Vorbilder wissen: Wir sind einander anbefohlen

Liebe Gemeinde!

Unser Thema heute kreist um den Begriff "Vorbild". Er steht mit im Zentrum unseres biblischen Zitats, das von der Fürsorge für Gottes Gemeinschaft, für die "Herde Gottes" handelt. Über Vorbilder zu reden heißt heute oftmals, ein Klagelied anzustimmen. Es gibt angeblich keine mehr und wenn, dann sei doch alles nur Schein und Trug.

Besser ist es, kein Vorbild zu sein

Die meisten von uns sind mit dem Thema "Vorbild" groß geworden. Alle jenseits von 55 und älter. Uns muss niemand erklären, wer Albert Schweitzer war. Anfang der achtziger Jahre aber, als ich meinen Dienst als Pfarrer begonnen hatte, traf ich schon auf eine andere Situation. Befragte ich meine Konfirmanden, wen sie denn als Vorbild ansehen würden, fielen Namen von "Donald Duck" anderen lustige Figuren. Mit dem Thema Vorbild konnte die Jugend der Achtziger schon nichts mehr anfangen. Es war altbacken geworden, verstaubt und abgegriffen wie die alten Bücher über Schweitzer und all die anderen, die wir als Vorbild verehrten.

Und jetzt 30 Jahre später, im Jahr 2012? Was können wir noch mit diesem Begriff, mit diesem Thema anfangen?

In einem pädagogischen Lexikon fand ich den Begriff "Vorbild" auf den gut tausend Seiten nur ein einziges Mal, nämlich im Zusammenhang der Sprecherziehung im Kindergarten.

"Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, (weidet sie) nicht als Herren, sondern als Vorbilder."

Es läge nahe, aus diesen Worten eine Art Tugend- und Aufgabenkatalog für Gemeindeleiter, sprich Pfarrer und Pfarrerinnen zu entwerfen. Da hat man nach all den klerikalen Abgründen, die sich in den vergangenen Jahren auftaten, nicht wirklich Lust dazu. Man könnte auch über Anforderungen sprechen, die Kandidaten/innen unser diesjährigen Kirchenvorstandswahl zu erfüllen hätten.

Derzeit führe ich mit etlichen Männern und Frauen Gespräche wegen einer Kandidatur. Und fast jeder schränkt sich selbst erst einmal ein: Man sei schon bereit für das Amt, aber man sei nun nicht so fromm, wie ich das vielleicht erwarten würde. Man halte sich zur Kirche, erscheine aber nicht jeden Sonntag zum Gottesdienst. Man möchte sich einbringen und die Zeit opfern, aber Vorbild – nein – das sei man nicht.

"Vorbilder … das klingt immer nach Heroisierung und Idealisierung, ja Idolisierung und Heiligsprechung. Jeder weiß, wie rasch dergleichen Verehrung, ob sie nun einem großen Denker oder ganz familiär dem Onkel Walter gilt, bei näherem Studium respektive wachsender Einsicht in die Dinge des Lebens zu bitterer Enttäuschung führt – »Das hätt ich nie von dem gedacht!«" (DIE ZEIT 16.11.2009).

Es ist gefährlich in unserer Zeit, auf den Thron eines Vorbilds gehoben zu werden. Diejenigen, die uns eben noch darauf platzierten, stehen im Rücken allezeit bereit, uns wieder vom Ehrenplatz zu stürzen. "Hosianna"-Rufe am Palmsonntag und der wütende Schrei "Kreuzigt ihn" quellen aus gleichen Kehlen. Wir in Oberfranken wissen das aus jüngerer Erfahrung.

Es mag an unseren Medien liegen, die heute Hosianna-Artikel schrieben und morgen zum Sturz aufrufen. Nichts bleibt verborgen. Der spanische König ist Ehrenpräsident des World-Wildlife-Fund und geht trotzdem auf Elefantenjagd. Auf der Homepage des WWF wird sein Rücktritt öffentlich eingefordert.

"Reden sie ja nicht von Gutmenschentum oder dergleichen, wenn sie über uns berichten", bat ein Unternehmer, der in seinem Betrieb Menschen mit Behinderung beschäftigt. Dabei handelt er wirklich vorbildlich im Sinne der Inklusion, scheut sich aber – so mein Eindruck – sich zum Wert der Mitmenschlichkeit öffentlich zu bekennen. "Auch die Behinderten sind dazu da, dass unsere Firma Geld verdient," wiegelt er lieber ab, um ja nicht in einen für ihn wohl falschen Verdacht zu geraten. Mich hat das irritiert. Woher diese Angst?

