Von der Frage, die unter die Haut geht

„Nicht wahr, Papa?
Du hast mich lieber als die anderen?“
Zärtlich schmiegte sie sich an ihren Vater und konnte so sein verlegenes Gesicht nicht sehen.
Eigentlich sagen ja alle Eltern, sie hätten ihre Kinder gleich lieb…
Aber zwischen diesen beiden war es schon etwas besonderes.
Eine Tochter hatte er sich immer gewünscht und die schwierigen ersten Monaten und Jahre, in denen sie oft krank war und sie sich als Eltern viele Sorgen gemacht hatten, hatten die beiden eng zusammen geschmiegt. Ja, und dann ist es manchmal etwas ganz besonderes zwischen dem stolzen Vater und der Tochter, die einmal eine wahre Schönheit sein wird, was der stolze Vater heute schon sieht…
Hand aufs Herz: natürlich haben wir alle Kinder lieb und doch verbindet uns mit einzelnen manchmal positiv wie negativ eine ganz eigene Geschichte!
„Liebst du mich – eigentlich noch?“
Nichts fürchtete und hasste er mehr als diesen Satz.
Aber er kam in jedem Streit, wenn ihr, so zumindest seine Überzeugung, die Argumente ausgingen.
„Liebst du mich noch?“
Aber natürlich, Schatz“ hat er oft geantwortet, war sich aber in den letzten Monaten nicht mehr so sicher, ob das wirklich noch stimmte.
Immer die gleichen Diskussionen um vermeintlich belanglose Dinge wie liegengebliebene Socken oder nicht ausgedrückte Zahnpastatuben. Und manchmal ertappte er sich bei den Phantasien eines Lebens ohne sie.
„Sag mal, was liebst du denn eigentlich an mir?“ fragte er mit einem Mal…. Wie will ich diese Frage beantworten?
Ich liebe ja nicht wegen irgendetwas, manchmal eher trotz aller Eigenheiten, Ecken und Kanten.
Es gibt Gespräche, da liegen die Themen dem Augenschein nach oben auf und über die wird geredet und dann gibt es die eigentlichen Dinge darunter, und wenn man sich kennt oder ein wenig sensibel ist, spürt man, dass es eigentlich um ganz anderes und eigentliches geht.
„Hast du mich lieber, als mich diese haben?“
In Variationen dreht sich das österliche Gespräch zwischen dem Auferstandenen und Petrus immer wieder um diese Frage und mündet immer in einem Auftrag: „weide meine Lämmer“
Was soll Petrus darauf antworten?
Er hat einmal alles stehen und liegen lassen für Jesus und, allein aus der Tatsache, dass es da eine Schwiegermutter gibt, kann man vermuten, dass auch eine Familie, Frau, vielleicht gar Kinder, existierten. All das hat er zurückgelassen und hat oft genug, temperamentvoll, wie er nun einmal war, durchblicken lassen, dass Jesus ihm nicht egal war und ist.
Nun ja, in unserem Sprachgebrauch hätten wir vielleicht nicht von Liebe, sondern von Bewunderung, Vorbildfunktion, Nacheiferung, Anhänglichkeit, Freundschaft oder Jüngerschaft geredet. Aber es ging schon sehr tief hinein in den Lebensalltag und ließ sich auch nicht einfach zurückdrehen nach der Gefangennahme und dem Tod.
Verlegenheit würde ich bei diesem eindringlichen Nachfragen erwarten. Schließlich kennt Jesus ihn und durchschaut ihn – und diese Anhänglichkeit, diese besondere Qualität von Freundschaft, die es ja auch zwischen Männern oder Frauen geben kann, ohne dass sie sich genau erklären ließ, aber viel tiefer als Bekanntschaft oder ähnliches geht.
Die Historiker hören diesem Gespräch mit wieder anderem Interesse zu, weil sie daran denken, dass im Johannesevangelium sonst immer der Jünger, den Jesus liebte, im Vordergrund steht und für Johannes eine herausragende Stellung im Kreis der Jesusanhänger zu haben schien.
Und nun dreht sich mit einem Mal alles um Petrus, als sollte auch hier durchgesetzt werden, das wie im Matthäusevangelium Petrus den Vorrang den anderen Jüngern gegenüber hat. Er ist der Fels, er soll der Hirte sein, also auch für Johannes ein besonderes Petrusamt?
