Konfirmation heißt gemeinsam Puzzles lösen

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde,
Heute ist euer großer Festtag gekommen. Heute dürfen wir eure Konfirmation hier n der Stiftskirche feiern. Zwei Jahre habt ihr euch darauf vorbereitet.
Eigentlich ist es schade, dass die Zeit schon zu Ende geht, haben einige von euch in den letzten Unterrichtsstunden gesagt.
Das freut mich, zumal ja nur die Unterrichtszeit zu Ende ist. Eure Zeit als verantwortliche Glieder dieser Gemeinde beginnt heute erst. Mit eurem Vorstellungsgottesdienst vor einigen Wochen habt ihr gezeigt, dass ihr nun in der Lage seid, selbständig von eurem Glauben zu erzählen. Wir trauen euch zu, dass ihr nun für andere Verantwortung übernehmen könnt. Als Zeichen dafür tragt ihr an diesem Festtag eine Konfirmandenstola. So wie die Stola, die ich über dem Talar trage, ist sie Zeichen der Verantwortung in der christlichen Kirche. Seit der Reformation sind wir in der evangelischen Kirche überzeugt, dass es keine Unterschiede zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Gemeinde gibt. Vor Gott sind wir gleich. Jede und jeder kann und soll seine und ihre Fähigkeiten zum Wohl der ganzen Gemeinde einbringen. Ab heute erwarten wir das auch von euch.
Für die Predigt heute habe ich ein Puzzle vorbereitet. Es soll euch helfen, diesen Tag und die beiden Unterrichtsjahre in guter Erinnerung zu behalten.
„You look puzzled“ heißt es auf englisch, wenn man in ein Gesicht voller Fragen blickt. Auch von daher passt das Bild mit dem Puzzle zu eurer Konfirmation.
Vor allem als ich euch erklärt habe, dass ihr einen ganzen Gottesdienst selber gestalten sollt, habt ihr mich ziemlich „puzzled“ angesehen. Wie soll denn das gehen? Einige knifflige Fragen haben wir aber auch vorher schon miteinander bearbeitet. Nicht nur beim Quiz nach eurem Vorstellungsgottesdienst. An einige möchte ich noch einmal erinnern:
Puzzlestein hochhalten
Wir haben hier in der Stiftskirche nach Details gesucht und versucht zu verstehen, was die Erbauer damit aussagen wollten. Symbole aus rund 800 Jahren galt es da zu finden und zu erklären.“Das finde ich nie!“ haben einige schon gesagt als sie die Fotokarte in die Hand nahmen und kamen dann noch nach wenigen Minuten zu mir gesprintet, um die nächste Karte zu holen. Mancher Stein in dieser Kirche kann lange Geschichten erzählen. So haben Menschen, die weder lesen noch schreiben konnten, ihren Glauben begriffen.
Puzzlestein hochhalten
Während unserer Freizeit haben wir uns Gedanken über Gottesdienst und Abendmahl gemacht. Schon da habt ihr das erste Mal Bausteine für einen Gottesdienst zusammen getragen, den wir dann gemeinsam in Bad Münder gefeiert haben. Am Lagerfeuer habe ich versucht, euch erkennbar zu machen, dass der Mittelpunkt unseres Glaubens die Vergebung ist. Diese Aussage ruft auch bei vielen Erwachsenen das Puzzle ins Gesicht. Manche Eltern erwarten vom Konfirmandenunterricht sich, dass ich euch noch mal all die Verhaltensregeln beibringen soll, die andere versäumt haben. Und natürlich gehört das Einüben von Nächstenliebe – zumindest im Gruppenklima – auch zum Konfirmandenunterricht. Aber wichtig ist vor allem dies: Über Beichte und Vergebung haben wir immer die Möglichkeit unser Leben noch einmal neu zu beginnen. Jesus nimmt unsere Schuld auf sich, damit wir frei sein können, um das Leben zu wagen. Darüber habe ich gestern Abend im Beichtgottesdienst noch einmal ausführlich gesprochen. Das Abendmahl ist dafür einen bleibende Erinnerung.
Puzzlestein hochhalten
Dann habt ihr versucht, Puzzleteile aus Holz zu beschreiben, die ihr nicht sehen konntet. So haben wir uns der Frage genährt, wie wir Gott erkennen können. Was können wir, als Teil der Schöpfung, aussagen über Gott, der hinter allen Dingen steht? Wie können wir erklären, was wir nicht sehen können? Ich habe versucht euch deutlich zu machen, dass naturwissenschaftliches Denken keinen Widerspruch zum Glauben darstellt. Dass die Geschichten der Bibel tastende Versuche sind, anhand dessen was man wahrnehmen kann, Gott zu beschreiben. Dass der Schöpfungsbericht der Bibel nicht die Details der Entstehung beschreiben will, sondern die Erkenntnis, dass es nur einen Gott gibt, der hinter allem steht. Dass die Bibel die Götter der Nachbarvölker, z.B. Sonne Mond und Sterne zu Lampen erklärt hat, die Gott gemacht hat. Die Wissenschaft der Zeit wurde eingesetzt, um Aussagen über Gott in Worte fassen zu können. Wir dürfen und sollen unseren Verstand gebrauchen, gerade auch wenn es um den Glauben geht! (Jetzt sehe ich auch in den Kirchenreihen einige Puzzles in den Gesichtern!). Die Autoren der Bibel haben Bilder ihrer Zeit benutzt, um Gott zu beschreiben. Ganz bewusst haben sie sich dabei von ihren Nachbarn abgesetzt, die in jedem Stern, in jeder Pflanze und jedem Tier einen Gott sehen wollten. Diese Bildgeschichten der Bibel im Nachhinein zu historischen Tatsachen zu erklären, widerspricht ihrer Intention und beraubt sie schließlich ihrer Wahrheit.
