Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz

Liebe Gemeinde,

"Der Mensch lebt, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe". Von Hiob lassen wir uns das Thema geben und von Jean Paul die Anschauung dazu. Unserem fränkischen Dichter sind in fast allen oberfränkischen Städten Straßennamen gewidmet. Zu seinen Lebzeiten (1763-1825) gehörte er zu den am meisten gelesenen Autoren Deutschlands. Ein Umstand, der ihm neidischen Spott seines Zeitgenossen Johann Wolfgang von Goethe einbrachte. Jean Paul sei das "personifizierte Alpdrücken dieser Zeit", urteilte unser Dichtergenie. Zeitlebens vermied er es, ihm persönlich zu begegnen. Und Schiller gar erschien der oberfränkische Poet als "fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist."

Um das "Alpdrücken", um Angst, um diese von Hiob ausgesprochene Unruhe soll es heute gehen.

Vielleicht kennen Sie ja einen ängstlichen Menschen? Mancher müsste zur Begegnung nur in den Spiegel schauen. Häufiger aber scheint es mir so zu sein: Wir kennen ängstliche Menschen, die sich selbst als solche gar nicht empfinden. "Ich bin vorsichtig, nicht ängstlich", lautet die Selbsteinschätzung. Wie gehen wir mit ihnen um? Wie gehen wir mit den Ängsten um, die andere vor uns ausbreiten?

Jean Paul hat zu diesem Thema eine köstliche Novelle geschrieben. Sie trägt den Titel "Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz".

Der Feldprediger will beim Minister darum bitten, ihm eine theologische Professur zu übertragen. Doch leider lastet der Vorwurf auf ihm, während einer Schlacht voll Angst das Weite gesucht zu haben. Oder wie man damals sagte, er gab das "Hasenpanier". Man wird seine Bitte deswegen abschmettern.

Was macht jemand, nahe der Angst wohnend, wenn er zur Reise aufbricht? Schmelze gibt seiner Frau Teutoberga, liebevoll Berga oder Bergelchen genannt, allerlei Anweisungen: Eine Liste mit Wertgegenständen, die sie doch retten möge, falls das Haus abbrenne. Er ordnet an, in einem zugigen Fenster unterm Dach eine Harfe aufzustellen, damit mögliche Dieb meinten, der Hausherr sei da und musiziere. Und auf jeden Fall solle sie alle Fenster und Gläser im Auge behalten, denn durch diese könnten – Brenngläsern gleich – Haus und Stall entzündet werden. Man habe jedenfalls schon davon gehört. "Unglück kann sich wie ein Skorpion in jede Ecke verkriechen" und plötzlich hervorschießen.

Ehe er aufbricht füllt er seine Reiseapotheke auf und nimmt vorsichthalber doppelt so viel Geld mit, als nötig, da man ja nie wisse. Selbstverständlich plagt ihn die ganze Reise über der Gedanke, man könne ihm sein Geld stehlen.

Kommt ihnen da etwas bekannt vor, liebe Gemeinde? Mit welchen Ängsten und Sorgen plagen Sie sich bei anstehender Reise? Meine Eltern z.B. haben nie ihr Haus allein gelassen. Entweder mussten wir Kinder oder sonst jemand aus der Verwandtschaft Wache halten. Wir wollen nicht darüber lachen, wenngleich uns solcherlei Sorgen übertrieben vorkommen mögen. Der innere Widerspruch zwischen Angst und Vertrauen dürfte wohl niemandem von uns fremd sein.

Endlich sitzt Schmelzle in der Kutsche. Als sie davon fährt und er auf sein Heimatstädtchen zurück schaut, plagt ihn die Vorstellung, nicht mehr lebend zurückzukommen.

Wer reist, begegnet anderen Menschen. "Ungern werde ich Unbekannten ein Bekannter", gesteht unser Held. Die Frau ihm gegenüber in der Kutsche ist bestimmt vom seichten Gewerbe, die seine Bekanntschaft sicherlich missbrauchen würde. Unter den anderen Mitfahrern sind sehr wahrscheinlich auch Spitzbuben, die ihn genau beobachten. Auf jeden Fall könne ihm niemand sagen, er sei in sicherer Gesellschaft. Furchtbar auch der mitreisende Kammerjäger, der sicherlich jede Menge an Giften im Gepäck habe. Der andere Mann im roten Mantel spricht zwar freundlich, aber wer garantiert unserem Feldprediger, dass diese Freundlichkeit nicht nur gespielt sei?

In der Kutsche entspinnt sich schließlich ein Gespräch. "Ich komme direkt vom Schlachtfeld", gibt Schmelzle kund und er preist seinen Mut: "Ich trage nur Furcht vor der Furcht."

Wer reist, begegnet anderen Menschen. Stets sind wir dabei gefordert, den richtigen Weg zwischen Vertrauensseligkeit und Argwohn zu finden. Er wäre falsch, wollten wir uns über unsern Feldprediger erheben. Denn nicht jedem gelingt es, Argwohn zu überwinden. Das einzige, was unseren Schmelzle tröstet, sind seine sehnsuchtsvollen Gedanken an seine Berga, die ihm mit einem Tag Verzögerung nachreisen wollte.

