Kleine Ursache – große Wirkung!

Ich suche – und so wie es aussieht, bin ich damit nicht alleine. Denn so wie die Dinge liegen, sind Ihnen die Geschenke wohl auch nicht alles an Weihnachten. Von wegen, Weihnachten wird unterm Baum entschieden. Weihnachten ist ja bekanntlich unterm Baum verschieden und ich denke, gleiches gilt auch für das Leben und für die Dinge, wonach wir suchen. Ich für meinen Teil suche schon lange und je länger ich suche, desto schwieriger kommt mir die Suche vor. Manchmal fühle ich mich dann einfach sehr müde.

Wonach ich suche, fragen Sie sich? Nach Sicherheiten. Ganz einfach. Sicherheit. Beständigkeit. Nachhaltigkeit. Frieden. Ruhe. All meine offenen Wünsche, die jeden zweiten Finanzberater beflügeln. Achten Sie einmal darauf, in jeder Werbung für Anlagepapiere werden Sie auf mindestens eines dieser Wörter stoßen. Die Sache mit der Anlage und dem Vertrauen hatte sich ja zuletzt erledigt. Auch hier gab es nichts für mich zu holen. Nur Enttäuschung und das schale Gefühl, dass es irgendwie um mehr gehen muss, wenn am Tag Milliarden und Abermilliarden Summen an Geld bewegt werden weltweit und alles, worauf es ankommt die Psychologie der Märkte ist. Ich dachte mal, es würde um die Menschen gehen. Ach, was weiß denn ich!

Aber ich bin mir sicher, dieses Gefühl des Verrats, irgendwie komme ich mir nämlich mit meinen Idealen angesichts der Weltlage verraten vor, haben wir doch wohl schon alle gemacht. Ein älterer Kollege hatte mir mal gesagt, auch Judas hatte seine Aufgabe. Ich habe über diesen Satz lange nachdenken müssen und habe schließlich für mich erkannt: „Vertrauen bleibt immer ein Wagnis!“ (D. Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, S. 19). Jede Beziehung wird es schwer haben, wenn einmal das Misstrauen gesät worden ist. Ein zartes Pflänzlein reicht aus, um die Atmosphäre zu vergiften. Kleine Ursache – große Wirkung!

Nun, nach dem Desaster mit den Banken versuchte ich, mein Glück im Beruf zu finden. Ich erinnere mich noch genau: Wir saßen zusammen beim Essen und unterhielten uns. Wir waren ausgelassener Stimmung, Wein und Bier flossen in Strömen, unsere Kinder hatten wir beim Babysitter untergebracht. So saßen wir da. Lachten, scherzten und planten unsere Karrieren. Ich arbeite rund um die Uhr, sagte einer von uns – nicht ohne stolz -, und irgendwann werde ich wohl den Weg nach oben finden. Oder den Weg in das nächste Krankenhaus weil Du einen Herzinfarkt bekommen hast, kam es prompt aus der Ecke am Tisch. Seine Frau blickte ihn herausfordernd an.

Als ich am nächsten Montag danach früh aufgestanden war, um zu einem Treffen zu fahren, an dem andere Menschen teil nehmen würden, die auch früh aufgestanden waren, um an diesem Treffen teil zu nehmen, kam ich ins grübeln. Ich würde meinen Sohn heute nicht sehen können. Nicht vormittags, nicht mittags, nicht abends. Er würde schlafen, wenn ich wiederkomme. Im Auto dachte ich kurz darüber nach, ob es dass Wert ist. Könnte ich einfach anrufen und sagen, dass ich krank bin, umdrehen und nach Hause fahren?

