Von einem Tag zum anderen war nichts mehr so wie es einmal war ( zu 2.Könige 25,8-12)

Es gibt Daten und Ereignisse, die prägen sich tief in der Erinnerung ein und lassen sich durch nichts mehr vertreiben: Augenblicke, in denen Menschen vor Glück platzen oder vor Schmerz vergehen: die erste große Liebe, egal, wie lange sie gedauert hat; der erste Kuss; die erste Wohnung; der Hochzeitstag; die Geburt meines Kindes; der Augenblick der ganzen Wahrheit nach den vielen Untersuchungen, der Tod des über alles geliebten Menschen…
Es gibt Daten und Ereignisse im Leben einer Gruppe von Menschen, eines Volkes, die den Lauf von Jahrzehnten und Jahrhunderten nachhaltig beeinflussen und die nichts mehr so erscheinen lassen, wie es vorher war. Wir kennen solche Momente in der Geschichte unseres Volkes und der Welt, die sich auch nicht wegdeuten, umdeuten oder nachträglich schön erinnern lassen:
Mit dem 13.August 1961 als Tag des Mauerbaus wurden über Jahrzehnte hinweg Familien und Freunde getrennt.
Der 8.Mai 1945 war unbestreitbar der Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Diktatur und der endgültige Anfang vom Endes dieses furchtbaren, weltumspannenden Krieges. Aber viele nahmen ihn auch als ein Datum der Zerstörung und des Niederganges wahr, und im Ende des heißen Krieges lag der Anfang des kalten Krieges schon mitbegründet.
Am 9.November 1938 brannten Synagogen und wurden jüdische Geschäfte geplündert, spätestens an diesem Tag wurde deutlich, was Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland noch zu erwarten hatten.
Daran ändert auch nichts die vielleicht für viele immer noch ganz junge Erinnerung an den 9.November 1989, als die Mauer mit einem Mal durchlässig wurde und die für viele unvorstellbare Wiederherstellung der deutschen Einheit begann, ohne die wir heute hier so nicht sitzen , ich jedenfalls hier nicht stehen würde.
Sicher müssen und wollen solche Ereignisse immer auch gedeutet werden. Es gibt keine objektive Schilderung, weil die Geschichte und ihre Geschichten immer schon etwas mit uns machen, uns verändern und betreffen.
Wir alle tragen solche Daten und Ereignisse als Erbe, als Schatz oder als Last mit uns.
Manche stellen alles Vertraute und Gewohnte in Frage, manche lassen an Gott zweifeln, verzweifeln, irre werden.
Manche nötigen uns , alles noch einmal ganz anders und neu zu denken.
Kann ich etwa nach der Erfahrung der Shoa, nach den Konzentrationslagern für das jüdische Volk, für Sinti und Roma, für Homosexuelle, für Kommunisten und Sozialdemokraten, den Tötungen behinderter Menschen, den Lagern für Menschen mit widersprechenden Ansichten und Einstellung, noch genauso unbefangen von Gott reden wie bisher oder kann es nur ein ganz anderes, ganz neues Reden von Gott geben, weil nichts mehr ist, wie es war?
So hat sich jedenfalls ein Teil der Theologie nach dem 2.Weltkrieg verstanden und ganz anders und ganz neu von Gott nach Auschwitz geredet. Der jüdisch-christliche Dialog, der 10.Sonntag nach Trinitatis, an dem die Kirche sich nicht mehr triumphalistisch als das neue und bessere Israel feiert, sondern ihr Verhältnis zu den Kindern Abrahams, Isaaks und Jakobs ganz neu bedenkt, sind Früchte dieses neuen Nachdenkens.
Auch die Diskussionen um das rechte Friedenszeugnis der Kirche für unsere Tage hat in dieser Erfahrung des Versagens, der Verirrung und des Scheiterns in der jüngeren Vergangenheit unseres Volkes ihre Wurzeln.
Aber auch das alte , das erstgeborene Gottesvolk, konnte nicht umhin, in seiner Geschichte immer wieder ganz neu und anders nach Gott zu fragen, um ihn neu zu begreifen, um überhaupt die Chance zu bekommen als Gottesvolk zu überleben – treu zu eigenen Berufung und zur eigenen Weggeschichte.
Von einem solchen Ereignis erzählt der Predigttext, ein Ereignis in der Geschichte Israels, nach dem von Gott nicht mehr so geredet werden konnte wie zuvor und ohne das es die hebräische Bibel nicht so geben würde, wie wie sie mit Israel zusammen bis heute lesen dürfen.

