Hirte und Hirtin sein für andere

Liebe Gemeinde!

„Sie haben ja mit Ihren Schäfchen auch immer ganz gut zu tun“, sagte neulich eine Frau zu mir. Sie meinte damit die Menschen in unserer Gemeinde. Ich hätte ja Arbeit genug in der Gemeinde.
Schäfchen – das ist eigentlich ein bekannter Ausdruck für Gemeindeglieder. Oder kennen Sie den nicht? Habt Ihr Konfirmanden den Begriff schon einmal gehört? Meist sagt man das ein bisschen humorvoll, aber auch liebevoll.
Das Wort „Pastor“ oder „Pastorin“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „Hirte“ oder „Hirtin“. Da spielt also auch das Bild von den Schafen, die gehütet werden, eine Rolle.
„Ich bin kein Schaf. Ich bin nicht blöd. Ich kann selber auf mich aufpassen. Ich brauche keinen Leithammel.“ Das hat allerdings auch schon mal jemand zu mir gesagt. Er fand es völlig unpassend, ein Kirchenmitglied als Schäfchen oder Schaf zu bezeichnen. Er fand, das wäre abwertend, sogar verdummend.

Im heutigen Predigttext sagt Jesus zu Petrus: „Sorge für meine Lämmer. Führe meine Schafe zur Weide.“ Auch hier finden wir das Bild vom Hirten und der Herde Schafe.
Für das Gebiet des Orients ist das Schafebild nichts Ungewöhnliches. Hirte zu sein gehörte zu den wichtigsten Aufgaben der Menschen dort. Das Hirtenamt war etwas sehr Ehrwürdiges, Angesehenes. Denn die Zahl der Schafe, die jemand besaß, bedeutete auch je nach Größe der Herde Wohlstand.
Sogar schon in vorbiblischer Zeit wurden in Babylonien Könige als „Guter Hirte“ bezeichnet. Das war eben auch ein Ehrentitel.
So wundert es nicht, dass es in der Bibel so zahlreiche Aussagen zum Hirten und seiner Herde gibt. Psalm 23 haben wir ja eben schon gesprochen: Der Herr ist mein Hirte. Der König David war Hirte. Jesus wird als Hirte bezeichnet. Und im heutigen Predigttext gibt er diese Aufgabe an Petrus weiter. „Du sollst ein Hirte sein. Sorge für meine Lämmer.“

Heute ist der zweite Sonntag nach Ostern. Und die Geschichte unseres Predigttextes ist genau deshalb heute vorgesehen, weil sie sich nach Ostern ereignet hat. Jesus ist als Auferstandener sieben Jüngern am See von Tiberias begegnet. Simon Petrus ist auch dabei. Mit seinen Fischerkollegen war er auf dem See gewesen in der Nacht. Sie hatten wenig gefangen. Da kam Jesus in aller Morgenfrühe und machte ihnen Mut, noch einmal loszufahren. Diesmal fangen sie viel. Danach teilt Jesus mit ihnen das Brot. Meine Bibel spricht von Frühstück, aber es wird sehr viel mehr gewesen sein als ein Frühstück, eher ein Abendmahl. Denn Jesus wird wie bei den Emmausjüngern erkannt durch das Abendmahl.
Danach folgt der Auftrag an Petrus: Führe meine Schafe zur Weide.“

