König Kohelet

Alles hat seine Zeit! Alles! Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit und jede und jeder, die oder der diesen wunderbaren Text liest oder hört, versteht eigentlich sofort die tiefe Weisheit, die darin steckt. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit.
Ein jeder Mensch versteht sofort, was damit gemeint ist und ein jeder Mensch sagt sofort: „Ja, so ist es.“ Die Frage ist nur: Warum leben wir dann nicht so?

Ich möchte Euch und Ihnen eine Geschichte erzählen:
Es war einmal…
So fangen Märchen, aber diese Geschichte ist kein Märchen. Sie ist im gewissen Sinne wahr. Sie ist keine historische Wahrheit. Aber sie ist doch wahr. Also:
Es war einmal ein junger Mann mit Namen Kohelet. Der Name mag uns komisch vorkommen, aber der Mann lebt nicht hier sondern in einem fernen Land und auch in einer fernen Zeit und dort war sein Name ganz normal.
Am Anfang war Kohelet ein junger Mann. Er war recht behütet aufgewachsen. Seine Eltern waren nicht reich, aber ihm hatte auch nie etwas gefehlt. Seine Eltern liebten ihn und er liebte sie. Als er groß geworden war und die Schule abgeschlossen war, beschloss er für sich, dass er etwas besonderes sein wollte. Er wusste zwar nicht genau was, aber eins war klar: Er wollte nicht gewöhnlich sein, keinen nor­malen Beruf haben und eine normale Familie haben. „Man lebt schließlich nur einmal“, dachte er bei sich. Sein Vater hielt das alles natürlich für Hirngespinste. „Albernes Zeug“, sagte er, „mein Sohn, das wichtigste ist, dass du eine anständige Ausbildung hast.“ – „Es gibt genug Leute, die trotz einer ,anständigenʻ Ausbildung keine Job haben“, hatte Kohelet dann immer gesagt. Er hatte verschiedene Ideen.
Zuerst wollte er Sänger werden, natürlich ein berühm­ter Megastar. Dann würden alle ihn kennen und die Mädchen würden ihm hinterher laufen. Dann aber hatte er mitgekriegt, wie seine Mutter sich über einen älteren Sänger lustig gemacht hatte. Dessen große Erfolge waren lange her und er trat nur noch auf Werbeverkaufsveranstaltungen auf und hatte Privatin­solvenz angemeldet.
Dann dachte er über eine Karriere in der Wirtschaft nach. Manager könnte er werden. Da kann man viel Geld verdienen und kriegt auch noch Bonuszahlungen selbst, wenn das Unternehmen Verlust macht. Das fand er toll. Da aber in seiner Heimat gerade eine große Finanzkrise herrschte und Manager nicht gerade in einem guten Ruf standen, wollte er dann doch nicht. Außerdem war er schlecht in Mathe.

Aus irgendeinem Grund beschloss er dann, dass die Politik sein Feld sein könnte. Wahrscheinlich lag es daran, dass er schon immer gut reden und Menschen überzeugen konnte.
Die genauen Einzelheiten seines kometenhaften Aufstiegs sind nicht belegt, aber – es war kaum zu Glauben – er schaffte es zum Herrscher seines Landes aufzusteigen. Und das nicht einmal fünf Jahren.
Nun war er am Ziel seiner Wünsche – dachte er. Und zunächst war auch alles gut. Er genoss das Leben im Mittelpunkt. Alles drehte sich um ihn. Die Menschen redeten ihn respektvoll an. Sagten „Eure Hoheit“ und „Eure Exzellenz“. Selbst Leute, die deutlich älter waren als er, waren sehr zurückhaltend und respektvoll im Umgang mit ihm. Niemand wollte ihm mehr Vorschriften machen. Und auch seine Eltern waren sehr stolz auf ihren Sohn.
Aber weil er noch so jung war, galt er auch als coolster Politiker seines Landes. Er wurde sogar zu Partys und Popkonzerten eingeladen. Und er bekam Fanpost.

