Hirte in der Fußgängerzone

Liebe Gemeinde

Der Hirte in der Fußgängerzone

Unvermittelt saß der „Gute Hirte“ vor mir auf dem Boden umgeben von allerlei Trödel und anderem alten Zeug.

Der Rahmen ist sehr gut, sprach mich der Händler an, dem mein Blick auf das Hirtenbild nicht entgangen war. Er rechnete nicht damit, dass mich die Darstellung selbst überhaupt interessieren würde.

Jesus auf dem Bild aber läßt sich nicht irritieren. Unverdrossen streichelt er das Lämmchen auf seinem Schoß. Die Herde drängt sich um ihn. Die Sonne geht unter. Das Ölbild ist in blau-grünen Tönen gehalten. Auf dem Gewand des Herrn ist ein rotes Herz eingestickt.

Interesse?, hakt der Händler noch einmal nach. Nein, antworte ich.
Jesus schaut mich fragend an.

Ich brauche keinen Rahmen, füge ich schnell hinzu.
Auf Wiedersehen.

Jesus zuckt fragend mit den Schultern. Er lächelt skeptisch.
Ich wende meinen Blick und bin nun wieder zurück in der Fußgängerzone. Menschen eilen vorbei, allein, zu zweit, in Gruppen.
„Es gibt gar keine Straßenprediger mehr.“ Komisch, dass mir das gerade jetzt auffällt.

Hirtensonntag

Heute feiern wir den Hirtensonntag. Die Figur des Hirten, der ein Schaf um die Schultern trägt, gehört zu den frühesten Jesusdarstellungen der Christenheit. In den Katakomben vor den Toren Roms findet man dieses Motiv gezeichnet und auch in Stein gehauen.

„Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde“

Den 1. Petrusbrief lese ich als Ermunterung, das Hirtenbild heraus zu tragen aus den Katakomben in die Lebensräume der Gegenwart.
Ursprünglich wurden nur die „Gemeindeältesten“, also die „Kirchenvorsteher“ allein angesprochen.

Ich möchte diesen Auftrag, das Hirtenbild in unsere Zeit mitzunehmen, als Auftrag für uns alle verstehen.

Straßeninterviews

Bleiben wir in Gedanken noch in der Fußgängerzone in Wertheim, wo ich das Bild entdeckt hatte. Stellen wir uns vor, ich hätte den Mut gehabt, spontan Menschen zum Hirtenbild zu interviewen.

Was könnten wir hören?

„Ich habe so viel Gutes in meinem Leben erfahren“, gibt eine ältere Dame zur Antwort. „Aber jetzt muss ich weiter. Mein Mann wartet auf mich im Krankenhaus. Er hatte einen Schlaganfall. Aber der Herrgott wird´s schon richten“. Tränen blitzen auf. Sie geht weiter.
„So ein Kitsch“, kichern die drei jungen Leute. „So ein blödes Bild.“ Auf dem T-Shirt des einen steht in Englisch: „Brothers in arms“. Brüder, die sich umarmen, übersetze ich. Mir fällt eine Rock-Hymne ein.
Dann sehe ich den Stahlhelm unter dem Schriftzug.
Das ist ein Spiel, erhalte ich zur Antwort. Das Internet ist auskunftsfreudiger: Er handelt sich um ein Spiel, in dem der II. Weltkrieg nachgespielt werden kann.

„Brothers in arms“ kann auch heißen: Brüder mit Waffen. Waffenbrüder.

Ich traue mich nicht, den vorbei gehenden, älteren Herrn anzusprechen.
„Hab leider keine Zeit“, sagt die Mutti. Das nörgelnde Kind an der Hand zieht weiter. Das andere im Kinderwagen schläft. Mit Mannsbildern bin ich fertig, sagt sie schnell noch und hält mir ihre rechte Hand hin. Die Spuren des Eherings sind noch zu erkennen.

Konfirmation

Heute wurde in unserer Petri-Kirche die Konfirmation gefeiert. Ich war mit in diesem festlichen Gottesdienst dabei.

Jedem der jungen Leute wurde heute in der Konfirmation ein ganz persönliches Bibelwort mit auf den Weg gegeben. Viele dieser Worte malen Behütung, Schutz, Liebe und Segen über das Leben. Viele dieser Worte spiegeln etwas vom „Guten Hirten“ wieder. Was aber werden sie erleben? Was aber werden sie erleben von der Güte, von der Barmherzigkeit Gottes und seinem Hirtenamt? Werden nicht die meisten das „Jesusbild“ beim Trödler abgeben, weil es nicht nützlich scheint?

Schändlicher Gewinn

Und jetzt werfen wir gleich noch eine Handvoll Salz in die Suppe! Dieses Bild vom Hirten mag ja ganz nett sein.