LESUNG:2.Könige 25,8-12

Wenige Jahre zuvor, war Jerusalem schon einmal Opfer eine quälenden Belagerung, massiver Truppenbewegungen geworden und stand vor der Zerstörung. 587 v.Christi Geburt war es dann soweit – Jerusalem wurde erobert, zerstört, der Tempel ,der Wohn- und Verehrungsort Gottes, dem Erdboden gleichgemacht, dem Gottesvolk das Herz ausgerissen und die Eliten und führenden Köpfe deportiert.
Ein Trauma für viele Generationen, ein Schicksal, das sich für Israel in der Geschichte immer wiederholt hat.
Der naheliegendste und menschlichste Gedanke war und ist der, dass Gott am Ende als der Ohnmächtige, Hilflose oder als bloße Illusion Entlarvte dasteht. Die Spötter rufen schon: wo ist nun dein Gott? – weil doch die anderen Götter stärker sind oder allein schon der Gedanke an einen allmächtigen, gütigen oder gar gnädigen Gott ad absurdum geführt zu sein scheint.
Wer hat nicht schon einmal so gedacht oder gefühlt, kaum mehr Glauben für diesen einen Tag aufbringen zu können.
Man kann mit Israel fragen: sind andere Kräfte wie die Götter der anderen Völker oder das Schicksal stärker, als der Gott meiner Väter und Mütter?
Oder will Gott mich etwas lehren, meine Schuld vergelten, Gericht halten ? „Was habe ich denn getan, dass Gott mich so straft?“ fragen Menschen und es finden sich mit Sicherheit wohl-oder übelmeinende Ratgeber, die immer schon wissen, was Gott warum bei wem durchgehen oder nicht durchgehen lässt – eine Situation, die noch schlimmer als das Unglück sein kann, dem ich kaum gewachsen bin, wenn andere genau wissen, warum Gott mich jetzt gerade so vermeintlich bestraft.
„Weil sie unsern Herrn Jesus Christus gekreuzigt haben…“ hieß bis in die jüngere Vergangenheit die stereotype Antwort nach dem Grund für das Schicksal des Gottesvolkes. Hoffentlich stockt uns wenigstens heute der Atem bei solchen Denkmustern!
Ja, Israel fragte sich nach seiner Schuld und es ist legitim, wenn ich mich nach den Konsequenzen, den Folgen, auch nach den Lehren einer Situation frage, weil jede Krise für mich ein Veränderungs-, aber auch ein Wachstums- und Reifeprozess sein kann, aus dem ich womöglich geläutert, gestärkt mit einer neuen Sicht auf das Leben und auf Gott hervorgehen kann. Aber dieser Prozess geschieht allein in mir und da helfen keine Ratschläge (hier gilt nämlich: Auch Ratschläge sind Schläge); hier helfen nur Anteilnahme und Begleitung.
Israel hat aus dieser schmerzvollen Geschichte mindestens zwei Dinge gelernt:
Gott ist treu!
Das macht sich nicht immer daran bemerkbar, dass ich unbehelligt, zufrieden und glücklich lebe, sondern, daran, dass auch aus den Trümmern etwas Neues, aus den Sackgassen eine Umkehr und aus den Niederlagen neue Stärken erwachsen können.
Gott ist treu!
Das macht sich daran bemerkbar, dass am Ende, wenn alle geflohen sind, wenn ich endgültig allein dastehe, Gottes Hand mich noch immer halten will.
Gott ist treu!
Er steht zu seinen Verheißungen, er allein steht für seine Verheißungen ein. Wie könnte ihn seine Liebe, sein Bekenntnis, gar die Wahl eines – seines Volkes reuen? Wie müsste er dann erst mit den Kindern seiner Kirche ins Gericht gehen?
Vielen fällt es schwer, sich heute angesichts der Lage im Nahen Osten zu Gottes Volk zu bekennen. Und mit Sorge nehmen viele wahr, wie unter dem Deckmantel auch berechtigter Kritik an der Politik des Staates Israel Antisemitismus in Gestalt von Pauschalurteilen, Ablehnung und Gewalt zurückkehren. Aber es ist das lebendige Bekenntnis unseres Glaubens, an der Überzeugung festzuhalten, dass Gott treu steht zu seinem Volk. Deshalb verlangt jede Form von Antisemitismus unseren entschiedenen Widerspruch als Christen und Christinnen. Eine kritische Begleitung der Politik kann und muss als Ausdruck solcher Geschwisterlichkeit erkennbar werden und bleiben.
Haben wir denn was anderes im Leben und im Sterben zu hoffen und zu glauben als die Treue Gottes, die auch vor dem Kreuz nicht kapituliert und den Todesmächten das Feld überlässt, sondern mit der Auferstehung ein ebenso eindrucksvolles Zeichen der Treue Gottes in der Welt setzt, wie mit dem Weg Israels auch durch die Anfeindungen der Geschichte hindurch setzt?
Ein zweite Einsicht des Glaubens teilen wir mit Israel:
Gott bindet sich nicht nur an einen Ort.Wir brauchen solche Orte,um uns für Gott zu öffnen, um Raum für Begegnung zu schaffen. Aber Gott braucht solche Orte nicht! Israel entdeckte, wie Gott auch ins Exil mitging, so wie er auch in der Wüste stets Wegbegleiter war.
Er blieb auch nicht exklusiv der Gott einiger weniger, sondern wurde erkannt, bekannt, besungen und erzählt als Schöpfer Himmels und der Erde, als Herrscher aller Herren, als Vater aller Menschen, als der eine und einzige Gott.
Wir Christen bekennen Jesus als Sohn dieses Gottes. Er ist für uns der Weg in die Gemeinschaft der Kinder Israels und wir finden in dieser Gemeinschaft immer schon Israel vor. Sie teilen Gott mit uns, sie teilen uns Gott mit. Das Wissen um ihn ist gewissermaßen ihr Geschenk an uns. Deshalb teilen wir die Freude und die Hoffnung darüber, dass über alle einschneidenden und verändernden, über alle strahlenden oder niederschmetternden Ereignisse im Leben von Menschen und Völkern hinweg eins trägt und Bestand hat: Gott ist treu

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