Halten wir als erstes Ergebnis fest. Viele Menschen scheuen sich davor, als Vorbild angesehen zu werden. Das mag ehrliche Bescheidenheit sein. Ich denke aber, es liegt eher daran, dass wir heroische Vorbilder so gerne zerstören. Eigentlich mögen wir sie nicht wirklich. Enthüllungen sind uns lieber. Dass alle nur Menschen sind, macht uns sicherer. Seltsam nur, dass uns deutsche Medien stets immer wieder dazu verführen können, Helden anzuhimmeln.

Aus konfessioneller Sicht könnte man hinzufügen: Es ist ja nicht ohne Grund, dass es bei uns keine Heiligenverehrung gibt. Unser Bekenntnis lautet: Wir sind Sünder, allzumal Sünder. Niemand ist ohne Fehler. Das ist es ja, was uns die Medien, freilich ohne jede religiöse Absicht, stets vor Augen führen. Dabei ist das evangelische Menschenbild keineswegs von ethischem Pessimismus gekennzeichnet. Es ist einfach nur real: So sind wir: Heilige und Sünder in einem. Die meisten von uns sind mit dem Thema Vorbild groß geworden. Nun stellen wir fest, es ist besser, kein Vorbild zu sein. Ist damit das Thema damit erledigt?

Die beiden Lehrpläne

Schulen, so haben Pädagogen festgestellt, haben immer zwei "Lehrpläne". Sie haben einen öffentlichen und einen heimlichen. Der heimliche steht oft im Widerspruch zu dem, was ausgesprochen, gelehrt und öffentlich für richtig und gut gehalten wird. Den heimlichen Lehrplan an Schulen nehmen Schüler oft viel wichtiger: Fairness wird gepredigt; aber schnell spüren die Jugendlichen: Wer sich unfair verhält, hat meistens mehr Erfolg. Rücksichtnahme steht im offenen, Egoismus aber im heimlichen Curriculum. So könnte man es sehen.

Heimliche Vorbilder

Aber nun drehen wir das System einmal um. Der eben zitierte Unternehmer beruft sich mit seiner strikten Ausrichtung am Gewinn auf einen öffentlichen Codex. Er scheint sich dort sicher zu fühlen, wo er auf Wertschöpfung und gewinnorientiertes Denken setzt. Ich kann es nur vermuten, aber vielleicht folgt er dennoch einem heimlichen Plan, auf dem Mitgefühl, Menschlichkeit und Rücksichtnahme stehen. Es mag ihm gar nicht wirklich bewusst sein oder – was ich eher vermute – er scheut sich, sich dazu zu bekennen. Wahrscheinlich steht er damit nicht alleine.

Was heißt es denn, Vorbild zu sein? Darüber ließe sich nun sehr viel sagen. Um Orientierung zu bekommen, folgen wir den Worten unseres Bibelzitats aus dem 1. Petrusbrief.

Das wichtigste steht am Anfang: Weidet meine Herde, die euch anbefohlen ist. Darum geht es ganz grundlegend, dass ich mir etwas "anbefehlen", d.h. anvertrauen lasse. Indem wir das tun, akzeptieren wir die damit verbundene Verpflichtung für andere. Im "öffentlichen Lehrplan" unseres Zusammenlebens steht: Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Im verborgenen Lehrplan Gottes aber lesen wir: Lasst euch aneinander anbefohlen sin. Achtet auf euch, nicht gezwungen, sondern freiwillig.

Was deckt sich mehr mit unserer Lebenserfahrung? Prüfen sie das doch einmal und zählen sie diejenigen, die ihnen anbefohlen sind und prüfen sie, ob sie das als Zwang empfinden. Sicher, manches Mal ist es mit Last, mit Kummer, mit Sorge verbunden, und doch will man sich denen, die einem anbefohlen sind, nicht entziehen. Es geschieht – wie es so schön in unserem Bibeltext heißt – von Herzensgrund. Im Griechischen steht da ein Wort (prothymos), dass wir mit "lebenskräftigem Mut" noch passender übersetzen könnten.

Indem wir darin nicht nachlassen, von Herzensgrund für andere zu leben, haben wir schon alles erfüllt, was ein Vorbild auszeichnet.

Prüfen sie auch, wem sie sich anbefohlen wissen dürfen? Es wird zumindest einer da sein.

Falls ihnen das zu schmalzig klingen sollte, ich kann das, was ich hier darlege, untermauern. 2003 hat ein deutsches Magazin (Der Spiegel) junge Menschen nach ihren Vorbildern befragt. Raten sie einmal, wer auf Platz 1 und auf Platz 3 zu stehen kam? Richtig geraten? Auf Platz eins steht für junge Menschen die Mutter. Platz 2 hatte man 2003 an Mutter Theresa vergeben und auf Platz drei immerhin setzte man den eigenen Vater.

