Leichenschmaus mit Überraschungsgast

Wer von Euch war schon einmal dabei, wenn ein Mensch gestorben ist?
Hat diesen Moment miterlebt, wie jemand atmet, ein, aus, ein, aus – und dann auf einmal nichts mehr.
Vielleicht ein letztes Aufbäumen und dann ist das Leben weg.
Aus und vorbei.
Und auf einmal ist da nicht mehr dieser Mensch da, sondern nur noch seine tote Hülle.
Die dann kalt wird, und hart.
Ein Gegenstand, kein Mensch mehr.
Wer das einmal miterlebt hat, der wird es nie mehr vergessen.
Denn das ist ein unheimlich intensives, ein großes Erlebnis.
Als ich überlegt habe, womit ich das vergleichen kann, da ist mir eigentlich nur die Geburt unserer Kinder eingefallen, wo ich dabei war.
Oder vielleicht noch der Moment, wo ich erfahren habe, dass ein mir nahe stehender, lieber Mensch gestorben ist.
Das geht echt unter die Haut.
So stark ist das.
So stark ist der Tod.
Der Tod ist eine starke Macht, und er bringt uns alle außer Takt.

Psychologen sagen:
Die Geburt eines Kindes und der Tod eines nahen Angehörigen – das sind die stressigsten Momente, die ein Mensch erleben kann.

Menschen, die den Tod von Angehörigen verkraften müssen, die brauchen viel Hilfe.
Menschen, die für sie da sind.
Ganz geduldig da sind.
Seelsorger sind hilfreich.
Und Rituale helfen auch bei der Bewältigung der Trauer.
Beten.
Eine Kerze anzünden.
Eine Aussegnung halten.
Ein feierlicher Abschied bei der Beerdigung.
Und danach gehen viele noch zum Leichenschmaus.

Viele finden das komisch.
Von der Beerdigung zum Mittagessen oder zum Kaffeetrinken gehen.
Da bleibt mir doch der Bissen im Hals stecken, sagen sie.
Ich finde diesen Leichenschmaus ein wichtiges Ritual.
Das Leben geht weiter, zeigt dieses Ritual.
Und der, der jetzt fehlt, der ist in Gedanken doch mit dabei.
Ist Teil der Gemeinschaft.
Die Familie ist da, die Verwandtschaft ist da, Freunde, Nachbarn, sie sind alle da.
Und in Gedanken ist auch der oder die Verstorbene da.

Und jetzt stellt euch einmal vor:
Ihr sitzt bei so einem Leichenschmaus, es gibt Bratwürste und Kartoffelsalat und danach noch Kaffee und Kuchen und alle unterhalten sich und man versteht im Gewirr der Stimmen sein eigenes Wort fast nicht mehr – und auf einmal hörst Du die Stimme des Verstorbenen und er sagt:
Ich will auch was zu essen!
Und du siehst dich um und tatsächlich –
da sitzt er am Tisch
und hat Messer und Gabel in der Hand
und eine Serviette liegt auf seinem Schoß
und er hat seinen Anzug an, mit dem er in den Sarg gelegt worden ist
und er sieht noch ein bisschen blass aus
und er schneidet ein Stück Bratwurst ab
und kaut es und schluckt es runter
und Du denkst: ich glaub ich spinn
jetzt hab ich Halluzinationen
ich glaub ich träum
und dann gehst du zu ihm rüber
und er schaut dich an und sagt
grüß dich, ich bin wieder da
und du fasst ihn an
ganz vorsichtig zuerst
und dann mit beiden Händen
und er ist aus Fleisch und Blut und mit Haut und Haar
und ganz warm und fest und lebendig.

Unglaublich, oder?
Ein Leichenschmaus mit Überraschungsgast.

Wenn Ihr euch das vorstellen könnt, dann wisst ihr ungefähr, wie sich damals in Jerusalem die Jünger von Jesus gefühlt haben.
Denn damals haben sie genau das erlebt.
Damals, am ersten Ostersonntag.
Einen Leichenschmaus mit Überraschungsgast.
Lukas erzählt es in seinem Evangelium so:

