Die zweite Stufe zünden

Vermutlich gibt es kein Bild, kein Gleichnis, was die Art Gottes, die Art Jesu so treffend und so anrührend abbildet wie das vom guten Hirten.

Wir kennen die Geschichten. Im Unterricht mussten wir den 23. Psalm lesen, aufsagen, womöglich auswendig lernen. Im Gottesdienst haben wir oft gesungen „Weil ich Jesu Schäflein bin“. Oder „Jesus nimmt die Sünder an“ wo es heißt „Wenn ein Schaf verloren ist, suchet es ein treuer Hirte.“ Und dann stand uns wieder das berühmte Gleichnis vor Augen. Uns fiel wieder die junge Mutti ein, die damals die Geschichte erzählt hat im Kindergottesdienst. Ganz genau mit allen Details erscheint dann in der Erinnerung wieder das dazu gehörige Bild aus der Kinderbibel. Wir konnten uns hinein versetzen. Wir haben mit gelitten mit dem verirrten Tier. Wir haben gestaunt über die Liebe dessen, der 99 allein lässt, um das eine zu suchen. Und dann findet er es und bringt es glücklich heim.

Auch am Sonntagmorgen hier kam es häufig dran. Oft wurde der 23. Psalm gemeinsam gesprochen bei einer Konfirmation. Vorigen Sonntag hat Pastor Schafmeyer darüber gepredigt in Schwaförden. In der Zeitung kam der Bericht. Von den fünf Fingern einer Hand, wo sich die Kernaussagen gut merken lassen. Und du denkst dann vielleicht: Schön. Aber das kenn ich nun ja inzwischen.

Und viele von uns, die das zu kennen meinen, kennen vor allem den Anfang. Oder nur den Anfang. Wie das ja auch sonst oft ist bei berühmten Gedichten oder Liedern. Man kennt nur den Anfang. Ob das Schillers Glocke ist oder McCartneys Yesterday. Aber wenn wir nur den Anfang kennen von diesem wunderbaren Psalm, dann sind wir stehen geblieben. Dann bleiben wir womöglich unmündig. Auf Vorkonfirmandenniveau.

Aber es soll ja weiter gehen.
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Natürlich. Aber da kommt ganz viel hinterher. Wenn du am Anfang stehen bleibst, dann bist du wie die Christen, von denen der Apostel Paulus einmal seufzt: „Ich konnte nicht zu euch redcen wie zu geistlichen Menschen, sondern wie zu fleischlichen. Wie zu unmündigen Kindern in Christus. Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht fewste Speise. Denn ihr konntet sie noch nicht vertragen. Auch jetzt könnt ihr´s noch nicht.“ (1. Kor. 3,1-2)
Der Anfang des Psalms spricht von dem Lohn, den wir bei Jesus haben. Es ist, typisch für unseren großzügigen Vater im Himmel, er gibt uns das Beste und er gibt uns überschwänglich. Anders in der Welt, wo es um die unteren Grenzen geht. Gerade jetzt wieder am 1. Mai. Um den Mindestlohn. Bei Gott gibt es den Maxilohn. Er versorgt uns fürstlich und ewig. Er versorgt uns übernatürlich. Da muss man auf Wunder gefasst sein. Und diese Versorgung ist überschwänglich. Er teilt nicht sparsam aus, er gibt die Fülle. Es bleibt noch reichlich über. Jesus kümmert sich aber auch wirklich um alles.

Na prima. Dann muss ich mich wohl um gar nichts kümmern und lass mich bequem bedienen. Das ist eben das Missverständnis. Wir fühlen uns rundumversorgt. Laut Psalm 23 sogar garantiert rundumversorgt. Und wenn dann auf einmal das Leid kommt, wenn uns genommen wird, worauf wir einen Anspruch zu haben meinen. Dann sind wir wie vor den Kopf gestoßen. Wie kann Gott das zulassen? Hat er nicht aufgepasst? Er wollte mir doch alles abnehmen.

Man könnte sagen: Das ist eben das Kleingedruckte. Haben Sie nicht weiter gelesen? Steht alles da. Da ist ja im weiteren Verlauf des Psalms vom Unglück die Rede. Vom Wandern im finstern Tal. Im Angesicht meiner Feinde essen müssen, die einem das Brot vom Teller nehmen könnten, den Tisch umwerfen.

Wir fühlen uns dann von Gott enttäuscht, ja getäuscht. Oder wir denken: Er ist doch zu schwach, er kann eben doch nicht alles, das ist wohl der Kinderglaube, von dem ich mich verabschieden muss. Wäre auch zu schön gewesen.

