In Verantwortung vor Gott und den Menschen (Erprobung Reihe V)

Die Empörung und die Wut sind unüberhörbar. Viele schließen sich den Protestmärschen an. Immer noch kommen Orte dazu, an denen protestiert wird. Der Bürger ist flächendeckend zum Wutbürger geworden. Die Rufe, die irgendwo und irgendwann in Parolen umschlagen und die Grenze zur sprachlichen Gewalt längst überschritten haben, ähneln sich. „Die da oben haben doch gar keine Ahnung.“ Und wieder und doch ganz anders ruft die Menge: „wir sind das Volk, nicht da oben“. Auch wenn „wir“ längst nicht alle und nicht klar definiert sind, schreit es laut: „wir sind das Volk“. Und: „die da oben verkaufen uns für dumm, denen kann man nicht glauben und den Berichten in den Medien wollen wir nicht glauben.“
Schon seit Wochen und Monaten kennen die Talkshows kaum ein anderes Thema, es variiert nur, je nach Anlass. Es geht gerade nicht mehr vordergründig um Pegida oder ähnliche Bewegungen, jetzt geht es um Tröglitz und die Frage, ob es überall geschehen kann, dass Flüchtlingsheime brennen und die, die überlebt haben und angekommen sind bei uns, aus welchen Gründen auch immer, nun auch hier Angst haben müssen. Irgendwo schlägt Angst und Wut womöglich in Gewalt um. „Die da oben“ suggeriert auch „wir hier unten“. Und wer findet sich da schon gerne wieder!
Auf den ersten Blick scheinen sich unsere Protestler auch in guter Gesellschaft zu befinden. Denn so viel anders klingt die Drohrede des Propheten an die Hirten seines Volkes ja auch nicht: „wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden: sie essen das Fett, das Geschlachtete, kleiden sich in Wolle. Ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind.“
„Die haben alles, wir haben nichts“ schreit die Menge empört und lässt mit sich nicht mehr reden. Aber mit Politik- und Demokratieverdrossenheit dürfen wir uns nicht abfinden. Die Klage über die Regierenden aus dem Munde der Regierten, die Klage der Untertanen über die Herrschenden ist alt. Aber die Sprache und Ausdrucksweise sind auch selbstredend, gar entlarvend.
Israel hatte Könige. Die Einsicht, dass das Königtum eigentlich der Herrschaft Gottes widerspricht, war in die Vorzeit der Richter verlegt. Vertraut war den Zeitgenossen das Königtum von Gottes Gnaden geworden und die engen Grenzen, die das bedeutet, dass Gott gibt und dass Gott nimmt, waren längst schon gesprengt. Wer wollte sich dem Gottesgnadentum entgegenstellen ohne sich damit Gott zu widersetzen?
Unsere Verfassungsordnung sagt: in der Verantwortung vor Gott und den Menschen hat sich das deutsche Volk eine Verfassung gegeben. Und Artikel 20 sagt: alle Staatsgewalt geht vom Volke.
„Wir sind oben“ . Es gibt kein wirkliches „Unten“. Es gibt nur verschiedene Formen der Verantwortung. Verantwortung vor Gott wird festgeschrieben, aber die Quelle der Macht unten gefunden.
Dafür bin ich dankbar und dahinter möchte ich nicht zurück.
Der Prophet Hesekiel ist nun allerdings kein Revolutionär, der die Gesellschaftsordnung seiner Zeit grundsätzlich in Frage stellt. Er ist ein Kritiker der Gesellschaftspolitik seiner Zeit und er benutzt ein starkes Bild, um die Mächtigen in die engen und eigentlichen Grenzen ihrer Macht zu weisen: Hirten seid ihr und als Hirten tragt ihr Verantwortung für eure Herde. Psalm 23 sollte euer Regierungsprogramm widerspiegeln: grüne Auen, frisches Wasser, rechte Straße, Stecken und Stab als Schutz und Trost. Da sind wir uns über den großen zeitlichen Abstand ganz nah. Es gibt Macht und Herrschaft, es gibt Regierungen und es braucht staatliche Ordnung, damit das Zusammenleben funktioniert, damit Recht und Gerechtigkeit kein Wunschtraum bleiben, um Grenzen und Folgen unseres Tuns aufzuzeigen. Es braucht Gerichtsbarkeit, um Streit zu klären und die Regeln durchzusetzen. Es braucht Obrigkeit und sie steht in der Verantwortung vor Gott, so glauben wir es, und vor den Menschen, so regelt es unsere Ordnung. Wahlen werden dann Augenblicke der Rechenschaft für das Tun und Lassen der Regierenden.
