Gibt es Gott?

Gibt es Gott?
Wie ist Gott?
Wo ist Gott?
Hörst du mich, Gott?
Wie ist das mit dem Sterben und was kommt danach?

Meistens lassen uns diese Fragen kalt.
Sie kommen uns gar nicht in den Sinn.

Aber manchmal, da explodieren diese Fragen mitten in unseren Köpfen.
Manchmal sind diese Fragen da. Riesengroß.

Wo bist du, Gott?
Warum hast du das zugelassen?
Warum spüre ich dich nicht, Gott?
Warum hilfst du mir nicht?

Manchmal kommen diese Fragen einfach so.
Aber oft gibt es einen Anlass, der diese Fragen auslöst.
Der Tod eines Menschen, den ich liebe, der mir etwas bedeutet, ist oft so ein Anlass.

Heute, am Ewigkeitssonntag, sind besonders viele unter uns, die im vergangenen Jahr Abschied nehmen mussten.
Die einen Vater, eine Mutter, einen Ehepartner, einen Verwandten oder ein Kind verloren haben.
Die loslassen mussten.
Abschied nehmen mussten.
Die einen lieben Menschen begraben haben.

Die Dichterin Mascha Kaleko schrieb einmal darüber:

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang.
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich den Tod entlang
und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr,
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt den eigenen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muss man leben.

(mascha Kaleko, deutsch-jüdische Lyrikerin)

Ich denke mir, viele von uns finden sich wieder in diesen Worten.
Und ich denke mir:
Viele haben es vielleicht dann auch erlebt, wie gottverlassen man sich dann fühlen kann.
Wie Gott dann weit weg sein kann, als ob es ihn nicht gibt, und die Gebete ersticken im Hals oder bleiben an der Zimmerdecke stecken.

Wo bist du, Gott?
Warum hast du mich verlassen, Gott?

Einer, der das erlebt hat, schreibt nach dem Tod seiner Frau in sein Tagebuch:
„Und wo bleibt Gott? Das ist eines der beunruhigendsten Symptome. Wenn man glücklich ist, so glücklich, dass man das Gefühl verliert, Gott zu brauchen, so glücklich, dass man versucht ist, Seine Ansprüche als Einbruch zu empfinden – wenn man sich da besinnt und sich Ihm im Dank und Lobpreis zuwendet, wird man mit offenen Armen empfangen – so wenigstens empfindet man es. Aber geh zu ihm in verzweifelter Not, wenn jede andere Hilfe versagt, was findest Du? Eine Tür, die man dir vor der Nase zuschlägt, und von drinnen das Geräusch doppelten Riegelns. Danach Stille. (…) Was hat das zu bedeuten? Warum ist Gott in Zeiten des Wohlergehens mit seinen Befehlen so gegenwärtig und warum so meilenweit fern als Hilfe in Zeiten der Trübsal?“

(C.S. Lewis, Über die Trauer)

Und er schreibt dann darüber, dass er nicht so sehr in der Gefahr ist, den Glauben an Gott zu verlieren, sondern dass die Gefahr ist, von Gott entsetzliche Dinge zu glauben:

Gott ist einer, der mich im Stich lässt.
Gott ist einer, der nur da ist, wenn es mir gut geht.
Gott bin ich eigentlich völlig egal.
Gott ist weit weg und tut nichts.

So kann das sein.
Wenn uns der Tod begegnet, dann kann er uns echt umhauen.
Dann kann er alles erschüttern – auch unseren Glauben.

Was mir am christlichen Glauben und an der Bibel besonders gut gefällt ist, dass sie beide da ganz ehrlich sind.
Da wird nicht gesagt: Du musst nur feste an Jesus glauben und alles ist gut und dein Leben wird schön und heil und problemlos verlaufen.
Nein, das wird nicht gesagt.

Stattdessen wird uns von Marta und Maria erzählt, zwei Schwestern, die völlig am Boden zerstört sind, als ihr Bruder Lazarus stirbt.
Sie weinen.
Sie machen Jesus Vorwürfe.
Wenn du da gewesen wärst, dann wäre er nicht gestorben.
Aber du warst nicht da.
Du hast uns im Stich gelassen.
So sagen sie es ihm.
Und auch Jesus weint mit ihnen.

Und er schwitzt Blut und Wasser, als er seinem eigenen Tod entgegengeht.
Er hat Angst vor dem Sterben, er hat Angst vor dem Tod.
Und als er am Kreuz hängt, da schreit er:
Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Und seinen Jüngern geht es genauso.
Als Jesus am Kreuz stirbt, da sind sie am Ende.
Alles aus Ende vorbei.
Am Boden zerstört.
Ins Herz getroffen.

Die Bibel und der christliche Glaube sind da ganz ehrlich.

Das wichtigste Symbol der Christen ist das Kreuz.
Ein Zeichen des Todes, ein Hinrichtungsinstrument.
Ein Zeichen der Schwäche, denn wer am Kreuz hängt, der ist ganz und gar hilflos, ohnmächtig, ausgeliefert.
Die Friedhöfe sind voller Kreuze.
Und auch in den Todesanzeigen sehen wir sie ganz oft.

Und wir sehen sie, weil das Kreuz nicht das Zeichen des Todes geblieben ist.
Wir sehen sie, weil das Kreuz zum Zeichen des Lebens geworden ist.
Wir sehen sie, weil das Kreuz zum Zeichen des Sieges geworden ist.
Wir sehen sie, weil der gekreuzigte Jesus den Tod besiegt hat.
Für uns.
Für mich.
Für unsere Verstorbenen.
Das ist wunderbar – und oft ist es schwer zu glauben.

