1.Samuel 3, 1-10/(Erprobung Reihe V): Schweigen vor Gott

„Zu der Zeit …war des Herrn Wort selten ,…gab es kaum noch Offenbarungen“

Wenn Gott doch nur ein Wort vernehmbar sprechen würde, ich wüsste, dass meine vielen ausgesprochenen oder unterwegs verloren gegangenen Worte und Gedanken seinen Adressaten doch nicht verfehlten…

Auf dem Nachttisch stand die letzten Tage vor dem Tod des kleinen Oskar, so erzählte die Dame in Rosa in ihren Briefen an den lieben Gott, ein kleines Schild, „für dich“, und darauf stand. „Nur der liebe Gott darf mich wecken.“
Die Dame in Rosa hatte Oskar in den letzten Tagen seiner Krankheit im Krankenhaus begleitet und mit ihm Tage seines Lebens wie Jahrzehnte durchlebt, durchlacht und durchlitten, so dass Oskar mit seinen wenigen Jahren Lebenszeit dank der letzten Tage auf ein ganzes volles Leben zurückschauen konnte, wo andere noch nicht einmal angefangen hätten zu leben, bis am Ende die Kraft nicht mehr reichte und nur der liebe Gott ihn hätte aus dem erschöpften Schlaf vor dem Tod wecken dürfen.
In einem seiner letzten Briefe an Gott von diesem Kind im gefühlten Alter von Hundert, schreibt er an seinen lieben Gott: Ich habe versucht meinen Eltern zu erklären, was das Leben für ein komisches Geschenk ist. Am Anfang überschätzt man es, man findet es kümmerlich, zu kurz, am liebsten würde man es wegschmeißen. Am Ende wird einem klar, dass es gar kein Geschenk ist, sondern nur geliehen. Also versucht man, es sich zu verdienen. Ich, der ich hundert Jahre alt bin, weiß wovon ich rede. Je älter man wird, um so mehr Findigkeit muss man entwickeln, damit man das Leben zu schätzen weiß. Man muss feinfühliger werden, ein Künstler…“(S.101)
Wenn ich Oskars fiktive Geschichte vom Leben, das sich nicht entfalten konnte, und doch mehr erlebt und erkannt hat als viele von uns in Jahrzehnten erfahren, erinnere, dann überkommt mich eine tiefe Traurigkeit. Dass ein Kind stirbt, darf doch um Gottes Willen nicht sein, stirbt nicht auch Gott ein Stück mit jedem Kind , dessen Leben noch nicht einmal im Ansatz begonnen hat aufzublühen?
Ich ahne, wie es sich anfühlt, wenn ich ein klares, deutlich vernehmbares Wort von Gott entbehren muss, Menschen resigniert feststellen: des Herrn Wort ist selten. Wie gerne hätte ich gehört: „es ist gut, mein Kind, du bist und bleibst geborgen in meiner Hand und in meinem Herzen. Alles wird gut, deine Tränen werden versiegen und dein Schmerz gelindert.“ Wie gerne hätte ich das Happyend nicht nur erträumt, sondern erlebt und darüber laut gejubelt, Freudentränen statt schmerzerfüllt geweint.
Und ich spüre zugleich, dass Gott doch nie ganz verstummt, ich womöglich nur verlernt habe auf ihn, auf seine Äußerungen, auf seine Gegenwart und seine Lebenszeichen zu hören. Meine Sinne haben sich eingetrübt, nicht seine Stimme ihren Klang verloren.
Es tritt wohl kein Prophet mit der Macht und Autorität biblischer Zeiten auf und donnert Wort, Ausspruch oder Raunung Gottes unter die erschrockenen Zuhörer, die die Erschütterung ihrer Existenz wie nach einem Erdbeben spüren.
Aber in den leisen, nachdenklichen, so menschlichen und tiefgründigen Gedanken wacher Menschen klingt so viel Vernehmbares aus dem Herzen Gottes, dass sich eigentlich sich das Gefühl, Gott sei verstummt, widerlegt, wenn ich es nur hören würde.
Ich gebe gerne zu, dass die leisen Töne viel schwerer zu vernehmen sind und es wäre zu einfach, dafür nur die laute, hektische und oberflächliche Gegenwart verantwortlich zu machen.
Elia, der biblische Prophet erlebt Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, sondern in sanftem Säuseln. Gott liebt die leisen Töne, aber die brauchen konzentrierte, geübte Zuhörer.
Um vernehmbar zu sein braucht es nicht viele Worte. Ganz im Gegenteil, wie oft erlebe ich, dass jemand mundtot geredet wird oder die Inflation der Worte darüber hinwegtäuschen soll, dass am Ende nichts gesagt wird, dieses aber dafür rhetorisch sehr geschickt.
Die Wahrnehmung Gottes muss geübt und geschult werden.
Da ist Samuel, der Knabe, der lang erhoffte und von Gott seiner Mutter geschenkte, der das Erhören ihres Gebetes um einen Sohn im Namen trägt: „Gott hat mich erhört“ – er denkt sein Lehrer, der Priester Eli ruft ihn. Wer rechnet auch schon damit, dass Gott vernehmbar sich zu Wort meldet.
