Gott unser Hirte – Wir willenlose Schafe ?!

Liebe Gemeinde,
ich habe noch die Ermahnungen meiner Eltern im Hinterkopf: „Carsten, benimm dich ordentlich, mach dies und unterlass jenes.“ Mir ist das, wie wahrscheinlich allen Kindern, irgendwann ziemlich auf die Nerven gegangen. Und ich habe Sorge dafür getragen, dass ihnen einiges verborgen blieb, was ich so tat.

Aber es gibt auch eine andere Seite an mir. Die wollte, dass meine Eltern anerkennen was ich tolles geleistet habe. Voller Stolz habe ich ihnen gezeigt wie ich bis ganz nach oben in die Spitze unserer Eiche klettern konnte. Meine Zeugnisse habe ich ihnen gezeigt und von meinen beruflichen und privaten Erfolgen berichtet. Ich möchte auch heute noch, dass sie stolz auf mich sind.

Meine Meinung ist, als Menschen brauchen wir beides. Wir wollen unabhängig und frei sein. Trotzdem wollen wir auch von anderen geliebt und geschätzt werden. Das gilt für die Beziehung zu den eigenen Eltern, zu den Mitmenschen wie auch für die Beziehung zu Gott. Wie beides möglich ist zeigt unser heutiger Predigttext.

Ich lese uns den Predigttext im Hebräer 13,20-21

Hier ist von einem Bund die Rede. Ein Bund schafft eine Verbindung. Gott hat mit uns einen Bund geschlossen, in dem er Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Dieser Bund ist aber etwas anderes als eine Ehe. In einer Ehe verbinden sich zwei, von Herzen zugetane, Menschen zu einem Bund der für ihr Leben halten soll.

Unser Bund mit Gott ist ein Bund für unser ganzes Leben. Es ist eine Verbindung zwischen Gott und mir als Einzelwesen. Allerdings, auch eine Verbindung zwischen Gott und uns allen, die wir zu Jesus Christus gehören. Also eine unendlich große Familie von Gläubigen. Der Gott des Friedens, schafft diese Verbindungen. Und Jesus Christus ist der große Hirte, oder auch Schäfer, dieser unendlich großen Gemeinschaft.

Das klingt erst einmal ein wenig nach Überwachung. Ein Gemeindeglied hatte einmal dargestellt: „Ich möchte weder mit einem Schaf verglichen, noch wie ein Schaf behandelt werden.“ Durch das Bild von Jesus Christus als gutem Hirten fühlte es sich in seiner Freiheit und Würde verletzt.

In diesem Bild werden wir Menschen mit Schafe verglichen. Und Schafe gelten in unserem Kulturkreis als dumm. Sie sind Herdentiere ohne eigenen Willen, ohne eigene Persönlichkeit und lassen sich durch die Gegend treiben. Die Herde folgt einfach nur stumpf dem Willen ihres Hirten. So die allgemeine Denke! Wenn wir das Bild vom guten Hirten so verstehen, ist verständlich, dass das nicht auf die Beziehung zwischen Gott und uns angewendet werden möchte.

Allerdings geht es im Bild vom guten Hirten noch um etwas anderes. Der Pfarrer meiner Eltern in Berlin hatte mal einen interessanten Sachverhalt erzählt. Der erste Vers des 23. Psalms: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ sei bei Jungs der beliebteste Konfirmationsspruch. In manchen Jahrgängen sei er als einziger Spruch von mehreren gleichzeitig gewählt worden. Es seien übrigens fast nie Mädchen, die diesen Spruch wählen.

Warum wählen ausgerechnet Jungen diesen Spruch? Jungen sind im Allgemeinen dafür bekannt, dass sie sich ungern an Vorgaben und Regeln halten.

Was macht dann dieses Bild so beliebt? Ich bin überzeugt, Jungen wissen das sie oft zu große Risiken eingehen. Sie tun manchmal gefährliche Dinge, wenn sie vor anderen in der Clique angeben wollen. Mit dem Bild von GOTT, als dem guten Hirten, fühlen sie sich in ihrer Freiheit unbeschränkt. Im Umkehrschluss sind sie vielleicht sogar froh, dass jemand auf sie aufpasst und sie beschützt.

Oftmals wünschen sie sich, im selbstbestimmten Leben, einen väterlichen Freund der ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Ihnen den richtigen Weg zeigt, wenn sie sich durch ihre Abenteuerlust am Abgrund wieder finden. Sie verstehen den guten Hirten als jemanden, der ihnen ihre Freiheit lässt und trotzdem vor den Folgen ihrer unvorsichtigen Taten beschützt. Sie hoffen mit seiner Hilfe einen guten Weg ins Leben zu finden.

