Kampfansage

Predigt über Lukas 11/14-23

Liebe Gemeinde,

„Ein Albtraum: 117 m ragt der Kreidefelsen über das Meer. Nur notdürftig ist der Rand durch eine hölzerne Barriere gesichert. Unbemerkt ist das Kind über den Balken geklettert, nähert sich nun Schritt für Schritt dem Abgrund. Und ich sehe die Risse im Boden, die sich rasch verzweigen und vertiefen: Gleich stürzt wieder ein Stück des Felsens in die See. Mit dem Kind. Gelähmt starre ich auf die Szene, meine Füße kleben am Boden, kein Glied kann ich bewegen, ich will rufen, warnen, um Hilfe schreien, doch auch die Stimme versagt, aus meinem Mund kommt nur ein stummer Schrei, den keiner wahrnimmt. Sprachlos muss ich zuschauen, wie sich das Unheil vollendet.

Manchmal kehrt der Traum wieder – am helllichten Tag. Ein Gespräch in größerer Runde zum Beispiel. Oder auch im kleinen Kreis: Unmerklich ziehen Wolken auf, trübe Nebelschwaden breiten sich aus und vergiften die Atmosphäre. Irgendeiner wirft locker ein paar Worte hin, und ich weiß: Jetzt muss ich aufspringen, das Maul aufreißen, Widerspruch einlegen, Einhalt gebieten. Denn: Noch ein, zwei Worte mehr, und das Bild des Menschen, über den wir hier reden, ist bleibend beschädigt, seine Würde verletzt, sein Leben womöglich zerstört. Noch ein, zwei Sätze und die Lüge triumphiert, Unrecht geschieht. Doch stumm klebe ich an meinem Stuhl, den Armen, Beinen, Händen fehlt jegliche Kraft, die Lippen bleiben verschlossen, entlassen allenfalls ein beifällig aufgenommenes Krächzen. Der Dämon hält mich nicht nur an der Zunge fest, sondern fesselt den Leib und alle Glieder, die Sinne und den Sinn. Und keiner kommt vorbei und treibt ihn aus …

Schiss gehabt? fragen mich manche, wenn ich ihnen von solchen Erfahrungen erzähle. Hast du doch gar nicht nötig! Wer will dir denn was? Ja, wer will mir denn was? Es ist nicht die Angst, versuche ich dann zu erklären. Es ist nicht allein der Mangel an Courage. Es ist – die Luft, die auf der Szene lastet, die Sinne lähmt und mich zum Schweigen bringt. Es ist die Atmosphäre, deren Gift Mark und Bein und Geist durchdringt und jeden Aufschrei, jedes Gegen-Wort, jeglichen Wider-Spruch verstummen lässt. Es ist der Dämon, der mir die Kehle zuschnürt und auf meiner Brust hockt wie ein Alb.“ (nach Karl-Heinz Bieritz, GPM 3/2005, Heft 4, S.499 f.)

Kein Zweifel, sagt Jesus in unserem Predigttext, seit meinem Kommen ist Krieg zwischen Himmel und Hölle, Gott und dem Teufel, Leben und Tod: „Jesus ist kommen, nun springen die Bande, Stricke des Todes, die reißen entzwei. Unser Durchbrecher ist nunmehr vorhanden; er, der Sohn Gottes, der machet recht frei, bringet zu Ehren aus Sünde und Schande; Jesus ist kommen, nun springen die Bande.“ (EG 66,2)

Andererseits: Ich kenne den Teufel. Jeder der ein Feindbild hat, kennt ihn. Ich hab auch schon gedacht: Ich bin auf der Seite der Guten und dort sind die Bösen. Und noch in der Niederlage in meinem Kampf gegen die Bösen, kann ich triumphieren, da die Gerechten ja bekanntlich viel leiden müssen. Berthold Brecht war da ehrlicher: „Auch der Hass gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht macht die Stimme heiser. Ach, wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein.“ (EG S. 457) Oder theologisch zugespitzt: „Vergötterung des Menschen geschieht überall da, wo ein Mensch einen anderen verteufelt. Die Tendenz zur Selbstvergötterung und Verteufelung anderer ist nichts anderes als die Tendenz zur totalen Selbstbezogenheit. Die Bibel nennt das Sünde.“ (Eberhard Jüngel, Unterwegs zur Sache, Mohr 2000/3, S. 298) Da können wir von Herzen in den Seufzer einstimmen: „Ach, wenn der Teufel nur orange und der Christus blau wäre. Dann wären sie nämlich eindeutig zu unterscheiden.“ (Bieritz aaO, S. 503) Aber da das leider nicht der Fall ist, stellen wir uns gerne die Frage: Sollten wir uns vielleicht nicht lieber aus dem Streit zwischen Gut und Böse in der Welt heraushalten? Und die Ladehemmung beim offenen Wort gegen das Unrecht in der Nachbarschaft und der weiten Welt für einen Segen halten? Schließlich kennen wir aus eben dieser Nachbarschaft ja auch Leute, die offensichtlich nicht von einem Dämon befallen sind, der sie verstummen lässt, sondern die von der Sorte Dämon befallen sind, der sie ohne Punkt und Komma über Passendes und Unpassendes schwätzen lässt.