Und Eli, der Priester am Heiligtum des Gottesvolkes, er muss damit zurecht kommen, wie sein Leben sich auf die wesentlichen und letzten Wahrnehmungen reduziert, nein konzentriert wurde.
Alt geworden, mit Augen die nicht mehr recht sehen, was vor Augen ist, im letzten Schein des Tages, im schwachen Licht seiner Lampe, hat er sich niedergelegt , um von der Mühsal des Tages zu lassen und die Ruhe des Schlafes zu finden. Ganz zurückgezogen in das Heiligtum, in der Nähe der Lade, an einem Ort, an dem wortlos die Gegenwart Gottes sich zu verdichten scheint, wo Menschen auch in ihrem Lebensgefühl, dem Verstummen Gottes ausgeliefert zu sein, ein DENNOCH seiner Gegenwart zu spüren glauben, dort liegt Eli. Und auch er kann die Stimme nicht recht deuten, die Samuel hört und er braucht Zeit, bis Ohren und Herz bereit sind zu hören und zu verstehen .
Die Klage über das Schweigen Gottes ist das Eine, die Bereitschaft in die Stille hineinzuhören, ob nicht doch von Gott das Schlagen seines Herzens, das stille Werben seiner Liebe, die unaufdringliche Sehnsucht nach unserer Antwort zu vernehmen ist, ist das andere.
Was für ein Rat des Priesters: „geh und leg dich schlafen . Und wenn du gerufen wirst, sprich: Rede, Herr, denn dein Knecht hört“
Oskar vereint Samuel und Eli, jung und alt, erfahren und immer noch ganz neugierig im Umgang mit Gott, in einer Person. Und an seinem Bett steht eben: nur der liebe Gott darf mich wecken.
Womöglich gibt es keinen grundlegenderen Weg, ins Schweigen und in die Passivität geführt zu werden, damit Gott ankommen und sich vernehmbar machen kann, als den Zustand des Schlafes, wenn der äußerliche Mensch ganz zur Ruhe gekommen, dem inneren Menschen den Vortritt lässt.
Wie oft berichtet die Bibel von Träumen, in denen Gott zu reden beginnt.
Wie oft geht mir im Schlaf ein Licht auf, meldet sich in meinem Unterbewußtsein Gott zu Wort.
Die Stille der Meditation, die Ruhe in der Konzentration, das Vernehmen der Klarheit Gottes im Säuseln des Windes und im Schweigen der verstummten Worte, der Weg zuerst nach innen, in die Mitte, an den Quellgrund, kann mich stärken und entschlossen machen zu einem klaren, deutlichen und entschlossenem Weg nach draußen, in das Leben, in die Öffentlichkeit, in die Welt um mich herum, die doch zugleich Gottes Welt ist.
Meditation und Aktion, Liebe und Tat sind keine Gegensätze, sondern Geschwister, wie Einatmen und Ausatmen. Dorothee Sölles letztes großes Werk trug den Titel „Mystik und Widerstand“ und beschreibt genau dieses gegenseitige Bedingen von innen und außen, von Liebe und Tat, von Glaube und Werk, von Hoffnung und Lebenshilfe.
Der wahrhaft Fromme, von Gottes beredtem Schweigen angerührte und erfüllte, entflieht nicht der Welt, sondern er liebt sie und wandert mit Kraft und Weisung aus der Stille in sie ein, um sie zu verwandeln.
Er weiß, dass dieser Satz, dass Gottes Wort selten geworden ist, nur äußerlich wahr ist, aber innerlich das Schweigen immer noch Gott offenbart. Mit einer Meditation aus Taize gesprochen: „Schweigen“
Nicht nur still werden
und den Lärm abschalten,
der mich umgibt.
Nicht nur entspannen
und die Nerven ruhig werden lassen.
Das ist nur Ruhe.
Schweigen ist mehr.
Schweigen heißt: mich loslassen
nur einen winzigen Augenblick
verzichten auf mich selbst
auf meine Wünsche
auf meine Pläne
auf meine Sympathien
und Abneigungen
auf meine Schmerzen
und meine Freuden
auf alles, was ich von mir denke
und was ich von anderen halte
auf alle Verdienste
auf alle Taten.
Verzichten auch auf das,
was ich nicht getan habe,
auf meine Schuld – und
auf alle Schuld der anderen an mir,
auf alles, was in mir Unheil ist.
Verzichten auf mich selbst.
Nur einen Augenblick DU sagen
und Gott da sein lassen.
Nur einen Augenblick sich lieben
lassen
ohne Vorbehalt
ohne Zögern
bedingungslos
und ohne auszuschließen,
dass ich nachher brenne.
Das ist Schweigen vor Gott.
Dann ist im Schweigen
Stille
und Reden
und Handeln
und Leiden
und Hoffen
und Lieben
zugleich.
Dann ist Schweigen:
Empfangen.
Auf dieses Schweigen weiß
ich keine Antwort
als: neues Schweigen
weil Gott größer ist
weil jede versuchte Antwort
zu klein gerät.
Und doch habe ich
keine Angst
zu reden
und zu handeln,
weil das Schweigen
eines Augenblicks
vor Gott
und mit Gott
und in Gott
die lauten Stunden erlöst.

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