Während sie noch redeten, stand der Herr plötzlich selbst in ihrer Mitte. "Friede sei mit euch!", grüßte er sie. 37 Doch sie erschraken sehr und bekamen Angst, weil sie meinten, einen Geist zu sehen. 38 "Warum seid ihr so erschrocken?", sagte Jesus zu ihnen. "Warum kommen euch solche Gedanken? 39 Seht euch meine Hände an und meine Füße: Ich bin es ja! Fasst mich an und überzeugt euch selbst! Ein Geist hat doch nicht Fleisch und Knochen, wie ihr sie an mir seht." 40 Mit diesen Worten hielt er ihnen seine Hände hin und zeigte ihnen seine Füße. 41 Und als sie es in ihrer Freude und Verwunderung immer noch nicht glauben konnten, fragte er: "Habt ihr etwas zu essen hier?" 42 Da gaben sie ihm ein Stück gebratenen Fisch. 43 Er nahm es und aß es vor ihren Augen auf. 44 Dann sagte er zu ihnen: "Nun ist in Erfüllung gegangen, was ich euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: ‚Alles, was im Gesetz des Mose, in den Propheten und Psalmen über mich geschrieben steht, musste sich erfüllen.’" 45 Dann öffnete er ihnen die Augen für die Schrift und half ihnen, sie zu verstehen.

Böse Zungen behaupten zu allen Zeiten, das Christentum sei nichts anderes als eine aufgebackene Jesussemmel. Die Jünger hätten sich mit dem Tod ihres geliebten Meisters nicht abfinden können und da seien dann irgendwann die Gerüchte ins Kraut geschossen.

Aber so war es nicht.

Niemand hat ernstlich geglaubt, dass der mausetote Jesus von Nazareth sein Grab jemals wieder lebend verlassen könnte.
Und wenn er es ihnen immer wieder gesagt hatte – geglaubt haben sie es nicht.
Sie haben sich es nicht vorstellen können.

Und so waren sie echt geschockt an diesem Ostermorgen.
Mit allem haben sie gerechnet.
Aber nicht damit.
sie erschraken sehr und bekamen Angst, weil sie meinten, einen Geist zu sehen
Friede sei mit euch! Sagte Jesus zu ihnen.
Aber ich bin mir sicher:
Im Haus der Jünger stob alles, was lebendig war, wild auseinander, klebte mit dem Rücken an der Wand und hatte die Haustür im Auge.

Wir brauchen nicht viel Phantasie um uns vorzustellen, dass es einige Zeit dauerte, bis die Jüngerschar wieder zur Ruhe gekommen war.

Die Jünger sahen ihn.
Die Jünger hörten ihn
Die Jünger fassten ihn an.
Die Jünger aßen Fisch mit ihm.

Dann konnten sie es glauben:
Das ist kein Traum – das ist Wirklichkeit.
Jesus lebt.
Er ist nicht im Grab geblieben.

Obwohl das Grab so scharf bewacht worden ist.

Heute, zweitausend Jahre später wird dieses Grab immer noch scharf bewacht.

Wo immer die Botschaft vom Auferstandenen laut wird, rollen die Päpste des vermeintlich gesunden Menschenverstandes ihren dicken Stein davor.
Es sei sozusagen wissenschaftlich erwiesen, dass ein Toter nicht wieder lebendig werden könne.
Dass sei gegen die Vernunft und daher völlig unglaubwürdig.
Daher sei die einfachste Erklärung eine psychologische.
Die Jünger hätten den Schmerz über den Verlust ihres Meisters nicht verwinden können und seien deshalb in dringend behandlungsbedürftige Visionen und Hirngespinste geflüchtet.
Oder sie hätten den Leichnam einfach verschwinden lassen und behauptet … Das hatten wir schon. Und so wälzen sie den Stein der Vernunft wieder und wieder vor das Grab.

Bei der Frage nach der Auferstehung hilft glaub ich die Vernunft nicht viel weiter.
Den Jüngern damals hat vernünftiges Überlegen auch nicht geholfen, sondern nur eine Erfahrung.

Den Jüngern ist etwas passiert, womit sie nicht gerechnet haben.
Was sie völlig umgeschmissen hat.
Sie sind dem Auferstandenen Jesus begegnet.
Und es ist ihnen schwer gefallen, es zu begreifen, es zu glauben.

Und was ist mit uns?
Wir waren damals nicht mit dabei, damals bei der Auferstehung.
Wir waren damals bei diesem Leichenschmaus nicht mit dabei.
Wie können wir eine solche Erfahrung machen, eine vergleichbare Erfahrung machen?

Wie können wir dem Auferstandenen begegnen?

Das habe ich mich gefragt, und dann ist mir Martin Luther King eingefallen.
Der Baptistenprediger und Bürgerrechtler.