In einer Pause erzählte mir schließlich eine frisch gebackene Mutter, wie gerne sie jetzt bei ihrem kranken Sohn wäre. "Nur eine Erkältung", sagte sie, "nichts ernstes. Meine Mutter ist bei ihm!" Aber sie wollte nicht schon wieder daheim bleiben. Der Job und so. Die Tagesordnung langweilte sie, mich und alle um uns herum, aber wir mussten hier sein. Ein weiterer junger Vater schloss sich unserem Gespräch an. Mit lauwarmen Kaffee in den Händen träumten wir uns in die Kinderzimmer unsere Kinder und seufzten synchron. Was war nun wichtiger? Arbeit und Kind? Kind und Arbeit? Arbeit oder Kind? Gibt es wichtigeres im Leben? Kleine Ursache – große Wirkung!

Vielleicht könnte man die Frage nach dem Glück doch noch einmal vernachlässigen, dachte ich und konzentrierte mich stattdessen auf den Augenblick und während eines Gespräches hörte ich einem Mann zu, der davon erzählte, wie unersetzlich er in der Firma sei. Ohne ihn, und das war seine felsenfeste Überzeugung, würde die Firma den Bach runtergehen. Ein typischer Fall von Allmachtsphantasien, diagnostizierte ich.

Die Wochen vergingen. Sicherheit, Beständigkeit, Nachhaltigkeit aber auch Ruhe und Frieden hatte ich immer noch nicht gefunden. Längst hatten andere Themen meine Aufmerksamkeit wieder zurück gewonnen und ich dachte nicht weiter über meine Grundfragen nach. Erst so kurz vor Weihnachten geschah etwas völlig unerwartetes. Meine altbekannten Fragen holten mich wieder ein.

Ich saß in einem Gottesdienst. Ich mache das gerne, immer wieder mal zwischendurch. Auch wenn meine Fragen hier nicht immer beantwortet werden, kann ich hier doch zur Ruhe kommen. Dann geschah es: Das Volk, das im Finstern wandelt … klang es aus den Lautsprechern. Ich ging doch im Finstern. Ich war ja auf der Suche. Angespannt hörte ich weiter zu:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.

Die Last auf meinen Schultern schien auf einmal leichter und die Frage nach dem, was ich will, was ich brauchte, die Antwort schien zum greifen nah. Grundlegende Gewissheit. Ich war berührt von Weihnachten.

Kleine Ursache – große Wirkung? Schon im Religionsunterricht hatte ich diese Synthese des Geschehens rund um und in der Krippe gehört: Gott wird Mensch. Das Kleine wird mächtig. Er kommt in unsere Niedrigkeit und bietet uns seine Liebe an. Friede. Freude. Eierkuchen. Ich kannte diese Sätze. Ich kannte auch diese andere berühmte Weihnachtsgeschichte: Aber was hatte das mit mir zu tun? Gottes Sohn in Windeln und mein Suchen – ich spürte, dass diese Kombination einigen Sprengstoff enthielt. Wie verwandelt ging ich in die kalte Weihnacht und war bald ernüchtert. Der Zauber der Nacht währte nicht lange. Schon am nächsten Tag kamen die Verwandten und mit ihnen der Stress.

Einige Tage nach dem Gottesdienst griff ich in den mittlerweile hochgewachsenen Zeitungsstapel. Ich hatte es einfach nicht geschafft, die Zeitungen zu lesen und so setzte ich mich aufs Sofa und begann zu blättern. Wie vom Donner gerührt starrte ich auf die erste Seite, wenige Zeilen hatten meine Aufmerksamkeit erregt. Dort stand:
Ein kleines Insekt gegen Kettensäge und Bagger: Für Teile des umstrittenen Bahnprojekts „Stuttgart 21“ gilt ein Baustopp. Die Arbeiten am Grundwassermanagement dürfen vorläufig nicht fortgesetzt werden, teilte der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg am Freitag mit. Die Richter gaben damit einer Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) statt. Dieser hatte vorgebracht, bei den Planungen sei der Artenschutz nicht ausreichend berücksichtigt worden. Denn in Bäumen, die gefällt werden sollen, wurde der streng geschützte Juchtenkäfer entdeckt. Die Bahn kündigte an, die Arbeiten sofort auszusetzen

Alles auf Anfang, dachte ich. Kleine Ursache – große Wirkung!

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