Tod, Trauer und die Anteilnahme des Gekreuzigten

Liebe Schwestern und Brüder!
Manchmal gibt es im Leben so schreckliche und unfassbare Ereignisse und Katastrophen, die das Leben von vielen Menschen, von nahezu allen Menschen in unserem Land, aber auch in Frankreich und Spanien so tief bewegen und innerlich schwer erschüttern, dass die Predigt neu geschrieben werden muss.
Zumal, wenn herauskommt und das steigert die Unfassbarkeit der Katastrophe noch umso mehr, dass ein Copilot 149 Menschen in einem Flugzeug in den französischen Seealpen mit sich sterben lässt. D.h., dass ein Mensch mit Selbstmordabsicht willentlich und bewusst ein Flugzeug zum Absturz brachte und sich und 149 nichtsahnende und unschuldige Menschen mit in den Tod riss. Das ist unfassbar und scheinbar einmalig in Planung, Ausführung und Tat und unfassbar in der Tragödie für die sinnlos und unschuldig Verstorbenen, für die bitterlich weinenden Angehörigen, untröstlichen Freunde, für ein ganzes Volk, das trauert.
Unfassbar, in keinster Weise zu begreifen, einmalig in seiner kranken Konsequenz und mit keinem Gedanken nachvollziehbar ist dies alles.
Ein Abgrund und eine Gemengelage aus Schock, Trauer, Hilflosigkeit, Lethargie, Untröstlichkeit, tief empfundenem seelischen Schmerz, Ohnmacht und anderer ambivalenter Gefühle wie Wut, Zorn und Unverständnis über diese Tat tun sich auf, aber auch warme Emotionen von Mitgefühl, liebevoller und professioneller Hilfsbereitschaft und tiefempfundenen Mitgefühl durch Taten, Gedanken und Gebete.

Nichts ist mehr so wie es war für die Angehörigen, Kollegen und Freunde.
Die Zeit steht still, der Boden unter den Füßen wankt und der Verlust durch den abrupten, sinnlosen Tod macht fassungslos. Trost und Tröstungen sind fast unmöglich, weil die Angehörigen emotional, seelisch und auch körperlich so verwundet sind, dass Hilfe nur in Form von Zuhören, Gesten des Mitgefühls durch Nähe, Empathie und dem Aushalten des Schmerzes, manchmal auch durch Gebet und konkrete Auskunft etwas , ich betone etwas Linderung und Betäubung bringt.
Auch das andere das erlebt haben, wird die Menschen zusammen schweißen und psychisch stabilisieren.

Unfassbar ist diese Flugzeugkatastrophe, nicht zu verstehen, einmalig und in ihrer grausamen Konsequenz, dem Tod von 150 Menschen kaum zu ertragen.

Spekulationen, Vermutungen, Wut, Ohnmacht, Unverständnis gegenüber dem Copiloten machen sich breit und werden sich weiter breit machen.
Warum hat es das getan?
War er psychisch krank? Womöglich depressiv gestört?!
Warum wurde das nicht erkannt?
Warum hat niemand etwas darüber gewusst oder gemerkt?
Warum hat er diese schreckliche Tat vollzogen und nicht nur sich, sondern noch 149 andere Menschen mit in den Tod gesteuert und gerissen?

Liebe Schwestern und Brüder,
auf all diese Fragen werden wir keine erschöpfende Antwort und die Angehörigen werden niemals eine nachvollziehbare und befriedigende Antwort bekommen. Denn es gibt keine darauf.
Und es nützt auch nicht zu wissen, dass psychische Krankheiten wie Depressionen häufig nicht nur in ihrer (selbst-)zerstörerischen Konsequenz erkannt werden, es nützt auch nichts zu wissen, dass tiefe Depressionen zum Selbstmord führen können. Das alles nützt den Angehörigen momentan überhaupt nichts. Die stehen nicht nur vor den Trümmern des Flugzeugs in den Alpen oder sehen sie im Fernsehen, sondern die stehen vor den Trümmern ihres eigenen Lebens. Der vorzeitige und unnatürliche Tod eines geliebten Angehörigen zertrümmert das bisherige Leben und macht alles anders.
Nichts ist mehr so wie es war.

