Glaube und Hoffnung

Liebe Schwestern und Brüder!
Wir alle kennen die drei christlichen Haupttugenden, die ein christliches Leben prägen können.
Es sind diese drei: Glaube, Hoffnung und Liebe. Und laut Apostel Paulus ist die Liebe die größte unter ihnen (1.Korinther 13,13). In dem eben gehörten anspruchsvollen Abschnitt aus dem Römerbrief, der den Predigttext für den heutigen Sonntag bildet, legt der Apostel großen Wert auf die beiden anderen Existenzformen eines christlichen Lebens.

ES GEHT UM DEN GLAUBEN UND UM DIE HOFFNUNG!
Es geht zum einen um die Rechtfertigung des Sünders durch den Glauben an die Gnade Jesu Christi. Der Artikel mit dem die evangelische Kirche nach ihrem eigenen Selbstverständnis steht und fällt. Es ist dies der GLAUBE, dass uns Gott als seine Geschöpfe selbstverständlich liebt und dass diese LIEBE keine Vorbedingung hat. Und es geht zum anderen um HOFFNUNG, die nicht zuschanden geht. Eine sichere und glaubensgewisse Hoffnung. Es geht also um sehr wichtige und fundamentale Dinge des Glaubens. Die Glaubensbasis eines religiösen Menschen wird hier in Kürze und komprimierter Form vom Apostel dargelegt.
Und hatte Martin Luther im Spätmittelalter noch die für ihn wichtige Frage gestellt: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Was muss ich dafür tun?
So scheint dies heute noch die viel allgemeinere Frage zu sein:
Gibt es überhaupt einen Gott, und was kann ich hoffen?
Und während Luther im Kloster und durch das Bibelstudium zu der Erkenntnis gelangt war, dass Gott nicht durch fromme oder frömmelnde Werke zu beeindrucken sei, geschweige denn durch bezahlbaren Ablass die menschlichen Sünden zu verringern seien, um damit Gnade im Auge Gottes zu erlangen, sondern im Gegenteil, dass Gott vielmehr ohne Geld und Ablass, und ohne eine Vorbedingung einfach so und gratis durch den Glauben an Jesus Christus ein für alle Mal seine Gnade zugesprochen hat. Diese Gnade Gottes offenbart sich jedem und jeder von uns im und durch den Glauben an den Jesus Christus.
Gottes Gnade und Barmherzigkeit sind quasi bedingungs- und voraussetzungslos geschenkt. Die einzige Bedingung und Voraussetzung ist der Glaube selbst. Der Glaube an die erlösende Macht des gekreuzigten Christus.

Das meint der Apostel, wenn er seinen Zuhörern und Lesern zuspricht: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch
unsern Herrn Jesus Christus.“
(1 Weil wir also aufgrund des Glaubens als gerecht gelten,
haben wir Frieden, der auch bei Gott gilt.
Das verdanken wir unserem Herrn Jesus Christus.) Basisbibel

Nur durch den Glauben an Jesus Christus und nur im Glauben an diesen Erlöser setzt mich Gott ins rechte Verhältnis, bringt Gott mich auf den Weg der Glaubensgerechtigkeit. Glauben heißt annehmen, dass ich angenommen bin. (Paul Tillich)

Und die Rechtfertigung des Sünders aus Gnade meint nicht, dass ich mich für etwas rechtfertigen muss, sondern, dass Gott mir im Glauben an ihn seine Gerechtigkeit und Gnade automatisch schenkt. Es ist ein passiver Vorgang. Gott schenkt uns seinen Frieden. Gott macht uns Heil uns schenkt uns einen Neuanfang.
Immer dann, wenn er es will, schenkt er seinen Frieden, seine Güte und seine Gerechtigkeit.

Aber zurück zu den Fragen unserer Zeit.
Was ist der Sinn meines Lebens? Konsum, Gesundheit und Familie?!
Was gibt mir Hoffnung und warum?
Was kommt nach dem Tod?
Wie kann ich mit dem persönlichen und dem globalen Leid in der Welt fertig werden?

Liebe Schwestern und Brüder, alle drei Fragen lassen sich beantworten. Die Antwort liegt aber jeweils im Glauben.
Hinter der ersten Frage steht die tiefe menschliche Sehnsucht nach Frieden, nach Schalom, nach einem erfüllten und geliebten Leben. Dahinter steckt der Wunsch nach innerem und äußerem Frieden. Diese Frage ist die religiöse Frage schlechthin. Es ist die Frage nach Gott und seinem Wirken im eigenen Leben und in der Welt.

Im Hintergrund der zweiten Frage (Was kommt nach dem Tod?) leuchtet die hoffende Gewissheit auf Vollendung auf oder der Glaube auf ein neues, gänzlich anders Leben bei Gott.
Gott wird uns im Glauben durch die Auferstehung von den Toten seine Herrlichkeit erweisen. Er schenkt uns dereinst ein neues, ewiges Leben. Ein Leben ohne Drangsal, Schmerz, Angst, Trauer und Verzweiflung. Das macht Hoffnung und das gibt paradoxer Weise auch Kraft und Trost im Sterben. Es ist dies das Wissen und die starrköpfige Hoffnung, dass nach dem Tod eben nicht alles aus ist.