"Das glaube ich nicht, dass ich das Vorbild für meine Tochter bin", mag manche Mutter sich jetzt denken, weil sie sich all der unendlichen Streitereien erinnert. Aber haben sie nicht auch das gehört – vielleicht Jahre später: "Gut, dass du dich so mit mir auseinandergesetzt hast." Darin wird es doch bestätigt: Ich war und ich bin dir anbefohlen. Dem hast du dich nicht entzogen. Und so hat wohl jede Mutter und jeder Vater das Leben vorgebildet: Wir wissen uns trotz allem und trotz manchen familiären Gefechts einander anbefohlen. Indem wir daran bleiben, folgen wir dem "heimlichen Lehrplan", dem Lehrplan Gottes.

Vorbild zu sein heißt ja – folgen wir unserem Bibeltext – eben nicht, immer edel, gut, hilfreich, nachsichtig, opferbereit und all dergleichen mehr zu sein. Es genügt, sich dem zu stellen, dass Gott uns Menschen anbefiehlt. "Vorbild" nennen wir doch diejenigen, die für uns da waren oder immer noch für uns da sind. Das ist der Kern. Darauf kommt es an. Das war ja auch die Lehre, die wir als Kinder von unseren altbackenen Vorbildern übernehmen sollten: Menschen sind aufeinander angwiesen. Schweitzer hat das gelebt im Urwald. Lebe du es hier.

Gerade Mütter – oder Eltern überhaupt – zweifeln ja nicht selten an sich selbst, ob sie alles richtig gemacht haben in der Erziehung. Sollten wir Fehler entdecken, so haben sie meist damit zu tun, dass wir die nächste, noch nicht bedachte Anweisung aus dem Petrus-Brief übersehen hatten: Achtet aufeinander – nicht als Herren. Wo wir Herren sein wollen, hören wir sofort auf, Vorbild zu sein. Wo wir herrschen wollen und uns als "Vorbild" verehren lassen, reißen wir das Leben an uns, bilden nicht vor, sondern sperren ein, engen ein, nehmen die Luft zu atmen. Diese Art, herrisch Vorbild zu sein, nennt unser Bibeltext einen "schändlichen Gewinn".

Vorbild sein

Eingangs hatte ich "Die Zeit" zitiert, die 2009 fünfzig Personen aus der deutschen Vergangenheit in eine "Vorbilder-Liste" aufgenommen hat. Interessant ist es, nach welchen Kriterien man die Wahl getroffen hatte. Die Hauptfragen lauteten: Wen würden wir uns zurückwünschen? Welche Tugend müsste wieder öffentlich gelten anstatt heimlich weiter zu wirken? Weiter heißt es dort:

"Was brauchen wir? Welche Ziele, Werte, Techniken und Tricks? Welche Eigenschaften brauchen Bürgerin und Bürger? Brauchen sie nicht viel mehr Witz als Ernst? Mehr Eigensinn als Ehrgeiz? Mehr Mut als Tapferkeit? Vielleicht auch mehr Talent zum Teilen als zum Haben, mehr Talent zum Zorn als zum stillen Bescheiden? Ja was, so blitzt die Frage auf, erhoffen wir uns denn in Zukunft von der Wissenschaft und von der Wirtschaft? Der Kunst? Und von der Politik?" (DIE ZEIT 16.11.2009).

Wir liegen falsch, wenn wir auf einen Heros, einen Helden warten. Wir liegen richtig, wenn wir mit "lebenskräftigem Mut" es wieder lernen, vom heimlichen, verborgenen Lehrplan Gottes für seine Herde öffentlich zu sprechen. Nicht als "Gutmenschen", nicht als "Besserwisser", nicht als "Moralisten", sondern als diejenigen, die wissen und glauben: In Jesus Christus hat Gott uns aneinander gewiesen, dass wir uns aneinander anbefohlen wissen. Wir leben doch – wenn wir ehrlich sind- stets davon, dass der heimliche Lehrplan – auch wenn man ihn öffentlich scheut – unser Leben prägt. Gott sei Dank. Das Leben bilden wir vor, indem wir dem Lehrplan Gottes folgen. Vorbildlich sind wir dort, wo wir das leben: Ich weiß mich anderen Menschen ihnen zum Gute anbefohlen. In Bezug auf unsere Familie mag uns das einleuchten. Gottes Lehrplan aber will unser Herz weiten. Anbefohlen ist uns jede/r, mit dem wir das Leben teilen. Vorbilder wirken dort, wo Menschen sich dem Leben, wo Menschen sich Gott und seinem Auftrag verpflichtet wissen. Das heiligt uns, auch wenn wir Sünder bleiben und fehlbare Menschen.

Es gibt mehr Vorbilder, als wir denken. Wahrscheinlich gehören auch sie dazu.

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