Zeugen aus der lutherischen Wolke (Erprobung III. Reihe Hebr 11,1-2.39b-40.12,1-3)

Die Formulierung „Wolke der Zeugen“ meint im Hebräerbrief diejenigen, von denen das Alte, das Erste Testament spricht. Paulus nennt eine ganze Reihe von Namen: Noah, Abraham, Mose, David, die Propheten u.a.m. Er skizziert deren Leben und zeigt, wie es vom Glauben geprägt war. Durch diese Zeugen des Glaubens vor uns ist uns der Glaube überliefert. Hätte es sie nicht gegeben wüssten wir nichts.

Diese „Wolke der Zeugen“ werden wir heute erweitern.

Zur Auslegung des heutigen Bibelzitats aus dem Hebräerbrief habe ich drei Persönlichkeiten eingeladen. Sie haben eines gemeinsam: Sie gehören in die „Wolke der Zeugen“ unserer Evangelischen Kirche. Wir wollen ihnen zuhören, wie sie über unseren Glauben denken.

1. Ihr habt die Bibel vergessen
Als erstes begrüßen wir Philipp Melanchthon. Er ist der Cheftheoretiker der Reformation. 1497 wurde er in Bretten geboren, östlich von Karlsruhe gelegen.

1518 kam er – 1,50 m groß, leicht lispelnd – an die neu gegründete Universität Wittenberg. Fünf Jahr später wurde er zu deren Rektor berufen. Eng befreundet mit Luther brachte er mit ihm zusammen die Reformation auf den Weg. Er verstand es wie kein anderer, die vulkanisch aufbrechenden Einsichten Luthers auf den Begriff zu bringen. Melanchthon verfasste das erste evangelische Bekenntnis, die „Confessio Augustana“, das 1530 an Karl V. übergeben wurde. Er schrieb die erste evangelische Dogmatik.

Melanchthon führt den Ehrentitel "Praeceptor Germaniae" (Lehrer Deutschlands). Er setzte sich erfolgreich für eine Studienreform an den Universitäten ein. Außerdem gründete er Gymnasien, u.a. 1526 in Nürnberg.

Herzlich willkommen, Professor Doktor Philipp Melanchthon. Wir haben Sie eingeladen als einen, der zu unserer evangelischen Wolke der Zeugen gehört.

Melanchthon: Das ist eine große Ehre für mich, dass ihr so über mich denkt. Das beschämt mich.

Prediger: Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Was sagen Sie uns, lieber Professor, zu diesem Bibelwort?

Melanchthon: Richtig, es ist ein Bibelwort. Prüft euch zuerst, ihr Lieben, wie ihr es mit der Bibel haltet. Verstaubt sie in euren Schränken? Nehmt ihr sie zur Hand? Ihr habt die Bibel vergessen! Das ist mein Eindruck.
Ihr sehnt euch nach Glauben. Aber wohin führt euch euer Sehnen? Alten Germanen gleich wandert ihr durch eure Wälder und meint, nun spüret ihr Gott. Ihr lauft Scharlatanen nach und schweigt, brummt, klingelt, verbiegt und verbeugt euch. Aber Gott kommt nicht im Schweigen zu euch. Er tanzt nicht herbei, wenn ihr Glöckchen schlagt. Zu Gott könnt ihr nicht in den Himmel hinauf turnen. Gott ist zu euch gekommen wie zu mir: In Christus. Darauf kommt es an: Christus erkennen, heißt seine Wohltaten erkennen.

Sprecht mit Gott! Lest sein Wort. Gott ist lebendig. Das Gespräch ist die Mutter des Segens. Zum wechselseitigen Gespräch sind wir geboren.
Prediger: Vielen Menschen heute fällt es sehr schwer, die Bibel zu verstehen.

Melanchthon: Der Glaube ist nicht allein dieses, dass ich wisse die Historien, wie Christus geboren und gelitten usw., sondern der Glaube ist die Gewissheit und das Vertrauen im Herzen. Im Glauben halte ich die Zusage Gottes für gewiss und wahr, durch welche mir angeboten wird Vergebung, Gnade und alles Heil durch Christus.

Prediger: Ja, genau darum geht es. Wie kann ich diesen Glauben machen?
Melanchthon: Lieber Amtsbruder in Christus, ich meine, er sollte nochmals studieren gehen. Er müsste doch wissen, dass Glaube ein Geschenk ist, das wir nicht „machen“ können!
Auf den individuellen persönlichen Glauben an Christi Heilstat kommt es an. Dieser Glaube umfasst Belehrung, Wiedergeburt, Erneuerung sowie „Aufrichtung des Herzens“.