Und die dritte Frage, die sich der Situation des persönlichen und kollektiven Leids stellt, diese Frage wird vom Apostel für uns auch beantwortet.
Es geht um die Hoffnung schlechthin, um die christliche Hoffnung, um die sichere Hoffnung, die nicht zuschanden kommt, wie es im Text heißt.
Und dabei zeigt sich, dass der christliche Glaube keine naive Vertröstung auf das bessere Jenseitige ist, sondern, dass jeder und jede im persönlichen Leid -und sei es noch so groß- im Glauben Gottes selige Nähe verspüren kann.
Und es geht hier auch nicht um eine naive Vortäuschung und Verdrängung von Tatsachen; nach dem Motto: Es wird schon alles wieder gut. Denn nicht alles im Leben wird wieder gut. Es gibt viel persönliches Leid. Es gibt unheilbare Krankheiten und es gibt den Tod, der manchmal jäh und erbarmungslos in unser Leben einbricht und der uns das Liebste nimmt.
Dies wird und wurde niemals durch den christlichen Glauben bestritten.

Aber der Apostel will uns durch seinen Kettenschluss lehren, dass die persönliche Bedrängnis Geduld, Geduld des Glaubens, erfordert, aus dieser Geduld erwächst wiederum in der persönlichen Krise Hoffnung. Hoffnung, die nicht zuschanden wird, also Hoffnung, die eben nicht zur Hoffnungslosigkeit wird, sondern ihre keimende Kraft behält, dass wieder bessere Zeiten kommen.

Liebe Schwestern und Brüder, wer diesen lebenslangen und schwierigen Prozess des zunehmenden Leids am eigen Leib verspürte, der weiß auch, dass Hoffnung ganz wichtig ist für den persönlichen Heilungsprozess.
Kaum etwas ist schlimmer als Hoffnungslosigkeit, denn der Mensch ist ein auf Hoffnung angelegtes Wesen. Nicht umsonst hat der Philosoph Ernst Bloch vom Prinzip Hoffnung gesprochen. Ein Kennzeichen der menschlichen und ein wichtiges Zeichen der christlichen Existenz ist und bleibt die Hoffnung.
Ohne Hoffnung gehen Menschen kaputt. Hoffnungslosigkeit richtet uns Menschen individuell und kollektiv zugrunde; sie blockiert alle Fantasien und Visionen, die zur Krisenbewältigung dringend erforderlich sind.

Und woher kommt unsere christliche Hoffnung?
Sie kommt aus dem Glauben an die Liebe dessen, der gesagt hat: „Kommt all her, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“
Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum. Gott eröffnet uns neue erlösende Perspektiven. Im Hier und Jetzt, aber auch in der Zukunft schenkt Gott im Glauben neue Hoffnung.

Was wir dazu benötigen?
Ausdauer, Geduld und die Fähigkeit, das eigene Schicksal anzunehmen. Auch Standhaftigkeit, innerer Kraft und eine sichere Hoffnung. Diese Fähigkeiten fehlen vielen heutzutage. Kaum jemand will noch leiden, weil viele einer Illusion der heilen und schönen Welt aufsitzen. Und wenn man leidet, dann soll es nur kurz sein, wenn es geht ohne Schmerzen und Probleme. Manche meinen auch, weil sie Angst vor den Beschwerlichkeiten und Zipperlein des Alters haben, am besten man stürbe schnell und schmerzlos. Apparate ausstellen und/oder mit Tabletten nachhelfen, um sich nur nicht dem Leid auszusetzen.
Das ist meines Erachtens -neben allen rechtlichen und ethischen Problemen- ein massives Ausblenden der eigenen problembeladenen Realität und ein hochgradiges Zeichen von menschlicher Hoffnungslosigkeit.
Dagegen steht die Hoffnung auf die Liebe Gottes, die uns auch in Zeiten des persönlichen und kollektiven Leids genügend Ausdauer und Geduld schenkt, das Schwere im Leben zu ertragen. Diejenigen unter ihnen, die schon viel Schweres erfahren haben und die die Hoffnung nicht verloren haben, werden bestätigen können, dass christliche Hoffnung nicht zuschanden wird. Hoffnung stirbt nicht nur zuletzt. Sie geht auch nicht unter.

Wer hofft, der gibt nicht auf,
wer hofft, der muss mit Rückschlägen rechnen,
wer hofft, der weiß, dass das Leben wieder weitergeht.
Wer hofft, der weiß, dass wir Geduld, Ausdauer und Rücksichtnahme brauchen, um aus Krisen zukommen.
Wer hofft, der weiß, dass es immer wieder neue Wege gibt, um aus der inneren Bedrängnis, Leid oder Schuld wieder herauszukommen wird und durch Gott und von den Menschen getröstet wieder den Weg woanders und neu ins Leben antreten wird.
Wer hofft, der weiß, dass es auch noch demütige und schuldbehaftete Menschen in herausragender Position gibt, die wissen, wann sie die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens aushalten müssen. Die Hoffnung, dass dies korrupte und korruptionsverdächtige Politiker und Funktionäre, meistens Männer tun, haben viele schon aufgegeben.
Wer als Christ hofft, der weiß, dass der Sinn des Lebens in Jesus Christus gipfelt. Und der weiß, dass nach Regen wieder die Sonne kommt.
Diese beiden Tugenden, GLAUBE und HOFFNUNG sind unser Lebenselixier und Arznei der Unsterblichkeit auf der langen Reise durch unser Leben. Und dies ist schön zu wissen, tröstlich zu spüren und gibt dann auch immense Kraft im Leben und im Sterben, wenn der Glauben und die Hoffnung neben der Liebe im Leben ein festes Fundament bilden.
Möge Gott uns stets genug Glaube und Hoffnung schenken.
Amen.

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