Antiserum.

Grün ist die Hoffnung.

Aber der Gründonnerstag hat seinen Namen nicht,

weil die Hoffnung grün ist.

Der Gründonnerstag ist grau.

Erst recht in dieser Woche.

Gründonnerstag hat seinen Namen von greinen.

Greinen bedeutet weinen.

Es ist kein Tag der Freude.

Es ist kein Tag des Jubels.

Es ist ein Tag des Abschieds.

Es ist ein grauer Tag.

Und Jesus lädt ein zum letzten Abendmahl.

 

Der Gründonnerstag ist grau.

Grau sind die Tage in Brüssel.

Dort, wo Menschen getötet wurden von Menschen, die schon tot waren

bevor sie ihren Sprengstoffgürtel gezündet haben.

Menschen, die sich unbemerkt,

unter aller Augen, aller Menschlichkeit entledigt haben,

Zerfressen von Hass haben sie weitere 34 Kreuze dazugestellt.

Golgatha ist nicht grün.

 

Heute Abend lädt Jesus ein zum Mahl.

Es ist das letzte gemeinsame Essen.

Und die Stimmung ist nicht gut.

Angst und Verrat und Hoffnungslosigkeit sitzen mit am Tisch.

Ebenso wie der Zorn und der Wille zum Kampf.

 

Grün ist die Hoffnung.

Aber der Gründonnerstag ist grau.

Grau wie schon zuvor in Paris, wie damals in New York.

In Barcelona. In London.

In Nigeria und im Irak.

Wie in Istanbul und Ankara,

in Aleppo und Kundus,

in Jerusalem und Bangkok.

In Sydney und Bali und weiß Gott, wo sonst.

In diesen Namen spiegelt sich die Welt,

in der Menschen andere Menschen angreifen.

In der Menschen anderen Menschen Gewalt antun.

Ohne Rücksicht auf Verluste.

 

Jesus weiß das. Am Abend vor der Kreuzigung und schon länger.

Er hat es am Anfang erlebt und er wird am Ende wieder erleben,

was Menschen einander antun können.

Er weiß, dass diese Welt nicht versöhnt ist.

Nicht mit ihm.

Nicht mit Gott.

Und sicher nicht mit sich selbst.

Damals wie heute.

Wächst das Misstrauen,

wächst der Hass,

wächst die Angst vor dem, was kommt.

 

Natürlich hat all das was geschehen ist etwas mit Religion zu tun.

Mit falsch verstandener Religion.

Mit einem instrumentalisierten Gott.

So wie damals auf den Koppelschlössern der Soldaten im ersten großen Krieg der Neuzeit.

Gott mit uns. Auf Deutsch.

Und auf der anderen Seite:

Dieu protège la France. Gott schütze Frankreich.

 

Aber der instrumentalisierte Gott hat viele Gesichter:

In Brüssel, in Paris, in Nigeria rufen sie Gott ist groß

und sprengen sich gleich danach in die Luft.

Die Herzen dieser Männer und Frauen sind schwarze Löcher

in denen alle Liebe verschwindet.

In Russland legitimiert die orthodoxe Kirche den nationalistischen Kurs der Regierung und damit den Krieg in der Ukraine.

Und den dritten Irakkrieg betrachten weite Teile der USA als „gottgewollt“.

„Herr, bin ichs?“

 

Jesus sitzt im Kreis.

Er sagt nicht viel.

Er sitzt mittendrin, aber er macht nicht mit.

Er führt keine großen Worte im Mund.

Redet nicht von Krieg und Vergeltung.

Aber er sagt:

All die Angst und der Schmerz und die Hilflosigkeit werden aufhören und vergehen.

Und er sagt:

Die Lieblosigkeit wird aufhören, weil nichts Liebloses bestehen kann.

 

Menschenfreundlich schaut er uns an.

In der einen Hand hält er das Brot, in der anderen den Kelch.

Und er sagt: Brot des Lebens.

Und er sagt: Kelch der Versöhnung.

drucken