrscheinlich nicht gedacht hätten.
Geld allein ist es offensichtlich nicht.
Schon Martin Luther hat sich deshalb kritisch gegenüber dem Reichtum geäußert – ich zitiere: Reichtum ist das geringste Ding auf Erden und die allerkleinste Gabe, die Gott einem Menschen geben kann. Darum gibt unser Herrgott gemeiniglich Reichtum den groben Eseln, denen er sonst nichts gönnt.
Fassen wir bis hierher zusammen. Geld lässt sich gut messen – reicht aber nicht aus um das Beste im Leben zu finden.
Ein anderes Messgerät muss her, das ähnlich wie ein Fernseher oder ein Radio, die unsichtbaren Wellen aufspüren und hör- und sehbar machen kann.
Paulus nennt uns dieses Messgerät: ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei.

Liebe als Voraussetzung um überhaupt prüfen zu können, was das Beste ist. Liebe als Messgerät.

Wer ohne Liebe durchs Leben geht, der gleicht nach Paulus einem Autofahrer, der ohne Tacho unterwegs ist. Einem Schreiner, der ohne Maßband ein Regal bauen will, einem Arzt der ohne Blutbild die Leberwerte feststellen will.
Nicht, dass die Dinge ohne die Messgeräte nicht vorhanden wären – aber wir können sie nicht wirklich gut einschätzen.

Wer bei einem Menschen alle Werte gemessen hat – Blutdruck, Cholesterin, Gewicht, usw. und die Liebe weglässt, der wird nie genau sagen können was den Wert eines Menschen ausmacht.
Ich habe Eltern kennengelernt, die ihr todkrankes Kind betreut haben – alle Werte, die für die Gesundheit wichtig waren, waren schlecht. Aber sie haben das Kind mit den Augen der Liebe betrachtet und so war das Kind das Wertvollste in ihrem Leben.

Paulus selbst macht es uns vor. Er sitzt im Gefängnis uns strömt über vor lauter Dankbarkeit, weil er die Liebe sieht, die andere ihm entgegenbringen und die er anderen entgegenbringen kann.

Wie wäre es, wenn wir alle unsere Handlungen einmal mit diesem Messgerät überprüfen.
Wie viel Liebe ist dabei, wenn jemand den Tisch deckt für andere. Wie viel Liebe ist dabei, wenn jemand sich jahrelang zur Arbeit quält um die Familie gut zu versorgen. Wie viel Liebe ist dabei, wenn der Handwerker nach getaner Arbeit seine Werkzeuge saubermacht.

Und wenn ich Paulus ernst nehme, dann rechnet er damit, dass wir dieses Messinstrument trainieren können. Dass wir immer genauer messen können und schließlich noch die kleinsten Spuren der Liebe aufspüren können, die trotzdem noch dabei ist.
Und manchmal müssen wir eben die Briefmarkenwaage verwenden um noch winzigste Spuren zu entdecken – aber wenn noch Liebe dabei ist, dann lohnt es sich danach zu suchen – denn die Liebe allein lässt uns nicht nur Glück und Zufriedenheit finden, sondern das Beste, das es im Leben zu entdecken gibt.

Drei Antworten bin ich ihnen noch schuldig.

Ein Tensiometer misst die Oberflächenspannung
Ein Grindometer die Körnigkeit
und ein Rheometer das Fließverhalten von verschiedenen Stoffen

Die Liebe misst das Beste im Leben.
Helfe Gott, dass wir sie täglich benutzen und immer feinere Spuren vom Besten in unserem Leben entdecken. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

 

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