Im Johannesevangelium da lesen wir davon, wie Jesus seine Freunde vorbereiten wollte auf die Zeit der Trauer.
Er sagte ihnen und er sagt heute uns:

Lasst euch nicht in Verwirrung bringen. Vertraut Gott und vertraut mir! 2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann etwa gesagt: ‚Ich gehe jetzt hin, um den Platz für euch vorzubereiten‘? 3 Und wenn ich hingegangen bin und euch den Platz vorbereitet habe, werde ich wiederkommen und euch zu mir holen, damit auch ihr da seid, wo ich bin. 4 Den Weg dorthin kennt ihr ja.“ 5 „Herr“, sagte Thomas, „wir wissen nicht einmal, wo du hingehst. Wie sollen wir da den Weg dorthin kennen?“ 6 „Ich bin der Weg!“, antwortete Jesus. „Ich bin die Wahrheit und das Leben! Zum Vater kommt man ausschließlich durch mich. 7 Wenn ihr erkannt habt, wer ich bin, dann habt ihr auch meinen Vater erkannt.

Jesus verrät uns nicht, warum Menschen überhaupt noch sterben müssen.
Dazu sagt er nichts.
Er erklärt uns auch nicht, warum die einen alt werden und die anderen ganz jung sterben müssen.
Er sagt auch nichts dazu, warum die einen so sehr leiden müssen und die anderen nicht.
Er sagt zu dem allen nichts.

Aber er sagt uns ganz definitiv.
Mit dem Tod ist es nicht vorbei.
Nach dem Tod geht das Leben erst an.
Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.
Und ich gehe schon mal dorthin, um sie für euch vorzubereiten.
Damit ihr euch da wohl fühlen könnt.
Damit ihr euch da willkommen fühlt.
Damit ihr dort ein Zuhause findet.
Damit ihr dort Heimat hat.

Und jetzt gibt es genau zwei Möglichkeiten.

Entweder stimmt das, was Jesus sagt – oder es stimmt nicht.
Entweder stimmt das mit der Auferstehung der Toten – oder wir sind ganz arm dran.

Ich bin Pfarrer.
Berufschrist.
Zu meinen Aufgaben gehört es, Trauernde zu trösten, und Hinterbliebenen beizustehen.
Mit ihnen den Tod auszuhalten, ihm ins Auge zu sehen.
Und je länger ich hier bin und je mehr Menschen ich lieb gewonnen habe, umso schwerer fällt mir das oft.
Und oft verstehe ich Gott da auch nicht.
Warum muss ein Kind sterben und ein alter Mensch liegt viele Jahre und quält sich.
Und manchmal befallen mich da auch Zweifel.
Stimmt denn das überhaupt mit der Auferstehung?
Oder ist das nur ein Märchen?
Ein schöner Traum?
Und dann suche auch ich nach Halt.
Ich suche, weil ich einen Halt brauche.
Und ich finde ihn immer wieder in der Bibel.
Ich finde ihn in den Auferstehungsberichten in den Evangelien.
Ich gewinne immer wieder neuen Boden unter den Füßen, wenn ich das von den Jüngern lese.
Wie sie nach dem Tod von Jesus, von ihrem Helden, ihrem Idol total am Ende waren. Voller Angst.
Beherrscht nur von dem einen Gedanken:
Wie können wir uns ungeschoren und so unauffällig wie möglich aus der Affäre ziehen, zurückkehren in unsre Heimatdörfer und uns heimlich still und leise wieder eingliedern, so als wäre nichts geschehen.
Und dann passiert etwas, mit dem sie nicht rechnen, mit dem keiner gerechnet hat:
Ihnen begegnet Jesus.
Der Tote
Nein – der Auferstandene
Und sie sind nicht außer sich vor Freude, sondern sie machen sich vor Angst in die Hosen.
Sie glauben, dass sie ein Gespenst sehen und glauben die Auferstehung erst, als sie Jesus anlangen und er sich hinsetzt und mit ihnen Fisch isst.
Und dann werden aus diesen Feiglingen Menschen, die mit der größten Todesverachtung in die Welt hinausgehen und den Menschen die größte Nachricht aller Zeiten sagen:
Der Tod ist besiegt!
Die Macht des Todes, die Macht des Teufels und der Hölle sind zerbrochen.
Und darum haben wir Hoffnung – für unsere Verstorbenen und auch für uns selber.
Ernst Ginsberg war ein Schauspieler, der als Erwachsener erst zum Glauben an Jesus Christus fand, der an ALS unheilbar erkrankte und der sehr bewusst seinem Sterben entgegen gegangen ist.
Und ich glaube, dass er diese Hoffnung einmal in diese Worte gekleidet hat:

Ich muss sterben. Aber das ist auch alles, was ich für den Tod tun werde. Alle seine anderen Ansinnen werde ich ablehnen. Allen seinen Verführungen zur Resignation, zur Beziehungslosigkeit, zur Angst, dass er am Ende siegen wird, werde ich widerstehen.
Sterben muss ich, aber das ist auch alles, was ich für den Tod tun werde. Lachen werde ich gegen ihn und singen, dass es die anderen ansteckt, und Geschichten erzählen, wie man ihn überlistet, und allen erzählen, wie die Osterfrauen seine Niederlage aufdeckten. Zusammen mit euch, meine Freunde, werde ich ihm Tag um Tag Land abgewinnen.
Sternen werden wir. Aber das ist auch alles, was wir für den Tod tun werden. Uns wird er nicht halten können, denn der, der ihn besiegt hat, hat gesagt, dass wir mit ihm leben sollen.

Jesus sagt auch uns:
Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und dem vertraut, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben.
Und wenn ich hingegangen bin und euch den Platz vorbereitet habe, werde ich wiederkommen und euch zu mir holen, damit auch ihr da seid, wo ich bin

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