Ich glaube damit haben die Konfirmandenjungen ganz gut verstanden, was die Bibel mit dem guten Hirten meint. Und von diesem Verständnis aus können wir auch den zweiten Satz unseres Predigttextes verstehen: „(21)der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!“

Klar könnten wir hier auch erstmal Bedenken äußern. Wo bleibt unsere Freiheit, wenn Gott in uns schaffen soll, was ihm gefällt. Wo bleibt unser eigener Wille? Wenn der Schreiber des Briefes uns hier wünscht, dass wir Gottes Willen tun?

Auch hier trügt der erste Schein. Niemand fordert von uns die Unterwerfung unter einen fremden Willen. Gott verlangt keineswegs, dass wir immer brav und angepasst sein sollen. Er lässt uns Spielraum.

Da gab es vor Jahren einen Buchtitel: „Brave Mädchen kommen in den Himmel, böse kommen überall hin.“ In diesem Titel zeigt sich das Missverständnis. Gottes Wille ist nicht, dass wir immer lieb und nett sein sollen. Wir dürfen uns auch was trauen. Glaube ist spannend. Glaube ist ein Abenteuer.

Der Wille Gottes, den wir tun sollen; das Gute, das Gott in uns schafft, ist nichts Aufgezwungenes. Dies ist es, was wir uns eigentlich aus tiefster Seele und tiefstem Herzen wünschen.

Wir wollen frei sein und wir sind es auch. Lasst uns das tun, was wirklich gut für unser Umfeld ist und unserer Persönlichkeit entspricht. Wir wollen geliebt und geschätzt werden. Wir wollen Ansehen bei GOTT. Das bekommen wir auch, wenn wir das tun, was uns entspricht. Es gibt keinen Gegensatz zwischen dem was Gott will und dem was uns gut tut und wir selbst wirklich wollen.

Deshalb ist die Wunschaussage des Briefschreibers: „der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus“ das Beste was Sie und ich einer anderen Person wünschen können. Und auch das Beste, was ein jeder sich selbst wünschen kann.

Die Konfirmanden, die sich den 1. Vers des 23. Psalms: „Der Herr ist mein Hirte“ ausgesucht haben, spüren intuitiv die göttliche Führung. Sie ahnen, dass der Unsinn den sie machen aus jugendlichen Hormonwallungen herrührt. Denn auch sie wollen niemanden, Familie oder Freunden, bewusst schaden.

Jeder Mensch möchte akzeptiert, geachtet, geliebt und beschützt sein. Und genau das tut Gott, sagt unser Predigttext. Gott bringt uns näher an das, was wir wirklich wollen. Er liebt und schützt uns. Und trotz des Unsinns den wir so manches Mal im Leben anstellen, wir gehören zu seiner Herde.

Dieses „dazugehören“ beschränkt keinesfalls die Freiheit, es ermöglicht unsere Freiheit erst. Im Zusammenleben mit anderen entwickeln wir unsere Persönlichkeit. Wir erkennen unsere wahren Stärken, und auch den Willen Gottes in uns.

Wie soll das gehen? Vor einigen Jahren, ich war sehr verzweifelt, sehr müde und wusste nicht weiter. Mein Leben war mir zu schwer geworden. Die alltäglichen Probleme wuchsen mir über den Kopf. Ich sah keinen Weg mehr und vom Gefühl her hatte ich alles falsch gemacht. Ich befand mich buchstäblich in einer Sackgasse.

Es war Ostern. Wir feierten um sechs Uhr morgens einen Frühgottesdienst. Anschließend war Frühstück im Gemeindehaus, ich war sooo müde. Da fragte mich jemand, wie es mir ginge. Es war zu früh am Morgen um nachzudenken, was und wie ich antworten sollte. So habe ich erzählt wie es mir wirklich ging. Und das war so befreiend. Ich weiß gar nicht was wirklich passiert ist. Plötzlich habe ich in meinem Tunnel wieder Licht gesehen.

An diesem Ostermorgen ist mir so etwas wie eine Auferstehung passiert. In diesem Gespräch mit der anderen Person. Dieser Mensch hat mir nur zugehört, nichts anderes. In diesem Moment bin ich dem Willen Gottes einen guten Schritt näher gekommen.

Ich habe Mitgefühl erfahren. Ich war mit meiner Last nicht mehr allein und merkte, da passiert etwas Gutes. Ein Ausweg kommt in Sicht. Dies zufällige Gespräch stellte sich mir als ein Gespräch mit GOTT dar. Er stellte mir diese Person in den Weg, er ist mir als guter Hirte begegnet.

Dieses Gespräch war der Wendepunkt meiner Krise. Es ist gut, dass wir uns bei GOTT und anderen Menschen anlehnen können. Lasst uns füreinander sorgen und gut zuhören.

So bleibt mir nur noch zu wünschen, was der Verfasser des Hebräerbriefes uns allen wünscht: Gott mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen!

Und der Friede GOTTES, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinn in Ewigkeit.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Pfarrerin Elke Burkholz tätig in Messel.)

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