Einer sorgt für mich

Ich bin der gute Hirte. Und wir sind dumme Schafe? Und einer ist das schwarze Schaf? Das gefällt mir nicht. Herdentrieb fällt mir ein. Immer der Menge nach. Hauptsache mitlaufen, Hauptsache dabei sein. Egal, worum es geht. Egal, wohin es geht. Die anderen gehen ja auch mit. Und machen den größten Scheiß mit. Manchmal ohne zu wissen, warum. Herdentrieb. Irgendwie sind wir doch wie die Schafe.Und wie ist das mit dem Hirten? Einer, der rumsteht und den Schafen beim Fressen zusschaut und eine ruhige Kugel schiebt? Vor ein paar Wochen stand in der Zeitung: Eine Stelle für einen Schäfer war ausgeschrieben. Es bewarben sich 165 Männer und 38 Frauen. Kaum einer wusste, was ein Schäfer so machen muss. Aber anscheinend hatten sie eine große Sehnsucht danach, Hirte zu sein. War es der Hauch von Freiheit, von Leben in der freien Natur? Neben meiner Grundschule war eine Wiese. Manchmal war da eine Schafherde, ein paar Hunde, ein Schäfer stand dabei. Schaute herum, passte auf – und musste nicht in die Schule gehen. Ich habe ihn beneidet, zum Fenster hinausgeschaut und geträumt.

Damals, bei Jesus, da war das noch anders. Die Leute wussten, was ein Hirte zu leisten hat. Ein harter und gefährlicher Beruf. Wassermangel in der Wüste war eine ständige Bedrohung. Nicht selten kam es vor, dass Hirten von Räubern überfallen und ausgeplündert wurden. Wenn sich ein Schaf verläuft, muss der Hirte es suchen und zurückbringen – oder es ersetzen. Wenn wilde Tiere in die Herde einfielen, dann musste der Hirte unter Einsatz seines Lebens die Herde verteidigen.

In einem schlauen Buch für Theologen habe ich nachgelesen: Der Hirte ist der Inbegriff für zuverlässiges Sorgen. Der Inbegriff für zuverlässiges Sorgen.

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir mangeln. Zuverlässig sorgt er für mich – ich glaube, darum geht’s in dem Bild. Nicht um dumme Schafe, nicht um Unterwerfung und Bevormundung und Herdentrieb.

Sondern um Ruhe und Frieden. Um Geborgenheit und Vertrauen, um Sicherheit und Angstfreiheit, um Wärme und Nähe, um Loslassenkönnen und Umfangensein. Da kann ich mich wohlfühlen. Behütet werden ist schön. Ich kann mich ganz entspannen und fallenlassen. Da ist jemand, der zuverlässig für mich sorgt. Einer, der mich kennt. Für den ich nicht nur ein Schaf in der Herde bin, nicht nur eine Nummer in einer großen Zahl. Einer, für den ich unverwechselbar bin. Einer, für den ich wichtig bin. Für die Welt bin ich ein niemand, aber da ist jemand, für den bin ich die Welt. Einer, den ich kenne. Dessen Stimme ich kenne.

Ich habe Sehnsucht danach. Da ist einer, der zuverlässig für mich sorgt. Viele wollen für mich sorgen. Viele wollen, dass ich ihnen nachfolge. Viele wollen, dass ich auf sie höre. Meine Eltern. Meine Lehrer. Meine Clique. Mein Fernseher. Meine Stars.

Hör auf mich!
Komm mit mir!

Wer ist der Hirte, wer ist der Rattenfänger? Wer ist der gute Hirte, wer ist der, der nur für Geld arbeitet? Wie kann man die unterscheiden?

Und Jesus sagt: Im kritischen Moment, da merkt man es. Wenn der böse Wolf kommt. Wenn die Krise da ist. Wenns gefährlich wird. Der Mietling (so hat ihn Luther genannt), der Söldner, der nimmt reißaus. Der haut ab. Der Hirte, der „legt sein Leben beiseite“ so heißt es wörtlich. Legt sich beiseite, ist sich selber nicht der Nächste. Opfert sein Leben. Für andere.
Leonardo DiCaprio erfriert im Eismeer, damit Kate Winslet auf dem Wrackteil überlebt. Na gut, das war nur ein Film.
Hunderte Feuerwehrmänner rennen in die Türme des World Trade Center um die Herde zu retten. Das war in echt.
Sie lassen ihr Leben für andere. Jesus lässt sein Leben für seine Schafe. Für SEINE Schafe. Für sein Eigentum. Dem Mietling gehören die Schafe nicht. Jesus schon – und das macht einen Unterschied. Auf mein eigenes Zeug, da passe ich gut auf. Auf die Tische in der Schule male ich. Mein eigenes Auto hege ich und Pflege ich. Den Mietwagen bringe ich wieder zurück und er interessiert mich nicht weiter und auch das komische Geräusch, das er im
dritten Gang immer macht – nicht mein Problem. Und doch fällt mir ein: Viele gehen auch mit eigenem Eigentum nachlässig um, auch ich. Ist nicht wichtig. Kann man ersetzen. Mein Eigentum ist eigentlich nur das, was ich mir innerlich zu eigen gemacht habe. Mein Eigentum ist eigentlich nur das, was mir nicht nur gehört, sondern an dem auch mein Herz hängt. Zu dem ich eine Beziehung habe. Das mir wichtig geworden ist. Unverwechselbar. Untauschbar. Das ich liebe.

