Wo ist drinnen, wo draußen? – Das Mahnmal für die Roma

Wo ist eigentlich drinnen – und wo ist draußen?

Als Jugendliche kamen wir auf einer Nachtwanderung einmal vor Weidezäune.
Wir kletterten über einen und noch einen und noch einen und die Sache wurde uns lästig. Schließlich, am Waldrand, der letzte:
Aus Maschendraht, grün und höher als wir selbst.
„Kommt, den einen noch, dann haben wir es geschafft.“
Wir also rüber. Und ab da gings´s so richtig querfeldein durch die Vegetation. Kein Weg mehr, sondern wilde unberührte Landschaft. Freiheit pur.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir gingen. Irgendwann kamen wir auf einen Weg. Wir wanderten und genossen es einfach draußen zu sein.

Viel später tauchte aus dem Dunkel vor uns quer über den Weg etwas auf, das uns stutzen ließ:
Ein Tor – mit einem Zaun: Aus Maschendraht, grün und höher als wir selbst.

Wir dachten, wir wären draußen, ganz frei, und waren die ganze Zeit drinnen, in einem riesigen Freiwildgehege.

Wo ist eigentlich drinnen – und wo ist draußen?

Genau vor diese Frage ist auch Jesus einmal gestellt worden.
Doch bevor wir dazu kommen, muss ich noch von einer anderen Begegnung erzählen.

Als Student bin ich früher oft getrampt. Nicht nur weil es billiger war, sondern auch weil ich oft tolle Menschen kennen gelernt habe.
Man steigt in ein fremdes Auto ein und durch die Gespräche zugleich in ein fremdes Leben.
Einmal war es für mich der Einstieg in die Geschichte eines ganzen Volkes.

Ich war in ein älteres Auto eingestiegen. Ein bescheidener, höflicher Mann saß am Steuer. Er hatte eine kleine Galerie, im Kofferraum zwei Bilder, die er einer Kundin vorstellen wollte.
Er sah nicht aus wie ein Deutscher. Ich weiß nicht, ob ich nachgefragt habe, jedenfalls erzählte er und es war, als würde die Zeit still stehen.
Die Landschaft draußen flog an mir vorbei. Häuser, Bäume, Felder. Vor mir entstehen Bilder aus dem Leben dieses Volkes. Ein Volk, dessen Name auf Deutsch einfach „Mensch“ heißt. Geschichten vom Lagerfeuer, Männer und Frauen, die heiraten, Frauen die Kinder zur Welt bringen.

„Die Geschichte unseres Volkes liegt im Dunkeln“, sagt er, „zu einer Zeit, die man in Europa Mittelalter nennt, sind unsere Vorfahren aufgebrochen aus dem heutigen Indien. Vielleicht eine Hungersnot, man weiß es nicht.
„Mein Volk ist weit gezogen. Die Geschichte meines Volkes ist die Geschichte eines Lebens in der Fremde. Eine Geschichte voller Anfeindungen und Verfolgungen. Nur selten gab es gute Zeiten. Aber wir haben uns unsere Kultur und Sprache erhalten.
In mir mischten sich seine Worte mit dem was ich gerade im Studium lernte, über das Volk Gottes im Alten Testament. Der Auszug aus einem Land, in dem man nicht mehr leben kann; Leben in der Fremde als kleines Volk. Wie kann denn ein Volk über so viele Jahrhunderte bestehen bleiben?

„Es ist unsere Sprache“, sagt er, der Roma, der „Zigeuner“ neben mir. „Unsere Musik und die Feste, zu denen wir uns immer wieder treffen und es sind unsere Gesetze, die uns verbinden.“
Ich erinnere mich an Fetzen aus dem Gespräch:
„Wir haben sehr strenge Gesetze, alte Gesetze, die wir befolgen müssen.
Pferdefleisch z.B. dürfen wir nicht essen. Pferde sind heilig. Pferde zogen die Wagen. Die durfte man nicht schlachten. Auch nicht im Winter, wenn die Menschen am verhungern waren. Wer sollte sonst im Frühjahr die Wagen ziehen?“

Aber er sagte: „Die Zeiten haben sich geändert, wir können nicht mehr so leben wie früher.
Die Alten sind anderer Ansicht: ‚Wenn wir unsere Lebensweise aufgeben, dann hören wir auf, ein Volk zu sein.’
Wir Jüngeren sagen: ‚Wir müssen den Menschen von unserer Kultur erzählen, damit sie uns verstehen.’
‚Niemals!’ sagen die Alten. ‚Erinnert Euch an die Zeit unserer Eltern. Angebliche Forscher sind gekommen. Viele haben ihnen vertraut. Dann haben sie sie mit ihren Familien abgeholt und in Konzentrationslager gesteckt.