Prediger: Entschuldigen Sie meine unklare Formulierung. Aber sie trifft das was Menschen heute gerne hätten…

Melanchthon: Über himmlische Dinge muss man sich sein Urteil nach Gottes Wort und nicht nach dem bilden, was wir gerne hätten. Gottes Geheimnisse soll man anbeten und nicht zerpflücken. O Unvernunft! O Finsternis! Irgendwo anders Trost zu suchen als von Christus ist nicht möglich.

Prediger: Also können wir nichts tun um Glauben zu erlangen?

Melanchthon: Alles, was du brauchst, erlangst du mit Bitten von Christus. Sprich mit Gott. Lies sein Wort. Und warte, was er dir schenken wird.

Prediger: Was wird Gott uns schenken?

Melanchthon: Du wirst von der Sünde erlöst, von den Sorgen befreit.

2. Bey einer andächtigen Musique ist Gott allezeit mit seiner Gnaden Gegenwart

Prediger: Ich darf unseren zweiten Gast herzlich begrüßen. Es ist kaum vorstellbar, aber wahr. 80 Jahre lang waren seine Kompositionen nur wenigen Fachleuten bekannt. Erst 1829 entdeckte man sie wieder. Heute gehört sein Werk zum Weltkulturerbe. Ich darf Johann Sebastian Bach herzlich willkommen heißen. Am 31.März 1685 in Eisenach geboren durchlebten Sie ein von zahlreichen Schicksalsschlägen gezeichnetes Leben. Erst in Leipzig kamen Sie zur Ruhe.

Lasst uns … aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete.

Was haben Sie uns zu diesem Vers aus unserem heutigen Bibeltext zu sagen?

Bach: Nun, es liegt mir nicht, viele Worte zu machen. Aber ich vermute, Sie haben mich eingeladen, weil ich die Passion unseres Herrn Jesus Christus in Musik gefasst habe.

Prediger: Die Johannes- und die Matthäus-Passion. Was hat Sie dazu bewegt, solche Werke zu schaffen?

Bach: Ich bin als Kind mit den wunderbaren Gedichten und Liedern von Paul Gerhardt groß geworden. Hätte ich diese Worte nicht in meinem Herzen gehabt, so wäre ich verloren gewesen. Oft habe ich ins Grab schauen müssen. Ins Grab meiner Mutter, als ich neun, ins Grab des Vaters, als ich zehn war. Ins Grab meiner lieben Maria Barbara. Ins schreckliche Grab vieler unserer Kinder.

Paul Gerhardts Geichte und Lieder haben mich begleitet. „O Haupt voll Blut und Wunden.“ Mit diesem Lied ertrug in meine Anteilhabe am Kreuzweg. Und sie haben meiner Lebensfreude Melodie gegeben. „Geh aus mein Herz und suche Freud“, rief mich ins Leben zurück.

Prediger: Haben Sie im Leide nicht an Gott gezweifelt?

Bach: Die Zwiesprache des Gläubigen mit Gott ist immer durchzogen von Gewissheit und Ungewissheit, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Zuversicht und Verzweiflung. In der Fuge aber fügen sich diese Stimmen zueinander.

Das Kreuz unsers Herrn lastete auch auf mir.

In der Musik jedoch liegt mein Trost. In der Musik hat Gott uns eine Ahnung der unfasslichen Harmonie gegeben, die allem zugrunde liegt. Freude und Trauer, Lobpreis und Verdammung, Lachen und Weinen. Das ist unser Leben vor Gott. Musik lässt uns Auferstehung ahnen. Nähe zu Gott.

Ich habe stets die Bibel gelesen, wie es Professor Philipp empfiehlt. Stets hörte ich dabei in meinem Innern die Musik, die in dieser Sprache liegt.

Wir haben, ob wir es wollen oder nicht, Anteil am Kreuz Jesu. Müssen leiden. Müssen zweifeln. Müssen trauern. Und doch liegt darin und darüber Gottes unbegreifliches Walten. Seine Erlösung. Bei einer andächtigen Musik ist Gott allezeit mit seiner Gnaden Gegenwart.

