Ein Lehrbeispiel heilsamer Seelsorge

Liebe Gemeinde,

was für ein neuer Morgen war das für die Freunde Jesu! Nach dem Sterben Jesu war auch ihr Leben wie abgestorben. Aus Angst und Enttäuschung hatten sie ihn schmählich im Stich gelassen, alle ihre Hoffnungen waren wie Seifenblasen zerplatzt. Geblieben war allein die Routine des Alltags. Und die leeren Fischernetze waren Sinnbild dafür, wie leer ihr ganzes Leben geworden war. Doch während sie noch auf die Leere starrten, hatte Jesus für sie schon die Fülle vorbereitet. Das Kohlenfeuer brannte, die Fische und Brote waren gerichtet. Und da steht er nun am Ufer, auch am Ufer ihres Scheiterns, ihrer Angst, ihrer Enttäuschung, ihrer Trauer, und lädt sie einfach freundlich ein, einen ganz neuen Anfang miteinander und mit ihm zu wagen. Tief angerührt und sprachlos vor Freude greifen sie nach Brot und Fisch und lassen sich den Neuanfang regelrecht auf der Zunge zergehen.

Nach diesem „österlichen Frühstück“ werden wir nun Zeugen eines geradezu intimen Gesprächs zwischen dem Auferstandenen und der Nummer Eins im Jünger Kreis.

In den Versen 15-19 erzählt der Evangelist Johannes davon:

[TEXT]

Ich muss sagen: dieses Gespräch löst bei mir zwiespältige Gefühle aus. Da will ein Mann von einem anderen Mann wissen, ob dieser ihn liebe, und dann noch, ob er in mehr als die anderen liebe. Was soll das denn?!

Nun, dass es hier nicht um eine homosexuelle Liebesbeziehung geht, klärt ein kurzer Blick auf das griechische Wort, das hier für „lieben“ verwandt wird: Was das Wort „Liebe“ angeht, ist die griechische Sprache nämlich reicher als die deutsche. Das Griechische kennt drei Worte für Liebe: Eros, Philia und Agape.

Im Gespräch mit Petrus geht es Jesus nun aber nicht um „eros“, was die leidenschaftliche, lustvolle, und – nicht nur, aber eben auch – geschlechtliche Liebe umschreibt.

Es geht ihm um die Philia, die Freundesliebe, die enge Verbundenheit zwischen seelenverwandten Weggefährten, die sich durch dick und dünn ganz auf einander verlassen können, und vor allem geht es ihm um die Agape, die wirklich reine Liebe, eine Liebe, die frei von allen Besitzansprüchen frei von jeder Eigensucht und Manipulation ist, eine Liebe, die von innen heraus brennt, ganz egal, ob sie erwidert wird oder nicht.

Ob Petrus ihn also so liebe? So, wie es Paulus in seinem hohen Lied der Liebe beschreibt: freundlich, geduldig, ohne Eifersucht, nichts nachtragend, aber alles ertragend, alles glaubend, alles hoffend, und niemals aufhörend. (1. Korinther 13, 4-8.13)?

Ganz schön heftig! – Oder? Wer kann das denn überhaupt? Und dann auch noch: „Hast du mich lieber als die anderen?“

So kann doch nur jemand fragen, der Konkurrenz und Zwietracht schüren will oder eben ziemlich narzisstisch gestört ist. Und überhaupt: es ist doch noch gar nicht so lange her, dass Jesus zwei seiner Jünger zusammengestaucht hat, weil sie um die besten Plätze bei ihm gestritten hatten.

Schau ich aber Petrus an, so muss ich feststellen, dass er sich nicht irritiert, befremdet oder auch verärgert abwendet, sondern im Gegenteil, er scheint am Ende Jesus noch näher zu sein als er es schon bei der Mahlgemeinschaft am Kohlenfeuer war. Tränen, ja, die sehe ich in seinen Augen, aber in diesen Tränen spiegelt sich auch eine unendliche Erleichterung und ganz neue Freude.

Deshalb frage ich am besten ihn, wie es ihm mit diesen Fragen Jesu ging.

„Ja, Du hast Recht“, so höre ich da Petrus sagen, „diese Frage, ob ich ihn liebe, und zwar so rein, so absolut, so ohne jedes Wanken, und das sogar noch mehr als die anderen, hat mich natürlich geschockt. Aber nicht, weil ich den Eindruck hatte, dass Jesus mich überfordert oder dass er mich gegen die anderen ausspielen will. Sondern weil ich plötzlich spürte: diese Frage konfrontiert mich mit einem meiner Grundprobleme: Nicht Jesus hat mich überfordert, sondern ich selbst habe mich ständig überfordert. Du kennst mich doch, immer vorn dran, immer mitten drin, immer den Mund weit offen, immer besonders nah bei Jesus sein. Deshalb bin ich ja auch mitten auf dem See aus dem Boot gesprungen. Und prompt auch abgesoffen. Aber das hat mich nicht bremsen können. Ich musste einfach immer zeigen, dass ich es wert bin, dabei zu sein. Ich glaub nicht einmal, dass es mir so sehr um den Vergleich mit den anderen ging. Ich denke eher, ich konnte einfach nicht glauben, dass es genug ist, ganz normal zu sein, einer unter anderen zu sein, einfach dazuzugehören.

