Jesaja 45, 1-8 (Erprobung) Der Welt zugewandt und dem Frieden verpflichtet

„Manchmal denke ich, es wäre besser, es gäbe keine Religionen…“
Keiner geringerer als der Dalai Lama, immerhin religiöses Oberhaupt der Tibeter, soll dies in einem Interview für die aktuelle Ausgabe des Magazins GEO gesagt haben. Da konnte er die Ereignisse der letzten Tage in Paris und Nordfrankreich noch nicht gekannt haben, konnte nicht das Entsetzen und die Trauer in den Gesichtern oder die Bilder unzähliger Menschen mit dem Schild „je suis Charlie“ und die nach oben gereckten angespitzten Bleistifte gesehen haben.
Mich verfolgen diese Bilder von Gewalt im Namen des Glaubens und im Namen Gottes – nicht nur weil sie Vorbehalte gegen Muslime auch in unserem Land befördern. Sie machen diese unbewusst mitverantwortlich für diese Gräueltaten oder verbinden Muslime mit religiösem Fanatismus. Die meisten von uns kennen wahrscheinlich gar keine Muslime persönlich, erleben sie nicht im Alltag schlichtweg als gläubige Menschen. Ja selbst das Wesen dieser Religion, ihre Nähe, Verwandtschaft und dann auch die Unterschiede zu dem, was Christen und Juden glauben, sind kaum bewusst.
Das schlimmste aber ist wohl, dass, ein Glaube an Gott diskreditiert wird, der mehr als nur eine unbedeutende Privatangelegenheit, gewissermaßen ein verborgenes Hobby sein will. Er bestimmt ja viele Menschen, die ja in der Gesellschaft eine wichtige Rolle einnehmen, in ihrem Leben, Denken und Handeln. Menschen, die unabhängig von parteipolitischen Überzeugungen so denken und fühlen, wie es die Bundeskanzlerin für sich am Reformationstag in Templin zum Ausdruck gebracht hat. Mit einem mal steht unausgesprochen der Vorwurf im Raum, der Glaube wäre Quelle und Wurzel von Intoleranz und Gewalt.
Sicher gibt es eine deutliche Spur von religiöser Gewalt und Intoleranz in der Geschichte der großen monotheistischen Religionen. Das Bekenntnis zu dem einen, dem einzigen Gott bedeutet ja konsequenterweise die Abgrenzung, die Leugnung anderer Götter, die Abqualifizierung anderer Gottheiten zu nichtigen Götzen. Und dieser Anspruch von Exklusivität ist oft genug versucht worden, gewaltsam, durchzusetzen. Ehe wir den Stab über andere brechen, ist also selbstkritische Besinnung der eigenen Vergangenheit und damit Bescheidenheit angeraten. Aber dann ist Selbstbewusstsein, Glaubensmut und Entschlossenheit angesagt, auch gegen die Intoleranz der Gotteskritiker und Religionsgegner, die sich im harmlosesten Falle lustig machen über religiöse Menschen, ihnen aber oft genug und weltweit das Leben schwer machen, oder sie Sündenböcken erklären .
Denn die Reduzierung auf intolerante, weil exklusive Gottesbilder wird weder dem Christentum noch dem Judentum und wohl auch nicht dem Islam gerecht.
Der neu in die Perikopenordnung aufgenommene Predigttext für den Epiphaniastag, an den wir heute noch einmal erinnern, ist dafür ein wunderbares Zeugnis. Aus dem Munde des biblischen Propheten, der auch unter dem Namen Jesajas überliefert ist, hören wir ein eindrucksvolles Bekenntnis zur Einzigartigkeit und Einmaligkeit des Gottes Israels. Ja, der Gott eines kleinen Volkes, das immer mehr Spielball in den Händen der Großmächte war als Gestalter und Akteur auf der weltpolitischen Bühne, nimmt für sich in Anspruch trotz dieser Erfahrung der Unbedeutsamkeit seines Volkes der eine Gott und damit der Herr der Geschichte zu sein. Er degradiert damit die vermeintlichen Herrscher der Welt, die Mächtigen und Könige, die Despoten und Retter, die Repräsentanten aufsteigender oder untergehender Weltmächte zu Figuren in seinen Händen und schrumpft sie damit auf menschliches und politisches Normalmaß. Was für eine Provokation schon in biblischer Zeit, wo eigentlich das Schicksal eines Volkes auch etwas über die Größe oder Schwäche seiner Gottheiten zu erzählen schien, und sich viele schon für die Sieger der Geschichte hielten, dort zwischen dem fruchtbaren Land am Nil und dem Zweistromland, aber nicht weniger in der jüngeren Vergangenheit, wo das tausendjährige Reich die Welt mit Krieg, Tod und Leid überzog und auch die Entwicklung hin zur kommunistischen Gesellschaft nicht die Menschen befreite, sondern in neue Unterdrückung und Leid führte, wo aber auch der Fall des eisernen Vorhanges nicht das Ende der Geschichte und der Sieg der einen westlichen Welt über den Rest war und ist. Wir warten weiter auf eine Ordnung des Friedens und der Gerechtigkeit und ringen darum. Menschen werden also mit ihren Allmachtsphantasien und Machtgelüsten entzaubert, wo Gott als Herr geglaubt wird. Ihre Macht wird relativiert, weil ans Licht kommt, dass sie geborgte und anvertraute Macht ist, die jederzeit auch wieder genommen werden kann: vom Volk, wenn die Macht von ihm aus geht, oder von Gott, vor dem sich jeder verantworten muss mit seinem Tun und Lassen. Ich respektiere, wenn Menschen in politischer Verantwortung die religiöse Eidesformel meiden, halte sie aber angesichts der Verantwortung vor Gott für eine gute Form der Selbstbegrenzung eigener Machtphantasien.