Was können wir jetzt als Christen tun?
Zuerst einmal den Schmerz und die Trauer aushalten und im Teilen des Schmerzes und in der tiefen Solidarität mit allen Angehörigen der Opfer unser tiefes Mitgefühl zeigen.
Mitgefühl, Mitempfinden, Nächstenliebe, Solidarität, Anteilnahme, Hilfe in der Not der Seele. Das ist es, was man tun kann.
Darüber hinaus können und werden wir für die Menschen beten:
Wir beten für alle Passagiere und Crew-Mitglieder, die unschuldig, ohne Vorwarnung und nichtsahnend gestorben sind.
Wir beten für die Eltern, Angehörigen, Freunde, Kollegen, alle die um diese geliebten und einmaligen Menschen trauern und fassungslos und entsetzt sind über ihren Tod.
Wir beten für die vielen freiwilligen Helfer, Rettungs- und Hilfsdienste in den französischen Alpen, die alle einen schweren Dienst aus tiefer Anteilnahme übernehmen.
Wir beten und danken für die Solidarität und empfinden tiefe Dankbarkeit gegenüber unseren französischen Brüdern und Schwestern, die dort helfen und große Werke der Nächstenliebe zeigen.
Wir beten zu Gott, dass seine Barmherzigkeit und Vergebung größer ist als unser nachempfindbarer Zorn, Ohnmacht und Wut über diese fassungslos machende Tat.

Und wir können noch etwas tun. Darauf gibt uns unser Glaube die Antwort.
Wir erinnern uns heute, am Beginn der Karwoche daran, dass Jesus von Nazareth, der im Glauben zum Christus und Erlöser aller Menschen wird, auch litt, Todesangst hatte und schließlich unschuldig starb. Sein Tod machte auf den ersten Blick auch keinen Sinn. Und sein Tod bedeutet für die Gläubigen, dass Gott die Leiden, Ängste, Sorgen, Hilf- und Fassungslosigkeit von uns sterblichen Menschen kannte und kennt.
Seine Jünger und Anhänger verstanden anfänglich seinen Tod nicht. Sein bevorstehender Tod erschrak sie und machte sie stumm und ängstlich.
So wie wir jetzt eigentlich nur stumm sein können, angesichts des Leids und Todes, der sich in den Alpen zeigt.

Doch als Christen glauben und wissen wir, dass Jesus das Leid und den Tod selbst kannte. Er empfand tiefstes Mitgefühl mit den Kranken, Schwachen, Leidenden Sterbenden und Trauernden.
Er sagte zu und über die Menschen, die schlimmes Leid erfahren und aushalten müssen, dass Gott sie mit seiner heilenden Nähe beschenkt. Gott ist durch und in Jesus Christus im Leid und bei Schmerzen anwesend. Er ist da.
„Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ (Matthäus 5,4), heißt es in der Bergpredigt.

Der Gekreuzigte nimmt die Verstorbenen auf in seine Hände, die den Schmerz, die Angst, das Leid und den Tod kennen.
Niemand stirbt umsonst oder in ein sinnloses Nichts nach unserer christlichen Sicht der Dinge. Unser Gott Jesus Christus nimmt die Verstorbenen auf in sein himmlisches Reich und bewahrt dort ihre Einmaligkeit, Individualität und Schönheit, ob sie jung waren oder alt. Gott ist für sie da und kümmert sich um sie.

Und Gott ist eben für die Angehörigen da. Er versteht ihr Leid und ihre Trauer und ihre Fassungslosigkeit. Seine Hände sind die Hände des Trostes, der Liebe, Barmherzigkeit, die Hände der Sehnsucht und des Schmerzes und der helfenden Nächstenliebe eben durch Freunde, Fremde, professionelle, selbstlose Helfer und tief mit empfindende Menschen, die mitempfinden, helfen, das sind, versuchen zu trösten und beten.

Und so bietet die Antwort auf die vordergründig und dennoch fassungslos machende Frage nach dem Warum dieser schwerwiegenden Tat: der Copilot war es! keine Hilfe beim Schmerz, bei der Trauer und dem unwiederbringlichem Verlust.

Die Antwort kommt in und durch die Hilfe der professionellen Retter und vielen freiwilligen Helfer. Die Antwort vollzieht sich im Zuhören, Mitempfinden, der Hilfe am Ort des Geschehens und der Kondolenz.
Die Antwort geschieht im Aushalten und Mitgehen des psychischen Traumas.
Die Antwort heißt auch die Eltern des Copiloten in ihrem Schmerz in Ruhe zu lassen, sie nicht zu verurteilen und auch für sie zu beten.

„Die“ lebenstaugliche Antwort auf und durch noch so viel erlittenen Schmerz und abruptes Leid gibt es sowie so nicht.

Unsere bescheidene, aber unser Leben und den eigenen Tod bestimmende Antwort, und dazu haben wir uns bewusst entschieden, heißt Jesus Christus, der obwohl er unschuldig war, für uns gestorben ist. Er kennt das Leid und den Schmerz. Er ist für die Leidenden da.
Und dafür ist er da. Das sind ein tiefer Trost und eine große Hilfe bei allen Katastrophen, sinnlosem Leid und schwer zu ertragenden Schicksalsschlägen.
Jesus ist für diejenigen, die Leid tragen da. Jetzt und für alle Zeit. Amen

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