Behütet sein und Profil zeigen

In Berlin gibt es Probleme: Mehrere JuristInnen haben es abgelehnt Justizsenator zu werden, nachdem der neue Justizsenator zurückgetreten war, weil er in Geschäfte rund um Schrottimmobilien verwickelt war. Das hat KollegInnen derart verschreckt, dass sie ein solches Amt nicht haben wollten. Und als Unbeteiligter fragt man sich: Wo bin ich da eigentlich, wenn JuristInnen Angst haben, dass sie als nicht unbescholten entlarvt werden.

Ich glaube, diese Frage kann auch in der Gemeinde Jesu Christi relevant werden, wenn wir darüber nachdenken, wer warum würdig ist, hier mitzuarbeiten und Ämter zu übernehmen. Manches sieht dann allerdings im konkreten etwas anders aus, als bei der Wahl eines Regierungsbeamten. Davon schreibt der erste Petrusbrief, ein Brief, dem sehr an Ordnung der Gemeinde liegt:

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Die Herde und der Hirt sind ein beliebtes Bild für die Gemeinde Jesu Christi. Viele Kirchenfenster und Kitschpostkarten legen beredtes Zeugnis davon ab genauso wie der immer gerne gesprochene Psalm 23. Manchen Menschen ist dieses Bild auch ein bisschen peinlich. Das hat sicher etwas mit seiner kitschigen Verwendung zu tun, aber sicher auch mit dem Gefühl: Ich bin nicht ein blökendes Schaf in einer Herde von willenlosen Tieren.

Aber Bilder können immer einseitig gedeutet werden. Tatsächlich ist nicht das Bild des Schafes, sondern das Bild des Hirten zu sehen. Nur dann gewinnt der Psalm 23 und auch unser heutiger Ausschnitt aus einem Brief Sinn. Denn im Psalm ist ausschließlich vom Herrn die Rede. In unserem Brief vom Herrn und denen, die ihm nachfolgen und darum auch Teile seiner Rolle übernehmen und da passt das Bild vom blökenden Schaf nicht. Bilder sind immer nur Abbilder und nicht das Original. Darum muss ich hinschauen, was wirklich gemeint ist.

Zu den Ursehnsüchten von Menschen gehört der Wunsch nach Behütung für sich und für liebe Menschen, die mir am Herzen liegen. Und dieser Herr, der uns behüten will, wie ein Hirte die ihm anvertrauten Schafe behütet, der ruft uns in seine Nachfolge. Darum gehört auch das Behüten zu den Aufgaben eines Christenmenschen, der in der Nachfolge lebt. Dafür gibt der erste Petrusbrief Hinweise.

Unser Text ist eine Anrede an alle, die sich für Gemeinde verantwortlich fühlen. Das Wesentliche bleibt das Vorbild, das ich zu geben bereit bin. Das Andere, das ich bereit bin, auf die Schwestern und Brüder aufzupassen und nur in Gemeinschaft mit ihnen Gemeinde zu bauen. Aufpassen klingt schrecklich, weil wir sofort an Gefängnisse und Lager denken und das Positive in dem Wort verloren haben: aufeinander Acht haben, einander beobachten, um einander zu helfen und einander Gutes zu tun. So wie Eltern, die aufpassen ja nicht in jedem Fall Gefängniswärter sind.

Im Brief wird geworben für eine Idee von Gemeinde, in der die Menschen füreinander da sind, miteinander Verantwortung übernehmen. Im Kern geht es um das Priestertum aller Gläubigen, ein Gedanke, der der Kirche über Jahrhunderte immer wieder verloren gegangen ist. Vielleicht hat man hier, gerade weil man das Evangelium ganz fest bewahren wollte, übersehen, dass die ganze Gemeinde mit dem Evangelium Leben gestalten muss, wenn es bewahrt bleiben soll und nicht nur Priester und Oberhirten.

Im Mittelpunkt des Lebens der idealen Gemeinde stehen Gott und die Schwestern und Brüder, die füreinander ein Wächteramt haben. Insbesondere sind hier die Ältesten im Visier, die Presbyterinnen und Presbyter, die für jedes einzelne Individuum und für die Gemeinde Verantwortung tragen. Aber eigentlich sind alle gemeint, die in dieser Gemeinde leben und darum auch für sie Verantwortung tragen.

Der Briefeschreiber, der in seiner Gemeinde etwas zu sagen hat, nimmt sich hier zurück und nennt sich einen Mit-Ältesten. Er weist mit dieser Selbsteinschätzung hin auf die Demut, die zum christlichen Wächteramt gehört. Beides Bereitwilligkeit und Demut – nur so kann Gemeinde leben und nur so kann Leitung funktionieren. Wer Karriere machen will, hohe und ehrwürdige Positionen bekleiden, sollte nicht in der Kirche anfangen.

In der Kirche geht es um eine spezielle Ordnung. Die Ordnung, die notwendig ist, dass der Glaube in der Gemeinde leben kann. Die Unordnung, die die Menschen brauchen, dass jeder glücklich werden kann und sich doch behütet fühlt.

Ich denke an Kritik, die ich einstecken musste: Dein Reifen hat zu wenig Profil. Da habe ich wohl nicht aufgepasst. Gedankenlos war ich solange unterwegs, bis ich so profillos war, dass es mich in jeder kritischen Situation aus der Kurve getragen hätte.

Die Frage bleibt: Wie viel Profil habe ich. Woran bin ich erkennbar als Christ, oder bin ich profillos unerkennbar? Wie viel Profil hat unsere Gemeinde. Kann man erkennen, dass unsere Kirche der Ort ist an dem nicht nur gebetet und gepredigt wird, sondern Gemeinschaft gelebt wird? Oder ist sie ein Ort wo sich jeder der Nächste ist?

Unsere PresbyterInnen sind unsere gewählte Leitung. Jesus Christus nimmt sie in seinen Dienst hinein und überträgt uns allen Verantwortung. In Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern leitet das Presbyterium die Gemeinde aber nicht als Obrigkeit, sondern als diejenigen die in Verantwortung stehen vor Gott und den Menschen. Und als Menschen die wissen, dass sie nicht perfekt sind, aber berufen von der Gemeinde und von Gott.

Kirchenleitung hat seit Zeiten der Urgemeinde etwas Geschwisterliches. Es geht hier um die Abwehr der Gefahren von Herrschaft in solcher Gemeinde. Älteste sind Gehilfen zur Freude statt Herren über den Glauben. Ziel ist die Demut, der Mut als erster nicht die Machtkarte zu spielen, sondern hinzuhorchen, was Gemeinde und was der Einzelne an dieser Stelle braucht. Demut ist der Mut, sich unterzuordnen, wenn es dem gemeinsamen dient. Zu solchem Mut will der 1. Petrusbrief Hoffnung machen. Die Situation dieses Briefes ist die einer nicht öffentlich verfolgten Gemeinde, die aber doch bedrängt ist. Verdächtigungen Schmähungen und Beleidigungen sind normal.

Die Antwort unseres Briefes ist nicht mit gleicher Münze zurückzuzahlen, sondern den geschwisterlichen Stil zu leben. Und so durch Lebensstil die Menschen überzeugen, dass der Geist, der in der Gemeinde weht, der Geist Gottes ist.

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