Die Rede von der Verantwortung soll dabei nicht als Drohgespenst im Raum schweben („wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!“) , sondern Menschen daran erinnern, dass ihr Tun und Lassen nie folgenlos bleibt für die eigene Person und andere. Ich lebe nicht für mich allein, ich glaube auch nicht für mich allein, sondern immer mit anderen zusammen und mit Folgen für andere.
Auf der anderen Seite muss ich allerdings auch einem Gott, den ich als Herrn der Geschichte bekenne und glaube, nicht zur Geltung verhelfen, seinen Anspruch an die Welt, an Regierende und Regierte, an Gläubige und Ungläubige nicht gewaltsam durchsetzen, weil ich ja gerade damit unter Beweis stellen würde, dass Gott ohne mich nicht der Herr sein kann. Das zu begreifen war ein weiter Weg. Es hat lange gebraucht bis vielen, leider noch nicht allen, dieses Licht aufgegangen ist. Die Geschichte des kleinen Gottesvolkes ist eine Geschichte der Verfolgung und der Niederlagen, des Leidens und des Missverstehens, weil Gottes Größe und Einmaligkeit sich nicht in Stärke und Macht zeigt, sondern in Liebe und Treue zu den Kleinen, Vergessenen, oft Schwachen und Ohnmächtigen. Nicht die Pharaonen Ägyptens, die Herrscher Assyriens und Babylons, nicht die Kaiser Roms setzen sich am Ende durch.
Nicht das Kreuz und der Tod des Menschen- und Gottessohnes sind das letzte Wort der Geschichte, egal wie endgültig sie sich auch geben.
Wir sollten uns davor hüten die Geschichte, ihren Verlauf und ihre Wendungen und vor allem unsere Gegenwart religiös und endgültig zu beurteilen und einzuordnen. Das führt nur in Chaos und zu Überheblichkeit. Es ist viel eher unsere Aufgabe darauf zu vertrauen und daran zu erinnern, dass – egal, was auch passiert – Gott diese Welt nicht sich allein überlässt, sondern in Treue und Liebe trotz allem zu ihr steht und die Fäden nicht endgültig aus der Hand gibt.
Vergangenheit und Gegenwart sind manchmal schwer auszuhalten. Gott ist nicht immer leicht zu verstehen, unser Glaube an sich ist dann schon eine Form von Trotz gegen den Augenschein. Ich bekenne aber den Herrn der Welt und finde ihn mit anderen im Stall von Bethlehem. Der Stern leuchtet darüber, das Licht ist aufgegangen und zeigt mir den Weg, auf dem ich Wanderer aus Ost und West oder Nord und Süd treffe. Die ganze, kulturell und religiös auch damals schon bunte Welt, findet sich Weihnachten dort ein. Wer nach Frieden auch für unsere Tage Ausschau hält, muss dorthin schauen und wird in diesem Kind den Frieden der Welt finden. Weihnachten ist nicht privatisierte Idylle allein für die Wohnzimmerstube, sondern mindestens ebenso hochpolitische und brisante Weltansage. Ich darf allerdings nicht stehen bleiben. Der Stern war ein Hinweis zum Aufbruch, der Weg hatte ein Ziel, war damit aber nicht zu Ende. Der Weg des Kindes von Bethlehem geht weiter, wir werden ihm durch das Kirchenjahr und mit unserem Leben folgen und dabei eine Blick tief in Gottes Herz wagen, viel von Gott erfahren, wie einzigartig und einmalig er ist und was er über Mensch und Welt denkt. Jesajas Schau wird sich mit Leben füllen: „Träufelt, ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf! Ich, der HERR, habe es geschaffen.“ So klingt es aus Gott und das lasst uns gemeinsam vernehmlich zum Klingen in Stadt und Land bringen, damit am Ende keiner mehr denken muss: es wäre besser, es gäbe keine Religion. Nein es gilt die Verheißung des Epiphaniastages:
die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint jetzt

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