Aber es gibt eben auch Machtergreifung und Machtmissbrauch, es gibt Unrechtsregime und Diktaturen, es gibt Menschenverachtung und Lebensverneinung in konkreter politischer Gestalt. Und darin liegt eine von vielen Fluchtursachen vieler Menschen. Menschenrechte, Gleichberechtigung,Meinungsfreiheit und sozialer Frieden sind damals und heute keine weltweiten Errungenschaften.
Empörung, nicht Gleichgültigkeit, und Erregung, nicht Totenstille, eine heilsame Ungeduld und eine störende Unzufrieden mit den Verhältnissen, wie sie immer schon waren und sich bloß nicht ändern sollen, sind nicht an sich böse und gefährlich, sind oft notwendig.
Wir erinnern in diesen Tagen an den siebzigsten Todestag D.Bonhoeffers. Er wurde im KZ Flossenbürg nicht hingerichtet, sondern er wurde ermordet. Sein Prozess war nicht einmal ein Scheinprozess, der den Spielregeln des nationalsozialistischen Regimes entsprochen hätte. Dietrich Bonhoeffer, Kind seiner Zeit und noch im deutschen Kaiserreich aufgewachsen, konnte in ganz positiver Weise von der Obrigkeit reden und schreiben. Er war grundsätzlich bereit, auch die Nationalsozialisten als Obrigkeit gelten zu lassen, der Christen nach dem Zeugnis der Bibel Gehorsam schuldig sind. Er dachte Herrschaft von oben, von Gott her, als gute Gabe gegen das Chaos der Sünde. Und er war zugleich trotz allem schon 1933 einer der ersten Streiter gegen die Judenverfolgung im dritten Reich. Überliefert ist sein Aufsatz über die sogenannte Judenfrage: „Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude“ schrieb er und wir ahnen: mit jedem Bruder und jeder Schwester aus dem Volk Israel, die überlebt haben, ist das christliche Abendland gerettet worden, damals – nicht heute!
Bonhoeffer konnte schon 1933 sagen: es ist die Aufgabe der Kirche den Staat, die Obrigkeit an ihre Verantwortung vor Gott, für die Menschen und für die Gesellschaft zu erinnern, sie zu mahnen, Verantwortung einzufordern. Es ist der Auftrag der Kirche, Menschen beizustehen, die Opfer staatlicher Willkür und staatlichen Handelns werden und sie darf sich nicht darauf beschränken, die Wunden derjenigen zu verbinden, die unter das Rad geraten sind, sondern im Zweifelsfall auch dem Rad in die Speichen zu greifen. Er hätte sich in seiner Zeit gewünscht, dass die ganze Christenheit mit einer Stimme spricht, Gewalt und Verfolgung anprangert und für Gerechtigkeit und Frieden eintritt, ihm blieb aber am Ende nur – er nannte es das Wagnis der Verantwortung – sich an den Plänen für ein Attentat auf Hitler zu beteiligen, selbst wenn er damit die Schuld auf sich lädt, gegen das 5.Gebot zu verstoßen.
Ich gebe gerne zu, das mir auch aus dem zeitlichen Abstand seine Rede von der Obrigkeit manchmal fremd bleibt, aber ich spüre, wie sehr das Wächteramt der Kirche, unsere gemeinsame Aufgabe wachsam und kritisch an der Seite der Menschen unabhängig von ihrer Herkunft oder Hautfarbe als Anwälte ihrer Rechte und ihrer Würde zu stehen, heute immer noch oder gerade wieder gefragt sind.
Nicht als Wutbürger, nicht mit Gewalt, auch nicht mit verbaler Gewalt, sondern als treue Mahner und Beter. Auch das demokratische Gemeinwesen braucht die Kirche. Auch als Christ bleibe ich Bürger, als Bürger bleibe ich Christ. Es gibt keinen Bereich meiner Welt und meiner Wirklichkeit, in der ich nicht Gott glaube, es gibt keine gottbefreiten/gottlosen“ Zonen menschlichen Lebens und einen Rückzugsort, den Kirchen sich zuweisen lassen müssen, wo sie sich um ihre eigenen inneren Angelegenheiten zu kümmern haben.
Teilhabe und Verantwortung, Kirche und Gesellschaft, Christen in der Politik gehören zusammen.
Wir sind befreit zum Leben in Zeit und in Ewigkeit. Wir sind auf den Weg geschickt, nicht als Blinde, die nicht sehen und hören, was rechts und links am Wegrand geschieht, sondern im Vertrauen, dass die eigentliche Machtfrage längst entschieden und geklärt ist: ihm, dem Auferstandenen, ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden. Und alle Regierenden haben keine absolute Macht, bestenfalls eine große Verantwortung für das Leben dem lebendigen Gott, seinen Geschöpfen und seiner Welt gegenüber. Die Fürbitte der Gemeinde für Regierende und Regierte ist deshalb eine der vornehmsten Aufgaben, die wir haben.

drucken