… ist die einzige die fehlt.

Die Abartigkeit der Zeit in der wir leben, fußt auf der falschen Annahme dass ein anderer mehr sei als sein nächster.

Beruft sich lächerlicherweise auf die Idee, dass mein Gott größer ist als deiner, als du, als alles, was du liebst und was du bist.

Diese Haltung ist eine Unverschämtheit, weil sie anmaßend ist und falsch. Nicht zuletzt weil Gott an dieser Stelle eine Leerstelle ist, ein Platzhalter, der die jeweiligen eigenen Interessen rechtfertigen soll. Die wie auch immer geartete Unterwerfung eines Volkes im Namen des Herrn oder die Selbsttötung via Sprengstoffgürtel haben mit dem Gott den ich kennen gelernt habe nichts zu tun.

Denn der Gott, den ich meine „ist die reine Grenze und der reine Anfang alles dessen, was wir sind, haben und tun, in unendlichem qualitativem Unterschied dem Menschen und allem menschlichen gegenüberstehend, nie und nimmer identisch mit dem, was wir Gott nennen, als Gott erleben, ahnen und anbeten…“ (Vgl.: K. Barth, Römerbrief, Zürich 1940, S. 315).

In letzter Konsequenz heißt das, Gott ist Gott. Und damit immer der ganz andere. Alle von Menschen erdachte Religion, die den spürbaren Abstand zwischen Gott und Mensch verschleiert, ihn damit nur benutzen will und ihn so zum Selbstzweck macht, wird damit zum Unglauben.

Aber im Hören auf das Wort Gottes finden Menschen Gott.

Und dieses Wort spricht mir Trost zu,

der mir in den letzten Tagen mehr und mehr abhandengekommen ist.

Ich bin wirklich sehr traurig, ja, mir schmerzt regelrecht das Herz.

Paulus spricht den Text unserer Zeit.

Das ist der Kehrvers der vergangen Tage.

Vergangene Tage die voller Schmerz und Traurigkeit waren und sind.

Wie viele davon noch kommen werden?

Wer weiß das schon.

Darüber nachzudenken setzt die Achterbahn in Gang.

Ein Auf und Ab der Gefühle.

Mal siegt die Vernunft und mal überkommt mich die Wut.

Etwas Vernünftiges kommt dabei nicht raus.

Außer Angst und Sorge.

Aber was zählt sind Fakten.

Fakten, die gegen die Angst arbeiten.

Angst braucht keine Liveschaltungen,

in der sich die Unwissenheit in Endlosschleife feiert.

Angst braucht Fakten wie diese:

Die Wahrscheinlichkeit bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen, ist tatsächlich um ein Vielfaches niedriger als beim Essen zu ersticken. (Vgl.: Georg Rieger, Angst essen Seele auf. Einspruch! – Mittwochs Kolumne, www.reformiert-info.de). Und so zu sterben ist schon eher selten.

Und auf Essen können wir nicht verzichten.

Ebenso wenig wie auf eine gute Portion Besonnenheit.

Gerade wenn der Blick enger wird, wenn die Angst das Steuer übernimmt.

Angst ist wirklich kein guter Ratgeber, gerade in diesen Zeiten.

In denen eine Hiobsbotschaft die nächste jagt

und keine Zeit bleibt um durchzuatmen.

Aber die Geschwindigkeit steigt „und die Kontrolle geht verloren. Im Griechischen ist der kybernetes der Steuermann, der dafür sorgt, dass der Kurs anliegt. Die Kybernetik ist die Lehre von der Steuerung der Systeme. Unsere Gegenwart ist ein kybernetisches Desaster. Unsere Fähigkeit, den Kurs zu steuern, nimmt mit dem Tempo ab, zu dem wir gezwungen sind. Die Bremsen versagen nicht. Es gibt keine. Der Ausnahmezustand ist unser Normalzustand und Angst ist die größte Bedrohung der Zivilisation.“ (Vgl.: J. Augstein: Welt aus den Fugen, in: Der Freitag,  22. Juli 2016)

Damit möchte ich mich nicht abfinden. Immerhin hat Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Und Besonnenheit ist, frei nach Marius Müller-Westernhagen, die einzige die angesichts der Aggression und der gefühlten allgegenwärtigen Gefahr fehlt.

„Als Kirche dürfen wir nicht die Hoffnungslosigkeit der Welt verdoppeln, sondern sollen Zeugen der Hoffnung werden“, sagt Kardinal Marx. Und er fährt fort: „Die Welt braucht ein Gegengewicht gelebter Hoffnung! Gerade jetzt sollen Christen aufstehen gegen die Angst, gegen die Rhetorik der Abgrenzung und Restauration und sich zeigen als Vorhut der Zukunft Gottes.“

Besonnenheit und Hoffnung. Hoffnung und Besonnenheit.