Puzzlestein hochhalten
Natürlich haben wir uns auch mit Geboten befasst. Ohne Regeln ist ein Zusammenleben vieler nicht möglich, so habt ihr schnell gemerkt. Ob beim Sport, in der Schule oder im Straßenverkehr – ohne Regel funktioniert es nicht. Leon hat das besonders drastisch erlebt, als er auf dem Weg zum Unterricht an der Fußgängerampel angefahren wurde, weil ein Autofahrer die rote Ampel nicht beachtet hat. Die zehn Gebote und alle aus ihnen abgeleiteten Regeln sind Anhaltspunkte, um besser durch das Leben zu kommen. Als Menschheit werden wir auf diesem Planeten nur überleben, wenn wir allen Menschen zu gerechten Lebensbedingungen verhelfen.
Puzzlestein hochhalten
Dafür habt ihr einen Eindruck von der Arbeit der Diakonie bekommen. Von der unbürokratischen Soforthilfe bis hin zu gut organisierter Beratungsarbeit haben wir die Aufgaben angesehen, die die Kirche – meist im Verborgenen – auch erfüllt.
Puzzlestein hochhalten
Im letzten Herbst habt ihr ein Praktikum in der Gemeinde gemacht. Dabei habt ihr jeweils einen kleinen Ausschnitt unserer Gemeinde intensiver kennen gelernt. Ihr seid Menschen begegnet, die sich dort ehrenamtlich engagieren und so die Gestalt dieser Kirchengemeinde prägen. Dass dieses Miteinander auch viel Spaß macht, habt ihr dann in euren Berichten erzählt. Ich hoffe, dass möglichst viel von euch sich nun ihr eigenes Betätigungsfeld in dieser Gemeinde suchen. Ohne eure – und Ihre – Mitarbeit bleibt eine Kirchengemeinde klein und unscheinbar. Erst das Miteinander, die Gemeinschaft der Mitglieder macht aus uns eine Gemeinde. Gott ist Liebe, so heißt es in deinem Konfirmationsspruch, Sophie. Und Liebe kann man nicht mit sich selber ausmachen. Unser Glaube kann nun in der Gemeinschaft geliebt werden. Ohne das Gegenüber anderer Menschen ist Gott, der sich als Liebe bezeichnet, nicht möglich. Alleine an Gott zu glauben ist ein Widerspruch.
Puzzlestein hochhalten
Im November haben wir dann – passend zur Jahreszeit über den Tod gesprochen. Einige von euch haben schon Erfahrungen mit dem Sterben von lieben Angehörigen machen müssen. Das gehört zum Leben dazu. Zum Leben gehört aber auch unser Glaube, dass dieses Leben nicht alles ist. Dass Gott uns durch Jesus zugesagt hat, dass wir in seiner Hand geborgen bleiben. Jesus ist auferstanden und wir dürfen darauf hoffen, dass er auch uns durch den Tod hindurch in ein neues Leben tragen wird.
Puzzlestein hochhalten
Ein letzter Puzzlestein: Er steht für euren Vorstellungsgottesdienst. Ihr habt euch mit Liebe und Freundschaft beschäftigt. Eindrücklich habt ihr gezeigt, wie schnell man in Schule und Freundeskreis zum Außenseiter werden kann. Mobbing und Dissen bestimmen den Alltag weit mehr als wir Erwachsene das wahrhaben wollen. Wohl wissend, dass es keine Patentrezepte gibt, habt ihr versucht, kleine Schritte aufzuzeigen, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Gerade darin ist eure Sehnsucht nach einem gelingenden Leben zu spüren gewesen. Christlicher Glaube findet nicht nur in den Räumen der Kirche und des Gemeindehauses statt. Dazu gehört auch ein entsprechendes Verhalten im ganzen Leben. So wie die ersten Christen dadurch aufgefallen sind, das sie Sklaven als gleichberechtigt behandelt haben, so können auch wir dadurch auffallen, dass wir uns tatkräftig an die Seite der Schwächeren stellen. Wir sind von Gott angenommen, das werde ich euch gleich durch den Segen zusagen. Und ich bin zuversichtlich, dass ihr dieses Angenommensein auch weiter geben werdet – als konfirmierte Priesterinnen und Priester dieser Gemeinde. Amen.

drucken