Aber so kommen wir nicht aus dem Schneider. Das berühmte „achtel Lorbeerblatt“, auf dem man sitzen und sich aus allem raushalten kann, war schon immer eine Illusion. So hat der Teufel mit seinem ganzen Heer in jedem Fall gewonnen. Und vielleicht war es auf dieser Welt schon immer so – aber nun kommt der Christus und „bricht dem gewappneten Starken ins Haus.“(EG 66/3) Und er tut das in jedem Fall, indem er den Menschen vom Teufel und all seinen Dämonen trennt. Er tut das, indem er den bösen Menschen von seinen bösen Taten trennt. Gott unterscheidet zwischen Person und Werk. Er kämpft nicht gegen den Sünder, sondern gegen das, was ihn zum Sünder macht. Er tut das, indem er den Menschen von Tod und Teufel, von Lüge und Sünde befreit. Er entreißt den Menschen seinen bisherigen Besitzern und tritt an deren Stelle als der gute Hirte, aus dessen Hand uns nun keiner mehr reißen kann. Das ist der Kampf und Krieg, den der Christus auf dieser Welt um uns führt.

Und natürlich muss der Christus dabei am eigenen Leib erfahren, dass der, der das Wort der Wahrheit spricht, in der Tat viel leiden muss. Auch, weil die Unterscheidung zwischen Person und Werk dem Teufel ein Gräuel ist. Ihm ist der Mensch genehm, der schon in der Schöpfungsgeschichte wie Gott sein will. Das will der Teufel auch. Die gottgleichen Herrscher dieser Welt hinterfragt man nicht. Ihre Untertanen haben davon auszugehen, dass selbst ihre schlimmsten Taten edlen Motiven entspringen. Schon die Könige des Alten Testaments haben nicht mit den Propheten über deren Botschaft diskutiert, sie haben sie mit Hilfe der ihnen übertragenen Macht mundtot gemacht und in vielen Fällen sicherheitshalber gleich umgebracht. Das wird sich auf dieser Welt wohl nie ändern. Der Teufel diskutiert nicht über Gerechtigkeit und Wahrheit. Er bringt die, die solches im Mund führen zum Schweigen. Im Fall des Christus freilich, war dieses Schweigen nicht einmal durch seinen Tod am Kreuz herstellbar. Hier haben es der Teufel und die Mächte des Todes mit dem Fürst des Lebens zu tun, der sich aus seinem Grab erhebt und alle Gefangenen siegreich herausführt: „Fühlst du den Stärkeren, Satan, du Böser? Jesus ist kommen, der starke Erlöser.“ (EG 66/3)

Unser Predigttext zeigt: Nicht einmal Jesus ist der Verteufelung entgangen. Vorsicht also vor all den Glaubenskriegern, die andere verteufeln und gegen die Achse des Bösen, das Reich des Satans in den Krieg ziehen und mit dem Finger auf Sodom und Gomorra zeigen. Die die Bösen umbringen, damit die Guten übrig bleiben und Freude empfinden beim Anblick toter Terroristen und Diktatoren. Es könnte sich schnell herausstellen, dass sie in der falschen Armee gelandet sind.

Der Christus hat schließlich, wie sein himmlischer Vater, nicht Lust am Tode des Sünders, sondern dass der sich bekehre und lebe. (Hesekiel 18/23) Dazu treibt er die bösen Geister aus, trennt den Menschen vom Bösen, den Sünder von seiner Sünde. Ist der Sünde Feind und des Sünders Freund. Führt ihn in die Freiheit der Kinder Gottes. Der Christus tut dies nicht mit Gewalt, sondern durch sein Wort. Sine vi, sed verbo, heißt daher die Kampfregel des Evangeliums. Ohne Gewalt, durch das Wort allein.

Aber Vorsicht, beachte Hebräer 4,12: Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Folgenlos bleibt das Wort der Wahrheit nie. Das unterscheidet dieses Wort von Sonntagsreden. Das Böse, die Sünde, das Unrecht beim Namen nennen, tut weh. Das wissen Diktatoren, die Oppositionelle und Kritiker wegsperren, foltern und umbringen. Das weiß der Dämon in mir, der mich zu schweigen bringt und deshalb erfolgreich an meine Feigheit, Bequemlichkeit und Angst appelliert. Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm.

Was der so Geheilte dann geredet hat, wissen wir nicht. Aber ich kann mir gut vorstellen, was Jesus unter Zivilcourage verstanden hätte: Den Zorn über das Unrecht, der die Stimme nicht heiser macht. Den Zorn über das Unrecht, der aus der Liebe für den kommt, der das Unrecht erleidet und aus der Liebe für den, der es tut. Kritik, die Sehnsucht hat nach einer besseren Welt und nach dem Reich Gottes.

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