Aber dieser Zustand dauerte auch nicht ewig. Die Menschen wollten ja nicht nur sein Bild auf den Titelseiten sehen, sie wollten vor allem wissen, was er kann. Er hatte ein Land zu regieren.
In der Öffentlichkeit wurde nun nicht mehr darüber gesprochen, was er an hatte, sondern wie er mit den Problemen der Zeit umging. Wie wollte er mit der Armut im Land fertig werde? Welche wirtschaftspoli­tischen Konzepte hatte er? Was gedacht er gegen die steigende Jugendkriminalität zu tun? Viele Fragen auf die er keine Antworten wusste.
Aber er ließ den Kopf nicht hängen. Er beschloss Maßnahmen und erließ Gesetze. Aber immer gab es jemanden, dem nicht passte, was er tat. Wenn er die Steuern für Unternehmen erhöhte um mehr Geld für die Armenfürsorge zu haben, drohten die Unterneh­men damit Arbeitsplätze abzubauen und in andere Länder abzuwandern. Wenn er versuchte Bildungspro­gramme einzuführen um die Kriminalität zu senken, meinten welche, es wäre doch viel sinnvoller einfach alle wegzuschließen. Irgendwer meckerte immer.
Der Druck auf Kohelet stieg immer weiter. Er schlief kaum noch und arbeitete fast Tag und Nacht. Als die Priester des großen Tempels in der Hauptstadt zu ihm kamen und sich darüber beschwerten, dass ein Herrscher mit gutem Beispiel voran gehen und den Feiertag beachten solle, schmiss er sie einfach raus.

Aber es dämmerte ihm, dass sie eigentlich Recht hatten. Er brauchte mindestens einen Tag in der Woche für sich, an dem er etwas anderes machen wollte. Er brauchte einen Tag, an dem sein Kopf frei war. Dann könnte er Visionen entwickeln und ein besserer Herrscher sein.

Er war der Herrscher seines Landes, aber der Glanz der ersten Jahre war weg. „Also“, dachte er, „ich muss mir einen Namen machen. Ich muss etwas wirklich großes Vollbringen. Etwas was man wirklich sehen kann und die Zeiten überdauert.“
Also fing er an zu bauen. „Pyramiden gibt’s schon“m dachte er, „also baue ich Gärten.“ Und er baute Gärten und Häuser, er pflanzte Weinberge. Er legte Teiche und schuf liebliche Landschaften. Und die Menschen waren entzückt. Und sie lobten seine Fähigkeiten. Eine Lästermäuler zogen zwar über seine Verschwen­dungssucht her aber das kümmerte ihn eh nicht mehr. Aber so sehr er auch baute und pflanzte – wobei er ja gar nicht selbst baute und pflanzte, denn er ließ ja vielmehr bauen und pflanzen. Also, je mehr er pflanzen und bauen ließ umso weniger erfüllte ihn das.
Vielmehr merkte er, dass er doch auch langsam älter wurde. Aber er hatte das Gefühl, dass er in seinem Leben bisher nichts so richtig geschafft hatte. Als er das einem alten Freund aus Jugendtagen erzählte, war dieser sichtlich irritiert. „Was willst du eigentlich? Du bist der Herrscher unseres Landes. Du hast mehr Geld, als du ausgeben kannst. Du kannst dir im Prinzip jeden Wunsch erfüllen. Du hast zwar einigen Unsinn gemacht aber auch sehr viele gute Dinge. Die meisten Menschen mögen dich. Und du hast dich mit deinen Gärten fast unsterblich gemacht.“ – „Ja, aber nur fast“, erwiderte Kohelet.

Für eine lange Zeit zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er wollte sich der Philosophie widmen – dem Studium der Weisheit. „Ein geschickter Herrscher ist gut“, dachte er, „ein mächtiger Herrscher ist auch gut. Aber am besten ist es doch ein weiser Herrscher zu sein. Also muss ich jetzt lernen, was wirklich weise ist. Weisheit soll mein zweiter Name sein.“
Er las viele Bücher und lud die klügsten Köpfe seiner Zeit in sein Haus, um mit ihnen zu diskutieren. Er ver­abscheute nun Reichtum und Pracht. Der Geist und der Verstand sollten allein sein Handeln bestimmen. Er richtete seine Regierungspolitik und auch sein Pri­vatleben nach seinen Erkenntnissen aus. Und bald sagten die Menschen im In- und Ausland, dass er ein weiser Herrscher sei. Er wurde ein gefragter Ver­mittler bei internationalen Konflikten. Er bekam renommierte Preise für sein Werk. „Ein Mann des Friedens“ wurde er genannt.

Er war ein großer Mann, der alles erreicht hatte, was man erreichen kann. Und eigentlich hätte er glücklich sein müssen. Aber: Er war es nicht! Er wusste, dass er alles erreicht hatte und sogar noch mehr erreichen konnte, aber er ahnte: Nichts von alledem würde bestand haben. Er wurde nicht jünger. Irgendwann würde er sterben. Da führte kein Weg dran vorbei.

