Eine Gänsegeschichte über die Freiheit

Sören Kierkegaard erzählt eine Geschichte: „Ein Haufen schnatternder Gänse wohnt auf einem wunderbaren Hof. Sie veranstalten alle 7 Tage eine herrliche Parade. Das stattliche Federvieh wandert im Gänsemarsch zum Zaun, wo der beredtste Gänserich mit ergreifenden Worten schnatternd die Herrlichkeit der Gänse dartut. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, wie in Vorzeiten die Gänse mit ihrem mächtigen Gespann die Meere und Kontinente beflogen haben.

Er vergaß nicht dabei das Lob an Gottes Schöpfermacht zu betonen. Schließlich hat er den Gänsen ihre kräftigen Flügel und ihren unglaublichen Richtungssinn gegeben, dank deren die Gänse die Erdkugel überflogen. Die Gänse sind tief beeindruckt. Sie senken andächtig ihre Köpfe und drücken ihre Flügel fest an den wohlgenährten Körper, der noch nie den Boden verlassen hat.

Sie watscheln auseinander, voll Lobes für die gute Predigt und den beredten Gänserich. Aber das ist auch alles. Fliegen tun sie nicht.“
Aber das ist auch alles. Eines tun sie nicht – fliegen. Sie fliegen nicht. Sie gehen zu ihrem Mittagsmahl. Sie fliegen nicht, denn das Korn ist gut, und der Hof ist sicher.“

Und die Gänse haben einen Prediger, der ihnen gerne und mit schönen Worten von all dem Schönen erzählt. Er erzählt ihnen, wie weit sie früher geflogen sind. Wohin sie überall gekommen sind. Aber der Prediger fragt sie nicht, warum sie heute nicht mehr fliegen. Er stellt gar keine Anfrage.
Wer will es den Gänsen verübeln? Nicht zu fliegen bedeutet schließlich Sicherheit, wohlige Wärme, ein behagliches Nest, regelmäßige Versorgung.
Die Gänse haben irgendwann entschieden lieber zuzuhören. Mit Vorliebe Geschichten über die guten alten Zeiten. Das reicht ihnen. Sie bleiben gerne am Boden. Fliegen? Aufbrechen? Wohin, Wozu, Warum?
Der Gottesdienst der Gänse bedient diese Haltung. Die am Ende eine Erwartungshaltung ist. Selber handeln, aktiv werden? Davon war doch nie die Rede.

Ob Paulus vor Gänsen gepredigt hat, ist nicht überliefert. Wohl aber, das er ähnliche ZuhörerInnen vor sich hatte, wie der beredte Gänseprediger. Und denen musste Paulus erklären, dass sie nicht nur schöne Flügel haben, sondern wie und das man diese benutzen kann.
Und Paulus hat seine liebe Not damit. Wie er da so von Marktplatz zu Marktplatz tingelt und von dem erzählt, was sein Leben so komplett verändert hat. Er, der seine Komfortzone verlassen hat, damals als das Licht der Liebe und damit die Freiheit in sein Leben getreten war und er vom Saulus zum Paulus wurde. Damals, als er sein altes Leben hinter sich ließ und sich auf ein komplettes Abenteuer eingelassen hatte.

Und jetzt steht er wieder hier und versucht, seinen ZuhörerInnnen zu erklären, warum es gut ist, in Freiheit zu leben. Hier ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, noch Mann und Frau! Das erzählt Paulus den Menschen landauf, landab. Und er sagt: Es spielt keine Rolle, woher du kommst, was du hast oder auch nicht hast. Wir sind eins in Christus.

Diese gottgefällige Argumentationskette gefällt natürlich nicht allen. Aber Paulus geht es nicht um Gleichmacherei. Ihm geht es darum, Unterschiede zu überwinden die den Blick auf das Wesentliche verstellen. Die gottgegebene Freiheit, die ein Leben in gegenseitiger Achtung gut möglich macht.
Ein bisschen erinnert mich diese Szene an Luther. Der steht zwar nicht auf einem Marktplatz, aber in Worms vor dem Kaiser. Und er sagt, dass er gar nicht anders kann. Er müsse so handeln. Er muss widersprechen.

Das ist gut so! Luther nutzt seine Flügel, gerade weil er stehen bleibt. Er entscheidet sich zu handeln, er hebt ab. Leidenschaftlich steht er für seine Freiheit ein.

