"Es bröckelt – nicht nur an den Rändern" (nach A. Grözinger)

Ca. 2600 Jahre vor unserer Zeit schrieb der Prophet Tritojesaja im sechsten vorchristlichen Jahrhundert, nach der Zeit des babylonischen Exils, diese Zeilen. Die Israeliten hatten schreckliches hinter sich. Manche waren gerade erst aus dem Exil nach Jerusalem zurückgekehrt, andere waren während dieser Zeit in Jerusalem geblieben. Was diese Menschen, aus den verschiedenen Situationen kommend vereinte, war der gemeinsame Blick auf eine hingerichtete Stadt, am Boden zerstört, hoffnungslos ausgeliefert. Der Neuanfang gestaltete sich schwierig, es ging nicht recht voran. Die Versammelten merkten schnell, dass der Wiederaufbau schwierig sein würde. Schön zu hören, dass zumindest der Prophet daran glaubte, dass das möglich ist und das es passieren kann. Wenn gleich man davon ausgehen darf, dass der Gegensatz zwischen dem, was die Menschen gehofft haben und der Wirklichkeit, in der sie sich wiedergefunden haben, kaum größer sein konnte.

Die vorgestellte Szene gleicht einem Trauerspiel. Viele Träume sind zerstört, Beziehungen abgeschnitten. Der Glanz vergangener Tage liegt begraben unter einer dicken Staubschicht. Verzweiflung macht sich breit, während die Anwesenden auf die Trümmer blicken. Die Tore sind zerstört, die schützenden Mauern eingestürzt. Gemeinsam schöpft man Mut aus der Erinnerung. Ein zaghafter Blick in die Zukunft gelingt nur mühsam. Ein Silberstreif am Horizont ist nicht zu entdecken.

Heute feiern wir den Reformationstag und darum stellt sich Altbischof Wolfgang Huber die Frage, „ob es vermessen sei, den Trost, den Jerusalem zu hören bekommt, auch auf uns als christliche Kirche zu beziehen?“ Nein, ist es nicht, denn „es ist uns nicht verwehrt, diesen Zuspruch auch für uns gelten zu lassen. Denn die prophetische Botschaft ist auch uns zugeeignet, uns Christen ebenso wie allen suchenden und fragenden Menschen. Denn der Jude Jesus von Nazareth ist für uns und für alle gestorben; in seinem Tod hat er uns den Zuspruch der Propheten zugeeignet, ohne ihn dem Volk Israel zu rauben. Die eingestürzten Mauern unserer Kirche, die liegen gebliebenen Ruinen unserer Reformversuche hindern uns nicht daran, uns an diese prophetische Botschaft zu halten; sie nötigen uns gerade dazu.“ (Predigt zum Reformationstag 2001 über Jesaja 62, 6-7.10.12. Quelle:http://www.ekd.de/predigten/huber/predigten_huber_011031.html).

496 Jahre vor unserer Zeit sahen sich einige mutige Männer und Frauen einem wankenden Kirchenbau gegenüber. Zwar war dieser weit davon entfernt einzustürzen, aber zumindest befanden sich Teile derer, die diese Kirche bevölkerten nachweislich in babylonischer Gefangenschaft. In den Augen der Betrachter bröckelte es beträchtlich an dem Gebäude der Kirche – und das nicht nur an den Rändern. Die Kirche hatte gravierende Fehler gemacht und es stand zu befürchten, dass sie die Herausforderungen Aussitzen wollte. Luther und andere konnten das nicht weiter hinnehmen, konnten darüber nicht mehr schweigen und ergriffen das Wort. Luther zuvorderst hatte eine andere Botschaft in der Bibel entdeckt als die katholische Kurie seinerzeit. Das Mönchlein malte lieber an dem Bild eines liebenden, barmherzigen Gottes als sich dem geldeintreibenden Kirchenbild anzuschließen, welches die Papstkirche mit den dunklen Farben der Strafe, der Schuld und der Unterdrückung auf riesigen Gemälden der Tyrannei aufgemalt hatte. Luther wollte Gott nicht mit Flammen des Fegefeuers ausstatten, sondern ihn lieber als glühenden Backofen voller Liebe zeichnen. Er wollte Erneuerung. Das Evangelium schien ihm begraben unter Trümmern, versteckt unter einer dicken Staubschicht. Die geistliche Heimat war ihm abhandengekommen, ja zerstört, war im Babylonischen Exil gewesen und wartete darauf, befreit zu werden. Also begann der Augustiner davon zu reden, was er entdeckt hatte.