Und dann? Dann würde sein Werk in die Hände eines anderen fallen. Oder sogar vieler anderer. Es würde einen neuen Herrscher geben. Wer weiß, was der mit „seinem“ Land anstellen würde. Seine schönen Gärten würden vielleicht noch ein paar Jahre bestehen, vielleicht sogar ein paar Jahrhunderte. Aber niemand würde sie mehr mit den selben Augen sehen wie er. Und seine Weisheit würde eh mit ihm vergehen. Obwohl er früher dachte, sie würde ihm den größen Ruhm einbringen, hatte er jetzt das Gefühl, sie wäre das erste was vergeht. Vielleicht sogar noch vor ihm. „Wenn ich erst alt und verwirrt bin“, dachte er, „dann bin ich nur noch ein alter Tattergreis, aber kein weiser Herrscher mehr. Alles, was ich tue und mache ist letztlich nur Schall und Rauch. Es ist als würde ich versuchen, den Wind festzuhalten.“

Und dann erinnerte er sich an die Priester, die er vor Jahren aus seinem Haus geschmissen hatte, weil sie sich über seine Rastlosigkeit beschwert hatten.
Und plötzlich begann er zu ahnen, was sie meinten. Ja, den Feiertag sollte er beachten. Das würde ihm guttun, dachte er damals. Und natürlich tat es ihm auch gut. Aber er hatte vergessen, warum es den Feiertag gab. Warum einmal in der Woche alle eine Pause einlegen sollten. Es stand so in den alten Geboten. In den Geboten Gottes. Gott hatte es den Menschen geboten.
Denn Gott hatte es auch so gemacht, damals als er die Welt erschaffen hatte – so hieß es. Zwar konnte sich Kohelet nicht vorstellen, dass Gott die Welt wirklich in sieben Tage gemacht hatte. Aber Gott war doch der, der die Welt gemacht hatte. Wie auch immer. Alles, was es ist, alles, was früher mal war und alles, was noch kommen wird, ist letztendlich von Gott so geschaffen. Plötzlich viel es ihm auf: Gott hatte er nie auf seiner Rechnung gehabt. Er hatte zwar immer irgendwie an Gott geglaubt. Aber eine wirkliche Rolle hatte Gott nie in seinem Leben gespielt.
Aber jetzt, als er darüber nachdachte, dämmerte es ihm immer deutlicher: „Eigentlich ist das alles auf der Welt gar nicht schlecht organisiert – von Gott. Es ist gar nicht so wichtig, wer ich bin und was ich tue, sondern wie ich es tue: Wichtig ist, dass ich froh bin und einen guten Mut habe. Und dass ich immer daran denke, dass ich alles, was ich bin und habe von Gott habe und es ihm wieder zurückgeben werde. Ich bin ein Teil in Gottes großer Schöpfung. Und die besteht bis an das Ende der Zeit.“

Und von diesem Tag an ließ Kohelet Gott in seinem Leben eine Rolle spielen. Und er versucht nicht mehr den Wind einzufangen. Ende.

Ich hatte am Anfang gesagt, dass diese Geschichte eine wahre Geschichte ist. Nicht im Sinne einer historischen Wahrheit, aber sie ist doch wahr. Kohelet ist tatsächlich kein echter Name. Es ist hebräisch und heißt so etwas wie „Versammler/Leiter einer Versammlung“ – gemeint ist wohl der Leiter einer religiösen Versammlung. Vielleicht im Tempel. Also jemand der dort spricht. Das Buch Kohelet im Alten Testament heißt dann auch auf Deutsch „Prediger.“ Und weil der Prediger Kohelet von sich berichtet er sei König gewesen, der nach Weisheit gestrebt hat, sagten die Menschen früher, das sei der König Salomo gewesen, der ja als besonders weise galt.
Aber der Autor dieses Buches – wer immer er auch war – war sicher nicht Salomo, sondern ein Mensch, der darüber nachdachte, welchen Sinn sein Leben machen könnte. Und wie viele Menschen denken, dass ihr Leben vielleicht besser wäre, wenn sie jemand anders wären – ein Superstar, Millionär, Schauspielerin, Prinzessin –, überlegte dieser Mensch, wie sein Leben als König den sein könnte. Aber er stellte fest. Dass sein Leben eben nicht etwa einen größeren oder tieferen Sinn hätte, wenn jemand anderes besseres wäre. Alles ist letztendlich so, als würde man versuchen nach dem Wind zu greifen, alles ist Haschen nach Wind, alle ist eitel.
Und dann entdeckt er wie wunderbar Gottes Schöpfung ist und dass er einen ganz wichtigen Teil darin spielt. Aber nicht weil er großes Tut, sondern weil er es mit Freude und Mut und Glauben tut. Und er erkennt: Alles hat seine Zeit…
…geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit…
Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt. Übrigens auch ein ganz wunderbarer Gedanke: Gott hat uns die Ewigkeit ins Herz gegeben.

Nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun.
(Koh 3, 1-14)

drucken