Der Jüngere, der freundliche Herr neben mir sagt: Wir müssen uns öffnen. Die Zeiten ändern sich, die Welt steht nicht still.

Dieser Mann und ich. Wir sind im Erzählen für einen Moment wie Freunde geworden. Am Rastplatz hat er mich noch zum Essen eingeladen. Ich durfte mir von der Speisekarte aussuchen, was ich wollte. Als wir fertig sind, entschuldigt er sich kurz, er müsse zur Toilette.
Als er eine Weile weg ist, werde ich unruhig. Bin ich auf den Freundlichkeitstrick reingefallen? Mist, ich Idiot. Mein Rucksack ist in seinem Auto. Ich habe mir nicht mal das Kennzeichen gemerkt. Und das Essen ist auch nicht bezahlt.
Dann kommt er wieder. Er, der freundlichste Mensch dieser Welt, und zahlt sein und mein Essen und wir gehen.

Wo ist eigentlich drinnen und wo ist draußen?

Als ich wieder mit dem Daumen an der Ausfahrt stehe, gehen mir viele Gedanken durch den Kopf.
Hätte ich bei einem so freundlichen Menschen seines Alters jemals Angst gehabt, dass er abhaut, wenn er nicht gesagt hätte, dass er Roma ist? Niemals. – Beschämt habe ich gemerkt, wie tief schlimme Vorurteile sitzen.

Und: Mir waren niemals Zweifel gekommen, ein Deutscher zu sein. Ihn aber hatte ich ganz selbstverständlich als einen Fremden angesehen.
Dabei lebt meine Familie grad mal 100 Jahre hier, seit mein Großvater ins Ruhrgebiet eingewandert ist.
„Die Roma leben seit dem Mittelalter in Deutschland“ hatte er gesagt.

Wo ist drinnen und wo ist draußen?

Die dritte Geschichte steht bei Matthäus in seinem 15. Kapitel:

Einmal kam eine Syrophönizierin hinter Jesus hergelaufen. Sie hatte eine Tochter, die sie über alles liebte. Die war von einem Dämon besessen. Sie hatte von Jesus gehört und er schien ihre letzte Rettung zu sein.
Sie lief hinter Jesus her: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.“
Aber Jesus gab keine Antwort.
(Man muss dazu sagen: Diese Frau war eine Ausländerin, eben Syrophönizierin. Sie gehörte nicht zum Volk Israel und hatte auch eine andere Religion.
Eigentlich aber war Jesus in dem Moment Ausländer. Denn er hatte mit seinen Jüngern das jüdische Gebiet verlassen. Er brauchte wohl eine Pause. Das war ja manchmal so, dass er sich von den Menschen zurückzog. Z.B. in die Wüste oder auf einen Berg. Auch Jesus konnte nicht ununterbrochen nur helfen und heilen und mit den Menschen reden.
Also: Die Frau war eine Nichtjüdin und auf der Suche nach Ruhe behandelt Jesus sie auch so. Er ignoriert sie.)
Sie aber geht nicht fort.
Sie geht den Jüngern auf den Geist. Sie hört nicht auf, sie anzubetteln. So reden die Jünger mit Jesus. Sie sagen: „Schick sie weg, sie krakehlt hier hinter uns her.“
Jesus nimmt all seine Ruhe zusammen und erklärt: „Ich bin nur zu den Menschen des Volkes Israel gesandt!“
Die Frau lässt nicht locker, sie überholt die Gruppe und wirft sich vor Jesus auf die Knie.
Jesus blickt sie an und sagt ihr ins Gesicht: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnimmt, um es den Hunden vorzuwerfen.“

Man sollte meinen, die Frau ist kaltgestellt – für den Rest ihres Lebens.
Nein.
Sie, die wahre Heldin dieser Geschichte lässt nicht locker. Sie widerspricht. Sie greift die Worte Jesu auf und dreht sie ihm im Mund herum.
„Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“

Sie hat Jesus die Worte rumgedreht und sein Herz getroffen:
„Frau“, sagt Jesus, „weil du das gesagt hast, sage ich dir, geh nach hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen.“

So sehr Jesus geprägt ist von der Liebe zu seinem jüdischen Volk, dem er den Glauben an Gott und die Hoffnung nahebringen will, muss er von der Frau lernen: Die Liebe Gottes lässt sich nicht begrenzen.