Dass sich angesichts der so dramatisch gehäuften Terror-Anschläge Bilder der Gewalt, des Hasses, der Erschütterung und Hilflosigkeit festgesetzt haben und die Angst schüren ist verständlich. Aber kein zu ertragender Dauerzustand. Gerade in diesen Zeiten, in denen sich Menschen aus Angst zurückziehen möchten, weil die Wirklichkeit sie lähmt und durch die Bilderflut zu erdrücken droht, braucht es, wiederum mit dem Kardinal gesprochen, „Zeugen einer solchen großen Hoffnung, einer Dynamik, die über die alltäglichen Probleme hinaus den größeren, unzerstörbaren Horizont Gottes ins Leben eintragen […] Ohne eine solche Weite und Tiefe bleibt unser persönliches und gesellschaftliches Leben zu sehr im Vordergründigen und schnell Verwertbaren hängen.“

Besonnenheit im biblischen Sinne hilft, die Vordergründigkeit zu durchschauen, nimmt der Angst das Steuer aus der Hand und verlangsamt die Fahrt. Und bei langsamer werdender Fahrt lassen sich die Gedanken besser ordnen. Es ist keine Schande, Angst zu haben, sich schwach und klein zu fühlen. Aber dabei muss es nicht bleiben. „In der Welt habt Ihr Angst“, sagt Christus – „aber seid getrost!“

Und wenn die Besonnenheit vollends die Kontrolle übernommen hat, dann kann sich der Blick auch wieder weiten. Auch auf die anderen. Wie das gelingen kann, hatte einst Johannes Rau demonstriert, der auf der Trauerfeier nach dem Amoklauf an einem Erfurter Gymnasium beeindruckende Worte fand (festgehalten von Martin Heimbucher, Kirchenpräsident der Evangel.-reformierten Kirche: Eine theologisch-ethische Besinnung nach den Anschlägen im Juli 2016, www.reformiert-info.de): „Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch.“

16 Kerzen brannten damals für die 16 getöteten Menschen, Lehrerinnen und Lehrer, Schüler, ein Polizist. Dann aber wurde noch eine 17. Kerze entzündet, etwas abseits davon. Und Rau wandte sich nun an die Eltern des Amokläufers, die unerkannt ebenfalls der Trauerfeier beiwohnten: „Meine Gedanken gehen auch zur Familie des Täters. Niemand kann Ihren Schmerz, Ihre Trauer und wohl auch Ihre Scham ermessen. Ich möchte Ihnen sagen: Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch“. Besonnenheit und Menschlichkeit kommen Hand in Hand.

Die Abartigkeit der Zeit in der wir leben, fußt auf der falschen Annahme dass ein anderer mehr sei als sein nächster.

Beruft sich lächerlicherweise auf die Idee, dass mein Gott größer ist als deiner, als du, als alles, was du liebst und was du bist.

Diese Haltung ist eine Unverschämtheit, weil sie anmaßend ist und falsch.

Und so alt diese Haltung ist, soviel Leid hat sie hervorgebracht.

Ich bin wirklich sehr traurig, ja, mir schmerzt regelrecht das Herz.

Paulus spricht den Text unserer Zeit.

Das ist der Kehrvers der vergangen Tage.

Vergangene Tage die voller Schmerz und Traurigkeit waren und sind.

Paulus hatte diese Worte damals aufgeschrieben,

in dem Versuch das Verhältnis von Juden und Christen bestimmen zu können.

Ein über Jahrhunderte schiefes Verhältnis,

geprägt von Diskriminierung – ausgehend von der christlichen Seite.

Am Ende hatte erst das millionenfache Morden im letzten Jahrtausend

zu einem Umdenken im christlichen Abendland geführt.

Auslöser war ein grundfalscher Absolutheitsanspruch,

die falsche Idee, dass der eine besser wäre als der andere.

Erst nach dieser Katastrophe wuchs die Erkenntnis,

dass der bis zu diesem Zeitpunkt gegangene Weg,

über Jahrhunderte hinweg,

ein fataler Irrtum war.

Heute hat eine dritte Weltreligion das Spielfeld betreten und die Frage nach dem Verhältnis zwischen Juden und Christen beherrscht nicht mehr die Szenerie. Der Islam – in all seinen Spielarten – fordert uns auf, einen belastbaren Standpunkt zu finden. Auf dem Weg dahin wäre es sicherlich hilfreich, sich immer wieder auf die jahrhundertelange Irrtumsgeschichte in unserem Verhältnis zum Judentum zu erinnern und den Dialog zu suchen, um einen Weg zu finden gemeinsam Widerstand zu leisten gegen jedwede Art des Fundamentalismus. (Vgl.: M. Gärtner: Gott in die Karten schauen?, Deutsches Pfarrerblatt, 6/2016, S. 339).

Besonnen und frei von Angst.

Amen.

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