Extrem schwer – Felix Klemme und der Life Coach Paulus

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und seinem Sohn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

kennen Sie Felix Klemme?
Felix Klemme ist Sportwissenschaftler, Personal Trainer und Life Coach – also Lebensberater. Bekannt geworden ist er durch einige Bücher und vor allem durch die Fernsehsendung „Extrem schwer“, die zur Zeit wieder auf RTL2 läuft.
In dieser Fernsehsendung berät und begleitet Felix Klemme extrem übergewichtige Menschen um ihnen beim Abnehmen zu helfen.
Natürlich geht es dabei auch immer um die Ernährung – denn wer nicht zu viel oder extrem falsch isst, wird nicht zu dick werden. Aber Felix Klemme interessiert sich nicht nur für die Ernährung, denn es gibt ja immer Gründe, warum Menschen anfangen zu viel oder das Falsche zu Essen. Diese Gründe versucht er herauszufinden und zu bearbeiten.
Das Credo von Felix Klemme lautet: Lebensfreude ist viel umfassender als Essen und Trinken – erst wer lernt, in anderen Bereichen Glück und Zufriedenheit zu finden, ist nicht mehr darauf angewiesen, sein Glück im Essen oder Trinken allein zu suchen.

Diese Sendung ist mir eingefallen, als ich den Predigttext für den Sonntag heute gelesen habe – er steht im Römerbrief Römer 14,17-19

Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken,

sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. Wer darin Christus dient,

der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet.

Darum lasst uns dem nachstreben,

was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Diese Sätze hätte 1:1 auch Lebensberater und Fitness Coach Felix Klemme schreiben können.
Wahrscheinlich hätte er nicht geschrieben: Das Reich Gottes – sondern er hätte es „Das gute Leben“ genannt – oder für das Zielpublikum auf RTL2 – das geile Leben.
Wahrscheinlich hätte er den dicken Mann oder die dicke Frau auch noch in den Arm genommen und gesagt: Hey – es gibt auch ein geiles Leben ohne dass du dich jeden Tag vollstopfst mit Schokolade und Salamibrot. Das Leben ist doch viel mehr als Essen und Trinken.
Im Gegenteil – achte mal darauf – wenn du aufstehst aus deiner Couch und wieder unter Leute gehst – wenn du anfängst Konzerte zu besuchen oder ins Schwimmbad zu gehen – dann gibt dir das wahrscheinlich mehr Lebensfreude als ein Stück Sahnetorte es jemals könnte.
So könnte man die Aufforderung von Paulus auch übersetzen – lasst uns nachstreben, das heißt: strengen wir uns an – raus aus der Couch.
Und „Erbauung“ übersetze ich, gar nicht so weit hergeholt, mit Fitness.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt zu Recht – warum ist denn Paulus unter die Fitness Coaches gegangen. warum beschäftigt er sich mit unserer Ernährung und mit Anstrengung und Erbauung.
Es gab ein ganz konkretes Problem in der Gemeinde in Rom. Zwei Gruppen haben sich miteinander gestritten und offensichtlich geworden ist dieser Streit bei der Ernährung – aber die eigentlichen Probleme lagen, ähnlich wie bei „Extrem schwer“ noch viel tiefer. Paulus hat das erkannt und genau deshalb tritt er als wirklicher Life Coach – also Lebensberater auf. Und hält sich nicht allzu lange mit der Ernährung auf.
Ich versuch das Problem mal kurz darzustellen:

Es gab in Rom zwei zerstrittene Gruppen.

Beide behaupteten von sich Christen zu sein, ihre Lebensweise hat sich aber radikal voneinander unterschieden. Die einen meiden Alkohol, sie essen kein Fleisch, und sie halten sich an den Feiertagskalender, den Mose dem Volk Israel übermittelt hat. Das machen sie, weil sie im Gehorsam gegenüber Jesus, ihrem Herrn, leben wollen.

Die anderen essen und trinken, was Gottes gute Schöpfung schenkt. Sie freuen sich über saftige Braten. Und sie trinken Wein, von dem es im Psalm 104 heißt, dass er des Menschen Herz erfreut. Und sie feiern die Feste, wie sie fallen. Das tun sie aus dem gleichen Grund: weil sie im Gehorsam gegenüber Jesus, ihrem Herrn, leben wollen.

Die einen waren als Juden aufgewachsen bevor sie Christen wurden – für sie war klar: die jüdischen Gesetze – wie sie im Alten Testament ausführlich beschrieben sind – diese Gesetze sind die Grundlage für ein gutes Leben. Wenn ich mich freiwillig an diese Gesetze halte, dann zeige ich damit, dass mir Gott und seine Liebe wichtig sind.