Wo soll da drinnen sein und wo draußen?

Und die Moral von der Geschicht? – Von den Geschichten?

Wir Menschen trennen gerne zwischen drinnen und draußen, wir und sie.
Und sehen uns immer drinnen und die anderen draußen.
Und die Vorurteile zementieren das.
Nur wenn wir sehr aufmerksam sind, bemerken wir, dass unsere Vorurteile falsche Urteile sein können.

In der letzen Woche ist endlich auch für die rund 500.000 während der Nazi-Zeit ermordeten Sinti und Roma ein Mahnmal in Berlin eröffnet worden.

Sie gehörten seit Jahrhunderten zu Deutschland und wurden immer wieder zu Sündenböcken und wurden wie die Juden umgebracht.

Und in genau dieser Woche schlägt Hans-Peter Friedrich als sogenannter christlicher, sozialer Politiker Alarm wegen einer angeblichen Flut von Roma aus dem ehemaligen Jugoslawien, die als bloße Wirtschaftsflüchtlinge das Asylrecht missbrauchen würden, um hier Sozialleistungen abzugreifen. Und er will ihnen ein normales Asylverfahren verwehren.

Und das Schäbige: Er macht das bewusst, weil er weiß, dass er damit Wählerstimmen fangen kann. Unsere Wählerstimmen. Und es funktioniert, weil er die Vorurteile der Menschen auf seiner Seite hat. Nicht nur in den Stammtischen. Überlegen Sie doch mal, wie sie es sehen, wenn Sie das hören: diesen „Asylmissbrauch“.

Und überlegen Sie mal, wie Sie es auch sehen könnten:

Regen sich nicht gerade die auf, die mit „1000 ganz legalen Steuertricks“ einen Volksport daraus machen, den Staat um seine Steuern zu bringen?
Das tun sie nicht aus Armut, sondern um ihr Geld zu mehren. Das machen Hunderttausende in Deutschland und kein Politiker empört sich.

Aber nun sind da Roma, die genauso völlig legal als Europäer ihre Reisefreiheit nutzen. Die das ziemliche Elend einer Flüchtlingsunterkunft aufsuchen, um dem schrecklichen Elend ihres Heimatlandes zu entkommen. Wo sie keine medizinische Versorgung haben, keine Arbeit finden aber auch absolut keine Sozialleistungen, wo sie „extremer Armut und Hunger“ (Diakonie Deutschland Presseerklärung vom 17.10.2012) ausgesetzt sind. Ganz abgesehen davon, das z.B. ihre Kinder keine Schule besuchen können.

Würde nicht jeder von uns für seine Kinder dasselbe tun?
Und würde nicht von Herzen hoffen, in einem christlichen Land Asyl zu bekommen, weil man in der Heimat als Roma so ausgegrenzt wird, dass man dort nicht mehr leben kann?
Hoffend, dass sie vielleicht sogar etwas gut machen wollen, nach 500.000 ermordeten Sinti und Roma?

Wo ist drinnen und wo ist draußen?

Die Synode unseres Kirchenkreises hat gestern fast einstimmig gegen ein verkürztes Asylverfahren ausgesprochen und auch gegen den Vorschlag der Aufhebung der Visa-Freiheit für die Roma aus Mazedonien.

Ich finde, unsere Geschichte gebietet uns, gerade jetzt human zu sein.
Nicht platt Vorurteile zu bedienen, um Wählerstimmen zu ergattern, sondern die Kunst zu erlernen, eigene Vorurteile zu bemerken und sie zu verändern.

Um der Wahrheit willen und um der Liebe Gottes willen.

Für die es das nicht gibt: Ein drinnen und draußen.

Amen.

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