Wach und nüchtern

Das heutige Datum hat im Kalender verschiedene Schwerpunkte: Reichspogromnacht vor 76 Jahren, Mauerfall vor 25 Jahren.

Solche Gedenktage können zu allerlei anregen, aber sie können mich auch erst einmal still werden lassen und staunen lassen angesichts des Stroms der Geschichte, in dem ich mich befinde. Ich bin Teil der Geschichte – ob ich will oder nicht. Ich muss sie akzeptieren, wie sie ist – und kann sie doch mitgestalten, mich mitreißen lassen zu Pogromen feindseligen Aktionen gegen andere Menschen oder zu Bewegungen der Freiheit, mich mit Anderen bewegen auf Andere zu.

Ich lebe in einer Geschichte und kann manchmal wenig tun, aber ich muss mich trotzdem mit meiner Geschichte auseinandersetzen um das Richtige zu tun.

Für Paulus war das in manchen Dingen einfacher, weil er davon überzeugt war, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht. Darum hat er nicht in kommenden Generationen gedacht, sondern immer wieder Menschen gewarnt auf die Zeichen der Zeit zu achten, den Tag des Herrn wahrzunehmen. Auf diesen Tag, an dem der Herr Gericht hält, sein Recht spricht sollte man vorbereitet sein.

Wir stehen in einem Dilemma. Es könnte sein, dass morgen schon die Geschichte der Welt, die wir kennen vorbei ist. Es kann aber noch weiter gehen.

Da müssen wir schon genau hinhören, wie die Warnung des Apostels uns betrifft:

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Wachen und nüchtern sein, das macht Sinn, wenn man auf politische und menschliche Bewegungen schaut. Wachen und nüchtern sein, wäre wertvoll gewesen in jenen Novembertagen 1938. Wachen und nüchtern sein, hätte vielleicht auch das Geschenk der friedlichen Revolution 1989 für alle noch viel größer werden lassen. Wachen und nüchtern sein, heißt aber nicht: Kalt abwägen, was jetzt wem, was bringt.

Wachen und nüchtern sein, das heißt, aufmerksam durch die Welt gehen und immer neu fragen: was ist jetzt der Wille Gottes in meinem Leben? Und was braucht die Menschheit jetzt von mir?

Bevor Paulus vom Wachen und Nüchtern sein schreibt, sagt er erst einmal Dank im Brief an die Gemeinde in Saloniki. Er dankt Gott und er dankt den Menschen, dass seine Arbeit dort nicht vergeblich gewesen ist, dass es in Saloniki eine wache christliche Gemeinde gibt. Und er möchte den Menschen helfen, dass sie auch in Zukunft ihren Glauben leben können und mit ihrem Glauben den Herausforderungen ihrer Zeit gewachsen sind.

Der Tag des Herrn, von dem Paulus hier redet) ist ein uralter Begriff (schon aus dem Alten Testament) für den Tag des Gerichts und für die erwartete Wiederkunft des Herrn. Für Paulus war klar: Das ist bald! Und darum ist auch seine Mahnung klar. Passt auf, da kommt etwas direkt auf euch zu. Und wir müssen prüfen, was davon für uns gilt, nachdem die letzten fast zweitausend Jahre noch nichts geschehen ist. Und trotzdem kann es geschehen.

Paulus hat Recht, wenn er mich ermahnt, immer damit zu rechnen, dass der Herr kommt und dass ich mit meiner Existenz gerade stehen muss dafür, wie ich Leben gestalte, wie ich umgehe mit den Herausforderungen, denen ich begegne.

Wachsam und nüchtern sein ist die Gegenwehr gegen alles, was versucht mich auf seltsame Gleise zu bringen. Ich selber muss lernen, mich gegen alles, was Liebe, Glaube und Hoffnung kaputt machen will. Dazu will uns der Apostel nicht nur ermahnen, sondern auch ermutigen – uns Mut machen, damit zu rechnen, dass Gottes Reich diese Welt beenden wird und dass es ein Leben über diese Welt hinaus gibt.

Der Gedanken an das Ende der Welt macht uns vielleicht Angst, weil wir oft Angst davor haben, uns auf etwas Neues, Unbekanntes einzulassen. Aber es kann uns auch Hoffnung machen. Hoffnung, weil diese Zukunft ein Geschenk Gottes ist. Und weil die Bibel an vielen Stellen sehr konkret gesagt hat, was wir von seiner Zukunft erwarten dürfen: er wird abwischen alle Tränen.

Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren, dass hinter der uns bekannten Welt eine andere bessere Welt wartet. Aber wir dürfen auch den Glauben nicht verlieren, dass Gott auch in dieser Welt zu finden ist. In dieser Welt mit ihrer Unbarmherzigkeit und Friedlosigkeit. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass er bei uns ist, wenn wir das Unsere Tun, dass sein Willen auch in dieser Welt Raum findet.

Paulus ist dankbar für die Gemeinde, die seine Predigt gehört hat, sich hat taufen lassen und nun das Evangelium lebt in dem sie Gottesdienste feiert und Güter teilt, in dem sie den Schwachen hilft und für die Mächtigen betet. Das will ich auch lernen: Dankbar dafür sein, dass es Gemeinde gibt, in der Menschen miteinander Gott danken und loben, sein Wort hören und bedenken, seinen Willen leben. Dankbar dass es Gemeinde gibt, in der Menschen geholfen wird.

Zur Hilfe für die Menschen gehört aber bei einer Kirche in der Freiheit auch die politische Diakonie. Wer das Evangelium gehört hat und zu Jesus Christus gehört, kann nicht anders als sich mit seinen Mitteln und Möglichkeiten einzusetzen für Menschen, die Not leiden, für Menschen die fliehen müssen, weil sie verfolgt werden, sich einzusetzen für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit.

Nicht jede Bürgerbewegung ist christlich, aber ChristInnen sehen sich immer herausgefordert, wenn Menschen sich organisieren, um aus dieser Welt eine bessere, eine menschlichere zu machen. Weil der Verdacht berechtigt ist: Immer da, wo so etwas geschieht ist der Geist Christi selber am Werk.

Die Frage nach dem Termin des Weltuntergangs bleibt für uns eine fremde Frage. Für Paulus war sie von ungeheurer Wichtigkeit. Und diese Wichtigkeit trifft auch uns. Wir müssen nicht erwarten, dass diese Welt ewig besteht. Wir dürfen darauf hoffen, dass Gott etwas Besseres für uns bereithält. Und wir dürfen gemeinsam daran arbeiten, dass die bestehende Welt ein wenig besser wird im Kleinen – in unserem direkten Umfeld, und im Großen – in der Politik.

Und wir dürfen daran mitwirken mit der Tat und mit dem Gebet. Oder wie die alten Mönche gesagt haben: Ora et labora – bete und arbeite.

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