Was die beiden Beispiele vereint ist die Tatsache, dass Freiheit wirklich ein hohes Gut ist. Aber immer öfter scheint es, dass die Freiheit unter den Gänsen weniger Gänsefreunde findet. Und bei uns? „Der Mensch“, so schreibt der Philosoph Fukuyama, sei „nur noch damit beschäftigt, Risiken so weit wie möglich zu minimieren, bis auch Extremsport versicherungstechnisch abgedeckt ist und das Leben zu einem Exerzitium der Schadensvermeidung wird.“ Ähnlich also der Gänse, die satt und zufrieden nicht mehr fliegen wollen. (Vgl.: C. Strenger: Zivilisierte Verachtung, Berlin 2015, S. 88ff.)
Große Abenteuer erlebt das Federvieh so nicht, will es ja auch nicht. Warum große Taten begehen, wenn diese am Ende nur ein Unsicherheitsfaktor sind? Instabilität und Ungewissheit braucht keine Gans. Nein, diese Sorgen braucht keine Gans; sprichst es und investiert das „hart verdiente Geld und die beschränkte Energie lieber in Yogakurse, Skiurlaube oder plastische Chirurgie!“

Das Dumme an der Geschichte ist: Auf diese Art und Weise bleibt Freiheit ungenutzt. Denn die würde eine andere Haltung voraussetzen als nur die Bewahrung des Ist-Zustandes. Freiheit, das ist ein Aufbruch. Ein Aufbruch zu einer inneren Haltung, die weiß, dass es darauf ankommt „nicht das Beliebige, sondern das Rechte (zu) tun und wagen, nicht im Möglichen schweben; das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend umfangen. (Vgl.: D. Bonhoeffer, Stationen auf dem Weg zur Freiheit, in: Widerstand und Ergebung, München 1951, S.184, ).
Freiheit bedeutet Verantwortung und die kann ich nicht abgeben oder delegieren. Aber hier liegt das Problem: Die Freiheit, die in einer demokratischen Gesellschaft wie Deutschland etabliert ist, wird oft nicht mehr als solche wahrgenommen. Gerade in einem reichen und verwöhnten Land wie dem unsrigen „wo es den Menschen so gut geht, ist es manchmal nötig, uns das, was wir errungen haben, noch mal vor Augen zu stellen“. (Vgl. J. Gauck, Freiheit als Verantwortung, Rede beim Wirtschaftsforum in Singen, 2012). Es ist also gefährlich und fahrlässig, die Freiheit demnach nur als Gegeben betrachten; es muss viel eher darum gehen, sich stetig zu vergewissern, was Freiheit bedeutet.
Geschieht das nicht, wird Freiheit gefährdet und es entbehrt auch nicht einer gewissen Komik, dass sich gerade so besorgniserregende Figuren wie Marine LePen in Frankreich oder Geert Wilders in den Niederlanden gerne um das hohe Gut der Freiheit kümmern wollen. Denen geht es aber nicht um Freiheit, zumindest nicht für die Anderen. Denen geht es um Angst und nicht um Leidenschaft für die Freiheit, die um Gottes Willen allen gilt.
Kierkegaard übertreibt also nicht, wenn er, mit dem Bild der Gänse, eindringlich davor warnt, diese Freiheit die die Christen geschenkt bekommen haben, nicht zu nutzen. Besteht nicht doch die Gefahr, eine dumme Gans zu werden, die sich einfach ein wohliges Nest einrichtet und sich an dem Glanz der vergangenen Zeiten erinnert? Besteht nicht doch die Gefahr, die Freiheit leichtfertig abzugeben und an Gestalten zu delegieren, die die damit etwas ganz anderes im Sinn haben?
Ob Christen nun wie Gänse sind? Vielleicht hat Kierkegaard nicht ganz Unrecht. Ganz sicher aber hat er Recht mit dem versteckten Hinweis, dass „Jesus Christus keine Gänse um sich geschart hat, die es sich auf ihrem Hof gemütlich machen, sondern Frauen und Männer, die sich von ihm zum Fliegen anstiften ließen. Und das beginnt schon im Kleinen.“ (Vgl.: H. Mangold, Christen sind wie Gänse, www.-kirche-im-sr.de). Christen sind wie Gänse? Das mag sein, aber wenn dann auch Gänse, die wieder fliegen lernen können.

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