Mir ist eingefallen, wie er einmal folgendes erzählt hat:
Eines Abends Ende Januar 1956 – zwei Monate nach Beginn des Busboykotts in Montgomery – ging ich nach einem anstrengenden Tag erst spät zu Bett. Coretta – meine Frau – schlief schon. Als ich gerade am Einschlafen war, läutete das Telefon. Eine wütende Stimme rief: Hör mal, Nigger, wir werden uns an dir rächen. Noch in dieser Woche wirst du es bereuen, dass du nach Montgomery gekommen bist. Ich legte auf, aber ich konnte nicht schlafen. Es war mir, als würde alle Angst und Not der letzten Wochen auf einmal über mich hereinbrechen. Ich war am Ende meiner Kraft.
Ich stand wieder auf und lief im Korridor auf und ab. Schließlich ging ich in die Küche und machte mir eine Tasse Kaffee. Ich wollte den Kampf aufgeben. Ohne den Kaffee anzurühren, saß ich am Küchentisch und grübelte darüber nach, wie ich von der Bildfläche verschwinden könnte, ohne als Feigling zu erscheinen. In diesem Zustand äußerster Erschöpfung und völliger Mutlosigkeit legte ich Gott meine Not hin. Den Kopf in den Händen betete ich laut. Die Worte dieser mitternächtlichen Stunde sind mir noch in lebendiger Erinnerung: Herr, ich glaube, dass ich für eine gerechte Sache kämpfe. Aber jetzt habe ich Angst. Die Leute sehen auf mich als ihren Führer, und wenn ich ohne Kraft und Mut vor ihnen stehe, werden sie auch wankend werden. Ich kann nicht mehr weiter. Ich habe den Punkt erreicht, wo ich es allein nicht mehr schaffe.
In diesem Augenblick erlebte ich die Gegenwart Gottes wie nie zuvor. Mir war, als hörte ich eine innere Stimme, die mir Mut zusprach:
Steh auf für die Gerechtigkeit! Stehe auf für die Wahrheit! Und Gott wird immer an deiner Seite sein.
Fast augenblicklich waren meine Ängste dahin. Meine Unsicherheit verschwand. Ich war bereit, allem ins Auge zu sehen.

Ein Mensch voller Angst und Verzweiflung ruft Gott um Hilfe.
Und er erlebt:
Gott ist da.
Gott gibt es echt.

Und diese Erfahrung verändert ihn.

Er ist dem Auferstandenen begegnet,
und diese Begegnung macht ihm Mut,
nicht zu resignieren,
sie gibt ihm Kraft aufzustehen.
Sie gibt ihm die Kraft,
den Hass auszuhalten und zu überwinden.

Wenn es die Auferstehung gibt und weil es die Auferstehung gibt, weil das so ist, ist im Grunde genommen nichts unmöglich.
Sogar das sich Menschen tiefgreifend verändern.
Sogar dass Trauernde getröstet werden.
Sogar dass völlig hoffnungslose neue Hoffnung finden.
Und dass das Leben neu beginnen kann.
Leben vor dem Tod, während des Todes und nach dem Tod. Ganz egal.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt es.
Das ist nicht wahr.
Nicht die Hoffnung stirbt zuletzt, sondern der Tod.
Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod, sagt Paulus.

Am Tag vor seiner Ermordung hielt MLK seine letzte Predigt.
Am Ende seiner Predigt sagte er folgendes:

Ich mache mir keine Sorgen mehr, denn ich bin auf dem Gipfel gewesen.
Und ich habe hinüber gesehen, und ich habe das gelobte Land gesehen. Vielleicht komme ich nicht zusammen mit euch dorthin.
Aber ich will, dass ihr heute Abend wisst, dass wir, als ein Volk, in das gelobte Land kommen werden.
Ich bin heute Abend sehr glücklich.
Ich mache mir keine Sorgen um nichts.
Ich habe keine Angst vor niemanden.
Denn meine Augen haben den Glanz des kommenden Herrn gesehen.
Mine eyes have seen the glory of the coming of the lord.

MLK hat den Auferstandenen gesehen.
Und das nahm ihm alle seine Sorgen.
Und das nahm ihm alle Angst.

Die Herren dieser Welt gehen.
Unser Herr kommt.
Denn er ist auferstanden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstehen und Begreifen, bewahre unsere Herzen und Gedanken in Jesus Christus.

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