Die anderen sind in den unterschiedlichsten Religionen im römischen Reich großgeworden. Sie haben den christlichen Glauben hauptsächlich als Befreiung erlebt. Vorher hatte man Angst, dass Dämonen im Wasser lauern oder dass Wind eine Strafe der Götter war – der Glaube an Christus hat sie frei gemacht den einen guten Gott hinter der ganzen Schöpfung zu sehen.

Diese Gruppen gibt es im Prinzip bis heute:

Die einen die sagen: Wenn man Jesus liebhat, dann muss man diese und jene Gebote freiwillig beachten. Dann kann man nicht essen und trinken, wie’s einem schmeckt. Wer so lebt wie die da, der kann doch gar kein Christ sein.

Und die anderen die sagen: Christus hat uns befreit aus allen Abhängigkeiten. Da müssen wir doch nicht irgendwelche alten Vorschriften beachten. Sonst nehmen wir doch gar nicht ernst, dass Christus uns die Freiheit geschenkt hat. Wer so zwanghaft lebt wie die da, der kann doch gar kein Christ sein.

Eine uralte aber bis heute aktuelle Frage: Wie zeigt man besser, dass man ein guter Christ ist – indem man die Gebote beachtet und möglichst moralisch lebt – oder indem man das Geschenk der Freiheit in vollen Zügen genießt.
Und um das nochmal klar zu machen – beide Gruppen behaupten von sich gute Christen zu sein.

Und genau an diesem Punkt setzt Paulus an – ihr wollt gute Christen sein – da haben wir doch eine Gemeinsamkeit.
Konzentrieren wir uns doch einfach kurz darauf. Ihr wollt gute Christen sein, aber verachtet euch gegenseitig – das passt doch am wenigsten zu guten Christen. Das ist viel schlimmer als die Frage was esse und trinke ich als Christ.

Auch Felix Klemme kommt regelmäßig an diesen Punkt – du willst ein gutes Leben haben – gut, dann haben wir den Grund gefunden, auf den wir aufbauen können – dazu gehört Essen und Trinken – aber nicht als Hauptsache.

Was ist denn die Hauptsache im Leben – Das Reich Gottes, so nennt es Paulus.
Nicht Essen und Trinken – aber was dann? Wir müssen viel grundsätzlicher überlegen. Felix Klemme würde sagen – geh raus unter Menschen – treff dich mal wieder mit Freunden. Paulus formuliert ähnlich: Wir müssen dem nachstreben was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander. Wobei dieses „untereinander“ für mich ein Schlüsselwort ist. Keiner baut das Reich Gottes für sich selbst. Das Reich Gottes steht und fällt in sozialen Beziehungen – wie wir miteinander umgehen, daran entscheidet sich die Hauptsache – darin besteht das gute Leben. Füreinander den Frieden suchen – sich gegenseitig Freude machen. Geh raus unter Freunde.
Unterschiede zwischen Menschen, sind im Reich Gottes keine Steilvorlage übereinander herzufallen und sich fertigzumachen, sondern die Gelegenheit über die wichtigen Dinge im Leben ins Gespräch zu kommen. Sich gegenseitig zu erzählen, was einem selbst wertvoll und wichtig ist im Leben.

Ich stell mir das so ähnlich vor, wie wenn ein Philharmonisches Orchester einer Rockband begegnet – beide behaupten, sie würden die beste Musik machen.
Und sicher könnte man streiten, was bei Musik die Hauptsache ist – die technische Perfektion oder der Rhythmus, der einen vom Hocker haut. Das perfekte Nachspielen von Noten oder das freie Improvisieren.

Und man könnte in diesem Streit beharren und sich gegenseitig fertig machen.
Man könnte sich aber auch besinnen, dass es eine gemeinsame Basis gibt, die Musik heißt. Und man könnte das Beste einbringen gegenseitig und so ein Album veröffentlichen, wie Metallica zusammen mit dem San Francisco Symphonieorchester.
Das Beste aus beiden Welten.

Ich frage mich, wie unser gemeinsames Leben sich verändern könnte, wenn wir aufhören einseitig zu bleiben – wenn wir uns auf das besinnen, was uns verbindet und nicht das, was uns trennt.
Essen und Trinken ist dabei eine Gelegenheit: Fleischesser könnten einfach mal versuchen, ob das vegetarische Schnitzel wirklich so furchtbar schmeckt. Und Vegetarier könnten ihre Beweggründe kein Fleisch zu essen erklären – ohne sich gleich moralisch über die Tiermörder zu erheben.

Letztlich gewinnen wir etwas, wenn wir uns auf Unterschiede einlassen – nämlich Achtung voreinander.
Paulus würde sagen:  Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.

Und Felix Klemme würde sagen: Mach dich doch selbst und andere nicht so fertig – es ist doch viel cooler was zusammen zu machen.

Beide haben Recht.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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