Ende der Orientierungslosigkeit

Jesaja 40, 1-8
(Mochau bei Döbeln/Sa., Andacht auf dem Friedhof zum Johannistag)

1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.
2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat doppelte Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden.
3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!
4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden;
5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat’s geredet.
6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.
7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!
8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich

Es ist Johannistag – der Sommer hat seinen Höhepunkt erreicht, die Abende sind lang und oftmals warm. Und doch wissen wir, dass die Tage nun auch wieder kürzer werden.
Es ist Johannistag – die Felder und die Gärten stehen in voller Pracht und Früchte reifen heran. Und doch wissen wir, dass, indem wir das Gras mähen und nach und nach auf den Feldern und in den Gärten ernten werden, dass in demselben Maße auch der Herbst und der Winter heraufziehen werden.
Es ist Johannistag – wir, die Lebenden, freuen uns des Lebens und stehen zugleich auf dem Friedhof, nicht nur, weil es Tage gibt, an denen wir unseren verstorbenen Lieben besonders nahe sein wollen, sondern weil wir wissen, dass auch wir selbst eines Tages hierher oder an einen anderen solchen Ort gelangen werden.

Es gibt Tage im Jahr, an denen uns die Widersprüchlichkeiten des Lebens besonders deutlich vor Augen treten, seine Schönheit und seine Gefährdung, Widersprüchlichkeiten, die wir Menschen mit der gesamten Schöpfung teilen. Überall begegnet uns dieses pulsierende Leben, das so schön ist, und das doch auf den Tod zu treibt. Es gibt Tage, die uns diese Zusammenhänge mit Nachdruck verdeutlichen. Der Johannistag ist so ein Tag.

Wo aber etwas widersprüchlich ist, brauchen wir Orientierung. Wir können nicht auf Dauer traurig und froh sein, verzweifelt und hoffnungsvoll. Die Waage muss sich neigen, nach der einen oder anderen Seite. Wir brauchen Orientierung, denn sonst kommen wir völlig durcheinander. Oder sagen wir’s anders, so wie es doch ist: Wir werden verrückt, weil die Punkte, an denen wir uns orientieren wollen, ver-rückt sind, nicht mehr an ihrem Platz.

Der Johannistag ist aber nun nicht nur der Tag im Jahr, der uns die Widersprüchlichkeiten des Lebens und seine Vergänglichkeit aufzeigt, der Johannistag ist auch ein Tag der Orientierung. Das begegnet uns schon in der Person dessen, nach dem dieser Tag seinen Namen hat: Johannes der Täufer.

Im Heiligen Land stand er am Ufer des Jordans und predigte. Was er zu sagen hatte, hatte mit Eiapopeia nichts zu tun. Knallhart hielt er den Menschen ihre Unvollkommenheiten vor. Er scheute sich nicht, von Sünde zu reden und die Sünden beim Namen zu nennen und schonungslos alle Widersprüche ans Licht zu zerren. Aber er tat noch etwas anderes, und das ist das Entscheidende. Auf dem berühmten Isenheimer Altar von Matthias Grünwald ist das mit allergrößter Klarheit ins Bild gesetzt. Da sehen wir den Johannes in einem groben Fetzen von Gewand, wie ihn die Evangelien schildern, und mit ausgestreckter Hand samt einem überdimensionalen Zeigefinger. Mit diesem überlangen Finger weist er auf einen hin, auf Jesus. Das ist die Orientierung. An den haltet euch!

Nicht anders der Prophet, der im zweiten Teil des Jesajabuches von der Heimkehr des Volkes Israel aus der Gefangenschaft in Babel redet.Nicht gerade schlecht ging es den Juden in Babel, aber hoffnungslos und orientierungslos waren viele. Bleiben oder fliehen? Sich einlassen auf die heidnische Umgebung oder sich abkapseln? Leben oder sich lieber den Tod wünschen? Es hat ja doch alles keinen Zweck. Alles Fleisch ist Gras. Alles ist vergänglich. Nichts hat Bestand.

Ja, sagt der Prophet, alles Fleisch ist Gras, alle Schönheit ist schnell verwelkt. Aber nicht nur Schönheit vergeht. Wenn alles vergeht, dann auch eure Not! Eure Orientierungslosigkeit kann ein Ende haben, denn alles vergeht. Aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich!

Das Wort unseres Gottes, das sind seine Zusagen, dass er uns nicht fallen lassen will, dass er an unserer Seite sein will, auch dann und gerade dann, wenn wir das nur schwer glauben können. Der Gott der Bibel ist nämlich kein Gott nur fürs schöne Wetter, sondern auch für die Zeiten der tief hängenden schwarzen Wolken. Wir erinnern uns an den großen Zeigefinger des Johannes vom Isenheimer Altar: Er weist ja nicht auf irgendeinen Jesus, sondern auf den leidenden Jesus, auf den mitleidenden Heiland.

Von diesen Zusagen Gottes, von seiner Zuwendung, ist schon der Prophet des Alten Testaments überwältigt. Das verändert für ihn die ganze Welt. Die Sorgenberge werden beiseite geschoben und die Tränentäler aufgefüllt, so dass eine glatte Straße entsteht, auf der uns Gott begegnen will und wo wir mit ihm gehen können.

Doch da höre ich schon den Widerspruch: Eine glatte Straße des Lebens? Ist das nicht zu schön, um wahr zu sein? Ist das Leben nicht vielmehr meistens eine Holperstraße mit unendlich vielen Schlaglöchern?

Ja, das ist es, und so bleibt es im Leben bis zum Schluss, es bleibt eine mühsame Straße. Das Wunder eines Lebens mit Gott aber ist, dass uns dieser Weg am Ende – aber immer erst im Rückblick und manchmal wirklich erst ganz am Ende! – dann doch wie eine Wanderung auf weichem Waldboden mit schattenspendenden Bäumen und herrlichen Ausblicken vorkommen wird, dass wir bleibenden Frieden finden, der über unser gegenwärtiges Leben weit hinausführt. Und darum feiern wir den Johannistag ganz zu Recht als einen Tag der Freude mitten auf dem Friedhof.

Amen.

drucken