Als ich dann vor einigen Tage heulend aus der Stadt rannte, weil ich nicht nur wie die anderen aus lauter Angst „nur“ weggelaufen bin, sondern drei Mal sogar abgeleugnet habe, überhaupt zu den Leuten um Jesus zu gehören, da konnte ich mir nichts mehr vormachen: das überfordert mich, das kann ich gar nicht durchhalten, ich bin einfach nicht besser, stärker oder schneller ich bin genau so wie die anderen.

Und das Grandiose ist: das REICHT. Das habe ich ja bei diesem überwältigenden Frühstück erlebt. So hat er mich vor drei Jahren in seinen Dienst gerufen, nicht weil ich besser bin, sondern weil ich bin, wie ich bin, ganz normal, ganz menschlich, wie die anderen auch – und so will er mich auch jetzt noch in seiner Gemeinschaft. Das durfte ich gemeinsam mit den anderen regelrecht „schmecken und sehen“.

Und genau das habe ich dann auch aus seiner Frage herausgehört. Ja, er hat seinen Finger auf meine Wunde gelegt, auf meine Selbstüberschätzung, auf meine Selbstüberforderung, auf meine Selbsttäuschung. Aber sein Ton war genauso liebevoll wie seine Einladung an den neu gedeckten Tisch. Und deshalb war es mir nun auch möglich, nicht nur dort vor den Stadttoren, wo mich niemand sieht, über mich zu heulen, sondern ganz offen – vor ihm und den anderen – zu mir, in all meiner Mittelmäßigkeit und mit meinem Scheitern zu stehen. Du hast es ja gehört, das Wort „agape“ habe ich jetzt nicht mehr in den Mund genommen, Jesus wusste ja, dass das zu groß für mich war, aber „philein“, lieben wie einen guten Freund, einen Freund, der auch enttäuscht und selbst Enttäuschungen aushalten kann, das tue ich.“

Liebe Gemeinde, ich würde ja gern noch viel mehr von Petrus hören, aber eine Frage muss ich einfach noch loswerden: „Warum musste dich Jesus dreimal fragen? War das nicht total beschämend, so offensichtlich und penetrant auf das eigene Versagen hingewiesen zu werden?“

„Klar“, gesteht Petrus mir zu, „das hat mich unendlich traurig gemacht, das hat so richtig weh getan. Aber beschämend im Sinne von vorgeführt werden, das war es nicht. Nein, letztlich war das gerade heilsam. Weißt Du, ich selbst war doch mein unbarmherzigster Richter. Ich konnte es mir nicht vergeben, dass ich so bin, wie ich bin, und so kläglich gescheitert bin.

Einmal hätte, glaube ich, nicht gereicht, um wirklich zu begreifen, dass mein Versagen weder seine Liebe zu mir noch meine Liebe zu ihm zu Nichte macht. Er hat ja nicht einmal gesagt: „also vergeben – jetzt fangen wir nochmals von ganz vorn an!“ Nein, er hat gesagt: „weide meine Lämmer, weide meine Schafe“. Ich muss also nicht wieder von Null anfangen, ich darf genau dort neu starten, wo ich an meine Grenzen geraten, am Ende angelangt bin. Auch jetzt, und gerade hier, traut er mir das Leben zu, und nicht nur mein eigenes, sondern er vertraut mir darüber hinaus sogar noch die anderen Menschen an.

Meine Vergangenheit hat bei hat schon eine Bedeutung, er nimmt mein Scheitern und meine Schuld ernst, letztlich nimmt er damit mich ernst. Nichts soll unter den Teppich gekehrt werden, ich soll sie anschauen – aber mit seinen Augen, mit den Augen der Liebe, die mich kennt und die mir vergibt, und zwar besonders, indem sie mir weiter das Leben zutraut.

So konnte ich langsam beginnen, zu meiner Vergangenheit, zu stehen, aber gleichzeitig auch zu meiner Liebe. Der Liebe, wie sie Freunde miteinander verbindet. Nur nach der hat mich Jesus zuletzt gefragt, nach der Philia-Liebe, der menschlichen Liebe zwischen Freunden, nicht der absoluten, die keine Enttäuschung und kein Enttäuscht werden kennt. So kann ich jetzt auch immer mehr der werden, der ich wirklich bin: ein Mensch wie alle anderen – aber eben ein unendlich geliebter Mensch, der deshalb nun auch lieben darf, sich selbst, Gott und die anderen.“

Liebe Gemeinde, ich bin dem Petrus dankbar, dass er mich hineingenommen hat in seine Erfahrung dieser so heilsamen Seelsorge Jesu. Davon möchte ich selbst noch viel empfangen, und in der Begegnung mit anderen weitergeben.

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