Jesus liebt seine Schafe. Er gibt sein Leben für die Schafe. Er kennt seine Schafe. Er trägt sie in seinem Herzen. Dich, mich.
Ohne eine persönliche Beziehung zu Jesus gibt’s auch keinen guten Hirten. Der mich liebt und der mich kennt, mich bei meinem Namen nennt. Nicht, ey Du, sondern mein lieber Gerhard.

Eine persönliche Beziehung zu MEINEM guten Hirten. Aber ist er auch wirklich gut? Der Herr ist mein Hirte, nichts mangelt mir? Aber mir mangelt so viel. Ich hab keinen Freund. Ich habe nie Kinder bekommen. Meine Frau hat mich sitzen lassen. Warum hab ich Krebs? Mein Mann ist tot, und er fehlt mir so. Mir mangelt nichts? Von wegen! Ich habe noch keine Lehrstelle. Mir mangelt so viel. Wo bleibt da der gute Hirte? Frommes Gerede. Leeres Gewäsch. Seelentröster für alte Omas.

Mauern des Misstrauens türmen sich auf. Mauern des Zweifels versperren den Blick auf den guten Hirten.

Es ist so schwer, an einen guten Hirten zu glauben, wenn mich Gott vergessen hat. Wenn es mir dreckig geht. Ich mich gottverlassen fühle. Vielleicht ist doch alles nur Einbildung, das alles mit dem Glauben.

Das ist nichts Neues. Uralt sind diese Fragen, sind diese Zweifel. Die alten Israelis hatten einen guten Tipp: „Vergiss nicht, was er dir gutes getan hat.“ Denk mal nach, wofür du alles dankbar sein kannst. Denkt mal nach und erinnere dich, an die gedeckten Tische. Erinnere dich an die finsteren Täler, und ie da jemand da war und dich getröstet hat. Denk mal nach und erinnere dich an saftige Wiesen und kühles Wasser. Du wirst überrascht sein, wie viel dir einfällt. Sich hinsetzen und über das Gute nachdenken, was uns schon geschenkt worden ist, ist aber harte Arbeit. Denn wir haben das Gedächtnis von Elefanten für Kränkungen, aber das Gedächtnis von Eintagsfliegen für das Gute, was
uns passiert ist.

Und, rede mal mit dem guten Hirten. Rede mit ihm. Zu einer Beziehung gehört, dass man miteinander redet. Offen und ehrlich. Klar und direkt. Und hör, was er dir sagt. Merke, dass er da ist. Erfahre, dass er in dir ist. Spüre, dass er voller Leben und Wärme ist. Meine Schafe hören meine Stimme. Meine Schafe erkennen meine Stimme. Und meine Schafe erkennen, dass ich bei ihnen bin, sagt Jesus. Und mit ihnen bin. Und können sich fallen lassen wie ein Kind in die Arme seiner Mutter. Und alles ist gut. Alles? Nein, nicht immer alles.

Jesus hat uns nie garantiert, dass uns Leid erspart bleibt. Er sagt: In der Welt, da habt ihr Bedrängnisse, da herrscht Druck, da geratet ihr in Not. Das kommt vor. Es geht auch nicht darum, dass es euch immer gut geht.

Es geht um mehr. Wir leben so an der Oberfläche und regen uns auf über kleine Kräuselchen an der Wasseroberfläche – aber wohin der Strom fließt, darauf sehen wir nicht. Jesus sagt: Ich gebe mein Leben für dich, damit du ewiges Leben findest. Das ist viel wichtiger als eine Lehrstelle. Das ist viel wichtiger als deine Gesundheit. Ohne mich findest du nur ewige Finsternis, ewige Verlorenheit, ewige Sinnlosigkeit, und ewige Gebundenheit. An die vielen Lügen, die in dir sind. An die schlechten Gewohnheiten, die du hast. An den Egoismus, der dich ausfüllt. An die Nacht, die tief in dir wohnt. Ohne mich findest du nur den Tod, dem alle Welt verfallen ist. Ich bin an deiner Stelle, für dich in den Tod gegangen, damit du nicht mehr dem Tod gehörst. Die auf meine Stimme hören, die in meiner Hörweite bleiben, die werden niemals umkommen. Niemand kann sie aus meiner Hand reißen.

Bei meiner ersten Beerdigung als Vikar hab ich über diese Worte gesprochen. Ich werde es nie vergessen. Eine junge Frau war gestorben. Eine von den oberen Zehntausend. Bei einem Autounfall ganz plötzlich ums Leben gekommen.
Und die Kirche war voll. Voll mit Menschen, voll mit Geldadel. High Society. Alles konnten sie sich kaufen. Nur das Leben nicht. Alles, was wir Menschen haben und was wir versuchen festzuhalten, und woran wir uns auch oft versuchen festzuhalten, das kann uns ganz plötzlich entrissen werden: Unser Besitz, unsere Gesundheit, die Menschen um uns herum, unser eigenes
Leben. Das ist alles ganz gefährdet und unsicher. Aber Jesus Christus sagt uns: Wer in meiner Hand ist, der kann mir nicht fortgerissen werden. Wer bei mir geborgen ist, der bleibt da auch, ganz gleich, ob er lebt oder stirbt. Denn ich bin der gute Hirte. Und wir sind keine Mietwagen. Sondern wir sind das Eigentum Gottes, und wir sind ihm so kostbar wie sein eigenes Leben.

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