Die Kutsche fährt auch in der Nacht weiter. Alle schlafen. Alle? Nein, Schmelzle stellt sich schlafend, um zu beobachten, wer sich in finsterer Absicht nur schlafend stelle.

Ärgerlich schließlich auch, dass der Postillion keine Lust hatte, auf die schwache Blase unseres Reisenden mit allzu häufigen Pausen zu reagieren. Jede Viertelstunde wäre angenehm. Aber schließlich kommt die Kutsche in Fläz an.

Zum großen Entsetzen ist die Stadt voller Menschen, und nur "Gott und die Spitzbuben und Mörder wissen, wie viele von letztern umher schwärmten, um unschuldige Marktgäste zu enthalsen". Als erstes sucht Schmelzle die Hofkirche auf und lauscht einer Predigt, die leidlich gut war.

Halten wir inne und stellen uns die nun aufscheinende Frage: Müsste nicht ein Mensch, der Glauben hat, frei von Ängsten sein? Ach, wenn es doch nur so einfach wäre. Gerade Menschen, die tief im Glauben verwurzelt sind, können sogar Schuld empfinden ob ihrer Ängste. "Ich glaube nicht genug und ich glaube nicht fest genug", lauten die Selbstvorwürfe.

Angst muss einem frommen Menschen nicht fremd sein. Es wäre falsch, sehr rationalistisch gedacht und nahezu zynisch, wollte man einem glaubenden Menschen Angst dogmatisch verbieten. Es geht doch eher darum, wie wir mit unseren Ängsten leben, leben lernen.

In der Kirche erinnert Schmelzle sich an eine weiter zurückliegende Feier des Heiligen Abendmahl. Während er am Altar nieder kniete zum Empfang der Gaben, überfiel ihn die Furcht, er könne unvermittelt in unwürdiges Gelächter ausbrechen. Er fährt fort: "Als mir der Geistliche die Oblate in den Mund legte, so spürte ich schon, das an den Mundwinkeln die Lachmuskeln sardonisch zu ziehen anfingen. Am Ende grinste ich wie ein blöder Affe." Unruhe und Unsicherheit setzen unsere Nerven bisweilen unter große Anspannung, die sich dann in völlig unpassendem Gelächter entladen kann. Wohl einige von uns kennen das aus Jugendzeiten.

Nach dem Gottesdienst geht Schmelzle ins Gasthaus. "Weil ich nie menschenscheu bin", notiert er in seinem Reisebericht. Das Tischgespräch aber wühlt ihn auf, denn er erfährt, dass gemäß neuer Rechtsprechung in Flätz der Eid eines schwangeren Mädchens genüge, den Vater zu bestimmen. "Mir stehen die Haar zu Berge!" schreibt er, "auf diese Weise kann ja der erst beste Hausvater um Ehre und Unschuld gebracht werden!" Schmelzle meidet es übrigens an Gefängnissen vorbei zu gehen, denn es könnte ja ein Dieb herausrufen: "Seht, dort geht mein Spießgesell".

Leidet jemand, der so ängstlich ist unter seiner Angst? Eine pauschale Antwort wird nicht möglich sein. Unser Held spricht es an einer Stelle aus: Ich verfluche meine überklugen Maßregeln. Nicht wenige leiden unter ihrer ständigen Ängstlichkeit.

Die Vorsprache beim Minister und das höfliche Ersuchen um Übertragung einer Professur wird – ich erwähnte es wohl schon – unter spöttischen Hinweis auf das gegebene Hasenpanier rüde abgeschmettert.

Also kehrt Schmelzle ins Gasthaus zurück und bereitet sich zur Nacht. Selbstverständlich wird die Tür nicht nur abgeschlossen, sondern auch noch mit mehreren davor aufgetürmten Sesseln gesichert. Und was macht er dann? Richtig, Sie haben es erraten! Er schaut unter das Bett, denn schließlich könne dort das seichte Mädchen aus der Kutsche auflauern. Und überhaupt, so fährt er fort, war es mir "von jeher unbegreiflich, wie so viele Menschen zu Bette gehen … ohne zu bedenken, dass sie vielleicht im ersten Schlaf sich aufmachen als Nachtwandler und auf Dächer hinauskriechen und irgendwo erwachen wo sie den Hals brechen und den Rest." Daheim bindet er seine rechte Fußzehe jede Nacht an die linke Hand seiner Berga mit einem Wickelband. "Ich nenne es scherzend unser eheliches Band", fügt er hinzu.

Allein im Gasthaus aber bindet er sich am Bett fest. Schlafen? Nein, schlafen kann er nicht, da ihn die Angst vor Träumen nicht schlafen lassen will. Und so durchleidet er eine furchtbare Nacht. Seltsamerweise bewegt sich die Bettdecke und sofort hat er die Vorstellung, seine Berga sei daheim verstorben und fasse "geistig an sein Bett".