Die katholische Kirche hat solche Sätze immer wieder auf den Papst bezogen. Petrus wird als erster in der Reihe der Päpste gesehen. Deswegen hätten die Päpste heute das besondere Hirtenamt.
In der evangelischen Kirche sehen wir die Person des Petrus als ein Beispiel für uns alle. Ich verstehe es so, dass wir alle Hirten sein sollen bezogen auf die christliche Gemeinde.
Klar, die Pastoren haben ihren besonderen Auftrag- so, wie es meine Berufsbezeichnung sagt- Ich bin Pastorin, also Hirtin. Das bedeutet, in Seelsorge und Unterricht für die Gemeinde da zu sein, auf Gott hinzuweisen, zu leiten und im Glauben zu begleiten, natürlich in dem Bewusstsein, dass Gott der Hirte von uns allen ist.
Aber in unserer christlichen Gemeinde hat auch jede von Ihnen und jeder von Ihnen so etwas wie eine Hirtenaufgabe. Alle Begabungen, die Sie/die Ihr für unsere Gemeinde einsetzt, weisen auf Gott hin. Schon allein, wo ein Mensch zur Kirche geht, werden andere aufmerksam und fragen vielleicht nach, oder sie kommen mit.
Jeder und jede von uns ist im übertragenen Sinne Hirte und Hirtin für Gottes Herde. Das ist so etwas wie ein Osterauftrag, ein Auftrag des auferstandenen Christus.

Eindrücklich finde ich das Foto eines Hirten aus heutiger Zeit. Es war diese Woche in einer Zeitschrift abgebildet. Hirten in Nordirland musste ihre Schafe in Schneewehen wieder finden. Dabei waren einige Schafe schon gestorben. Die Hirten krochen sogar in Schneewehen hinein, um ihre Schafe zu retten. Dabei riskierten sie vielleicht auch ihr eigenes Leben. So groß war ihr Einsatz für ihre Schafe.
Das könnte im Zusammenhang unseres biblischen Textes sogar ein Hinweis für uns sein, dass Hirte und Hirtin sein in christlicher Übertragung nicht immer ein Spaziergang sein wird, sondern auch Arbeit bedeutet.

Bevor Jesus Petrus als Hirten losschickt, fragt Jesus ihn: Simon Petrus, liebst du mich mehr als irgendein anderer hier? Petrus antwortet: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Dreimal stellt Jesus ihm die gleiche Frage.
Jugendliche erleben solche Fragen manchmal mit ihrer ersten Liebe. Einer von beiden fragt: Liebst du mich wirklich? Liebst du mich mehr als jemand anderen? Immer wieder sucht sich einer die Vergewisserung, dass er oder sie die einzigartige Geliebte ist, unvergleichlich.
Oft ist dann der Partner oder die Partnerin genervt. Jaaa, ich liebe dich. Wie oft muss ich das noch sagen. Du bist die Einzige, Du bist der Einzigartige!
Petrus war nicht genervt, aber traurig: Ja, ich liebe dich doch. Warum glaubst du mir denn nicht? Vertraust du mir nicht?
Meine Konfirmandinnen und Konfirmanden haben es vor Ostern in einem Standbild nachgestellt, wie es war, als Petrus Jesus verleugnete. Als Jesus zum Kreuz geführt wurde, war Petrus in der Nähe. Er wurde gefragt: Du warst doch auch immer bei den Freunden von Jesus. Du gehörst doch zu ihm! Dreimal sagte Petrus: Nein, ich kenne Jesus nicht. Doch bevor der Hahn dreimal krähte, hatte Petrus Jesus dreimal verleugnet. Als er das selber erkannte, weinte er bitterlich.
Das steht hier wohl im Hintergrund, wenn er dreimal von Jesus gefragt wird: Liebst du mich wirklich? Ja, er will zu Jesus stehen. Er will an den auferstandenen Jesus glauben.

Jesus zeigt ihm, dass das Christenleben schwer werden könnte. Wenn du alt bist, wird jemand dich festbinden und dich dahin führen, wohin du nicht willst. Das ist so gedeutet worden, dass Petrus vielleicht auch den Kreuzestod erleiden müsste. Auf jeden Fall meint Jesus, dass die Wege Gottes manchmal andere sein werden, als man sich das ausdenkt.

Petrus sollte Hirte sein. Auch wir sollen Hirtinnen und Hirten sein für andere. Dabei werden wir begleitet vom auferstandenen Jesus Christus. Er ist Hirte für uns. Amen.

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