Ökumene jetzt oder die Geschichte vom Spinat

Liebe Schwestern und Brüder.
Für einen protestantischen Theologen ist es eine große Sache, wenn er nicht nur die theoretischen 50% seiner Glaubensschwestern und -brüder erreichen kann. Nein, es ist ein Riesending, wenn er nahezu theoretische 100% derer, die auf den Dreieinen Gott getauft sind mit einer Predigt Worten erreichen kann. Vielleicht können Sie sich vorstellen, was für ein Hochgefühl es sein muss für einen evangelischen Theologen, wenn er dann auch noch am Reformationstag vor diesen theoretischen 50 anderen Prozenten reden kann.

Es sind jetzt 493 Jahre vergangen seit Martin Luther, Andreas Karlstadt und Dr. Eck, von Luther liebevoll ohne das Leerzeichen zwischen Dr. und Eck geschrieben, in Leipzig sowohl über die Autorität des Papstes gestritten haben, als auch über die Frage, ob sich Konzile irren können.

Diese Disputation, so bezeichnete man damals ein Streitgespräch – heute würde man das „hart aber fair“ nennen mit Faktencheck und allem, was so dazu gehört. Wie dem auch sei, diese Unterhaltung zwischen den Gelehrten lag so ziemlich auf der Hälfte der Auseinandersetzung um Luther und seine 95 Thesen.
Alles hatte ja 1517 begonnen und sollte auf dem Wormser Reichstag 1521 enden. Nun, wir alle wissen, dass es da nicht geendet ist. Zumindest nicht so, wie es sich der damalige Papst Leo X. vorgestellt hatte. Der wollte nämlich die Wildsau Luther schnellst möglich aus seinem Weinberg vertreiben, damit dieser nicht noch mehr Reben für den köstlichen priesterlichen Messwein zertrampeln könne.

Aber genug davon! Zwar bin ich evangelischer Theologe, aber ich möchte Sie heute nicht mit theologischen Spitzfindigkeiten langweilen, auch wenn die Versuchung – zugegebenermaßen – groß war und ist. Nein, ich möchte vielmehr ein paar Gedanken zu der schon angesprochenen Disputation 1519 an die Frau und an den Mann bringen.

In Leipzig im Jahre 1519 kam es am späten Abend des 14. Juli zu einem richtigen Eklat. Das war zwar ein Skandal mit Ansage, aber nichtsdestotrotz kam er Dr. Eck ganz gelegen. Nach langen und intensiven Gesprächen, wie wir es nur von diversen Rettungsgipfeln des Euro oder diversen Tarifverhandlungen kennen, fuhr es am Ende langer Debatten schließlich aus Luther heraus. Dr. Eck, sein überaus gewiefter katholischer Gegenspieler, hatte es geschafft, Luther die Äußerung, das der Papst höchst selbst und die Konzile irren können, zu entlocken.

Heute hätten die facebook-Kommentaristen sich die Finger wund geschrieben und twitter wäre, wegen der vielen Meinungen dafür oder dagegen, explodiert; so viele Sondersendungen hätte es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gar nicht geben können, um der allgemeinen Empörung adäquat Rechnung tragen zu können. Hatte Luther doch immerhin gerade den katholischen Kirchenbegriff in seiner Gesamtheit mit dieser Äußerung, dass auch Konzile irren könnten, so tief untergraben, dass man in dem gerade entstandenen Hohlraum ganz bequem hätte stehen können. Der Skandal war da und Luther ab sofort – nach katholischer Sicht – leider ein hussitischer Ketzer. Damit hatte die Auseinandersetzung eine neue Qualität erreicht.

Liebe Schwestern und Brüder im Herren,
denken Sie einmal an die berühmte Mär vom Spinat. Dieser, so glaubten Generationen von Müttern, enthalte so wahnsinnig viel Eisen, das er darum unglaublich gesund sie und somit wiederum Generationen von Kindern, mich eingeschlossen, unter dem Verzehr dieses Gemüses leiden mussten. Mittlerweile mag ich Spinat, aber es bleibt eben ein großes Missverständnis, denn es handelte sich bei der Mengenangabe um einen Tippfehler der Sekretärin. Spinat enthält nicht mehr oder weniger Eisen als ein Löffel Honig!
Denken Sie auch mal an die Maueröffnung 1989. Das ganze war nichts als eine, und ich zitiere hier die Bundeszentrale für politische Bildung, „unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates“. Günter Schabowski hatte damals schlicht etwas falsch verstanden. Noch so ein Spinat-Missverständnis.

Und jetzt zurück zur Leipziger Disputation. Da ging es nämlich auch um ein Missverständnis. Dr. Eck hatte gehört, Luther wolle die Kirche untergraben. Seien sie von sicherer Seite versichert, nichts von alledem hatte Luther im Sinn. Denn die Geschichte Luther vs. die römische Kurie ist eben auch so eine „Spinat-Geschichte“, eine Geschichte voller Missverständnisse.

