Ein Geschenk Gottes: Nachfolge

Heute ist der sogernannten ‚Sonntag vom Guten Hirten‘ Darum haben wir auch Psalm 23 gebetet: Der Herr ist mein Hirte. Viele Menschen allerdings haben Probleme mit dem Bild. Wer will schon Schaf in einer blökenden Herde sein. Das erinnert an Frau Erdogan und ihr Lob für die Einrichtung ‚Harem‘, der die Frauen vor Vielem beschützt habe. Der goldene Käfig ist schön, aber wer will schon nur schön? Und entspricht ‚nur schön‘ wirklich der Würde von Menschen?

Oftmals wird die eigentliche Zielrichtung des Bildes vom guten Hirten vergessen. Der Hirte wie ihn der Psalm vorstellt ist der, dessen Existenz daran hängt, dass es den Schafen gut geht, der darum alles für die Schafe tut. Was ein Bild für Gott, der sich in seiner Existenz an die Menschen bindet und alles für sie tut bis Karfreitag und Ostern.

Davon erzählt ein Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief:

21 Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; 22 er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; 23 der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; 24 der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.25 Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Zugegeben – etwas verworren ist dieser Brieftext schon. ‚Text überladen‘ hätten meine Deutschlehrer früher vielleicht dran geschrieben. Da ist die Rede von Jesus Christus als unserem Vorbild, von der Vergebung der Sünden und von Jesus als Hirten und Bischof. Da kann man schon mal den Überblick verlieren.

Aber gut: Menschen, die einen Brief schreiben sind gerne persönlich und emotional. In diesem Fall ist da einer erfüllt von seinem Glauben und versucht seiner Gemeinde klarzumachen, was durch diesen Glauben sich verändert hat, selbst wenn sich äußerlich nichts verändert.

Im Abschnitt vor unserem Abschnitt ermahnt er noch die Sklaven zu Gehorsam, auch wenn die Herren wunderlich sind.

Ich glaube allerdings nicht, dass er Sklaverei gut und richtig findet. Aber er sieht die Grenzen menschlichen Seins. Er spürt, dass es der kleinen christlichen Gemeinde nicht gelingen wird, die Sklaverei aufzulösen. Aber er spürt, dass die Gemeinde und der Glauben den Sklavinnen und Sklaven helfen kann, mit ihrem schweren Schicksal zu leben. Und dass der Glaube auch hilft Solidarität zwischen Sklaven und anderen Menschen zu leben.

Da sind wir auch mitten in unserem Leben. Sklaverei ist weitgehend abgeschafft – zumindest in Europa. Aber nach wie vor gibt es Menschen, die leiden unter ungerechten Lebensverhältnissen, unter wirtschaftlichem, gesundheitlichem und sozialem Druck. Da gibt es Menschen, deren Schicksal nur schwer zu ertragen ist.

Und da gibt es christliche Gemeinde.

Deren Qualität ist nicht an der Größe und Schönheit der Kirchen abzulesen, auch nicht an der Vielzahl der Gruppen oder Einrichtungen. Sondern einzig und allein an ihren inneren Werten. Wie wird mit Menschen umgegangen, die leiden am Leben. Wie wird auf Menschen zugegangen, deren Not ich nicht beseitigen kann, denen ich aber vielleicht helfen kann mit ihrer Not zu leben?

Das meint unser Autor mit dem Vorbild Jesu dem wir nachfolgen können. Vielleicht haben wir ja nicht die Gabe zu heilen und alles, was kaputt ist heil zu machen. Aber versuchen könnten wir es. Wenigstens auf Menschen zugehen und ihnen begegnen. Das wäre schon einmal ein Schritt.

Glauben lebe ich nicht im Labor, sondern unter realen Bedingungen – in einer Welt, die dem christlichen Glauben nicht unbedingt freundlich zugewandt begegnet. Das gilt für den Raum Palästina im römischen Reich genauso wie für Deutschland im 21. Jahrhundert.

Leben ohne Leiden gibt es nicht. Aber der christliche Glaube hat eine besondere Nähe zu den Menschen, die am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala stehen. Und darum wird Kirche in der Nachfolge Christi sich genau denen zuwenden, die sie brauchen und nicht als erstens denen, die Behaglichkeit suchen.

Wir sind berufen zur Nachfolge. Wir dürfen in Christi Fußstapfen treten, auch wenn wir wissen, dass wir es wahrscheinlich nie schaffen, zu sein wie er. Er war Gottes Sohn, hat gelitten bis zu Selbstaufgabe an den Menschen, hat auch dann sich nicht gewehrt als er beleidigt, geschlagen und gefoltert wurde. Das ist übermenschlich. Und trotzdem Leitbild für christliche Kirche.

Manchmal nehmen wir christliche Kirche ja nur wahr als staatstragende Institution, Teil der Gesellschaft, die Leben trägt und stützt. Das ist Kirche vielleicht auch. Aber vor allem ist sie Gemeinschaft in der Nachfolge Christi. Und das will sie leben mit besonderer Hinwendung zu den Schwachen, zu den Verfolgten. Sie will guter Hirte sein für die, die besondere Zuwendung brauchen und suchen. Als Christinnen und Christen dürfen wir immer wieder auf das Vorbild Christi schauen und versuchen, ihm nachzufolgen. Wir dürfen unsere Schafe-Rolle genauso akzeptieren, wie unsere Hirten-Rolle, die wir als Nachfolger Christi auch zuweilen innehaben. Und das Nebeneinander von beidem können wir mit Gelassenheit hinnehmen.

Es geht letztlich um den Sohn Gottes, der sich ganz klein gemacht hat, Beleidigungen ausgehalten hat, Kränkungen hingenommen, Schmerzen ertragen um Mensch zu sein, unsere Gesellschaft auszuhalten.

Nachfolge, das ist die Einladung Christi, mit ihm das Leben neu zu gestalten, auch die Leiden an dieser Welt zu ertragen. Menschlich ist Nachfolge eigentlich unmöglich, aber als Geschenk Gottes können wir uns in ihr versuchen. Wir können leben als Schafe in der Herde Christi und zugleich als Hirtinnen und Hirten, die im Namen Christi dieser Welt helfen zur Menschlichkeit um Gottes Willen zu finden.

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