Furcht und Zittern

Wir sind auf einem Weg. Auf unserem Weg durchs Leben, durch den Glauben. Wir gehen nach bestem Wissen und Gewissen – und wenn wir geschichtlich denken – seit knapp 2000 Jahren. Und seit beinahe 500 Jahren auch noch auf dem Weg der Reformation. Und stellen erstaunt fest, dass sich auf den Wegen viel verändert hat.

Die Fragen der Reformationszeit wären heute vielleicht zu lösen. Dabei gibt es neue Herausforderungen. Auf Wegen verändern sich Einstellungen. Das ist vielleicht auch der Charme vieler Pilgerwege.

Paulus gibt seine Gemeinde in Philippi Hinweise mit auf den Weg, wie Leben als christliche Gemeinde auf christlichem Weg gelingen kann:

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Gehorsam ist der eine gute Schritt auf dem Wege – Gehorsam weniger gegenüber Menschen und ihren Ideen oder Ideologien, als vielmehr der Gehorsam gegenüber Gottes Willen. Der Gehorsam, der aus dem Gewissen kommt und der sich nicht an Gesetzen oder Regeln messen lassen kann, als nur an der Liebe Gottes. Die reine Lehre gibt es nicht, solange wir als Menschen mit Fehlern und Versagen auf Gottes guter Erde leben.

Aber wir dürfen Gottes Willen hören und in Entscheidungen unseres Alltags aufnehmen.

Weitere Schritte müssen folgen im Hören auf Gottes Wort und im Vertrauen auf Gottes Begleitung. Furcht und Zittern sind zwei Begriffe, die mir Angst machen können, wenn ich eine Bedrohung dahinter vermute. Aber Paulus meint etwas Anderes. Für ihn ist klar: Was wir tun und wie wir leben ist Geschenk Gottes. Allein das kann einem schon Respekt einflößen. Gott schenkt uns nicht einfach Leben, er schenkt uns Möglichkeiten, Freiheiten und ein Bewusstsein für das Richtige. Das gilt für jeden einzelnen Menschen von uns und das gilt für uns als Gemeinde. Und die Größe dieses Geschenkes kann Furcht und Zittern auslösen – Respekt vor dem, was mir verleihen worden ist, einfach so, allein aus Gnade.

Wir haben viele Möglichkeiten und wir haben ein Gewissen. Das wissen wir seit Jesus sich in Liebe und mit Lehre den Menschen zugewandt hat.

Aber wir vergessen es manchmal ganz gerne. Die Vergesslichkeit der katholischen Kirche führte zu dem Versuch, die Gnade Gottes zu einer Handelsware zu machen, führte damit auch zu einer Kirche, die einen lockeren Heiligkeitsstil pflegte. Fast alles war möglich, solange genügend Ablass bezahlbar war. Die bekannten Zustände an Papst- und Bischofsstühlen waren die logische Folge, aber eben nur die Spitze des Eisbergs in einer Kirche, die mit Jesu Gaben Handel trieb.

Ein Grund war sicher auch, dass immer mehr theologisch Ungelehrte auf Bischofsstühlen saßen oder Papst wurden, weil Ämter käuflich wurden, weil der Heiligen Geist weniger wichtig war, als Ansehen, Macht und Geld.

Die Reformation dagegen war eine Professorenbewegung, die rasch das Volk ergriff, weil Professoren und Bürger spürten, dass da Vieles falsch lief.

Grundlage der Reformation aber war die Rückbesinnung auf grundsätzliche Fragen: Was will Gott von uns und was hat er uns gegeben? Diese Frage wollte beantwortet werden, nicht nur mit professoraler Weisheit, sondern genauso mit praktischen Lebensinhalten.

Dass wir die Gnade Gottes weder kaufen noch uns verdienen können, war die wesentliche reformatorische Erkenntnis. Das erledigte nicht nur den Ablass, sondern auch manche religiöse Handlungen wie ins Kloster gehen, Reliquienhandel, Pilgern und manches mehr, das heute zum Teil auch in evangelischen Kreisen und im nichtchristlichen Umfeld wieder fröhliche Urstände feiert wo Pilgern oder Fasten wieder Mode wird.

Darüber können wir spotten, aber vielleicht auch akzeptieren, dass manche Dinge gut zu tun sind, obwohl sie nicht notwendig sind für das Leben des christlichen Glaubens.

Anderes haben auch die meisten Reformatoren nicht gesagt. Zentral aber blieb für sie wichtig: Die Frage, wie wir einen uns zugewandten Gott bekommen können, können wir nicht lösen. Schon gar nicht mit Hilfe von Klosteraufenthalten, Pilgerwegen oder Fastenübungen. Diese Frage ist nämlich schon längst beantwortet. Dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist, an den Menschen gelitten hat und auferstanden ist, das ist die Antwort auf die wesentliche Frage nach dem Ziel unseres Lebens.

Und uns wird zugetraut, dass wir diesen Weg weiter gehen. Auf dem Weg, den Paulus in der Nachfolge von Jesus Christus begonnen hat, auf dem seitdem unzählig viele Menschen versucht haben, weiter voranzugehen. Uns wird als Gemeinde Jesu Christi zugetraut, dass wir als Schwestern und Brüder den christlichen Weg im Leben finden, der zu unserer Zeit passt.

Der Weg ist das Ziel unseres Lebens, ist das Ziel der Existenz christlicher Gemeinde. Es reicht, wenn wir einen guten Weg finden. Wir müssen nicht das Paradies erschaffen. Und auch nicht eine perfekte Gemeinde sein. Gott selber ist das Ziel am Ende dieses Weges. Und wir müssen nur eine kleine Etappe auf diesem Weg sein. Wir dürfen unser Leben in unserem Zeitraum gestalten und das tun, was wir vor unserem Gewissen und vor den Menschen verantworten können.

Furcht und Zittern hat auch etwas mit uns zu tun, nämlich dann, wenn wir zu müde werden, zu faul sind, diesen Weg wirklich zu suchen. Furcht und Zittern kann die Gemeinde erfassen, wenn von ihr keine Kraft mehr ausgeht. Furcht und Zittern nicht vor Gott, aber vor der eigenen Bedeutungs- und Glaubenslosigkeit. Gemeinde, die nicht mehr auf der Suche nach neuen Wegen und neuen Antworten ist, die muss Angst haben, dass sie kraftlos und geistlos wird. Die muss Angst haben, dass sie ihren Sinn in der Welt verliert.

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