Da sind wir mit einem Male mitten drin im ökumenischen Diskurs über das evangelische und katholische Amtsverständnis und die Rolle des Papstes als Bischofs von Rom und vermeintlichem Nachfolger Petri. Bei allen Begegnungen auch in diesen Tagen zwischen Franziksus und dem EKD-Ratsvorsitzenden Scheider im Rahmen einer Privataudienz in Rom.
Aber das sind alles Nebenschauplätze des Gespräches, obwohl sie eigentlich so oben auf liegen.
Denn darunter geht es eigentlich und unausgesprochen um Vertrauen, Schuld und Vergebung.
Die Frage „liebst du mich“ geht gerade, wenn sie am Wendepunkt einer Beziehung jenseits aller Verklärung in frühen Phasen des Verliebtseins gestellt wird, unter die Haut.
Da geht es um alles oder nichts.
Da steht im Raum, was diese Beziehung wert ist, was sie aushalten kann und was sie an Einsatz oder gar Leiden kosten darf!
Und wenn Petrus dreimal gefragt wird, dann kräht gewissermaßen noch einmal der Hahn, dann läuten alle Glocken und leuchten alle Signallampen auf.
Dreimal hat Petrus gesagt: ich kenne ihn nicht und dann erlebt, wie der Blick des Gefangengenommenen ihn durch und durch traf – mitten ins Herz hinein.
Und jetzt schon wieder: durch und durch und mitten ins Herz.
Das ist ja kein Gegensatz -Verleugnung und Liebe – ganz im Gegenteil: die Tragik und der Schmerz kommen ja daher, dass Petrus mit ganzem Herzen zu ihm stehen wollte und es nicht schaffte, er liebt ihn und doch macht diese Liebe ihn (noch) nicht stark genug, alles auszuhalten und alles zu riskieren.
Das schwingt in jeder Frage und in jedem Blick, in jedem intimen Augenblick dieser Begegnung mit und ich schäme mich fast, Augenzeuge und Ohrenzeuge, so einer intimen Klärung zu sein und finde, dass jeder, der hier zuallererst nach Amtsverständnis und Vorrangstellung fragt, der Situation überhaupt nicht gerecht wird. Da müssen zwei um der Zukunft willen den entscheidenden wunden Punkt ihrer Beziehung und aller weiteren Nachfolge im Leben klären.
Und Petrus hat das getan.
Wer mit offenen Augen und Ohren dem Gespräch folgt, wird schon auf das Blutzeugnis, auf das Martyrium des Jüngers an seinem Lebensende eingestimmt.
Damit könnte es gut sein. Schon die Frage der Tochter an den Vater oder der streitenden, miteinander ringenden Eheleute jenseits der Socken und Zahnpasta gehört ja eigentlich nicht an die Öffentlichkeit. Aber der Evangelist schafft eine große und zeitlose Öffentlichkeit immerhin bis zu diesem Augenblick in unserer Gegenwart. Und er legt uns damit ans Herz, einmal zu fragen, wo wir eigentlich in unserem Verhältnis zum Auferstandenen stehen.
Sind wir eine eher teilnahmslose Öffentlichkeit, die sich zwar interessiert solchen alten Geschichten zuwendet, aber nicht zu sehr beteiligt werden möchte?
Lassen wir uns in einen vergleichbaren Hirten-Dienst nehmen: haupt-, neben- oder ehrenamtlich?
Pfarrer/Pfarrerinen tragen das Hirtenamt immerhin in ihrer Berufsbezeichnung, aber identifizieren sich wohl nicht mehr so widerspruchslos damit.
Und wollen sie so einfach Jesu Schäflein sein, die sich ganz und gar und vorbehaltlos der Sorge des wenn auch guten Hirten anvertraut wissen.
Damit geht der Evangelist also eigentlich uns nach,
stößt uns darauf, dass es an der Zeit ist, dass wir unsere Beziehung zu dem Gekreuzigten und Auferstandenen klären.
Liebst du ihn…
Liebst du ihn mehr als…
Ist es dir etwas wert….
Darf es auch etwas kosten…?
Ihm war jeder einzelne alles wert.
Und das ist für mich eigentlich die freudigste Botschaft dieses Sonntages. egal wie groß oder klein meine Kraft, mein Glaube, meine Liebe im Moment sind, er ist und bleibt der gute Hirte, der mir nachgeht und mich nicht auf ewig an meinem Versagen fest macht, sondern mit mir immer wieder neu anfangen will.
Weil er mich längst schon liebt, darf ich mich auf ihn einlassen, immer wieder und Gott sei Dank! Amen

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