Nicht doch! Er ist noch da. Er vermag immer noch alles. Er hört dein Rufen. Er ist unterwegs zu dir.

Das Problem ist einfach, wir haben über dem, was der Hirte tut und kann und wie er wunderbar um uns besorgt ist und uns lieb hat. Über all dem haben wir versäumt zu bedenken und in Angriff zu nehmen, was unsere Aufgabe als Schaf ist.

Und genau davon handelt der kurze Abschnitt aus dem Hebräerbrief hier. Erst lobt er Christus, den guten Hirten und was einzig ist an ihm: (V20 lesen)
Und dann kommt unsere Aufgabe (V 21 lesen)

Und das Problem ist immer, wir klappen nach dem ersten Vers zu und sagen: Wunderbar, der Hirte kümmert sich, ich bin versorgt. 24 Stunden perfekt betreut. Christensein als himmlischer Spa- Bereich. Von Engeln umgeben. Die uns die Wünsche von den Augen ablesen, uns bedienen und verwöhnen.

Damit verfehlen wir unsere Berufung. Weil wir vergessen haben, die zweite Stufe zu zünden. Und viele Christen merken das gar nicht mehr, so flügellahm sind sie schon geworden. Denken, das ist eben so. Alles gut geregelt. Da wird dann bei der Kirche alle Verantwortung abgegeben an den lieben Gott. Oder an sein Bodenpersonal, der Pastor soll sich kümmern oder der Kirchenvorstand.

Es ist wie bei den Anglern, die letzte Woche zwischen Weserwehr und Bollen, die Flußufern und Baggerseen aufgeräumt haben. Da wurde groß berichtet in der Kreiszeitung von den beiden Schafen, denen sie das Leben gerettet haben. Die steckten hilflos im Zaun, während die Herde schon weiter gezogen war. Die armen Tiere. Hat der Besitzer den Verlust gar nicht bemerkt? Misst er dem keine Bedeutung bei? Der Landwirt, dem die Herde gehört, wurde ermittelt und informiert. Er holte die Lämmer ab. „Ohne unsere Hilfe wären die wahrscheinlich verhungert“ hieß es. Tags drauf kam die Retourkutsche bzw. Entwarnung: Vielen Dank fürs Helfen. Aber die Schafe hat niemand vernachlässigt. Die hätten sich nie den Zäunen genähert bzw in ihnen verfangen, wenn die Angler nicht unterwegs gewesen wären in dem Bereich. Sie hätten sich da vor Angst verkrochen.

Wie ist das mit uns? Warten wir immer noch auf den guten Hirten, der uns alle Arbeit und Schwierigkeiten abnimmt. Beschweren wir uns, wenn er es nicht schnell oder ordentlich genug tut? Jesus ist unser guter Hirte klar. Aber mit Streicheln muss irgendwann genug sein. Jesus hat seine Jünger drei Jahre lang angeleitet. Sie konnten an ihm ablesen was ein guter Hirte tut: Verantwortung tragen und kämpfen. Und dann ist er ihnen nach seiner Auferstehung erschienen und hat sie beauftragt: Gleichwie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch!
So wie es hier heißt: „der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen.“

Jesus möchte, dass wir keine dummen Schafe bleiben, sondern dass wir ihn besser verstehen, Gottes Willen kennen. Das ist unser bester Schutz und unsere beste Verteidigung. Und dann führt er uns auf neue Wege. Wir sollen nicht ewig auf alten, abgegrasten Grünflächen im Kreis herum laufen. Wir dürfen zu frischen grünen Wiesen aufbrechen.
Wir wünschen uns das nicht unbedingt. Wir würden lieber auf den bequemen alten Wegen bleiben. Wir möchten lieber ein Leben, das überschaubar ist. Wo die Risiken begrenzt sind und von der Versicherung abgedeckt.

Gott möchte aber in uns einen abenteuerlustigen und intensiven Glauben wecken. Damit wir noch viel tiefer mit ihm verbunden sind. Natürlich kann Gott auch auf einer tollen christlichen Freizeit zu uns sprechen oder durch eine tolle Predigt am Sonntag.

Aber vor allem benutzt er die Herausforderungen des Lebens, um unsere Kenntnis von ihm zu stärken. Sind es denn nicht gerade die Situationen, in denen wir mit Furcht und Zittern zu ihm gekommen sind. Wo wir seinen Rat und seine Hilfe unbedingt brauchten? Sind das nicht die Momente, wo wir wirklich etwas über ihn gelernt haben?

