Die Sprache der Liebe und der Hoffnung (Hohelied 2, 8-13 ; Erprobung Predigtreihe v)

„Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel.
Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter.
Mein Freund antwortet und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!
Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und und der Lenz ist herbeigekommen, dahin.
Die Blumen sind aufgegangen im Lande,
und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande.
Der Feigenbaum hat Knoten
gewonnen, und die Reben duften mit ihren Blüten. Steh auf, meine Freundin, und
komm, meine Schöne, komm her!" (Hohelied 2, 8-13)

Wir mussten ein wenig verschmitzt lächeln.
So kannten wir unseren Freund überhaupt nicht. Er war immer der vernünftige, sachliche und kühle Kopf unter uns. Wenn wir uns in jungen Jahren in Liebesbriefen und Liebeslyrik versuchten – vielleicht erinnern sie sich wie es Heranwachsenden da gehen kann – machte er sich ein wenig lustig über uns und rezitierte , dass es uns die Tränen in die Augen trieb vielleicht so:

Mir ist, als bräch aus meinem Herz / Ein Strom durchglühter Lavafluten./ Ach wüßtest du, wie hinter Scherz / So oft die tiefsten Wunden bluten.
Wenn ich mit Lachen von dir schied, / Wie Blütengelb war das zerstäubt,/ Und wilder klang das wilde Lied, / Das deine Heiterkeit betäubt.
Das wilde Lied klang fort und fort, / Und nichts von jenem Lachen blieb,/ Bis ich es fand das milde Wort. / Du sagtest einst: »Ich hab dich lieb!« (Joachim Ringelnatz)

Ich kann jetzt gar nicht mehr genau sagen, ob die Tränen uns vor Lachen,Ärger oder vor Scham in den Augen standen, denn wer will schon, dass mit seinen Gefühlen Spott getrieben wird.
Und ob er ahnte, was ihm da vorenthalten blieb, weil er nur die Welt vor Augen sah und kaum etwas an sein Herz heranließ?
Der Mensch ist ja nicht nur Verstand, sondern eben auch Gefühl.
Aber mit einem Mal hörten wir von ihm ganz neue Töne und erlebten ihn im Alltag von einer ganz anderen, unbekannten Seite. Er hatte eine neue Dimension, eine andere Wirklichkeit am eigenen Leib erfahren und kennengelernt:

Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!
Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und der Lenz ist herbeigekommen, dahin.
Die Blumen sind aufgegangen im Lande,
und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande.
Der Feigenbaum hat Knoten
gewonnen, und die Reben duften mit ihren Blüten. Steh auf, meine Freundin, und
komm, meine Schöne, komm her!