Der Prophet Tritojesaja erzählte den Menschen von Wächtern, die eine Stadt bewachten, die eigentlich schon tot war. Nun, wenn die Mauern eingestürzt sind braucht man auch keine Tore mehr, die sich schließen lassen. Welchen Sinn macht es dann, Ruinen bewachen zu lassen? Wäre es nicht besser, man gäbe eine solch zerstörte Stadt auf und widmete sich anderen, vielversprechenderen Aufgaben? Aufgaben, die verheißungsvoller und erfolgsträchtiger erscheinen, als der Wiederaufbau einer derart demolierten Stadt?
Welchen Sinn erfüllen die von Tritojesaja berufenen Wächter, wenn es nichts zu bewachen, nichts zu beschützen mehr gibt? Welchen Sinn erfüllen Wächter, wenn der Sinn ihrer Tätigkeit augenscheinlich ausgehöhlt ist? Es kann sich hier nur um ein paar Aufrechte handeln, die ihre Hoffnungen nicht fahren lassen wollen. Die daran festhalten wollen, was sie dereinst gehört und gelernt haben, denn diese Menschen haben von einem Gott gehört, zu dem sie hilfesuchend den Blick heben können. Der sie erhört. Der ein Silberstreif am Horizont ist und noch mehr! Diese Menschen erwarten Gott. Noch dazu einen anderen, als es die zerstörte Umgebung vermuten lässt. Diese Wächter erwarten das Kommen des Gottes des Heils, der seine Stadt sucht und sie fortan nicht mehr verlassen will. Diese Wächter sind beseelt mit Hoffnung, darum kriegt man sie nicht mundtot!
Diese Wächter wissen, dass es Hoffnung gibt. Sie ahnen, dass das noch nicht alles ist. Wie gut, dass es solche Menschen gibt, die auf den Trümmern stehend nicht resignieren, sondern die Hoffnung aufrechterhalten und sei es auch nur einen Funken. Denn solche Menschen brechen auf in die Krisengebiete unserer Welt, unseres Lebens und wohl auch in die unseres Glaubens.

Luther und seine Mitstreiter hätten stumm bleiben und die Sache der Kirche so sich selbst überlassen können. Sie hätten einfach weiter machen können in ihrem Alltag, aber sie konnten nicht still halten. Angesichts der Missstände ihrer Zeit verspürten diese Menschen den Drang, sich zu äußern, Einspruch zu erheben. Angetrieben durch die Hoffnung standen diese Menschen auf den Trümmern des Glaubens ihrer Zeit und haben nicht geschwiegen, sondern manchmal laut und manchmal leise, auf die Missstände hingewiesen und dabei auf den gezeigt, der kommen soll und kommen wird.

Die Staubschicht wegpusten und alte Abendmahlsgeräte solange putzen bis sie wieder glänzen ist eine Sache, eine ganz andere Sache ist es, darauf zu vertrauen, dass der, zu dessen Gedächtnis man den Kelch zu den Lippen führt, wiederkommt und „nicht loslässt das Werk seiner Hände“, auch wenn alle bisherigen Erfahrungen dagegen sprechen. Diese hoffnungsvolle Aussicht bestimmte damals den Propheten und öffnete ihm den Mund, damit er davon erzählte. Mag der Wiederaufbau auch schwierig sein, mögen sich die Trümmer, die sich in einem Leben ansammeln, schwer und hoch vor einem auftürmen, Verlust und Traurigkeit schwer auf der Seele liegen: Die Botschaft des zerstörten Jerusalems ist, dass es sich lohnt durchzuhalten. Die anstrengenden Arbeiten zahlen sich aus, gerade wenn man denkt, ich schaffe das nicht! Räum den Schutt weg, fahr die Trümmer beiseite, sagt Tritojesaja: Machet Bahn, räumt die Steine hinweg! – damit Gott kommen kann.
Dabei bedingen sich der Entschluss wieder anzufangen und die Kraft, die man dazu braucht. Bischof Martin Hein beschreibt das so: „Das eine wäre ohne das andere nicht denkbar: Gottes Ankunft nicht, ohne zuvor die Hindernisse zu beseitigen, die im Weg liegen – und die mühevolle Arbeit nicht ohne die große Aussicht, dass sie sich um des großen Zieles willen lohnt! Erneuerung ist nötig – und sie ist möglich.“ (Predigt zum Reformationstag 2001 über Jesaja 62, 6-7.10.12. Quelle: http://www.predigten.uni-goettingen.de/archiv-3/011031.html).