Selbst wenn das nur einmal im Leben war bei dir? War das nicht ein Moment, der sich heraus hebt aus vielen gleichförmigen Tagen? Und wenn einer das noch nie erlebt hat: Ist es ein Wunder, wenn für ihn Glaube und Gott wie eine langweilige Sache aussehen?
Vielleicht liegt das schon lange zurück, dass du so etwas erlebt hast. Die Zeit, wo du genau geachtet hast auf die Stimme des guten Hirten. Die Zeit, wo er dich überrascht hat mit dem Neuen, das er schon wider für dich hatte.

Die Zeit, wo du vorangegangen bist, ohne zu fragen, was das kostet an Aufregung oder Bequemlichkeit. Vielleicht hast du das auch noch nie erlebt.
In jedem Fall ist es Zeit, das neu zu erleben. Es gibt wenig Dinge, die auf uns so anziehend wirken wie der Gedanke, voran zu kommen. Wir pflanzen Gärten an, freuen uns, wenn jetzt im Mai alles blüht und sprießt. Wir schauen Jahr für Jahr zu wie die Bäume, die wir gesetzt haben, größer werden.

Wir schauern uns alte Fotos von Kindern an und staunen, wie groß die inzwischen sind. Und was die alles können! Denken wir an die Freude eines Jugendlichen, der endlich den Führersein hat. Gestern noch war er Fußgänger oder Beifahrer. Heute ist er eine Gefahr für alle anderen Verkehrsteilnehmer. Wie wunderbar – er entwickelt sich weiter!

Umgekehrt ist kaum etwas trauriger als Stagnation. Stell dir eine Ehe vor, die einmal mit Hoffnungen und Träumen begonnen hat. Und sich dann auf einem Level einpendelt, wo die Gefühle verblasst sind. Die Dinge sich eingefahren haben. Wo 2 Menschen sich damit abgefunden haben: Die Möglichkeiten sind ausgereizt. Es kommt nichts Neues mehr dazu.
Ein anderer verbringt alle Abende vor dem Fernseher. Er hatte einmal große Pläne und Gedanken für sein Leben. Aber auf halben Weg ist er stehen geblieben. Die großen Träume sind schon fast vergessen. Irgendwann ist der Brennstoff ausgegangen.

So sehen die alten abgegrasten Wiesen aus. Und eigentlich wissen wir: Das ist nicht das Leben, für das wir einmal geschaffen wurden. Stagnation führt zu dem Gefühl, dass wir eigentlich gar nicht unser richtiges Leben leben. Führt zu verqueren Verhaltensmustern, die nie aufgedeckt oder korrigiert werden. Dann werden aus Monaten Jahre.

Und eines Tages schaust du zurück auf ein Leben voller intensiver, lebensverändernder Gespräche, die du nie geführt hast.

Voller mutiger Gebete, die nie ausgesprochen wurden.

Ein Leben mit Abenteuern, vor denen du immer zurück geschreckt bis.
Mit Opfern, die du nie gebracht hast.

Mit kostbaren, interessanten Menschen, die du nur an der Oberfläche kennen gelernt hast.

Und du sitzt da und siehst zu, wie das Leben abläuft, wegläuft. Und du begreifst, dass es da draußen eine Welt gibt voller großartiger Herausforderungen und verzweifelter Nöte. Und einen Gott, der dich zu etwas viel Größerem berufen hatte.

Das ist es, wovor uns der gute Hirte Jesus Christus schützen will. Deswegen ruft er uns und bringt unser Leben manchmal auch in Unordnung. Und legt uns Steine in den Weg. Weil wir die Person werden sollen, zu der wir berufen sind.

Deswegen erzählt der Hebräerbrief hie ein ganzes Kapitel hindurch von Menschen des Alten Testaments, die aufgebrochen sind im Glauben an Gott. Und gegen alle Widerstände ihren Weg gegangen sind. Zum Segen für sich und andere.

Und deswegen endet der Hebräerbrief mit dem Gebet darum, dass dieser Prozess, durch den Gott uns immer weiter hinein zieht in seinen Willen. Dass der ohne Bremse weitergehen möge.
Da wird noch einmal das Ziel zusammen gefasst, um das es geht: Menschen die mit Gott zusammen arbeiten und ihre Berufung leben, zu der er sie geschaffen hat.

Mach dich wieder auf. Hebe wieder den Kopf. Wie das verlorene Schaf, das nach einem langen Tag in Ungewissheit und Warten und Alleinsein meint, das Rufen der bekannten Stimme gehört zu haben. Sei getrost: Er sucht dich. Er ruft dich. Er nimmt dich mit. Zu neuen Abenteuern.

drucken