Prediger: Kritiker haben ihnen vorgeworfen, die Texte bloß zu vertonen und mit Gefühlen, um nicht zu sagen, mit Affekten aufzuladen.

Bach: Nein, mir war es darum zu tun, das Göttliche im Wort der Bibel durch die Musik erklingen zu lassen. Luther hat die Bibel ins Deutsche übertragen. Mein Sinnen war es, sie in die Sprache der Musik zu übersetzen.

Prediger: Was möchten Sie den Menschen der Gegenwart sagen?
Bach: Allen, die Trauer tragen müssen, möchte ich sagen: Gedenkt an den, gedenkt an Christus, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. Ich zitiere die Bibel. Das liegt mir näher, als selber große Worte zu machen. Was mir sprachlich sehr nahe kommt, sind die Worte eines Dichters, dessen Name mir leider entfallen ist. Wenn ich hier aus meiner Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ zitieren darf:

Mein Wandel auf der Welt
Ist einer Schifffahrt gleich:
Betrübnis, Kreuz und Not
Sind Wellen, welche mich bedecken
Und auf den Tod
Mich täglich schrecken;
Mein Anker aber, der mich hält,
Ist die Barmherzigkeit,
Womit mein Gott mich oft erfreut.
Der rufet so zu mir:
Ich bin bei dir,
Ich will dich nicht verlassen noch versäumen!
Und wenn das wütenvolle Schäumen
Sein Ende hat,
So tret ich aus dem Schiff in meine Stadt,
Die ist das Himmelreich,
Wohin ich mit den Frommen
Aus vielem Trübsal werde kommen.
Es erfüllt mich großer Dankbarkeit, dass meine Werke auch den Menschen eurer Gegenwart Kraft und Hoffnung geben

3. Die rettende Liebe gehört mir wie der Glaube

Prediger: Zum Schluss wollen wir noch einen Herrn aus dem 19. Jahrhundert herzlich willkommen heißen.

Ich darf den Theologen Johann Hinrich Wichern herzlich willkommen heißen. Er erblickte am 21. April 1803 das Licht der Welt in Hamburg. Seine Jugendzeit war ebenfalls vom frühen Tod des Vaters belastet. Bis heute verbindet sich sein Name mit der „Inneren Mission“. Das ist das, was wir heute „Diakonie“ nennen.
Herrn Wichern, Sie befragen wir zu diesem Bibelvers aus unserem heutigen Bibelzitat:

Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist.

Wichern: Danke, das ist genau das richtige Bibelwort für mich. Damals, als wir uns daran machten, uns der „sozialen Frage“ unserer Zeit zu stellen, da war Geduld notwendig.

Prediger: Das müssen Sie uns kurz erklären…

Wichern: Gerne! Zu meiner Zeit stand es schlecht um Glaube und Kirche. Männer wussten kaum noch etwas mit Gott und Christus anzufangen. Die Frauen feierten Glaube gerne daheim: Weihnachten, Ostern usw. „Kinder, Küche, Kirche“ sagte man damals. Was draußen vorging, dem wollte man sich nicht stellen. Die Kirche sah weg und schloss die Augen vor dem Elend der Kinder in den Städten. Sie schloss die Augen vor der Armut der Proletarier.

Prediger: Sie haben ein „Rettungshaus“ für Jugendliche gegründet und die „Innere Mission“ ins Leben gerufen. Auf dem ersten Kirchentag hielten Sie eine berühmte Rede.

Wichern: Ja, ich weiß noch, was ich sagte: Meine Freunde, es tut not, dass die evangelische Kirche in ihrer Gesamtheit anerkenne: die Arbeit der Inneren Mission ist mein, dass sie ein großes Siegel auf die Summe dieser Arbeit setze: Die rettende Liebe gehört mir wie der Glaube.

Prediger: Was möchten Sie den Menschen unserer Gegenwart sagen?
Wichern: In Gottes Namen, entzieht euch nicht dem Kampf um Gerechtigkeit und Frieden, der euch auferlegt ist. Meidet Worte des Hasses. Unterstellt euch geduldig und mutig dem, was Gott von euch verlangt. Lest die Bibel, wie Dr. Philippus es sagt. Traut der großen Harmonie, die Meister Bach uns hören lässt. Gedenkt an allezeit an Christus, der das Kreuz getragen hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Verwendete und zitierte Literatur zu J.S. Bach:
Gerdf Rienäcker, Stichworte zu Bachs musikalischer Theologie

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