Gottes Segen über uns, in uns und durch uns hindurch

Am Ende des Gottesdienstes nahm sie mich ein bisschen bei Seite, schaute mich strahlend an und sagte: bald werde ich doch siebzig und ich möchte, dass sie mir an diesem besonderen Tag den Segen geben. Das wäre das schönste Geburtstagsgeschenk für mich.
Wie oft habe ich schon Glück- und Segenswünsche ausgesprochen oder geschrieben. Wie selbstverständlich doch eigentlich diese Bitte ist und wie außergewöhnlich sie mir doch in diesem Augenblick vorkam. Ich weiß wohl, wie wichtig Menschen der Segen ist, welche Bedeutung es hat, wenn sie nicht nur Worte erreichen, sondern eine Hand sich schützend über den Kopf legt oder behutsam ein Kreuz auf die Stirn zeichnet.
Bei der Taufe ist es nicht nur das Wasser, das vom Leben, seinen Möglichkeiten und Gefährdungen, spricht, sondern auch die Segenshand, die davon erzählt, wie Gott seine Hand schützend über uns legen will und nichts uns aus Gottes bergender Hand reißen soll.
Bei der Konfirmation geht es mindestens ebenso so sehr um den Segen wie um das Bekenntnis, das ein Leben lang Stückwerk bleibt. Wir feiern immer noch Einsegnung miteinander.
Und was wäre eine Trauung ohne Traufrage und ohne Niederknien und Segen? Sie wäre unvollständig.
Für einen kurzen Augenblick sind wir frei von allen Ansprüchen und Verpflichtungen oder Ermahnungen und es ist wahr, was über uns gesagt und auf uns gelegt wird.
Das berührt ganz tief im Innern.
Das kleidet ganz leicht, wärmt , wenn uns friert oder kühlt, wenn wir ins schwitzen geraten. Und manchmal zeigt es auch den Himmel ein Stück offen stehen.
So war es bei dem Mädchen vom Waldhof, das mit den anderen Jugendlichen eingesegnet wurde, nicht viel von dem verstand, was wir sangen oder sprachen und nach ihrem Segen ganz beseelt und berührt strahlend nach oben schaute und flüsterte: ist das schön!
Sie muss den Himmel offen gesehen haben.
Und ich habe verstanden:
Im Segen schwinden die Ängste vor dem Unvorhersehbaren und Unverfügbaren. Im Segen kommt Licht ins Dunkel, das den Weg verbirgt, obwohl ich ihn doch gehen muss.
Im Segen wird ausgesprochen, was ich sonst doch nur hoffen und wünschen kann: dass nichts mich von der Liebe Gottes trennen kann;
das ich mich nie so weit von ihm entfernen kann, dass er nicht mehr auf mich warten, mir nachgehen und mich in seine Arme nehmen würde.
Im Segen wird zugesprochen, was ich mir nirgends kaufen oder verdienen, was ich mir nur schenken lassen kann.
Da ist es nachvollziehbar: Segen hat Konjunktur.
Das beklagen manche aber auch. Irische Segensworte verbreiten sich inflationär. Denn da werden gerne auch zu viel gute und schöne Worte gemacht, die doch überhaupt nicht einfangen können, was wir ersehnen und was der Glaube uns anbietet.
„Der Herr segne und behüte dich
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
der Herr erhebe sein Angesicht über dich und schenke dir Frieden“
Damit ist eigentlich alles gesagt, oder ?
Gott möge mich anschauen, über und vor mir leuchten, gnädig und barmherzig mit mir umgehen und mich seinen Frieden spüren lassen.
Vielleicht ist der Wunsch nach Segen aber auch ein Bekenntnis tief aus meinem Herzen: daran liegt mir unsagbar viel, dass ich nicht ohne Gottes Beistand und Trost meinen Weg gehen muss, sondern sein Wort und seien Verheißung mich stets begleite. Und das will ich nicht vor anderen verbergen, sondern mutig bekennen – alles ist an Gottes Segen und an seiner Gnad gelegen!
Die wenigen Worte aus dem Hebräerbrief für den heutigen Sonntag von der Barmherzigkeit Gottes, zum heutigen Sonntag vom guten Hirten, sind solch ein Segen und von vornherein nicht gebunden an eine nur kleine Schar von Lesern und Hörern zu einer besonderen Zeit. Sie sind gerichtet an uns alle zu allen Zeiten und an allen Orten.
Da wird der Segen wie ein Haus, in dem wir alle zu unserer Zeit Zuflucht nehmen dürfen: alle Menschen aller Zeiten an und aus allen Orten. Alle Kinder, alle Geschöpfe, groß und klein, jung und alt sind eingeschlossen in diesen Zuspruch und in diese Segensverheißung:
Der Gott des Friedens, der den großen Hirten der Schafe, Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes,der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!
Auch hier gilt doch zuallererst: damit ist alles gesagt.
Gott ist Frieden, wie kann man sich in seinem Namen bekämpfen und bekriegen, einander Gewalt antun oder ausgrenzen. In seinem Namen kann man nur um Frieden bitten und Frieden leben.
Jesus Christus ist die Antwort auf alle unsere Ängste, Sorgen, aber auch Sehnsüchte und Hoffnungen, er hat sie gelebt, erlebt und in seinem Herzen sind sie alle aufgehoben noch ehe ich sie aussprechen kann.
Der Tod mag uns alle in unbekannte Tiefen reißen. Aber Gott hat ihn, Jesus Christus, als Zeichen und als Verheißung für alle und als Widerspruch gegen alle Todesmächte um uns herum heraufgeführt ans Licht und ins Leben . Mit ihm schenkt er uns alles, was wir zum Leben brauchen, deckt uns den Tisch an seiner Festtafel, schenkt uns voll ein, wozu es nicht immer den verschwenderischen Überfluss einer Konsumgesellschaft bedarf, sondern den Blick für die wichtigen Bedürfnisse des Lebens.
Denn dadurch kann er uns Herz und Hände frei machen für alles, was nicht nur gut gemeint daherkommt, sondern das Gute befördert und Gottes Willen zu seinem Recht verhilft. Darum ringen wir ja oft kontrovers miteinander: was ist denn um Gottes willen richtig und gut.
Manche wünschen sich dann eine deutliche Ansage oder Hilfestellung von oben, was zu tun oder zu lassen sei. Aber so einfach sind die Verhältnisse weder bei Gott noch bei den Menschen. Einfach kann die lediglich die Bitte mit ehrlichem,offenen Herzen sein: dein Wille geschehe und einfach das Zutrauen dann in allem Guten seinen Willen zu suchen. Dabei möge er gnädig auf uns schauen, wenn wir trotz allem immer wieder an die Grenzen unseres Verstehens oder Vermögens kommen, wenn uns die Geduld ausgeht oder wir es uns zu einfach machen.
Ich erlebe es als große Freiheit, dass der Segen uns nicht mit Ermahnungen und Ansprüchen bindet und klein macht, gewissermaßen das vorprogrammierte Scheitern kultiviert, sondern uns in die Freiheit führt: Gott kann es an uns geschehen lassen, Gott kann in uns wirken , was gut ist und dem Frieden dient. Denn – Gottes Segen setzt sich durch,
nicht weil wir ihn großzügig verschenken oder vergeuden,
nicht weil wir ihn tun,
sondern weil Gott ihn wirkt:
in uns , für uns und durch uns hier und heute und zu allen Zeiten an allen Orten

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