Luther hatte alles andere als eine Spaltung der katholischen Kirche im Sinn; er wollte keine Abgrenzung, keine Aufhebung und erst Recht keine langwierigen Tunnelarbeiten mit dem Ziel der Untergrabung. Luther wollte Verständnis dafür wecken, dass sich nach langer Zeit des Monopols ein unguter Filz in der Kirche eingenistet hatte und am Ende nur darauf hinweisen, was wirklich wichtig war. Allein aus Glaube, allein aus Gnade, alleine durch Christus, alleine aus der Schrift. Also nichts mit Ablaß, Fegefeuer und ewigem Drangsaal.

Es liegt auf der Hand, das diese Auslegung auf Seiten der katholische Kirche für großen Unmut sorgte; das lag sicherlich auch an dem sehr erfolgreichen Geschäftsmodell der Ablassbriefe. Immerhin gefährdete dieses Mönchlein Luther mit seinen Thesen eine äußerste lukrative Geldquelle, an der viele in der Kirche mitverdienten.

Und Luther? Der störte sich wenig daran; hatte er doch den Absatz in der Bibel, der erklärte, dass die Leute ihr letztes Hemd an eine Institution verkaufen sollten, um dadurch gerechtfertigt zu werden, bis dahin und später nicht mehr gefunden!
Was Luther also eigentlich wollte war eine Reformation. Eine echte Neu-Ordnung. Zum Vergleich: Damit meine ich nicht so halbe und blutleere Sachen wie die Gesundheits-, die Reichensteuer-, die Föderalismus-, die Banken- und die Betreuungsgeldreform.
Nein, der Augustiner Mönch Luther hatte eine echte Erneuerung der Kirche, der katholische Kirche, im Sinn. Offenkundig gab es da offensichtlich einige Missstände, die man so, mit bestem Wissen und Gewissen, nicht aufrechterhalten konnte. Bei einigen Dingen erkannte die katholische Kurie dann im Laufe der Jahrhunderte nach Luther selber, dass manches schief und/oder aus dem Ruder gelaufen war und folglich auch nicht aufrechterhalten werden konnte. Das ist lobenswert, wenn auch nicht alle Missstände aus protestantischer Sicht beseitigt wurden.

Luther ging es nicht um eine Spaltung, aber um die Einheit der Kirche. Das hatte er mehrmals betont. Umso schlimmer wiegt es, dass diese Einheit bis heute verloren ist. Aber augenscheinlich auch nicht unwiederbringlich, denn das heute – ausgerechnet am Reformationstag – ein Protestant vor Ihnen stehen darf, lässt erahnen, dass die Zeichen schon länger auf Annäherung stehen. Es wäre wohl auch noch mehr möglich, aber da sind beide Seiten, katholisch und evangelisch, gefragt. Und so wie es aussihet, ist eine ganz schön gewichtige Gruppe auf dem Weg, die nötigen Antworten zu geben. Die INitiative "oekumene-jetzt" will die der beiden großen Kirchen n och zu unseren Lebzeiten uaf den Weg bringen: „Wir wollen nicht Versöhnung bei Fortbestehen der Trennung, sondern gelebte Einheit im Bewusstsein historisch gewachsener Vielfalt“, fordert die begrüßenswerte Kampagne.

"Martin Luther wollte die Kirche erneuern, nicht spalten. Er wollte die Einheit der Kirche, damit die Welt glaubt. Die Einführung konfessioneller Vielfalt innerhalb eines Gebietes hielt er ausdrücklich für undurchführbar und unangemessen. Auch die lutherische Bekenntnisschrift Confessio Augustana betont die Notwendigkeit der Einheit der Kirche: „Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“ (Confessio Augustana 7) Dennoch kam es zur Kirchentrennung. Es gab gravierende Differenzen und Missverständnisse, aber die Spaltung hatte nicht nur theologische, sondern auch handfeste politische Gründe: Nicht die Glaubensüberzeugung führte dazu, dass man evangelisch oder römisch-katholisch wurde, sondern der Wohnsitz. Die Herrscher einer Region bestimmten die Konfession ihrer Einwohner. Für die dauerhafte Trennung der Kirchen wurden Machtfragen wichtiger als Glaubensfragen. Es war daher eine logische Konsequenz, dass das Anliegen, eine einzige christliche Kirche zu sein, auch nach der Kirchentrennung immer wieder aufgenommen worden ist, wenn auch in unterschiedlicher Intensität." (Vgl. www.oekumene-jetzt.de)

Schlussendlich: Um diese guten Gedanken weiter zu untermauern hilft noch einmal ein Blick auf das Wörtchen katholisch. Versteht man dieses kleine Wort als Beschreibung einer Institution, nämlich der allumfassenden Kirche, dann ist es immer richtig gewählt, wo man an die Kirche denkt. Das Wort „katholisch“ kommt ursprünglich aus dem Griechischen und gehört weder der einen, noch der anderen christlichen Kirche. Das legt schon die Bedeutung dieses Wortes nahe: Katholisch bedeutet „allumfassend, allgemein“. Dass Luther nichts anderes im Sinn hatte als die allgemeine und christliche Kirche, ist immer noch im apostolischen Glaubensbekenntnis zu hören. „Ich glaube an die heilige, allgemeine christliche Kirche“, das können Protestanten ebenso wie Katholiken bekennen.
Lassen wir diesen Worten doch einfach weitere, gemeinsame Taten folgen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN!

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