Was aber gehört zum Hirten? Klar doch, das Schaf. Und welches Eigenschaftswort fällt einem bei „Schaf“ als erstes ein? Na? „Dummes Schaf“. Richtig!

Und gibt es nicht genügend falsche Hirten, die „dumme Schafe“ suchen?
Sehen wir nicht solche Bilder allzu häufig: Hassprediger, die mit geballter Faust zum Tod und Krieg im Namen Gottes rufen. Und „dumme Schafe“ folgen willig.

Könnte es nicht sein, dass dieser alte Ölschinken aus Wertheim im Schlafzimmer eines Nazis und Judenhassers hing? Schöne Bilder mögen Sehnsüchte in uns wachrufen. Was aber, wenn Sehnsucht falsche Erfüllung findet?

Sehen wir nicht Menschen marschieren, junge Menschen oft, in militärischer Pose mit hartem Gesicht und Hass in der Seele. „Dumme Schafe“ voll Sehnsucht nach Führung.

Die Geschichtsbücher dieser Erde sind voll von Bildern „dummer Schafe“, die sich freiwillig zur Schlachtbank führen ließen.

Wir wollen das nicht verschweigen: Die Sehnsucht nach Führung, nach starken Personen; die Sehnsucht nach Hirten kann auch in falsche Wege führen.

Weg mit dem Bild vom Hirten? Nein. Denn so kitschig und zweifelhaft es auch sein mag. Im Bild vom guten Hirten ist etwas Wesentliches vorgebildet.

Vorbilden

Vorbilder der Herde, sollt ihr sein, heißt es in unserem Predigttext. Bleiben wir an diesem Wort etwas hängen: Vorbild.
Zugänglicher wird mir das Wort „Vorbild“, wenn ich es mir als Tätigkeitswort, als Verbum, vorstelle. Da verliert er nämlich seine statische, heroische Lebensferne. Zudem kommen wir so der Bibel wieder etwas näher. Denn sie beschreibt die vorbildende Tätigkeit Gottes, der sich selber des Hirtenamts annimmt, als Tätigkeit (Hesekiel 34):

Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen.

Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war.
Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.

Welche Worte haben wir gehört? Welche Verben?
Suchen, retten, zurückbringen, verbinden, stärken, behüten, weiden. Das alles sind Verben, die uns einen Begriff davon geben, dass „Vorbilden“ zuallererst Aufgabe und Tätigkeit ist. Fürsorge für andere.

Bündnis für Erziehung

In diesen Tagen wurde ein „Bündnis für Erziehung“ auf der politischen Bühne in Berlin präsentiert. Ich begrüße das ausdrücklich. Es ist gut, dass wir Erziehung als Aufgabe der Eltern wieder ganz bewusst entdecken. Es ist gut, dass die christlichen Werte und damit unsere eigene Herkunft und unsere eigenen Wurzeln in den politischen Raum eintreten.

Also, hätte ich das kitschige Jesusbild doch schon letzten Sommer kaufen sollen? Natürlich kann es nicht darum gehen, in nostalgischer Sehnsucht die heile Familie der spät-fünfziger Jahre zu restaurieren. Natürlich kann es nicht darum gehen, verstaubte Religionsbücher aus den Sechzigern neu aufzulegen.

Werte kann man nicht einfach abschreiben.

Darauf kommt es an: Dass wir tätig werden, dass wir der Jugend in Demokratie, in Respekt aber auch in selbstbewusster Haltung etwas vorbilden. Vorgegaukelt wird ihnen genug. Da müssen wir nicht mitspielen.

Und so weisen uns am Hirtensonntag die alten Verse aus der Bibel den Weg:

Nimm die Aufgabe, zu erziehen, nimm die Aufgabe, achtsam zu sein für die Menschen um dich herum, nimm diese Aufgabe an.
Nimm sie mit lauterem Herzen an. Es geht nicht um Machtgewinn für dich. Es geht um Lebensgewinn für die Jugend.
Es geht nicht um Zwang und Herrschaft. Es geht um Freiheit.
Es geht nicht um Ausgrenzung und Abwertung anderer. Es geht um Respekt vor anderen und dem Fremden.
Uns als Christen ermuntert der biblische Text, die guten Bilder des Glaubens in die Straßen und Häuser unseres Lebens mit zu nehmen.

Straßenprediger

Kürzlich war ich in Nürnberg. Tatsächlich, da stand eine Kiste, und auf der Kiste stand ein Straßenprediger. Leider sprach er nur vom Zorn Gottes und leider war nur Drohung und Hass in seiner Stimme.

Da ist mir das Bild von Jesus, der auf seine Herde schaut, dann doch lieber. Aber man wird es neu zu malen lernen. Das muss uns klar sein. Religiöse Ölschinken gehören dem Trödler. Neue Bilder aber gehören in die Fußgängerzonen.

Amen

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