Er hatte die Liebe entdeckt und damit stand er auf einmal wieder mitten im Leben, war durch und durch lebendig. Das hätten wir ihm gar nicht mehr zugetraut, schon gar nicht nach so langer Zeit.
Und die Liebe sieht, fühlt und spricht nun einmal anders als der Verstand. Aber ist sie deswegen weniger wirklich oder weniger wichtig?
Jetzt wurde also auch er poetisch, verträumt, schwebte ein wenig und trug ein bis dahin gänzlich unbekanntes Leuchten in sich, dass es eine wahre Freude war, allerdings zugegebenermaßen auch ein wenig komisch, aber auf jedenfall wunderbar.
Wunderbar, weil jeder Mensch beide Seiten in sich trägt, und weil beide Dimensionen gleich wichtig sind, weil sie eine je eigene Perspektive bieten.
Ich kann Dinge nüchtern mit dem Verstand betrachten und verstehen. Und sie können mir geheimnisvoll zum Bild, zum Gleichnis und zu einer Quelle des Trostes werden.
Seit Wochen schon werden die Tage kürzer, die Dunkelheit ergreift mehr und mehr von uns Besitz. Mit dem novemberlichen Erscheinungsbild der der Natur haben wir unserer Verstorbenen gedacht, einen Augenblick das Wissen um die eigene Vergänglichkeit ausgehalten. Und manchmal wird uns auch noch ganz anders dunkel und bange ums Herz. Da sehen wir schärfer als sonst Ungerechtigkeit, Gewalt und Hass in den Augen und Herzen der Menschen. Die schlechten Nachrichten brechen erbarmungslos über uns herein: immer noch kein Frieden, keine Versöhnung und kein Ausweg für die Krise in der Ukraine. Der Bürgerkrieg in Syrien währt jetzt schon seit Jahren, die Gewaltmeldungen aus Nigeria reißen nicht ab und Jerusalem, die Stadt, die den Frieden im Namen trägt und die zu einem Lernort des Friedens werden könnte, droht im Streit und im Hass der dort lebenden Menschen irgendwann ihr Gesicht zu verlieren.
Die Kälte des Novembers und des Dezembers, die Dunkelheit, die an manchen Tagen gar nicht mehr weichen will, droht von meinem Herzen Besitz zu ergreifen und dann wird es in mir dunkel und kalt.
Dann sehne ich mich nach Licht und Wärme, träume von Frieden und Gerechtigkeit und von Menschen, die neugierig aufeinander sind und bleiben. Ob das alles nur Wunschtraum bleibt, verklärte, trügerische Erinnerung an heile Kindertage?
Menschen öffnen mit einem mal ihr Herz, weil sie der Kälte und der Dunkelheit wehren wollen: Ein Herz für Kinder, Aktion Mensch, Unicef und Welthungerhilfe, Brot für die Welt und Misereor… vielleicht nur Tropfen auf den heißen Stein, aber auch für konkrete Menschen Lebenshilfe und -perspektive . Gott sei Dank, auch wenn das die Welt noch nicht rettet.
Gott sei Dank, dass Menschen in dieser Zeit der Sehnsucht und der Sprache ihrer Herzen wenigstens für einen Augenblick trauen wollen.
Wenn alle das täten….könnte aus einem Traum eine alles umfassende Wirklichkeit werden.
Aber der allein agierende Verstand und die nüchterne Vernunft nehmen den Trost und die Botschaft der zeichenhaften Welt ums herum nicht wahr.
Sie erklären mir überzeugend, was in der Natur gerade geschieht: sie wissen um Vegetationsperioden, um Sonnen-und Erdstand, erklären mir den Wechsel der Jahreszeiten und die Überlebensstrategien der lebendigen Natur um mich herum. Für sie ist das vielleicht wunderbar, aber noch lange kein Wunder, bestenfalls der Trost, dass es wie immer schon irgendwie weitergeht, ganz natürlich und ganz selbstverständlich.
Schaue ich aber mit dem Herzen und lasse das Lied der Hoffnung in mir klingen, verändert sich die Perspektive. Dann wird mir das wunderbar Selbstverständliche heute schon zu einem Trost, zu einem Bild, zu einem Hoffnungsgeheimnis.
Die Blumen tragen das Blühen schon heute am Anfang des Winters wieder in sich. Die Knospen an den Bäumen wie dem Feigenbaum verraten sich heute schon verheißungsvoll: es wird Frühling werden und auch die Vögel haben bis dahin ihr Lied nicht verlernt.
Um die gleichen Zeichen so verschieden, nüchtern und verheißungsvoll sehen und lesen zu können, braucht es die Perspektive der Vernunft und der Liebe.
Und ich glaube, dass dies die beiden Blickwinkel des Advents sind:
Die Welt ist mit Blick auf uns Menschen unheilvoll, unfriedlich und unvollkommen. Sie ist nicht besser geworden, sondern mit jedem Fortschritt taten sich auch neue Möglichkeiten auf, der Welt und dem Leben in ihr zu schaden. Jeder zivilisatorische Fortschritt wie Menschenrechtserklärung, Kindercharta oder Gleichberechtigung der Frauen bringen Gegenbewegungen hervor, in denen die Gleichheit aller Menschen geleugnet, Kinder zur Arbeit und Prostitution gezwungen und Frauen in den Schatten gestellt werden.
Aber der Advent will diese Welt auch mit den Augen der Liebe sehen und für sie mit der Sprache der Liebe hoffen und träumen lehren:
„Ja, steh auf und komm, meine Schöne, komm her!“
„Komm, du Heil in diese friedlos und oft so freudlose Welt und berühre und bewege Menschen.
Komm du Frieden mitten in den Streit und die Unversöhnlichkeit der Menschen und Völker;
Komm, du Gerechtigkeit und verleih den Opfern, für die keiner eintritt oder deren Namen längst im Fluss der Zeit verloren und in der Vergessenheit untergegangen sind, eine Stimme.
Komm du Freude am Reichtum des Lebens, wo Menschen allein verzweifeln oder von Trauer zerfressen von Selbstzweifeln zerstört werden.
Komm, du Wort, dass mir die Augen öffnen kann für die Menschen und die Welt um mich herum, für den Reichtum an Möglichkeiten, die ich Tag für Tag auslasse.
Komm, du Rat, der mir Auswege zeigt, weil es keine Sackgasse gibt, aus der man nicht wieder herausfände.
Komm du Trost, der stärker ist als alle Todesmacht und steh mir bei in meiner Angst.
Ja, komm, steh auf und komm, du Menschgewordener, du Schönheit des Lebens, du Gott mit uns, Immanuel, du Kind in der Krippe von Bethlehem, du Fingerzeig und Liebeserweis Gottes, du Licht im Dunkel, du Wärme meines Herzens.
Die Zeichen sprechen deine Sprache, öffne mir das Herz und das Ohr, die Augen und den Verstand für deine Gegenwart.“
So klingt das Lied der Hoffnung gegen alle Resignation.
Und ich bin mir sicher, in allem Suchen und aller Umtriebigkeit dieser rast- und ruhelosen Zeit im Alltag so vieler kommt immer noch etwas von dieser alten und tiefen Sehnsucht in einem jedem von uns zum Klingen: Steh auf und komm, komm her!
Auch wenn uns viele so vielleicht nicht kennen, wir sprechen die Sprache und singen das Lied der Liebe und der Hoffnung. Es ist Advent. Seht doch. Gott bricht auf und Gott bricht an mitten unter uns.

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