Das galt für die verwüstete Stadt Jerusalem, das galt und gilt für die reformatorischen Kirchen. Bisweilen mögen Wege ausgetreten und Räder festgefahren sein. In unseren persönlichen Bereichen, aber auch in der uns umgebenden Welt mit ihrer überbordenden Vielfältigkeit an Aufgaben und Anforderungen. Dann zählt Konzentration, gepaart mit Orientierung. Gottes Wort ist dieser Kompass, der die Richtung anzeigt. Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Gott kommt uns entgegen, das ist genau die richtige Richtung.
Nur scheint es bisweilen, als wollten diesem Kurs nicht mehr allzu viele Menschen folgen. Die Strukturdebatte, die unsere Kirche seit Jahren führt, und die auch eine Reformation sein will, macht uns das immer wieder klar. Gott entgegen gehen ist kein Ziel mehr, dass die Mehrheit der Bevölkerung teilen würde. Erfüllen die Wächter also nicht mehr ihren Dienst? Rufen sie nicht mehr laut genug? Die Mitgliederzahlen schwinden und beinahe jede Landeskirche hat eine Prognose ausgegebenen, die zwar nicht von zertrümmerten Kirchen ausgeht, aber immerhin weiß, dass die Mitgliederzahlen erosionsartig und die finanziellen Mittel dazu proportional verschwinden werden. „Der bewährte Bau befindet sich in Auflösung!“ (A. Grözinger: Es bröckelt an den Rändern, München 1992, S. 11). Damit wären wir wieder im zerstörten Jerusalem, denn wie dort gilt auch für uns die Parole, rette, was zu retten ist. Aber Vorsicht: Der Wiederaufbau, geschweige denn die Befestigung des Hauses, darf nicht einer Besitzstandswahrung gleichkommen. Es ist darum wichtig, den Kritikern, auch den eigenen, zuzuhören anstatt sie mundtot zu machen.

Eine Diagnose wie die, dass es an den Rändern bröckelt ist zunächst nichts Bedrohliches. Denken Sie an den Kölner Dom und die U-Bahn, die, wenn sie unter dem Wahrzeichen der Stadt hindurchfuhr, Anfang 2013 zu Vibrationen in der Sakristei führte. Diese stellten zwar nach näherer Betrachtung nichts Ernstes dar, wohl aber eine Herausforderung und so fährt die Bahn jetzt mit Tempo 20 unter der ehrwürdigen Kirche durch. Herausforderungen bedingen Veränderungen. Diese mitzugestalten ist das Erbe der Aufforderung Tritojesajas und seiner Wächter, es ist aber auch das Erbe der Reformation.
Schweigen ist also nicht Gold, sondern bisweilen nur silbern; Reden von einem Gott, der zu uns kommen will und unbegrenzte Hoffnung, Liebe und Mut im Gepäck hat, aber dann das nötige Mittel zum Zweck. Resigniert auf den Trümmern verharren hat keinen Trost in sich, einen Neuanfang wagen schon. Es lohnt sich immer an der Erneuerung des Kirchbaus zu arbeiten und daran festzuhalten. „Wer nichts verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte!“ wusste schon Gustav Heinemann. Darum gilt auch für uns, was Gott einst durch Tritojesaja ausrichten ließ: "Siehe, dein Heil kommt!" Mach dich auf den Weg.
AMEN!

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