Hier scheint mir eine Wurzel unserer Angst zu liegen. Es ist die Angst, das, was mit mir und um mich herum und mit meinen Lieben geschieht, nicht wirklich kontrollieren zu können. Angst ist oftmals Angst vor Kontroll-Verlust. Mütter kennen diese Angst in mehr oder weniger starker Ausprägung. Jahrelang hat man für seine Kinder Vorsicht ausgeübt, jede Gefahr geahnt und sofort bekämpft. Aber je größer sie geworden, um so weniger ließen sie sich die Behütung gefallen. Und trotzdem kann man die ständige Sorge nicht einfach abschalten.

Man kann nur lernen, damit zu leben: Im Gebet, im Glauben. Gut und hilfreich, wahrhaft segensreich ist es, wenn man einen Menschen zur Seite hat, der als Begleiter diesen Weg mit geht.

Der Morgen endlich erlöst unseren Schmelzle aus dieser schlimmen Nacht. Alles wird anders, denn sein Bergelchen ist die ganze Nacht unterwegs gewesen und begrüßt ihn mit ihrer Lebensfreude. Auf einmal sind alle Ängste verflogen. "Jetzt kamen schöne, schöne Stunden", hält er in seinem Reisebericht fest. "Ich spürte ordentlich ein Doppelbier Mut in mir, seitdem ich ein Wesen mehr um mich hatte, mich zu beschirmen."

Das Ehepaar geht gemeinsam durch die Stadt und über den Markt, wo Berga "an jeder Bude etwas zu bestellen und ihrer Magd (Jean Paul verwendet den damals üblichen Begriff "Nachtreterin") aufzuladen hatte." Gibt es Männer, die gerne einkaufen? Eher selten, oder?

Der ganze Vormittag wurde mit Beschauen und Handeln verbracht. Schmelzle aber gesteht: "Ich spielte bloß, während ich sie voll echter Langweile auf ihren Marktplätzen umher geleitete." Dann formuliert er fast wie Hiob, der uns das Thema gab: " In mir wog das leere Leben und das schwere Gewicht, das darauf liegt, und die tägliche Angst des Menschen, dass (das Leben), diese leichteste Flaumfeder der Erde, davonfliege und (mich) befiedere und mitnehme."

Trotzdem kann unser Feldprediger feststellen: "Es war ein guter Tag, Berga hatte ihn verdient. … So gelangten wir beide liebend nach Hause."

Wenn da nicht auf einmal die Erinnerung sich in seinen Gedanken breit gemacht hätte, eine Erinnerung an das, was er in einem Werk des Physikers Georg Christoph Lichtenberg gelesen hatte, nämlich dies: "Es wäre doch möglich, dass einmal unsere Chemiker auf ein Mittel gerieten, unsere Luft plötzlich zu zersetzen durch eine Art von Ferment (d.h. Zellkulturen). Dadurch könnte die Welt untergehen." Es sei doch möglich, dass ein Spitzbube auf irgendeiner fernen Spitzbubeninsel ein Zersetzmittel für die Luft erfinde, und in wenigen Stunden "packt mich und uns in Flätz der ungeheure Weltsturm bei der Gurgel."

Wollen Sie darüber lachen? Eventuell wird man unsere aktuelle Angst vor Klimaerwärmung und anderen Veränderungen der Natur hundert Jahre nach uns belächeln.

Warum müssen wir überhaupt lachen, wenn wir von den Ängsten eines anderen hören und davon, wie er damit umgeht? Sobald ein Kind im Kindergarten gesteht, dass es Angst habe z.B. vor einer Spinne, wird es von anderen ausgelacht. In diesem Gelächter liegt für die Lachenden eine Befreiung, im Verlachten wohl eher eine zusätzliche Belastung. Dennoch: Wer lachen kann, hat das Leben auf seiner Seite. Wer lacht, zeigt Mut. Im Lachen hoffen wir darauf, dass die erzählte oder gestandene Angst klein – und möglichst beim andern – bleibt. Im Lachen über die Angst- christlich gesprochen – scheint die Kraft der Auferstehung in uns auf.

Schließlich kehrt das Ehepaar nach Hause zurück. Berga hat ihrem Gemahl, der den stolzen Vornamen Attila trägt – in Erinnerung an den grausamen Hunenfürst – keine Vorhaltungen wegen der ausgeschlagenen Professur gemacht. Man habe ja genug zum Leben. "Einen oder ein paar Püffe halten wir mit Gottes Hilfe schon aus."

Und so endet die Geschichte vom Feldprediger Attila Schmelzle, die uns dazu diente, den Vers aus dem Hiob-Buch zu meditieren: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe.

Über die Angst der anderen wollen wir uns nicht erheben. Die Angst wollen wir nicht mit frommen Worten wegwischen. Dem, der in Angst ist, tut ein zuversichtlicher Partner gut. Niemand von uns ist frei von Angst. Paulus kann im Glauben an Christus gegründet sagen: Wir leben in Ängsten, wir sind wie Sterbende, und seht: wir leben.

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